Отказываюсь – быть
Ich lehne ab – zu sein

Woher ist diese Zärtlichkeit?
Nicht zum ersten Mal glätte
Solche Locken ich und kannte
Die Lippen noch dunkler, als deine.

Die Sterne sind auf- und ausgegangen,
Woher ist solche Zärtlichkeit?
Die Augen sind auf- und ausgegangen
Ganz nah an meinem Gesicht.

Und noch viel schönere Hymnen
Habe in dunklerer Nacht ich gehört,
Wurde gekrönt – o die Zärtlichkeit! –
Bei dem Singer auf der Brust.

Woher ist solche Zärtlichkeit,
Und was kann man, Junge, machen mit ihr,
Mein Singer, mein Schelm, mein lieber Gast
Mit den Wimpern – wie dunkele Nacht?

18. Februar 1916

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Gebet

Schenk mir, Christus, doch ein Wunder,
Jetzt, sofort, bei Tagesanbruch!
O lass mich sterben, in dieser Stunde,
Solang noch das Leben für mich wie ein Buch.

Halt mir nicht klug das Wort entgegen:
»Dulde, noch ist’s nicht so weit.«
Du hast mir selbst – so viel gegeben!
Ich möchte jetzt gehn – alle Wege zugleich!

Vor allem: als Zigeunermädchen
Raubzüge machen mit Gesang;
Als Amazone Kriege bestehen;
Für alle leiden bei Orgelklang;

Im schwarzen Turm die Sterne deuten;
Kinder aus dem Dunkel führn …
Das Gestern zur Legende weiten,
Mich jeden Tag im Wahn verirrn.

Ich lieb das Kreuz, die Seide, Lerchen
Und meiner Seele schnelle Bahn.
Nach einer Kindheit wie im Märchen,
Schenk mir den Tod mit siebzehn Jahrn!

26. September 1909 
Tarussa

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August – die Aster,
August – die Sterne,
August – die Trauben vom Wein
Und der Rost von Vogelbeeren-
auch August!

Wie ein Kind spielst
Mit dem Apfel,
Der vollwertig ist und edel.
Wie mit Hand streichelst mein Herz
Mit dem kaiserlichen Namen:
August! – mein Herz!

Du bist ein Monat von Spätküssen,
von Spätrosen und Spätblitzen,
Und der Schauer von Sternen.
August – der Monat auch
Der Schauer von Sternen!

07.02.1917

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An Asja

1. Wir sind schnell, wir sind bereit für alles,
Scharf sind wir.
In jeder Geste, jedem Blick,
In jedem Wort –
Zwei Schwestern wir.

Wie launisch ist die Liebkosung
Von uns, wie fein,
Wir sind zwei Klingen aus Damaskus,
wir sind aus Stahl.

Weg sind die Tenne, die Getreidelast,
Die Ochsenreihen!
Wir sind im Himmel die
Zwei angespannte Pfeile!

Und auf dem Markt der Welt sind sündenfrei
Nur wir allein.
Wir sind von William Shakespeare die
Zwei Versezeilen.

2. Wir sind die Pappelkleidung
In der Frühlingszeit,
Wir sind die letzte Hoffnung
Vom Königsreich.

Wir sind am Boden der alten Tasse.
Schau mal:
Dort ist deins Morgenrot und meins,
Das muss so sein.

Und schmiege dich an diese Tasse,
Und bis zum Boden trink,
Und siehst du dann auf diesem Boden,
Wie heißen wir.

Der Blick bei uns ist hell und mutig
Und auch im Bösen – hell.
Wer von uns hat nicht getroffen
Ihn in dieser Welt?

Wir sind Wächter von der Wiege
Und vom Pantheon,
Wir sind für Könige die letzte Vision.

11 Juli 1913

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Die Muschel

Aus Lug und Trug,
aus dem Pestverließ
holte mein Ruf dich heraus,
ich stieß 

dich in den Morgen!

Von Friedhofsmalen 
in diese Hände,
die Muschelschalen 

ähnlich sind,
wachse hinüber, sei still:
weil ich als Perle dich zeugen will!

Oh, weder König noch Prinz ersetzt,
was uns beglückt, was uns bangen lässt
heimlich, und nie sollen schöne
eitle 
Mädchen an deinen Verborgenheiten

rühren und aneignen dich wie das
muschelgewölbte Geheimgelass
nie dich erdrückender Hände…
Schlaf! 
Einziges Glück, das mein Kummer traf,

schlaf! Alle Reiche zu Land,
zu Wasser 
sind dir verhüllt in mir,
ich umfasse 

links dich und rechts,
mit der Boden- und 
Stirnschale

wiegt dich mein Muschelrund.
Dich hält die Seele den Tagen entrückt!
Jegliches Weh wird gelöscht und erstickt!
Mit frischen, kühlenden Händen bette,

zartes Geheimnis, ich dich und glätte,
streichle dich kühlend… So harre aus,
künftige Perle, dräng nicht heraus,
Reifende! Erst wenn ich rufe: Sei!

quält meine Brust dich in Krämpfen frei.
Boden und Stirn quälst du auseinander –
ach, ich bin mütterlich einverstanden
mit allen Foltern, wenn du mein Kind,
ein ganzes Meer zum Ersatz austrinkst!

31. Juli 1923

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Bei mir in Moskau brennen die Kuppeln!
Bei mir in Moskau läuten die Glocken!
Und die Grabmale stehen bei mir in den Reihen,-
Dort Zarinnen schlafen und Zaren.

Und du weißt nicht, dass im Morgenrot im Kreml
Leichter atme ich, als in der ganzen Welt!
Und du weißt nicht, dass im Morgenrot im Kreml
Ich bete für dich – bis zum Licht.

Und du gehst vorbei an deiner Newa,
Und zu gleicher Zeit an dem Fluss – Moskwa
Stehe ich mit gesenktem Kopf
Und mir fallen die Augen zu.

Bis zur Schlaflosigkeit liebe ich dich,
Bis zur Schlaflosigkeit höre ich dich,
Und zu gleicher Zeit im ganzen Kreml
Die Glöckner wachen auf.

Aber mein Fluss und auch dein Fluss,
Aber meine Hand und auch deine Hand,
Treten näher nur dann, meine Freude, wenn
Ein Morgenrot holt das andere ein.

07.05.1916

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Sibylle zu einem Neugeborenen

Schmieg dich an mich
Und klag dein Leid:
Geboren bist du in die Zeit.

Du fielst aus Überwolkenblau.
Dein Nirgendwo
Ist dir geraubt.
Dort warst du Geist, hier bist du Staub.

Beweine, Kleines, dein Geschick:
Du fielst in jeden Augenblick.
Kind, weine voller Scham und Wut:

Geboren bist du – fielst ins Blut,
In Staub,
Und Stund…

Ach, weine, Wunder gibt’s hier nicht!
Geboren bist du ins Gewicht!
Und geizig ist dies Jammertal!
Heul, Kind, du fielst in Maß und Zahl,

In Blut
Und Qual…

Doch du erstehst!
Wer diese Welt ver-
Lässt,
auf festen Boden fällt.
Du fällst ins Licht!

Die Lider schließt
Du dieser Welt, erwachst und sieht,
Entfliehst

Der Zeit.
Der Tod, Kind, schläfert dich nicht ein,
Er bringt dich heim.
Schon hast du einen Schritt gewagt:
Hast dich erhoben…
In den Tag.

17. Mai 1923

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aus: Gedichte an Tschechien

Erste Fassung:

O Augen voller Tränen!
Liebe heult und Wut!
Der Tschechen Tränen seh ich!
Und Spanien im Blut!

O schwarzer Berg, der ganz
Die Welt ins Dunkel setzt!
Hier, Gott! – Zurück! – Es langt!
Mein Eintrittsbillet!

Zu sein – ich weigre mich.

Bei Unmenschen zu weilen,
Dies Chaos will ich nicht.
Ich weigre mich zu heulen
Mit Wölfen – und mit Haien

Im Gleichschritt mitzuschwimmen
Im Strom, den die Gebeine
Die Rücken runterrinnen.
Ich hör mir’s nicht mehr an,

Ich will es nicht mehr sehn.
In dieser Welt des Wahns
Gibt es nur eins – zu gehn.

zweite Fassung:

O, Träne in den Augen!
Liebe mit Zorn und Furcht!
O, Böhmen in Trauer!
Spanien liegt im Blut!

O, schwarzer Berg, kein Blick
Im Dunkeln deiner Wege!
Es ist die Zeit, die Zeit – zurück
Dem Schöpfer meinen Pass zu geben.

Ich lehne ab – mein Sein.
Im Haus voll Tollwut
Mein Leben – lehne ich ab.
Auf Plätzen mit den Wölfen

Lehne ich ab – zu heulen.
Zu schwimmen auf dem Rücken hinab
Den Strom ins Tal – sich beugen –
In Hai-Landschaften – lehne ich ab.

Ich brauch kein gutes Ohr,
Kein Augʼ dem Seher gleich.
Für deine Irrsinns-Welt – ein Loch
Mein Nein als Antwort – ab.

15. März – 11. Mai 1939
Aus dem Zyklus März (Март) , Nr. 8

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Der Dichter und der Zar

1. 
Im überirdischen
Saal hoher Zarn:
»Und wen stellt der unwirsche
Marmormann dar?«
Mit goldenem Umhang
Thront er so stumm.

»Kleiner Gendarm
Des Puschkin’schen Ruhms.«
Den Autor begeifernd
Strich er Manuskripte;

Als grausamer Fleischer
Er Polen zerstückte.
Schau nur genauer!
Niemals vergiss:
Der Mörder des Dichters,
Zar Nikolaj ist’s,
Der Erste.

12. Juli 1931
2
. Und laut schlug die Trommel des Corpsgeists verhetzt,
Als wir den Führer beerdigt:
Die zarischen Zähne hat jener gefletscht,
Dem Sänger, dem Toten, zur Ehre.

Bei solch einer Ehre bleibt nicht einmal Platz
Für Freunde. Die Bettpfosten schützen
Von links und von rechts – die Hand an der Naht –
Gendarmenvisagen und -brüste.

Wie wunderbar – noch auf dem Lager, ganz leis,
Ein Kindlein zu sein, wohl behütet!
Und wie er – und wie er – ihm Achtung erweist,
Geziemende Achtung und Güte!

Land, schau nur genau, wie er Dichter verehrt,
Der Kaiser; und du hast gezweifelt?
Er achtet und achtet und achtet und er
Achtet ihn noch bis – zum Teufel!

Und wer wird hier wohl wie ein Gauner verscharrt,
Wer ist es, der hier solchen Schluss fand?
Ein erschossener Hund? Nein! Vom Hof wird gekarrt
Der klügste Mann von ganz Russland.

19. Juli 1931
Meudon

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Gespräch mit dem Genius
Ein Fels ist der Stirn
Der Lorbeer des Lobs.
»Kann singen nicht mehr!«
–
»Sing!« – »Ich verlor
(Wenn ich auch Grützmehl
Fressen muss!)
Wie Muttermilch –

Den Klang aus der Brust.
Leer. Ausgedörrt.
Ein Dürregefühl
Mitten im Frühling.«

– »Wie oft schon gehört!
Das alte Lied!«
»Dann lieber versetzt
In den Steinbruch, wie’n Dieb!«
– »Sing, grade jetzt!«

»Was bin ich, ein Dompfaff,
Der tag-täglich singt?«
– »Auch wenn du’s nicht schaffst,
Vögelchen, sing

Den Feinden zum Trotz!«
»Kein Vers, der sich lohnt,
Den weiteren lockt.«
– »Wer hätt’s je – gekonnt?!«

»Folter!« – »Erträgst es!«
»Die Kehle ist rau
Wie’n Acker!«
– »Dann krächze:
Ist auch – ein Laut!«
»Der Löwen, aber nicht Sache
Der Fraun.« – »Zuletzt
– Kinder schaffen’s
–
Sang Orpheus zerfetzt!«

»Im Sarg dann nicht mehr?«
– »Auch als Würmerfrass.«
»Kann singen nicht mehr!«
– »Dann besing das!«

4. Juni 1928 Meudon

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Land
Mit Laternen spart nicht
Unterm Mond zu schaun!
Dies Land auf einer Karte?
–
Nein! auch nicht im Raum.

Wie im leeren Tässchen
Glänzt der Grund und blitzt.
Kann man nach dem Abriss
In sein Haus zurück?

Lass dich neu gebären
In ein neues Land.
Spring einfach aufs Pferdchen,
Das dich kurzerhand

Abgeworfen! Knochen
Sind doch heil – und nun?
Einem Gast, ’nem solchen
Gibt der Bäcker nur

Krümel, und der Tischler
Keinen Sarg ihm reicht!

Dieses – so unendlich
Weite Himmelreich,
Dieses, wo auf Münzen
Meine Jugend währt,

Dieses Russland gibt es

–
Wie auch mich – nicht mehr.

Ende Juni 1931

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Jetzt ist die Zeit – um Bernstein abzulegen,
Jetzt ist die Zeit – um den Wortschatz zu ändern,
Jetzt ist die Zeit – für das Löschen von der Laterne
Über der Tür…

Februar 1941

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Die Blätter werden über deinem Grabstein verstreut
Und der Wintertag duftet.
Höre, der Toten Einer, höre, o lieber Einer:
Du bist mein eigen immer noch.

Du lachst! – Der Mond ist hoch – in der Hütte am Straßenrand
Voller Charme.
Mein – so unzweifelhaft und unveränderlich –
Wie gefällt dir dieser mein Arm?

Zum Krankenhaus mit einem Knoten am Morgen
Ich werde wieder kommen…
Du musst nur einfach den großen, weiten Meeren entschwinden,
Ins sonnige Land!

Ich küsse dich! Ich bezaubere dich! Ich habe in dieser Dunkelheit gelacht
Über dem Grab!
Ich, ungläubig an den Tod! Ich warte am Ausgang –
Komm nach Hause!

Mögen alle Blätter verstreut werden und ausgewaschen
Der Trauerflor der Worte.
Und ich bin auch tot, wenn du tot bist
Für die ganze Welt.

Ich sehe und fühle dich – ich spüre dich überall –
Was ist der Bund von Kränzen dir –
Ich habe dich nicht vergessen und werde dich nicht vergessen
Für alle Ewigkeit.

Ich kenne die Ziellosigkeit eines solchen Versprechens,
Die Sinnlosigkeit.
Ein Brief an die Unendlichkeit – ein Brief an die Grenzenlosigkeit –
Ein Brief ins Blaue hinein…