Verborgene Aspekte des antiken Fünfkampfes in Anthroposophie, Eurythmie und Sprachgestaltung

Das alt-griechische Penthatlon bildet einen in sich geschlossenen Übungsweg, in welchen eine tiefe Weisheit von Mensch und Welt hineinfloss. Genau zu der Zeit des Inkarnierens Christi auf Erden impulsierte dieser Weg ebenfalls aus Liebe zur Erde die Pflege von zuerst rein körperlichen Übungen. Somit wurde die durch die Allweisheit Luzifers im Orient inspirierte Abneigung gegen den physisch verhärteten Körper durch eine Suche nach einem idealen Gleichgewicht zwischen physischen und geistigen Ebenen im Gang der Weltkulturen abgelöst, da sich luziferische wie ahrimanische weltbildende Kräfte zu diesem besonderen Zeitpunkt um das Golgatha-Geschehen zueinander in einem historisch einmaligen Gleichgewicht befanden¹. Damit war eine Schulung der geistigen Herzkräfte im Menschen in ihrer anfänglichen Anlage begründet, die die Menschheit für die jetzige Zeit bewappnen sollte, da sich die Inkarnation der Wesenheit Ahrimans in einem menschlichen Körper „im Westen“ ereignen sollte.
Seit dem Ende des sog. „Kali-Yuga“, des geistig gesprochen „finsteren Zeitalters“ also im genauen Jahre 1899 kommen alle menschlichen Ätherleiber allmählich von ihrer engen Bindung zum physischen Körper los und dehnen sich über seine Grenzen hinaus, hinter welchen sie sich im Laufe der Weltentwicklung zurückgezogen hatten. Die Kenntnis dieses Tatbestandes wirft ein erlösendes Licht auf die ansonsten kaum zu fassenden wesentlichen, meist chaotischen Erscheinungen unserer Zeit. Das erste, sich lösende Organ im Rahmen dieses Prozesses in der menschlichen Natur ist das Ätherherz, was sich in der Tatsache manifestiert, daß die häufigste, natürliche Todesursache heutzutage eben Herzkrankheiten sind. Von „außen“ kommen außerdem etliche massive Attacken auf das Herzwesen zu (moderne Alltagsmusik ausschließlich auf Takt basierend und nicht mehr auf Melodien, die regulierend auf das Herz-Atem-Verhältnis einwirken könnten; Bindung an das Taktrythmus der Maschinen; Auffassung des Herzens als eine bloße Pumpe, usw.).
Ein äußerlich praktizierter Fünfkampf hilft da allerdings auch nicht mehr, sondern muß in verinnerlichter Form direkt im menschlichen Seelenwesen wirken, also dort wo sich der eigentliche Weltkampf zwischen leben- und todbringende Kräfte abspielt²: Die sog. „Nebenübungen“, wie sie Rudolf Steiner aus dem verborgenen Wissen der Eingeweihten in das Licht der modernen allgemeinen Öffentlichkeit gestellt hat, sind eine getreue Umwandlung des antiken Fünfkampf-Prinzips nach innen oder, wie man auch sagen könnte, eine Rückkehr zum Ursprungsgedanken, aus dem die äußeren antiken olympischen Spiele mit ihrem kulturellen Umfeld hervorgingen.
So sind aber auch manche Übungen aus den verwandten Künsten der Eurythmie und der Sprachgestaltung, die wie jede Kunst an sich schon einen ganzheitlichen Schulungsweg für den Praktizierenden bilden, vom Prinzip des Fünfkampfes direkt inspiriert. Dies zu wissen, mag für den Übenden in diesen Disziplinen fruchtbare Anregungen bringen.

1. Die Nebenübungen

Die Yoga-Übungen wurden durch die Weltlenker so eingerichtet, daß durch sie eine Öffnung der sich an der Nasenwurzel befindlichen sog. zweiblättrigen Lotosblume beim Übenden ermöglicht wurde. Somit wurde die Entwicklung eines wacheren Bewußtseins durch Betätigung des äußeren Gehirns³ und damit zusammenhängend ein größeres, aktiveres Interesse für die Erscheinungen der materiellen Welt in der Menschheitsgeschichte eingeleitet. Die heutige Menschheit genießt die Früchte dieser einstigen Arbeit am Bewußtseinszustand.
Mit dem achtgliedrigen Pfad des Buddha konnte der 16-blättrige Chakra am Kehlkopf wiederum geöffnet werden (acht Blätter dieser Lotosblume standen schon als Erbschaft der Menschheit allgemein zur Verfügung).

Die jetzige Zeit stellt die Herausforderung dar, den 12-blättrigen Herz-Chakra zu öffnen, dessen Hälfte durch die 6 Nebenübungen als seelische Nachbildung des altgriechischen Fünfkampfes von dem bewusst Übenden schon individuell erschlossen werden kann. Die Anthroposophie Rudolf Steiners hat zur Aufgabe, die Öffentlichkeit von diesem Tatbestand zu unterrichten.
Rudolf Steiner gab in verschiedenen Vorträgen und Schriften z.T. voneinander abweichende Angaben über die Reihenfolge und den jeweils infrage kommenden seelischen Bereich der Nebenübungen. Auf die Lebendigkeit der Vorstellungen und die innere Geschmeidigkeit des Übenden kommt es wohl mehr an als auf ein systematisches, leicht stumpfes Abhaken halbherzig ausgeführter Exerzitien zur Erlangung übersinnlicher Fähigkeiten.
Wir folgen hier als möglicher Weg der Übungsreihe, wie sie in der „Geheimwissenschaft im Umriss“ dargestellt wird.

0. Vorbereitung

Vor dem eigentlichen Wettkampf vollzog der Altgrieche eine wichtige vorbereitende Tat: Der Athlet ölte seinen Körper mit dem schützenden Olivenöl ein, wie es heute noch bei den traditionellen türkischen Ringkämpfen geschieht. Diese glänzende, wärmespendende Hülle ließ durch die Bewegungen des damit geschmeidig gemachten Leibes das Physische des Körpers etwas zurücktreten und dafür mehr die Bewegung selbst, also die „Götter“ im Sinne des Ätherisch-Ewig-Lebendigen, erscheinen. Das Öl wirkte wie einen Schleier um den Leib, indem es seinen goldenen Umkreis erleben ließ, wie es heute der Schleier in der Eurythmie tut. Der nackte Leib wurde so zum Sonnenleib, durch welchen die kosmischen Gesetzmäßigkeiten sichtbar wurden.
Das Einhüllen des individuellen Körpers durch das Öl findet sein Pendant in dem Einhüllen des ganzen Mittelmeeres durch den engen Saum der Olivenbäume. Das Öl schwebt als Substanz zwischen Wasser und Luft, es vermittelt zwischen beiden und hält das selbstlose Licht dabei fest, lässt es in diesem Zwischengebiet sinnlich erscheinen. So wurde das besonders durchlässige Olivenöl als vermittelndes Element zwischen Göttern und Menschen erlebt, sowie um jede Stadt am Mittelmeer ein Olivenhain als Palladium der Athena schützend eine geographisch-geistige Hülle bildete. Mit der Olive war die Athena-Gottheit besonders verbunden, die das klare Denken bei den Griechen inspirierte. Sie begleitete die Irrfahrten des Odysseus durch das Mittelmeer und leitete so die Prüfungen der zu sich selbst erwachenden Seele ein, die mit dem individuellen Denken gerüstet den Zugang zum eigenen Leib und Leben neu finden und definieren muß. Die alte, asiatisch geprägte, aus der Göttermagie noch agierende Priesterkultur Trojas war überwunden worden und somit waren die alten hellseherischen Banden mit Poseidon, dem atlantischen Meeresgott, gelöst. Ohne diesen „Krieg“ wäre das nach Freiheit suchende Ich wie die beraubte Helena in alten magischen Fesseln gefangen geblieben und hätte nicht an der konkreten, materiellen Welt erwachen können. Auf der Suche nach sich selbst findet das Ich aber kein Anderes, sondern sich selbst auf höherer Stufe, wie es von Anfang an angelegt wurde (Ithaka). Unterwegs zur Vereinigung mit dem Höheren Ich (Penelope) müssen, wie es auch die meisten Volksmärchen aller Welt erzählen, innere Prüfungen aus eigener Kraft und in völliger Einsamkeit, ohne die Unterstützung der alten Gruppenseele (alle Mitgefährten des Odysseus gehen unterwegs zugrunde) bestanden werden. Solange werden die zur geistigen Freiheit bestimmten Ich-Kräfte durch Ahriman, in Gestalt der rücksichtslosen Freier Penelopes, belagert und geplündert.
Athena regte in Odysseus als ersten Menschen das freie Denken an, machte ihn so zum „listenreichen“ Vorreiter der modernen Zeit. Ihre überlieferten Attribute sind die der ätherischen Denkkräfte:
– schützend in Gestalt des Öls beim Athleten oder des Olivenhains mit dem besonderen Schatten des Olivenbaumes um die Stadt;
– keusch, weil mit den egoistischen Eigenschaften des Astralleibes nicht verstrickt: Die „jungfräulich“ gezeugte Athena als Vorstufe des Maria-Isis-Sophia-Prinzips entsprang dem „Wahr-Mythos“ nach vollbewaffnet dem Kopfe (also dem Denkpole) des Zeus, des Ur-Vaters. Auch der Olivenbaum ist an sich unfruchtbar: Erst das Verdauen durch die Vögel macht seine Kerne zum Gedeihen fähig;
– durch den mit großen Augenöffnungen versehenen Helm nach oben mit den Götterkräften immer verbunden, wie auch das freie Denken im Sinne einer „Philosophie der Freiheit“ immer mehr in Verbindung mit dem Göttlichen schafft und in der konkreten Welt ankommt. Doch das Ordnen der Weltverhältnisse nach gesund-göttlichen Parametern geschieht nicht von alleine, denn die (luziferisch inspirierte) Menschheit träumt gerne vor sich hin… Also wird Athena den Fünfkampf des Athleten Stück für Stück begleiten, der eine innere Erkämpfung und bewusste Ergreifung der menschlichen Natur ist, und bis zum Höhepunkt der „Kriegskunst“, die das Bild für die Kunst des errungenen freien Lebens ist und nicht als Tötungsorgie gemeint ist, hinführen. Geduld und Ausdauer werden dabei gefragt, wie der besonders langlebige Olivenbaum (bis zu 2000 Jahren) sie hergibt: Durch die Windungen seines Stammes immer mit den Drehungen des Kosmos verbunden, zeugt er mit seinen scheinbar gequälten Gliedern wie bei der Eiche von der Auseinandersetzung mit den Widerstandskräften des Mars.

(Fortsetzung folgt)

letzter Eintrag am 6.10.2017

Alain Brun-Cosme

Anmerkungen

1. Und so blieb die alt-griechische Kultur von luziferisch-ahrimanischen Extremen verschont und brachte sie als dionysch-apollinische Urprinzipien z.B. in ihren Plastiken in ein dynamisches Gleichgewicht zusammen: Klassische griechische gemeißelte Menschengestalten stehen in der Regel mit einem vom Boden losgelösten Fuß (die „rebellierende“ Geste Luzifers nach R. Steiners Worte bei der Entstehung der Eurythmie, entsprechend dem Impuls des sich befreienden Luftlautes H) und dadurch in einer sich entlang einer Spirale oder eines S (des Schlangenlautes des Ahrimans) windenden Haltung.

2. In seinem Buch „Der Mensch zwischen Über- und Unternatur“ schildert Andreas Neider die illusionär getragene Hoffnung des heutigen Medien-Mainstreams, daß der Kampf gegen das Böse durch alte, hauptsächlich asiatisch geprägte Kampfkunst, im Grunde als eine sensationshaltige Variante des Fünfkampfes, in der heutigen Zeit noch ausgetragen werden könnte.

3. eigentlich das allmähliche Zusammenziehen des Ätherkopfes in den Grenzen des physischen Kopfes hinein, so daß übersinnliche Wahrnehmungen peu à peu von Kulturstufe zu kulturstufe verschwanden. So lebten alte, d.h. äußerlich nachweisbare nachatlantische Kulturen allgemein viel stärker in der Götter- als in der konkreten Welt. Die Viehzüchterkultur Indiens oder der Ahnenkult Chinas zeugen heute noch von dieser traditionnellen Anbindung des Menschen am „Paradies“. Erst der spätere persische Kulturimpuls des Zarathoustra erzog die Menschen zum ersten Mal zu Bauern. Der trojanische Krieg schildert im Grunde die Überwindung der magisch geprägten Priesterkultur Asiens durch die individuell geleiteten Intelligenz der „listenreichen“ West-Griechen. Daß die asiatischen Prinzipien von Magie und tyrannischer Alleinherrschaft in der neueren Zeit weiter rumorten, zeigt die Geschichte des russischen zwanzigsten Jahrhunderts sowie, unheilbringend mit der westeuropäischen Intellektualität gepaart, die Geschicke Deutschlands ab dessen Dreißiger Jahren.