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Marina Zwetajewa im Jahre 1913

 Der „Neue Mensch“

Im Jahre 1907 wurde zum ersten Mal in Russland (im Roman „Der rote Stern“ des Alexander Bogdanow) die Vorstellung der Gesellschaft einer fernen Zukunft wachgerufen, in der das individuelle und soziale Leben der Menschen durch eine Zentralinstanz geregelt wird, sodass im Namen des Gemeinwohles z.B. Kinder nicht mehr von ihren natürlichen Eltern erzogen werden dürfen und alle Lebens- und Arbeitsprozesse von vornherein vorprogrammiert werden. Dieses Ideal eines „Neuen Menschen“ – d.h. eines mithilfe der Technik „optimierten“ Menschen – inspirierte fortan die jeweiligen Machthaber und griff von diesem Zeitpunkt an die Geschicke Russlands ein.

Bei der Rekapitulation der Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert kann man sich nicht genug darüber wundern, welches Ausmaß von Gewalt zwischen den einzelnen Nationen und Gruppierungen dieses komplexen Völkerzusammenhanges herrschte. Anders als in den USA, wo die Begeisterung für die Technik und die damit eng verbundene fortschreitende Entmenschlichung der Arbeitsprozesse (zunächst durch den Taylorismus, dann durch Henry Ford, der durch seine antisemitischen Schriften wie „The international Jew“ zum Vordenker und Inspirator des Nationalsozialismus wurde) durch einen breiten Konsens getragen wird, der prinzipiell rechtfertigt, was wirtschaftliches Wachstum und Anhäufung von Reichtum zeitigt, führte der ahrimanische Einschlag in Russland zu Chaos und Verwüstung. 

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Schostakowitsch in den 20-er Jahren

Das Wahnbild des „Neuen Menschen“ stellt eine Inspiration Ahrimans dar, die sich wie ein Schleier vor das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts legt, die Wiederkunft Christi im Ätherischen. Das im Evangelium genannte „neue, ewige Leben“  (das Ätherische) wurde durch seine Karikatur, sein maschinenhaftes Gegenbild ersetzt (das Ahrimanische, das auch auf dem ätherischen Plan wirkt). Von Russland sprang die Idee des „Neuen Menschen“ nach Europa über und kann als einer der Motoren des katastrophalen Niedergangs Mitteleuropas gesehen werden. In Amerika beherrscht er indessen bis heute „friedlich“ das allgemeine Denken und findet im so genannten Transhumanismus einen aktuellen Höhepunkt: das „ewige Leben“ auf neuronaler Ebene durch die Verpflanzung des menschlichen Bewusstseins auf ein durch tausende von zusammengeschlossenen Computern künstlich geschaffenes Gehirn…

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Marina Zwetajewas Wohnort in Berlin-Wilmersdorf, Trautenaustr. 9

Wirren der russischen Geschichte

Das Schaffen Zwetajewas und Schostakowitschs entfaltet sich vor dem turbulenten historischen Hintergrund Russlands: Trotz der formalen Aufhebung der Leibeigenschaft 1861, eines Überrestes  vorindividueller Kulturstufe, beharrte die Französisch sprechende zaristische Aristokratie mittels Scheinreformen weiter auf ihren Privilegien. Diese luziferische Neigung zur Konservierung des Alten, Überlebten rief ihren ahrimanischen Gegenpart auf den Plan in Gestalt radikal revolutionärer Sozialisten, die nicht zur Demokratie, sondern zur Diktatur des Proletariats aufriefen. Gewalttaten wurden als Mittel zum Zweck verstanden: Bis 1907 fielen an die 9000 Menschen ihren Terrorakten zum Opfer. Unterdessen bewirkte die zentralistische, Elite bildende französische Denkungsart – wie in Frankreich selbst – die Unterdrückung verschiedener Volks- und Sprachminoritäten im traditionell eher toleranten Vielvölker-Zarenreich. Während des ersten Weltkrieges wurden Grenzvölker als Verräter angeprangert und massenweise vertrieben (Deutsche, Polen, Juden) oder zwangseinberufen (Muslime, Kaukasier). Auch Lenin (1870-1924) vertrat als führender Revolutionär im Exil den gewaltsamen, elitären Weg, vorbei an der als allzu dumpf vorgestellten Bauernschaft: „Ich sehe mit Entsetzen, daß man schon länger von Bomben spricht und noch keine einzige hergestellt hat“, schrieb er an das Petersburger Parteikomitee 1905. Wie viele andere inpirierten ihn die Ideen Karl Marx´(1818-1883), der den Materialismus britischer Bewußtseinsseelen-Kultur aufsaugte und die Grundmerkmale des englischen Wirtschaftsdenkens (Primat der Wirtschaft, grundsätzliches Prinzip der Konkurrenz zwischen wirtschaftlich agierenden Menschen) auf die Sozialprozesse übertrug (Klassenkampf), wie das Darwin auf die Natur tat (Gesetz des Stärkeren, Auslese). Als der Zar nach dem Volksaufstand im Februar 1917, welcher, im Gegensatz zum 12 Jahre früheren Volksaufmarsch, bei dem auf friedliche Demonstranten geschossen wurde (siehe Schostakowitschs „Symphonie 1905“), die Unterstützung der Armee bekam, abdankte und eine provisorische Regierung zu bilden anstrebte, die verschiedene politische Tendenzen integrierte, duldete die Rätepartei (Sowjets) keine Konkurrenz und proklamierte die Alleinherrschaft. Es folgten Jahre des Bürgerkriegs zwischen „Roten“ Sozialisten und „Weißen“ Zaristen verschiedener Strömungen, in dessen Wirren und Gewalt demokratische Impulse untergingen. Die zarische Familie wurde von den Sowjets ermordet. Die USA und England kämpften dabei auf russischem Boden zur Eingrenzung der deutschen Ambitionen. Der schon zur Zarenzeit und auch bei Lenin als „dumpf und rückständig“ erachtete Bauer wurde zum Feindbild der Revolution: In jedem Dorf wurde für Aufwiegelung der Menschen gegeneinander planmäßig gesorgt. Durch Pogrome starben 200 000 Juden. Die Rote Armee unter dem geschickten Strategen Trotzki (1879-1940) siegte schließlich 1922 an allen Fronten. Getreidekonfiszierung und Missernte führten 1921 zum Hungertod von fünf Millionen Bauern.
Die Sowjets beschlossen, als „vorübergehender Umweg und taktischer Rückzug vor dem entscheidenden Angriff der Arbeiter gegen die Front des internationalen Kapitalismus“ (Trotzki), Handel und Produktion, die durch den Krieg zusammengebrochen waren, durch Liberalisierung zu fördern. Bauernschulen und -universitäten wurden gegründet. Der Proletarier (wörtlich: „der Nachkommende“) verkörperte das Ideal des „Neuen Menschen“ als eines Alltagshelden ohne Vergangenheit, stark, entschlossen und selbstbewusst. Die vom Befreiungsgeist der Revolution begeisterten Künstler der russischen Avantgarde verliehen diesem ahrimanischen Spuk in Film und Gemälden den notwendigen Glanz. Suggestive Massen-Theateraufführungen animierten die Gemüter des einfachen Volkes für die neue Ersatzreligion, wie es später auch in Europa geschehen sollte. Der „Neue Mensch“ wuchs mehr und mehr mit der Maschine zusammen: Rußland wurde elektrifiziert nach Lenins Motto „Sowjetmacht + Elektrifizierung = Kommunismus“; Wissenschaftler arbeiteten an ehrgeizigen Entwicklungsprogrammen mit; Frederick Taylor (1856-1915) und Henry Ford (1863-1947) wurden nicht als kapitalistische Ausbeuter sondern als bewunderswerte Rationalisierer der Arbeitsabläufe betrachtet; Gastew „perfektionierte“ das amerikanische Prinzip der Fließbandarbeit zum Modell des Maschinen-Menschen als „Nerven-Muskel-Automaten“; zur Leistungssteigerung wurde die Konkurrenz zwischen den Arbeitern angeheizt. Durch die Methode von Zuckerbrot und Peitsche, die sich das instinktive Leben des Menschen gefügig macht, konnte die Partei wachsende Kontrolle über Arbeiter in den Industriestädten gewinnen, während die Bauern in den ländlichen Regionen ohne wirkliche Perspektiven blieben und ihre Skepsis vor dem Sozialismus behielten.
Schon vor Lenins Tod 1924 hatte Josef Stalin (1878-1953) angefangen, als Parteigeneralsekretär immer mehr Macht an sich zu reißen. In ihm kamen brutale Gesinnung (in frühen Jahren war er siebenmal inhaftiert und es gelang ihm jedes Mal zu fliehen) und ein Sinn für Intrige als Rest atavistischer Bluts-Kräfte seines kaukasischen Clans zusammen. Nach und nach eliminierte er frühere Mitstreiter aus der Parteiführung, ließ sie ermorden (z.B. Trotzki 1940 in Mexiko) und ersetzte sie durch befreundete Kaukasier, mit deren Familien er Tür an Tür im Kreml wohnte. Er änderte das Datum seines Geburtstags: Der „neue“ Mensch wurde neu geboren!
Rudolf Steiner schildert, dass die Konzentration der Macht in der Hand eines einzigen Tyrannen eine typisch asiatische Erscheinung sei. Zudem aber wirke in Russland eine dekadente schamanistische Strömung aus dem Ural und fessele durch ihre Magie die Gemüter um den Kult des Herrschers. Auch die totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts in Europa pflegten den Personenkult. Europäische Intellektualität paarte sich hier mit magischen Praktiken.
Die Mechanisierung des Landes forderte ehrgeizige Projekte und forcierte die Kollektivierung der Landwirtschaft. Der Widerstand der Bauern sollte endgültig gebrochen werden. Manche Projekte scheiterten am Wahn von Leistung und Schnelligkeit, während die Kollektivierung weitere Gewalttaten, Verhaftungen, Deportierungen, Ermordungen, also erneut bürgerkriegsähnliche Zustände mit sich brachte. In der Hungersnot um 1932 starben etwa 10 Millionen Menschen, davon viele in der Ukraine, der „Kornkammer Russlands“, wo heute noch dieses Genozids gedacht wird. Stalin setzte seine ahrimanisch inspirierte Vision einer Nation der rauchenden Schornsteine durch und erzwang mittels Planwirtschaft die übermäßige Förderung der Schwerindustrie. Gegen kritische Ingenieure wurden Schauprozesse inszeniert und Todesurteile verhängt. Eine hysterische Jagd auf so genannte Sabotage-Verdächtige fand statt. Ein Netz von Internierungslagern gewaltigen Ausmaßes (GuLag) breitete sich aus: 170 000 Gefangene bauten mit primitivsten Mitteln den prestigeträchtigen Kanal zwischen Weißem Meer und Ostsee, der von dem Dichter Maxim Gorki (1868-1936) gefeiert wurde. Nach dem Krieg wurden bis zu 2,5 Millionen „Dissidenten“ in den denkbar willkürlichsten Zuständen im GuLag interniert, ein wahrer „Staat im Staate“ ohne faktische Kontrolle aus dem fernen Moskau.

Im Zuge der Reformen entstand eine enorme Landflucht. Um die Städte herum bildeten sich Elendsviertel, worauf diese sich im Gegenzug abschotteten: Noch bis 1989 waren Moskau und Leningrad nur mit Aufenthalts-Pass betretbar. Während die Provinzen in Chaos versanken, kapselten sich die stolzen, mit Prunkbauten und modernen Verkehrsmitteln glänzenden Städte ab.
Der (angelsächsisch geprägte) marxistische Dualismus, nach welchem die Welt aus Gegensätzen besteht, die überwunden werden müssen, paarte sich eigenartig mit der asiatischen Fähigkeit des Individuums zu Demut und Selbstopferung. Ihre Frucht wurde die bolschewistische Praxis der Kritik und Selbstkritik: Immer wieder mussten Führungskräfte ihre angebliche Schuld öffentlich bekennen, bevor Sie ihre „wohlverdiente Strafe“ empfingen – in vielen Fällen die Todesstrafe. Diese finsteren Maskeraden finden sich in den grotesken Totentänzen wieder, die in keinem Werk Schostakowitschs fehlen, wie auch hier in der Bratschensonate, seinem letzten Werk.

Das Kulturleben diente der bolschewistischen Propaganda: Unter Gorkis Einfluss durften nur Biografien von Arbeitern veröffentlicht werden; Eisenstein drehte monumentale Filme. Lenin hielt das Kino, das Steiner interessanter Weise als Ausdruck der materialistischen Gesinnung unserer Zeit hielt, für die höchste aller Künste, Stalin zensierte persönlich jeden neuen Film, den er sich in seinem privaten Vorführraum zeigen ließ.
Um 1936 schlug das Pendel in die Gegenrichtung um: Arbeiter, amnestierte Bauern und rehabilitierte Ingenieure sollten nach dem Motto „Das Leben ist besser, das Leben ist lustiger geworden“ wieder am materiellen Wohlstand Teil haben und mehr konsumieren. Stalin versprach Meinungs- und Pressefreiheit, jedoch nur innerhalb der von der Partei festgesetzten Grenzen – also eine Farce. Die früher zur Emanzipation ermutigte Frau sollte wieder Familie, Kinder, Haushalt und die Unterstützung ihres Mannes als Hauptaufgabe ansehen. Das Vorbild des Arbeiters Stachanow, der um ein Vielfaches seine im Plan vorgesehene Leistung übertraf, wurde verherrlicht, was aber letztendlich zu vielen Arbeitsunfällen, Maschinenverschleiß und Qualitätsmängeln führte.
Die Ermordung des Leningrader Parteichefs Kirow 1934 nahm Stalin zum Anlass, eine große Welle der „Säuberung“ innerhalb der Partei vorzunehmen, in Schauprozessen wurden bis 1938 eine Unzahl von Todesurteilen gefällt. Stalin ließ sich Listen zur Inhaftierung oder Erschießung aus ganz Russland zukommen, die er unterzeichnete, und dann nochmal welche, als die ersten Befehle erledigt wurden: Offiziere, sog. „feindliche Elemente“, Grenzvölker wie Deutsche, Polen, Koreaner wurden exekutiert, inhaftiert, deportiert. Insgesamt 3 Millionen Menschen kamen in Lager, 680 000 wurden erschossen. Jeschow, der Handlanger Stalins in dieser Säuberungswelle, der in den Exzessen von Trunkenlagern, Luxus und Vergewaltigungen sich auslebte, wurde ihm dann selbst zu arrogant und schließlich 1940 eliminiert. Kaum ein ehemaliger Weggefährte Lenins oder Stalins überlebte den „Großen Terror“ dieser Jahre, der auch die allgemeine „retardierte“ und angeblich immer noch zarisch treue Bevölkerung traf, was der westlichen Forschung bis vor kurzem völlig unbekannt geblieben war. Stalin hielt seine engsten Mitarbeiter durch Erpressung und Inhaftierung ihrer Familie gefügig. In den immer seltener stattfindenden Sitzungen des „Politbüros“ in seiner Datscha „trank man sich zu Tode, weil es Stalin gefiel, zu beobachten, wie die Leute in seiner Umgebung sich in peinliche oder entwürdigende Situationen brachten. Die Erniedrigung anderer fand er sehr amüsant“, berichtet ein Zeitgenosse.

Die Unberechenbarkeit des russischen Wesens äußerte sich in einem diplomatischen Schlingenkurs, der in dem vollkommen unerwarteten Nichtangriffspakt mit Hitler mündete, der die deutschen Flüchtlinge aus dem Nazi-Deutschland erschrecken ließ. In Stalins geäußerter persönlicher Bewunderung für Hitler, die Außenminister Ribbentrop in einem Geheimtreffen erlebte, spiegelte sich die erwähnte Verehrung der Asiaten für Alleinherrscher (Heute noch genießt z.B. Hitler in Indien ein durchaus positives Image als Vorbild für Männlichkeit und Führungstalent). So teilten sich beide Herrscher die dazwischen liegenden Länder unter sich: Polen, baltische Republiken, Finnland. Auf den deutschen Angriff auf Polen reagierte Rußland durch einen Gegenangriff, um angeblich Polen zu schützen, was als Mythos lange gepflegt wurde, während der Stalin-Hitler-Pakt geheim gehalten wurde. Das Massaker an 20 000 polnischen Offizieren und Bürgern aus der Elite im Wald von Katyn wurde lange als deutsche Tat präsentiert und erst durch Michail Gorbatschow als russisches Verbrechen anerkannt.
Stalin ignorierte Warnungen aus dem Militär über einen bevorstehenden Angriff durch die Wehrmacht 1941 und so mußte die unvorbereitete Rote Armee große Verluste verbuchen: es standen bald die Deutschen ungehindert vor den Toren Leningrads und Moskaus. Den Krieg nutzte Stalin nun selbst für sein Image: Er übernahm persönlich alle Kommandos, präsentierte sich als „genialen Feldherren“ auf Paraden und ernannte sich später „Generalissimus“, ließ weiter Terrorwellen von Jagd nach Verrätern bei angeblich unfähigem Militär und „bummelnder“ Arbeiterschaft organisieren (1,4 Millionen Inhaftierungen 1941) und deportierte nicht-russische Grenzvölker (z.B. 450 000 Wolgadeutsche nach Kasachstan, insgesamt 2 Millionen Menschen, wovon ein Drittel die Zwangsumsiedlung nicht überlebte). Zugleich rief er zum vaterländischen Krieg zum Schmieden einer emotionalen Leidensgemeinschaft.
Uninformiert über den Frontenverlauf und durch die Propaganda freundlich gegenüber den Deutschen gestimmt, empfingen die Russen die Wehrmacht zuerst wie „Befreier“, die aber für die „slawischen Untermenschen“ nichts übrig hatten. Die Bevölkerung wurde zur Jagd gegen Kommunisten und Juden animiert: 2,5 Millionen Juden wurden ermordet, z.B. 33 000 in einem Mal in der Schlucht von Babi Jar bei Kiew (Siehe Schostakowitschs 13. „Babi Jar“-Sinfonie). In der Belagerung Leningrads 900 Tage lang starb ein Drittel der 3-Millionen-Bevölkerung an Hunger. 2,8 Millionen Russen wurden als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt. Erst seit der Einkesselung der Wehrmacht bei Stalingrad Ende 1942 kam der Umschwung und die Rote Armee eroberte alle Gebiete zurück bis zur verlustreichen Schlacht um Berlin. Nur 1,8 Millionen der 5,7 Millionen Kreigsgefangene kamen lebend zurück und wurden auch noch als Kollaborateure mit den Deutschen betrachtet: 285 000 unter ihnen kamen in Lagern.
Den russischen Sieg ermöglichten die umfangreichen Waffenlieferungen aus Großbritanien und den USA (Hitlers erster Angriff auf die Tschechoslowakei war mit amerikanischen Panzern der Fabrik Ford ausgeführt. Auch wurden die Ford-Werke in Köln, die zum Erstaunen der amerikanischen Befreier selbst auch  Zwangsarbeiter eingesetzt hatten, von keiner alliierten Bombe getroffen). Am Verhandlungstisch mit den West-Alliierten gab sich Stalin kooperativ, bemüht, leider aber an die Entschlüsse seines „Parlaments“ gebunden: Vollkommen unterm Charme befangen nannte ihn bald Churchill „Uncle Joe“. Den Außenminister Molotow ließ man aber parallel den Buhmann spielen und eine harte Linie durchsetzen, die letztendlich zur Teilung Berlins, Deutschlands und Europas führte.
Die Verwüstung der Städte und Felder durch die Wehrmacht gepaart mit einer anhaltenden Dürre ergab erneut eine Hungersnot in Russland 1946. Doch Stalin verweigerte sich, die Vorratsreserven anzutasten und ließ unter den 100 Millionen unterernährten Menschen 2 Millionen sterben. Um den Widerstand gegen die Agrarkollektivierung zu brechen, wurden 440 ooo Ukrainer, Balten und Moldawen nach Sibirien und Kasachstan deportiert, wobei viele unterwegs schon umkamen. Währenddessen konzentrierte man in Städten die Kräfte auf die Errichtung von überdimensionalen Monumentalbauten im „Zuckerbäckerstil“  in der Art etwa der Frankfurter Allee in Berlin, um mit dem amerikanischen Konkurrenten zu rivalisieren, mit welchem bis zu Stalins Tod keine ernshafte Bemühung um Kommunikation mehr unternommen wurde („kalter Krieg“). Seit dem Abwurf der Atombombe in Japan durch die Amerikaner 1945 empfanden nämlich die Russen das Weltgleichgewicht als gestört.
Zur Volksunterhaltung wurden trotzdem Hollywood-Filme hereingelassen, da die russische Kinoindustrie im Krieg zerstört worden war, aber als kosmopolitische, moderne Lebensstilbewegungen in Großstädten in Gang kamen, wurden sie sofort angeprangert: Künstler wie die von Zwetajewa hoch geschätzte Dichterin Anna Achmatowa (1889-1966), die mit Marina ein sehr ähnliches Leidensschicksal teilte, wurden als vulgär und kleinbürgerlich diffamiert. Nicht umsonst vertonte dann aber Schostakowitsch gegen Ende seines Lebens in den 6 Romanzen Opus 143 ausgerechnet das Zwetajewa-Gedicht „an Achmatowa“ („O Muse der Klage, du schönste der Musen… Achmatowa! Nimm mein Herz nun auch entgegen.“). Gegen Juden wurde dann die nächste Terrorwelle inszeniert: 400 Künstler wurden inhaftiert, 13 hingerichtet. Dann gegen die Leningrader Parteiführung: 2000 hochrangige Funktionäre wurden entfernt, 200 zum Tode verurteilt. Die nächste hysterische Jagd nach vermeintlichen Feinden sollte Ärzte treffen, doch Stalins Tod 1953 machte die ersten Verhaftungen folgenlos. Das Volk trauerte den „geliebten Führer“ sehr nach und fragte sich gutmediengläubig in der Tat, wie es ohne ihr „Väterchen“ nun weiter gehen sollte… Ein makabres Detail: In der Nähe der zur Schau gestellten Leiche entstand plötzlich eine Massenpanik in der trauernden Menge: Hunderte von Menschen wurden zu Tode getrampelt…

Kunst in Verhärtungszeiten

Anders als die amerikanischen Komponisten, die mit der Glorifizierung des Gründungsmythos Amerika durch das Zurückgreifen auf folkoristische, nationalstiftende „natürliche“ Elemente beschäftigt waren (Copland, Barber), sind die russischen Musiker für die ahrimanisierte Stimmung des 20. Jahrhunderts besonders empfänglich: Ob bei Strawinsky, Prokofjew, Schostakowitsch oder später Schnittke läßt sich das Wesen Ahrimans als des großen, mächtigen Magiers klar konturiert erleben. Die Musik im 20. Jahrhundert kann eben nicht mehr ganz Musik sein im Sinne eines Schubert oder eines Bruckner: Sie gibt wie alle andere Kunst den aktuellen Bewußtseinszustand des Menschen wieder und läßt so die frei gewordenen modernen Triebe tanzen (in Strawinskys „Sacre du Printemps“), Dämonen namhaft agieren (Prokofjews „Suggestion diabolique“, Skrjabins „Poème satanique“, „Schwarze Messe“-Sonate) oder durch rückwärts gepielte Töne spuken (bei Schnittke). Schostakowitsch läßt in seinen Sinfonien maschinell nachgeahmte Rythmen durch das ganze Orchester in höchster Lautstärke brüllen, was einerseits als schmeichelnde Kriegsglorifikation für die naiven Parteikadern oder auch als getarnte Kritik, als Karikatur durch den exzessiven Mittelaufwand interpretiert werden kann.

In dieser Kunst der Zweideutigkeit bewegt sich überhaupt das ganze Schaffen Schostakowitschs, da wo eine deplazierte, von politischen Instanzen aber als „volksnah“ gewünschte Neoklassik wie eine Maskerade wirkt. Diese dekonstruktive Methode, in welcher klassisch ererbte Elemente in einer falschen Umgebung wie entfremdet wirken und dadurch in sich eine ganz andere, verborgene Aussage als die vordergründige enthalten, ist aber nicht Frucht allein der stalinistischen Diktatur, obwohl der Terror an sich die Bildung dieser Art von geheimer Kunstsprache förderte, sondern ist die Gebärde der Kunst im 20. Jahrhundert allgemein, die daher viel mit Zitaten arbeitet (Warhol, Neo Rauch, usw.): Das von den früher selbstverständlich tragenden sozialen Bindungen verlassene Ich kann im Äußeren keine Stützte mehr finden, sondern muß in sich selbst seine ganz individuell geprägte Definition erfinden. Somit fängt auch die „Philosophie der Freiheit“ Rudolf Steiners an (1895).
Daher spricht der Künstler der Moderne in der Regel von sich selbst, weil ihm keine andere Instanz die Berechtigung zum Agieren, ja zum Sein gibt. So muß Marina Zwetajewa angesichts der Kriegskatastrophe ihr eigenes Sein als solches ablehnen: „Ich lehne ab – zu sein“, ein für die Dichterin prophetischer Ausspruch:

„… Zu sein – ich weigre
Bei Unmenschen zu weilen,
Dies Chaos will ich nicht.
Ich weigre mich zu heulen

Mit Wölfen – und mit Haien
Im Gleichschritt mitzuschwimmen
Im Strom, den die Gebeine
Die Rücken runterrinnen.

Ich hör mir’s nicht mehr an,
Ich will es nicht mehr sehn.
In dieser Welt des Wahns
Gibt es nur eins – zu gehn.“

(aus „Gedicht an Tschechien“, 1939)

Im russischen Originaltext wirkt die Wiederholung des Wortes „Ich lehne ab“: Отказываюсь noch prägnanter, fast magisch musikalisch beschwörend wie für eine glühende politische Rede:

Отказываюсь – быть.
В Бедламе нелюдей
Отказываюсь – жить.
С волками площадей

Отказываюсь – выть.
С акулами равнин
Отказываюсь плыть –
Вниз – по теченью спин…

Tsvetaeva

Marina Zwetajewa 1925

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Das Haus mit Gedenktafeln, in dem Marina Zwetajewa sich den Tod gab

Die vom Geist des freien, unantastbaren Ich (Wir könnten auch sagen vom Christus) getragenen Künstler oder Menschen begegnen der Anti-Ich-Kraft (Ahriman) durch ihr Tun auf Augenhöhe: Nicht große, anonyme Organisationen sind in der Geschichte des Kampfes gegen Staatsterror und -gewalt in Erinnerung geblieben, sondern vielmehr einzelne Namen: Die Geschwister Scholl, Jean Moulin, Georg Elser oder neuerdings Edward Snowden… Wie erstaunlich wirksam können einzelne Menschen ein ganzes System rational organisierter Gewalt auf den Kopf stellen!
In Schostakowitschs berühmten 8. Streichquartett findet auch eine solche Begegnung statt: Das beschwörende Ich-Thema (Mit den Tönen: D-Es-C-H als die Initialen Komponisten: D – Sch, eine Anlehnung an Bachs letztes Werk der „Kunst der Fuge“ mit der Tonsymbolik B A C H) breitet sich zuerst sehnsüchtig tragisch in einer Art Fuge aus, steigert sich in einen maskenhaften Totentanz mit atemlosen slawischen Rythmen, um schließlich Ahriman selbst in Gestalt drei klopfender Töne erscheinen zu lassen, die an das schreckhafte Anklopfen nachts an der Tür erinnern, da KGB-Agenten die Menschen für stundenlange Anhörungen nachts aus ihren Betten holten.
Die Bratschensonate als das letzte Werk des Komponisten läßt eine ähnliche Episodenabwechslung erleben: Der 2. Satz „allegretto“ ist eine starre, taktstrenge  Tanznummer mit den üblichen absurden Dissonanzen und Wiederholungen. Mitten in ihm ertönt plötzlich ohne Zusammenhang das Thema des letzten, „Abschieds“-Satzes der Sonate und zugleich des Komponisten.
Dieser 3. Satz „adagio“ (eine „Hommage an Beethoven“) könnte auch „lamento“ genannt werden mit spannungsvollen, wie wütenden Episoden. Aber es ist im Grunde ein großes Ausatmen, da der Komponist im Endstadium seines Lungenkrebses zwischen Krankenhaus und Zuhause verweilte. Es mag als ein erstaunliches Glück erscheinen, daß der Komponist unter solchen Lebensbedingungen das Werk noch vollendete. Es klingt in einem großen, ruhigen und unspektakulären C-Dur-Akkord aus, als hätte der Komponist nach den vielen Wirren seiner Biographie eine Art inneren Frieden gefunden. C-Dur, die Tonart der Erde, ist der Ort, wo der müde Leib endlich ruhen darf. Die Bratsche verharrt zum Schluß in einem langen E, also bei der Terz, dem Klangraum des Herzens. Immer wieder setzt das Plätschern, das Beethovens Mondscheinsonate imitiert, aus wie das Herz des totkranken Komponisten, dessen Ich sich unter Morphium langsam vom Leib verabschiedet. Das Hauptmotiv der Bratsche besteht aus abwärts gehenden Quarten, einem dezenten Ausdruck der Kraftlosigkeit, des Leidens und der inneren Verneinung und Zurückgezogenheit.

Kurz vor dem letzten Opus 147 der Bratschensonate hatte eine Begegnung mit Marina Zwetajewa durch die Vertonung von 6 Gedichten im Opus 143 stattgefunden: Auch Quarten umringen das sinnliche Geschehen des Jugendgedichtes „Woher diese Zärtlichkeit“, während die scharfen, politischen Auseinandersetzungen der zwei Gedichte „Der Dichter und der Zar“ die eigenen Erfahrungen des Komponisten mit der Staatswillkür widerspiegeln.

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Fjedor Druzhinin führte die Bratschensonate sofort nach dem Tod des befreundeten Komponisten auf.

Dmitri Schostakowitsch (1906-1975)

Der Im Zeichen der Waage geborene Komponist, Enkel eines nach Sibirien deportierten Polen, schien tatsächlich, zwei unvereinbare Polaritäten stets in Ausgleich bringen zu wollen: die politische Anerkennung, ohne welche er seinen Musikerberuf hohen Ranges nicht ausüben konnte, und die Freiheit im musikalischen Ausdruck, die aber unwillkürlich immer wieder in eine Regimekritik münden mußte. Die Lungentuberkulose prägte seinen ganzen Lebensweg von Kindheit an. Seine außergewöhnliche musikalische Begabung wurde früh erkannt. Glasunow, berühmter Komponist und Konservatoriumsdirektor in Petersburg, mußte anerkennen: „Ich finde seine Musik schrecklich. Es ist das erste Mal, dass ich die Musik nicht höre, wenn ich die Partitur lese. Aber das ist unwichtig. Die Zukunft gehört nicht mir, sondern diesem Jungen“. Mit 19 schloß er sein Studium mit seiner ersten Symphonie ab, in der der Komponist erstaunlich frühreif seine besondere neoklassische Tonsprache fand, die in der ganzen Welt sofort erfolgreich war. Stalin erkannte in ihm die Möglichkeit, für die Erfolge des Sozialismus zu werben. Von einem Wink des „asiatischen Diktators“ (Soljenitsyn) hingen nun die Aufführungsmöglichkeiten seiner Werke oder deren Verbot ab. Nach einem vermutlich von Stalin selbst verfassten Verriß seiner Oper „Lady Macbeth von Mjensk“ in der Prawda schlief Schostakowitsch nur noch mit einem kleinen Koffer unter dem Bett, in seinen Kleidern, stets gewärtig, wie damals üblich des Nachts von der Geheimpolizei abgeholt zu werden. Es befielen ihn Depressionen und Suizidgedanken, die ihn für Jahrzehnte begleiten sollten. Er wurde mehrfach in die Geheimdienstzentrale vorgeladen, zu sogenannten „Volksfeinden“ befragt und eingeschüchtert. „Das Warten auf die Exekution ist eines der Themen, die mich mein Leben lang gemartert haben, viele Seiten meiner Musik sprechen davon“, gesteht er in seinen (nicht autorisierten) Memoiren. In seiner traurigen und schmerzvollen 10. Symphonie rechnet er musikalisch mit dem gerade eben verstorbenen Stalin ab, indem das Thema des Scherzo als „das schreckliche Gesicht Stalins“ von einem triumphalen D-Es-C-H-Motiv unterbrochen und überschattet wird. In Schubladen versteckte satirische Werke, die posthumus wiedergefunden wurden, zeugen von der geheimen Distanzierung des Komponisten zu seinen Zensoren. Sein Spätwerk weist, wie die Bratschensonate, die durch Zitate aus eigenen und fremden Werken wie eine Art Rückblick auf sein Schaffen darstellt, eine Konzentration und Reduktion der Ausdrucksmittel auf, während seine Gesundheit immer schlechter wurde (Beinbruch, Herzinfarkte). Er korrigierte die Druckfahnen der Bratschensonate noch vier Tage vor seinem Tod im Krankenhaus.

Marina Zwetajewa (1892-1941)

Sie gilt als einer der größten Dichter Rußlands im 20. Jahrhundert. Sie wuchs in einem turbulenten, künstlerischen Umfeld auf mit ihrem Vater als Kunstprofessor, der das spätere Moskauer Puschkin-Museum gründete, und ihrer Mutter als vom Leben enttäuschter Konzertpianistin, die die dichterische Begabung der Marina mißachtete (Sie schrieb schon Gedichte mit 6 Jahren). Sie wollte nämlich lieber eine Pianistin aus ihr machen und bevorzugte ihre jüngere Schwester Anastasia („Asja“). Von der engen Verbindung zur Schwester zeugt das Gedicht der „zwei Schwester–zwei Schwerter“, „an Asja“ genannt. Wegen der an Tuberkulose erkrankten Mutter reiste bald die ganze Familie durch Europa, wodurch Marina Französisch, Deutsch und Italienisch lernte. Sie hielt sich in der Kolonie russischer Emigranten bei Genua auf, wo sie regelrecht „verwilderte“. Das leidenschaftlich-naive Gedicht „Gebet“ gibt die Stimmung dieser Zeit wieder. Ihre deutsche Erzieherin machte sie mit deutscher Kultur bekannt: Sie laß bald Goethe, Heine, Hölderlin, Rilke und dichtete auf Deutsch. Mit 16 schon studierte sie Literaturgeschichte an der Pariser Sorbonne. Ihr mit 18 Jahren veröffentlichte erster Gedichtband zog die Aufmerksamkeit des Dichters und Kritikers Maximilian Woloschin auf sich, der ihr Freund und Förderer wurde. In seinem Haus am schwarzen Meer begegnete ihr der vielfach bewunderte Andrej Belyi. Mitten in den Wirren ihrer Biografie enstanden immer wieder neue Gedichtbände, die sich oft tagebuchartig auf konkrete Erlebnisse oder Personen beziehen und datiert werden. Zwetajewa ist Dichterin des Gegenwärtigen, ihrer eigenen „subjektiven“ Gegenwart, wie nur eine Frau sie wiedergeben kann.
Sie verliebte sich sofort in ihren Ehemann, den jüdischen Dichter Sergei Efron, der ihr allerdings an Begabung nachstand. Ihre unstillbare Leidenschaft ließ sie aber auch die Nähe von Ossip Mandelstamm, der Dichterin Sofia Parnok, Rainer Maria Rilke und Boris Pasternak aufsuchen…
Sie erfuhr unmittelbar die schockierende Wucht der Oktoberrevolution und mußte 5 Jahre ohne familiären Anschluß in Moskau auf ihren Mann warten, der in der „weißen Armee“ kämpfte. In ihren Gedichten verherrlichte sie den Mut der antikommunistischen Kämpfer. Ihre Tochter Irina starb mit drei an Unterernährung während der Moskauer Hungersnot 1920. Mit der Tochter Ariadna fuhr sie nach Berlin, in der Weimarer Republik ein Zentrum der russischer Literatur, und traf dort Efron. Sie siedelten völlig verarmt nach Prag über, wo ihr Mann studierte. Ihre Gedichte wurden immer bekannter. In Prag, wo sie einen Vortrag von Rudolf Steiner hörte (siehe unten) sorgte ihre Liaison mit einem russischen ehemaligen Offizier für Skandal in der russischen Gemeinschaft. Das Ende dieser Beziehung inspirierte sie aber zum „brillantesten und tragischsten Gedicht Rußlands im 20. Jahrhundert“. Eine intensive Brieffreundschaft fing zu dieser Zeit mit Boris Pasternak an. Während ihr Mann an Tuberkulose erkrankte, erhielt sie ein tschechisches Stipendium, wodurch sie Familie unterhalten konnte. Ihre Prosa ließ sich allerdings besser verkaufen als ihre Dichtung. Da ihre Memoiren antisowjetische Züge besaßen, wurde sie bald nicht mehr in Rußland veröffentlicht.
Die Familie lebte anschließend 14 Jahre in Paris, ein Zentrum der russischen Emigrantenliteratur. Ihr dort geborener Sohn Georgi wurde ein problematisches Kind. Die russischen Literaturkreise, die den Stil und die Ästhetik der Zwetajewa nicht verstanden, warfen mangelnde Kritik an den Sowjets vor und veröffentlichten bald nichts mehr von ihr. Pasternak bemühte sich erfolglos bei Gorki um sie, der ihre Dichtung ablehnte. Das Gedicht „Gespräch mit dem Genius“ zeugt von ihrer Pariser Isolation. Ihr Mann sowie die Tochter Ariadna entwickelten wieder Sympathie für die Kommunisten: Efron arbeitete sogar heimlich als Spion und mußte nach einer Verwicklung in den Mord eines russischen Dissidenten nach Rußland zurück, wie Ariadna kurz davor. Für die Polizei war Marina ab diesem Zeitpunkt verdächtig.
Die Unsicherheiten des zweiten Weltkrieges („O Träne in den Augen“, Gedicht an Tschechien) ließen auch sie 1939 mit ihrem Sohn nach Rußland zurückkehren. Dort wiederum wurde sie unter Stalin als Feindin betrachtet („Dieses Rußland gibt es, wie auch mich, nicht mehr“ klagt sie im Gedicht „Land“). Ihre Schwester Asja, die sie nie wiedersehen sollte, saß im Gefängnis. Keiner der ehemaligen Freunde oder Literaturkollegen wollte mit ihr zu tun haben aus Angst um die Karriere oder das eigene Leben und so fand sie keine Unterhaltsmöglichkeit. Die Tochter Ariadna, mit einem Mann verlobt, der die Familie ausspionierte, kam für acht Jahre ins Gefängnis. Ihr Mann Efron wurde 1941 wegen Spionage erschossen. Im selben Jahr wurden Marina und ihr Sohn Georgi in ein Dorf der Tatarischen Republik evakuiert, wo sie trotz aller Bemühungen bei den Schriftstellerverbänden, ohne jegliche Mittel zum Überleben blieb. Ihre letzte Bewerbung als Tellerwäscherin in einer Kantine wurde ihr von den Kommunisten abgeschlagen. Hoffnungslos erhängte sich Marina Zwetajewa, die begabte Künstlerin, am 31. August.
Die ausgeprägte Individualität Zwetajewas und die Eigentümlichkeit ihrer Schöpfungen lassen sie kaum einer bestimmten literarischen Richtung zuordnen, wobei ihre ausgesprochene Gefühlsbetontheit eher spätromantisch wirkt.

Die Begegnung mit Rudolf Steiner

Zum Abschluß ein Bericht Marina Zwetajewas über ihr Erlebnis eines Vortrages Rudolf Steiners in Prag 1923 (Zitiert aus dem Buch: „Zwetajewa, Begegnungen mit M. Woloschin, Andrej Belyi und Rudolf Steiner“ im Verlag die Pforte, Dornach). Die unterstrichene Wörter stehen original auf Deutsch im aus dem Russischen übersetzten Text:

„… Das Saalpublikum ist scheußlich: Prager Deutsche, d.h. das Schlimmste auf der Welt, denn die einigermaßen anständigen haben nach der Revolution Prag verlassen. Kurzum: lauter Angestellte, die gekommen sind, ihrem Deutschen zuzuhören. Am Schluß hält es jeder für seine Pflicht, zum Herr Doktor zu gehen und ihn entweder von seinem jüngsten Traum oder vom ersten Zahn seines Kindes zu informieren. Als gingen sie zur Hebamme oder zur Wahrsagerin. Und wie Blok 1921 unter dem Druck des Hasses, so verkriecht sich Steiner unter dem Druck dieser Liebe immer tiefer hinter die Holzwand des Katheders, das gleich zur Nische wird – mit ihm als Heiligen. Und immer höher hüpft das gequälte Adamsapfel. Und mit gleichbleibender Sanftheit gibt er allen – jedem: ein Lächeln, eine Antwort, ein Nicken. Die Angestelltenschlange nach dem Hellseher. Ich bin am Schluß. Die letzte. (Alle haben es eiliger!) Ich stehe, kämpfe: Er ist so müde – und jetzt noch ich… Aber: ich, das ist nicht diese andern. Und wenn er wirklich ein Hellseher ist… Während ich noch mit mir kämpfe – stehe ich schon vor ihm. Dieser Jüngling – ist tausend Jahre alt. Das Gesicht: ein Netz feinster Falten. Feinarbeit der Zeit. Einen Schritt zurück – und er ist wieder der jüngling. Aber ich stehe – und vor mir ein Alter aus der Hand Leonardos. Nicht Alter – Greisenalter. Nicht Greisenalter – Durchsichtigkeit. Gleich zerfällt er zu Staub. (Wie lange stehe ich so? Eine Sekunde?)
Ich nehme mir ein Herz und hole tief Luft:
Herr Doktor, Sagen Sie mir ein einziges Wort – fürs ganze Leben!
Lange Pause, und mit himmlischem Lächeln, mit Nachdruck:
Auf Wiedersehn!

Alain Brun-Cosme
letzter Eintrag am 14. November 2015

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