Neues vom LUX-Ensemble

„Meine Ruh ist hin…“

(Ein fiktives Interview durch Ronald Richter mit Alain Brun-Cosme und Lisa Tillmann vom Berliner LUX-Eurythmie Ensemble)

Ronald: Liebe Lisa und Alain, am 10. Mai 2014 feiert das LUX-Ensemble die Premiere ihres neuen Programms „Meine Ruh ist hin… – Schubert – Goethe – Steiner“. Das wievielte Projekt des Ensemble ist es?

Lisa: Das siebte oder achte größere Projekt, von kleineren Auftritten abgesehen. Seit den Anfängen hat die Besetzung gewechselt, durch äußere Umstände oder innere Schwierigkeiten bestimmt und das Ensemble blieb immer an sich klein.

Ronald: Ihr seid jetzt nur zu zweit. Ist es zu wenig?

Alain: Für das Erleben eines mehr unpersönlich-Zwischenmenschlichen in der eurythmischen Bewegung, also des objektiv-Ätherischen seitens des Publikums ist eine größere Gruppe von Vorteil. Denn beim Erleben einzelner BühnendarstellerInnen verbindet man als Zuschauer allzu schnell persönliche Urteile, Sympathie und Antipathie. Daher organisierten wir z.B. zu Karsamstag 2013 die „Höllenfahrt nach Nikodemus“ mit 16 Laien- und BerufseurythmistInnen und einem Sprechchor. Eine solche Arbeit stellt aber eine große logistische Aktion dar, die man nicht allzu oft leisten kann.

Lisa: Daher treten wir auch zu zweit auf wie beim Programm „Aufsteigt der Strahl“ mit Variationen zum „Römischen Brunnen“ von C.F. Meyer und Mantren von Rudolf Steiner. Bei der Zweierkonstellation kann interessanterweise auch der Zwischenraum, die unsichtbare Mitte stark wahrgenommen werden: 1+1 machen in der Eurythmie sozusagen 3! Aber man ist da auch kräftemäßig sehr gefordert, nicht so sehr physisch sondern eher ätherisch und man sollte da schon auf seine Gesundheit aufpassen, sonst geht es einem an die Leber!

Alain: Für „Meine Ruh ist hin“ werden wir um die 12 Teilnehmende sein, plus eventuell Sprechchor. Man muss auch erwähnen, dass unser ganzes eurythmisches Tun ohne unser inzwischen eingespieltes Team (Glinda Spreen am Sprecherpult, Ikumi Masubuchi am Klavier, Moritz Meyer am Lichtpult, und Veronika Urban für die Graphik) und die Unterstützung durch das Steiner Haus nicht möglich wäre!

R: Wie seid Ihr auf die Idee eines Eurythmieprogramms mit Gesang gekommen?

A: Die Sopranistin Claudia Türpe kenne ich schon von einem schönen Chartres-Musikprojekt. Sie wünschte sich, die Eurythmie als Tor zum Geistigen aus größerer Nähe zu erleben. Im Programm dreht es sich um die geheimnisvollen Gestalten von Mignon und dem Harfner aus Goethes Bildungsroman „Wilhelm Meister“. Diese extrem zurückhaltenden Figuren geben erst in Liedern kurze Einblicke in ihr Innenleben, dessen Texte heute noch in allem Munde stehen: “ Kennst du das Land, wo die Zitronen blühen“, „Nur wer die Sehsucht kennt, weiß, was ich leide“ oder „An die Türen will ich schleichen“. Ganze Generationen wurden von diesen Liedern ergriffen, wie die hohe Zahl der Vertonungen belegt. Auch Steiner hat viele Eurythmieformen dazu geschaffen, was den Anlaß gab, beide Ebenen, die sängerische und die eurythmische, auf der Bühne zu kombinieren.

R: Wird Eurythmie zum Gesang ausgeführt?

L: Nein, das ginge nicht gut. Man möchte gern als Publikum entweder nur die singende Stimme hören oder die „sichtbare Sprache“ der Eurythmie sehen. Bei beiden gleichzeitig ist man überfordert. Aber nacheinander geht es gut: Der Gesang ist sogar ein gutes Einstiegsmittel, um die Eurythmie hinterher zu erleben. Eine große Verwandtschaft besteht da schon zwischen beiden Künsten. Im Programm lassen wir aber auch zum Gesang die singenden Charaktere sozusagen begleitend durch die Eurythmie erscheinen.

A: Was auch gut geht ist, wie die Inszenierungen der „Mysteriendramen“ zeigen, die Mischung von Eurythmie und Schauspiel auf derselben Bühne, da sie einen recht ähnlichen inneren Raum bewegen, der zweidimensional erscheint. Tanz und Eurythmie wiederum sind viel verschiedener, denn der Willensraum des Tanzes entfaltet sich entlang einer Dreidimensionalität wie eine Skulptur. Die Eurythmie ist aber farbig, d.h. „flach“ wie ein Gemälde. Im Programm wechseln sich in vielfältiger Weise ab und, hoffen wir, befruchten sich gegenseitig der Schubert-Gesang, die eurythmisierten Gedichte und das Schauspiel (Szenen aus Goethes „Wilhelm Meister“).

R: Was hat Euch an den Gestalten von Mignon und dem Harfner so interessiert?

A: Die verschiedenen Figuren um den idealistischen Wilhelm in seiner Theatertruppe stehen mit ihren Ecken und Kanten recht gut im Leben. Aber Mignon und der Harfner, die nacheinander dazustoßen und sich dann auf tragische Weise wieder verabschieden, scheinen einer anderen Sphäre zu entstammen: Sie schweigen die meiste Zeit, tragen ein unaussprechliches, schmerzendes Geheimnis ist sich, das erst gegen Ende des langen Romans gelüftet wird, gehen aber erst in ihrer Gesangskunst ganz auf. Sie sind also ein Bild des Idealkünstlers und finden mit ihrer spontanen Hingabe und Naivität keinen richtigen Zugang zum materiellen Leben. Beide sind ganz im Gemüt. Es kommt durch sie eine Art paradiesische – man könnte auch sagen: atlantische – Unschuld herüber, wobei der Harfner wie das Siegel des ersten Sündenfalls an sich trägt. Diese Stimmung der Unschuld erinnert an die Hingabe der Hirten an das neugeborenen Jesuskind. Sie ist für die Goethezeit charakteristisch, in einer Zeit wo, laut Steiner, der deutsche Volksgeist Kulturimpulse in Mitteleuropa auslöste. Die Erscheinung der Märtyrergestalt Kaspar Hausers als verhinderten Thronfolger, dessen riesenhafte Gemüts- und Unschuldskräfte trotz aller Widerstände so tief in seine Umgebung hinausstrahlten, fällt in diese Zeit. Der Historiker Karl Heyer fragt, warum kein Wort von Goethe über Kaspar Hauser erhalten ist, obwohl er mit Sicherheit von seinem tragischen Schicksal hat erfahren müssen. Vielleicht liegt die Antwort bei Mignon und dem Harfner, deren reine Seelen auch von der Welt nicht aufgenommen werden und schließlich dem Tod geweiht sind. Auch die Unschuldstimmung des lukanischen Jesus-Knaben, die immer wieder die Gemütskräfte zur Weihnachtszeit speziell in Mitteleuropa besonders stark ergreifen, hält kaum stand gegen die materiell-orientierte Denkart unserer Zeit. Und so blieb auch der ganzheitlich-organische Gedanke des Goetheanismus ohne Nachfolge oder Weiterentwicklung. Die Weltausgleichende Aufgabe Mitteleuropas hängt aber von diesen Gemütskräften ab, wie Steiner betont, und zwar weil der deutsche Volksgeist früher als Engel den Buddha durch seine Inkarnationen führte, dem großen Impulsgeber der Hingabe und des Mitleids. Wiederum erschien er auch den Hirten auf dem Felde mit den mächtigen Worten: „Geoffenbart sei Gott in den Höhen und Friede auf Erden…“.

R: Das sind ja weitreichende Bezüge…

A: Gerade dieser anthroposophische Hintergrund gibt uns Kraft für unsere eurythmische Arbeit, die ja durch das viele Proben und die zwischenmenschlichen Aufgaben sehr aufwendig und manchmal aufreibend wirkt. Aber die Perspektiven, die sich durch den ganzheitlichen Ansatz der Eurythmie eröffnen, lassen Einen trotz immer neuer Widerstände wachsen. Und schließlich geht alles nur, weil ein sichtbares – und ein unsichtbares – Publikum auf uns aufmerksam wartet…

R: Dann viel Erfolg bei den Vorbereitungen zu „Meine Ruh ist hin…“! Wo kann man Details des Programms erfahren?

L: Sämtliche Informationen sowie die Texte und Lieder finden sich bei unserer neugestalteten Webseite: www.lux-eurythmie.de.