„Zwischen Schlaf und Wachen

dem Tag entgegen…“

800px-Johann_Heinrich_Wilhelm_Tischbein_-_Goethe_in_der_roemischen_Campagna

„Et in Arcadia ego“ – Auch ich war in Arkadien!

Mitte der 1780er Jahre, auf dem Gipfel seiner Amtskarriere, geriet Goethe in eine Krise. Seine amtlichen Tätigkeiten blieben ohne Erfolgserlebnisse, die Belastungen seiner Ämter und die Zwänge des Hoflebens wurden ihm lästig, die Beziehung zu Charlotte von Stein gestaltete sich zunehmend unbefriedigend. Als ihm der Verleger Göschen 1786 das Angebot einer Gesamtausgabe machte, wurde ihm schockartig klar, dass von ihm in den letzten zehn Jahren nichts Neues erschienen war. Im Blick auf seine dichterischen Fragmente (Faust, Egmont, Wilhelm Meister, Tasso) verstärkten sich die Selbstzweifel an seiner Doppelexistenz als Künstler und Amtsmensch. Im Schauspiel Torquato Tasso fand Goethe den adäquaten Stoff, um seine widersprüchliche Existenz am Hofe zu gestalten. Er legte sie in zwei Figuren auseinander, Tasso und Antonio, zwischen denen es keine Versöhnung gibt. Während er dem poetischen Ausgleich misstraute, versuchte er noch in der Realität beide Aspekte im Gleichgewicht zu halten.

Aber nach der ernüchternden Erfahrung seiner dichterischen Stagnation im ersten Weimarer Jahrzehnt entzog er sich dem Hof durch eine für seine Umgebung unerwartete Bildungsreise nach Italien. Am 3. September 1786 brach er ohne Abschied von einer Kur in Karlsbad auf. Nur sein Sekretär und vertrauter Diener Philipp Seidel war eingeweiht. Den Herzog hatte er nach dem letzten persönlichen Zusammensein in Karlsbad schriftlich um unbefristeten Urlaub gebeten. Am Vortag seiner Abreise kündigte er ihm seine bevorstehende Abwesenheit an, ohne sein Reiseziel zu verraten. Die geheime Abreise mit unbekanntem Ziel war wohl Teil einer Strategie, die es Goethe ermöglichen sollte, seine Ämter niederzulegen, das Gehalt jedoch weiter zu beziehen. Der europaweit berühmte Autor des Werther reiste inkognito unter dem Namen Johann Philipp Möller, um sich ungezwungen in der Öffentlichkeit bewegen zu können.

Nach Zwischenaufenthalten in Verona, Vicenza und Venedig erreichte Goethe im November Rom. Dort hielt er sich zunächst bis Februar 1787 auf (erster Romaufenthalt). Nach einer viermonatigen Reise nach Neapel und Sizilien kehrte er im Juni 1787 nach Rom zurück, wo er bis Ende April 1788 verweilte (zweiter Romaufenthalt). Auf der Rückreise machte er Zwischenstationen u. a. in Siena, Florenz, Parma und Mailand. Zwei Monate später, am 18. Juni 1788, war er wieder in Weimar.

In Rom wohnte Goethe bei dem deutschen Maler Wilhelm Tischbein, der das wohl bekannteste Porträt des Dichters (Goethe in der Campagna) malte. In regem Austausch stand er auch mit anderen Mitgliedern der deutschen Künstlerkolonie in Rom, darunter Angelika Kauffmann, die ihn ebenfalls porträtierte, mit Philipp Hackert, Friedrich Bury, und mit dem Schweizer Maler Johann Heinrich Meyer, der ihm später nach Weimar folgen und dort unter anderem sein künstlerischer Berater werden sollte. In freundschaftlicher Verbindung stand er auch mit dem Schriftsteller Karl Philipp Moritz; im Gespräch mit ihm bildeten sich die kunsttheoretischen Anschauungen aus, die für Goethes „klassische“ Auffassung von der Kunst grundlegend werden sollten und von Moritz in seiner Schrift Über die bildende Nachahmung des Schönen niedergelegt wurden.

Goethe lernte in Italien die Bau- und Kunstwerke der Antike und der Renaissance kennen und bewundern; seine besondere Verehrung galt Raffael und dem Architekten Andrea Palladio. An dessen Bauten hatte er in Vicenza mit Begeisterung wahrgenommen, dass sie die Formen der Antike zu neuem Leben erweckten. Unter Anleitung seiner Künstlerfreunde übte er sich mit großem Ehrgeiz im Zeichnen; etwa 850 Zeichnungen Goethes sind aus der italienischen Zeit erhalten. Er erkannte aber auch, dass er nicht zum bildenden Künstler, sondern zum Dichter geboren sei. Intensiv beschäftigte er sich mit der Fertigstellung literarischer Arbeiten: Er brachte die bereits in Prosa vorliegende Iphigenie in Versform, vollendete den zwölf Jahre zuvor begonnenen Egmont und schrieb weiter am Tasso. Daneben beschäftigte er sich mit botanischen Studien. Vor allem aber „lebte“ er: „Im Schutze des Inkognitos (den deutschen Freunden war seine wahre Identität jedoch bekannt) konnte er sich in einfachen Gesellschaftsschichten bewegen, seiner Freude an Spielen und Späßen freien Lauf lassen und erotische Erfahrungen machen.“

Die Reise wurde für Goethe zu einem einschneidenden Erlebnis; er selbst sprach in Briefen nach Hause wiederholt von einer „Wiedergeburt“, einer „neuen Jugend“, die er in Italien erfahren habe. Er habe sich selbst als Künstler wiedergefunden, schrieb er dem Herzog. Über seine zukünftige Tätigkeit in Weimar ließ er ihn wissen, er wolle von den bisherigen Pflichten befreit werden und das tun, „was niemand als ich tun kann und das übrige anderen auftragen“. Der Herzog gewährte Goethe die erbetene Verlängerung seines bezahlten Urlaubs, so dass er bis Ostern 1788 in Rom bleiben konnte. Ein Ergebnis seiner Reise war, dass er nach seiner Rückkehr nach Weimar die dichterische von der politischen Existenz trennte.

Basierend auf seinen Tagebüchern verfasste er zwischen 1813 und 1817 die Italienische Reise.

Beethovens letzte Violinsonate

Beethovens wenig bekannte zehnte Sonate für Violine und Klavier Op. 96, gehört bereits ins Spätwerk des Komponisten. Beethoven versteht es hierin, verschiedenste Stimmungen harmonisch miteinander zu vereinigen. Violine und Klavier befinden sich in ausgewogener Dreistimmigkeit (das Klavier stellt meist zwei Stimmen) in einem Gespräch, das u.a. die Beschäftigung des Komponisten mit Bachs Fugen-Werk verrät; sie verschmelzen weit stärker miteinander als sonst bei Violinsonaten üblich. Kaum vorstellbar, dass diese wunderbare, intelligente und feine Musik von einem praktisch gehörlosen Komponisten stammt!
Der pastorale erste Satz, „Allegro moderato“ überschrieben, steht wie Bachs zweite Kantate aus dem Weihnachtsoratorium in G-dur, leicht und fein geliedert dahinfließend, sonnig und zuweilen humorvoll-heiter in der Stimmung. Der zweite Satz „Adagio espressivo“ gehört ohne Zweifel zu den tiefsinnigsten Stücken abendländischer Musik und steht in warmem, feierlichen Es-dur. Rudolf Steiners eurythmische Choreografie für diesen Satz sieht eine äußerst sparsame Raumbewegung für die beiden Darsteller vor. Die Farben der Violine – rot und weiß – haben einen weihnachtlich-weihevollen Charakter, das Grün und Rot des Klavierparts bringt die eurythmischen „Farben des Menschen“ ins Bild. Der dritte Satz in g-moll, „Scherzo“ überschrieben, hat eine unruhige Grundstimmung und wird von einem heiteren Trio kontrastiert. Wie oft bei Beethoven scheint der rondoartige Finalsatz der Sonate nicht enden zu wollen. Das Thema wird durch verschiedene Verwandlungen geführt, es taucht nach jeder neuen eingeschobenen Episode wieder auf; zuletzt erklingt innerhalb nur weniger Takte eine Fuge und ihre miniaturisierte Engführung, um in die abschließende Steigerung zu führen.

Die Goethe-Rose

„Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub die Gold-Orangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!“

goethe_rose300Solch verträumtes Gedicht schrieb 1780 in „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ Johann Wolfgang Goethe vor seiner ersten Italien-Reise. In dieses Land wollte er schon seit seiner Kindheit. Das Land seiner Sehnsucht. Catharina Elisabeth Goethe, seine Mutter, schrieb ihm nach Rom: „Lieber Sohn … Jubeliren hätte ich vor Freude mögen daß der Wunsch, der von frühester Jugend in deiner Seele lag, nun in Erfüllung gegangen ist….“

Am 3. September 1786 war es nämlich soweit. Mit einem falschen Namen ausgestattet, dem Pseudonym Johann Philipp Möller, Kaufmann aus Leipzig, verdrückte sich Goethe heimlich, zu gottschlafender Zeit, aus der Bäderstadt Karlsbad. „Früh drei Uhr stahl ich mich aus Karlsbad, weil man mich sonst nicht fortgelassen hätte.“ Der falsche Name sollte ihn vor dem allzu schnellen Zugriff seines Herzogs, Carl August, schützen, aber auch vor Neugierigen, denn er ward mit seinem „Werther“ in ganz Europa ein berühmter Mann. Unter falschem Namen aufzutreten gab ihm zusätzlich ein Gefühl der Freiheit. Goethe fühlte sich in dieser Zeit schon lange recht unwohl in seiner Haut. Nichts wollte sich entwickeln, nichts sollte richtig werden. Die Arbeit für seinen Herzog Carl August war ihm nach 10 Jahren fad geworden, die Beziehung zu Charlotte von Stein entwickelte sich überhaupt nicht, es wurde nur komplizierter, er fühlte sich von ihr „kontrolliert“, in seiner „Art getadelt“. Alles um ihn herum empfand er als zäh, unfrisch, dunkel und versteinert, sich selbst als fixiert, festgezurrt und eng.

Er fühlte sich wie die versteinerten Rosen aus Karlsbad, die es damals, wie heute immer noch, in diesem mondänen Kurort zu kaufen gab. Papier-Rosen, an denen sich, nachdem sie zwei Wochen im heißen Karlsbader Mineralwasser gelegen waren, Sprudelstein ablagerte und den Rosen ein versteinertes Aussehen verlieh.. „…in jenen Karlsbader Rosen, die ich viel sah, erkannte ich mich selbst…“.

Johann Wolfgang Goethe nahm als Johann Philipp Möller eine dieser versteinerten Rosen in seinem Reisegepäck mit, sie sollte ihn fortan auf seiner Reise daran erinnern, wie ehern er sich in Deutschland fühlte.

Kaum hatte er den Alpen-Hauptkamm am Brenner überquert: „..Licht, Licht, das Licht scheint mir hier freier und heller ….“.
In Padua, begeistert vom Botanischen Garten, in ihm suchte er die Urpflanze, bekam er vom dortigen Gärtner zwei der Urpflanze verwandte Blätter. Er bewahrte diese bis zu seinem Tode als großen Schatz. Er reiste weiter und schaute kein einziges Mal die versteinerte Rose an. Goethe fühlte sich frei, voller Neugierde und Wissensdrang, durchdrungen von Freude und Offenheit, seine Versteinerung war gelöst, was sollte er da noch mit der versteinerten Rose, er vergaß sie.
Erst in Palermo, wo er begeistert in sein Tagebuch notierte: „In dem öffentlichen Garten unmittelbar an der Reede brachte ich im stillen die vergnügtesten Stunden zu. Es ist der wunderbarste Ort von der Welt. Regelmäßig angelegt, scheint er uns doch feenhaft…“, fühlte er sich seiner Urpflanze ganz nahe. Er erinnerte sich verwundert an seine versteinerte Rose aus Karlsbad und konnte sich nicht mehr vorstellen, sich je so starr und für die Ewigkeit konserviert gefühlt zu haben. Er schenkte seine versteinerte Rose einem Gärtner, dabei heimlich auf ein Gegengeschenk hoffend, auf einen Tipp zur Auffindung der Urpflanze. Er bekam den erhofften Hinweis nicht, erkannte auch bald, dass das, was er suchte, diese Urpflanze, als Prinzip zu verstehen sei und nicht als konkrete Pflanze.

Nach der Heimkehr aus Italien beendete er die Beziehung zu Charlotte von Stein und begegnete einer Arbeiterin aus einer Manufaktur für künstliche Blumen, Christiane Vulpius. Nach dem ersten Treffen mit seiner späteren, geliebten Frau, dachte er an die zurückgelassene versteinerte Rose in Palermo und freute sich kindisch, dass sie, die Rose, nun hier, bei dieser Arbeiterin, lebendig werden konnte, lebendig geworden war.

Seine versteinerte Rose aus Karlsbad ist in Palermo bis heute in der Sammlung des Botanischen Gartens aufbewahrt und zu besichtigen. Dort wird sie „La Rosa petriticata del signor Goethe“ (Die Versteinerte Rose des Herrn Goethe) beziehungsweise kurz „Rosa del Goethe“ (Goethe-Rose) genannt.