Es folgen sämtliche Betrachtungen über die Perikopen-Reihenfolge, über die die Evangelium-Textstellen also, die im Rahmen der Menschenweihehandlung zu Gehör gebracht werden, wie sie in der Zeitschrift „die Christengemeinschaft“ im Jahre 1985 durch Werner Schröder herausgegeben wurden. Hinzugefügt wurden die jeweils kompletten besprochenen Kapitel aus dem Evangelium. Oft kommen aber als vorgelesene Perikope nur ein bestimmter Teil, ein Ereignis oder ein Gleichnis aus diesem Kapitel infrage. Der erste Artikel erschien zur Adventszeit, dem eigentlichen Anfang des Kirchenjahres und des Perikopenzyklus.

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Die Evangelien im Jahreslauf

In der Reihe unserer Perikopen-Betrachtungen sind wir an ein Ende gelangt, das zugleich ein Anfang ist: Das Adventsevangelium, Lukas 21, bildet die Zusammenfassung und Krönung der apokalyptischen Texte des Oktober und November. Zugleich liegt im Advent der Beginn des neuen Kirchenjahres, und so wird mit der Adventsperikope gleichzeitig ein Grundton angeschlagen, der durch das ganze folgende Jahr weiterklingen sollte. Es mag auf den ersten Blick befremdlich erscheinen, daß gerade zu Advent ein Text gelesen wird, der zunächst in lapidaren Worten und Bildern von Katastrophen und Untergängen spricht. Es sind Worte, die Christus am Kardienstag im Nachklang der Auseinandersetzungen mit den Führern des Volkes und im Anblick des Tempels vom Ölberg aus seinen Jüngern übergeben hat. Ihm stand dabei der Untergang dieser Welt, die sich ihm entgegenstellte, vor Augen. Auch der Tempel mußte untergehen.

In diesen Untergangsbildern, die zunächst nur das Judentum betreffen, erscheinen dann aber die Bilder größerer Untergänge, ganz im Sinne der Apokalypse. Doch die »Apokalypse« wäre nicht vollständig, wenn sich zu den Untergangsbildern nicht die »Aufgangsbilder« hinzugesellen würden. »Apokalypse« heißt ja nicht »Katastrophe«, »Untergang«, wie der heutige Sprachgebrauch nahelegt; es heißt vielmehr »Enthüllung eines Verborgenen«, »Offenbarung«, und meint das Erscheinen der göttlichen Welt aus und in den Untergängen.

So wird es auch in Lukas 21 am Schluß deutlich: Das Erscheinen des Menschensohnes wird der Menschheit gerade in den Schwierigkeiten des Menschheitsdramas bewußt werden können. Durch die Untergänge hindurch bricht eine neue Welt auf, die von der Kraft der Worte Christi getragen ist: »Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber vergehen nicht.« Hier ist auf die Zukunft bildende Kraft hingewiesen, die mit dem Christuswirken in die Untergänge eingewoben ist und die in dem Augenblick hervortreten kann, da die Außenschale der Welt brüchig zu werden beginnt. »Untergang des Äußeren soll werden Aufgang des Seelen-Innersten« (Rudolf Steiner), das ist das Motto der Adventszeit von der Perikope her gesehen. Um das dann folgende Weihnachtslicht heute richtig zu empfangen, müssen wir durch die Erschütterungen der Untergänge hindurchgehen und in ihnen zugleich das Aufschimmern der Zukunft zu erahnen suchen.

Auf die apokalyptischen Klänge der Adventsperikope folgen die großen positiven Bilder der Weihnachtsevangelien:

Mitternacht – Geburt nach Matthäus 1;

am Morgen — Geburt nach Lukas 2;

am Tage—Johannes 21.

Über diese drei Evangelien ist viel geschrieben und gesprochen worden. Wir können hier hervorheben, daß sie die positive Ergänzung zu den ernsten apokalyptischen Texten der vorangehenden drei Monate darstellen. Trotz aller Untergänge stellt sich die Gegenwart des Göttlichen in die Menschheit herein; Christus wird jedes Jahr neu in die Menschheit hineingeboren (Matthäus i und Lukas 2), und wir sollen seine reale Gegenwart empfangen und erfahren. Gnade waltet, und Liebe leuchtet – Weihnacht ereignet sich als das große Geschenk der göttlichen Welt an die ringende Menschheit.

Und was uns mit apokalyptischem Ernst vor die Seele getreten ist unter dem Motto: »Ohne den Menschen geht es nicht«, wird nun in die schlichte Frage gekleidet: »Liebst du mich?« (Joh. 21). Diese Frage als echte Frage des Christus an uns Menschen zu empfinden, gehört zu den grundlegenden Weihnachtsstimmungen der Gegenwart und Zukunft: Gott liebt den Menschen; und es ist ihm nicht gleichgültig, ob und wie der Mensch diese Liebe erwidert, denn erst dann findet die Christustat ihren vollen Sinn.

 

Advent

Luk 21

Er blickte auf und sah die Reichen ihre Opfergaben in den

Tempelschatz einwerfen. Aber auch eine arme Witwe sah er, die

3   zwei kleine Münzen einlegte. Da sagte er: In Wahrheit sage ich

euch: Diese arme Witwe hat mehr als alle anderen eingelegt;

4  denn alle brachten aus ihrem Überfluß ihre Gaben, sie aber hat

aus ihrem Mangel alles hergegeben, was sie zum Leben hatte.

5  Als dann einige über den Tempel redeten, wie er mit edlen Stei-

6  nen und Weihgeschenken geschmückt sei, da sagte er: Es werden

Tage kommen, an denen von dem, was ihr da anschaut, kein Stein

7  auf dem ändern bleibt; alles wird zertrümmert werden. Sie frag¬

ten ihn: Meister, wann wird das denn sein, und was ist das Zei-

8  chen dafür, daß es bevorsteht ? Er sagte: Seht zu, laßt euch nicht

irreführen! Denn es werden viele in meinem Namen kommen

und sagen: Ich bin, und: die Stunde ist da. Folget ihnen nicht!

9  Wenn ihr von Kriegen und Aufruhr hört, laßt euch nicht beäng¬

stigen ! Denn dies muß zuerst geschehen; das Ende aber kommt

nicht so rasch.

10   Und er fuhr fort: Erheben wird sich Volk gegen Volk und

11  Reich gegen Reich; allerorten wird es große Erdbeben geben,

Seuchen und Hungersnöte, schreckliche Erscheinungen und

mächtige Zeichen am Himmel. Noch vor dem allem werden         12

sie Hand an euch legen und euch verfolge n, man wird euch an

die Synagogen und Gefängnisse ausliefern, auch vor Könige

und Statthalter führen, weil mein Name in euch lebt. Dann          13

wird es an euch sein, Zeugnis abzulegen. Nehmt es aber jetzt      14

zu Herzen, daß ihr euch nicht im voraus um eure Verteidigung

sorgen sollt? denn ich selbst werde euch Mund und Weisheit         15

geben, so daß euch keiner von all euren Gegnern standhalten

oder widersprechen kann. Aber auch von Eltern und Geschwi-

16stern, von Verwandten und Freunden werdet ihr verraten wer

den, und man wird manchem von euch das Leben nehmen,

und ihr werdet von allen angefeindet werden, weil mein Name     17

in euch lebt. Und doch soll kein Haar von eurem Haupte verlo-      18

rengehen. Durch euer Ausharren werdet ihr das Leben eurer          19

Seele gewinnen.

Seht ihr aber Jerusalem von Heerscharen umringt, so wißt:         20

Die Verwüstung der Stadt steht nahe bevor. Dann sollten, die         21

in Judäa sind, auf die Berge fliehen; die in der Stadt sind,

sollten nach draußen entweichen; und die auf dem Lande

sind, sollten nicht in die Stadt hineingehen; denn das sind             22

die Tage der Vergeltung, an denen sich alles erfüllt, was ge¬

schrieben steht. Wehe den schwangeren und stillenden Frau-         23

en in jenen Tagen! Denn mächtige Schicksalsnot kommt über

das Land, und Zorn wird walten über diesem Volk. Sie wer-            24

den fallen durch des Schwertes Schneide und als Gefangene

weggeführt werden unter alle Völker; und Jerusalem wird

von den Heiden zertreten werden, bis sich auch die Zeiten

der Heiden erfüllen.

Und es werden Zeichen sein an Sonne, Mond und Sternen            25

und auf der Erde ein Zusammendrängen der Völker, da es kei¬

nen Ausweg gibt vor dem Tosen und Wogen des Meeres und die       26

Menschen besinnungslos werden in banger Erwartung dessen,

was über die Erdenmenschheit hereinbricht Denn die Kräfte

der Himmelssphären werden erschüttert werden. Dann wird           27

der Menschensohn den schauenden Seelen erscheinen im Wol-

kensein mit mächtiger Bewegung und vielfältiger Offenbarung.

28    Wenn dieses Werden beginnt, dann richtet euch auf und erhebt

eure Häupter; denn es naht eure Erlösung.

29   Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Schaut den Feigenbaum

30   an und alle Bäume! Sobald sie ausschlagen, erkennt ihr bei

dem Anblick von selbst, daß der Sommer schon nahe ist;

31   ebenso sollt ihr, wenn ihr dieses Werden wahrnehmt, erken-

32   nen: Das Reich Gottes ist nahe. Amen, ich sage euch: Dieses

Menschengeschlecht wird nicht vergehen, ehe das alles ins

33    Werden kommt. Der Himmel und die Erde werden vergehen,

aber meine Worte werden nicht vergehen.

34    Achtet aber auf euch selbst, daß eure Herzen nicht belastet

werden durch Völlerei, Rausch und durch die Sorgen des Lebens,

und daß jener Tag nicht plötzlich über euch kommt wie eine

35   Schlinge. Denn er wird kommen über alle, die da wohnen auf

36   dem Angesicht der ganzen Erde. Seid wachsam in jedem Augen¬

blick und bittet um die Kraft, unversehrt hervorzugehen aus all

dem, was geschehen muß, und zu stehen vor dem Menschen-

sohn.

37   Die Tage über weilte er im Tempel und lehrte. In den Näch¬

ten ging er hinaus und blieb draußen auf dem Berg, der 01-

38   berg heißt. In der Frühe kam das ganze Volk wieder zu ihm in

den Tempel, um ihn zu hören.

Weihnachten

Mitternacht

Mat 1

Buch des Werdens Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Soh-       1

nes Abrahams.

Abraham zeugte Isaak; Isaak zeugte Jakob; Jakob zeugte         2

Juda und seine Brüder; Juda zeugte Phares und Zara, deren        3

Mutter Thamar war; Phares zeugte Esrom; Esrom zeugte

Aram; Aram zeugte Aminadab; Aminadab zeugte Naasson;           4

Naasson zeugte Salmon; Salmon zeugte Boas, dessen Mutter        5

Rahab war; Boas zeugte Jobed, dessen Mutter Ruth war; Jobed

zeugte Jesse; Jesse zeugte David, den König.                              6

David zeugte Salomo, dessen Mutter die Frau des Uria war;

Salomo zeugte Rehabeam; Rehabeam zeugte Abia; Abia zeugte    7

Asaph; Asaph zeugte Josaphat; Josaphat zeugte Joram; Joram     8

zeugte Usia; Usia zeugte Joatham; Joatham zeugte Ahas; Ahas     9

zeugte Hiskia; Hiskia zeugte Manasse; Manasse zeugte Amös;       10

Amös zeugte Josia; Josia zeugte Jechonja und dessen Brüder       11

zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft

Nach der babylonischen Gefangenschaft zeugte Jechonja Sa-    12

lathiel; Salathiel zeugte Serubabel; Serubabel zeugte Abihud;      13

Abihud zeugte Eljakim; Eljakim zeugte Asor; Asor zeugte Sa-        14

dok; Sadok zeugte Achim; Achim zeugte Elihud; Elihud zeugte      15

Eleasar; Eleasar zeugte Matthan; Matthan zeugte Jakob; Jakob     16

zeugte Joseph, den Mann der Maria, aus der geboren wurde

Jesus, der genannt wird Christus, der Gesalbte.

Alle Geschlechter von Abraham bis David sind vierzehn,              17

und von David bis zur babylonischen Gefangenschaft sind es

vierzehn Geschlechter, und von der babylonischen Gefangen¬

schaft bis zu Christus sind es ebenfalls vierzehn Geschlechter.

Die Geburt des Jesus Christus geschah so: Als seine Mutter            18

Maria mit Joseph verlobt war, fand es sich, ehe sie zusammen¬

zogen, daß sie schwanger war unter dem Walten des heiligen

Geistes. Joseph, ihr Mann, der als ein Gerechter lebte und ihr      19

Geheimnis nicht dem Gerede preisgeben wollte, beschloß, sie

in Stille zu entlassen. Als er das bei sich erwog, siehe, da er-        20

schien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Joseph,

Sohn Davids, scheue dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu

 

Morgen

Luk 2

Es geschah in jenen Tagen, daß ein Erlaß vom Kaiser Augustus –

ausging: Alle Bewohner des Reiches sollten sich eintragen las-

sen. Dies war die erste Volkszählung; sie fand statt, als duirini-     2

us Statthalter von Syrien war. Und alle machten sich auf den         3

Weg, ein jeder in seine Vaterstadt, um sich einschreiben zu

lassen.

So zog auch Joseph von Galiläa aus der Stadt Nazareth hinauf     4

nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt, weil er aus

dem Hause und der Sippe Davids war, um sich eintragen zu            5

lassen zusammen mit Maria, seiner Frau; die war schwanger.

Es geschah aber, als sie dort waren, daß für Maria die Stunde      6

ihrer Niederkunft kam, und sie gebar ihren Sohn, den erstgebo-     7

renen, und wickelte ihn in Windeln und bettete ihn in eine

Krippe; denn in der Herberge selbst war für sie kein Raum

In der Gegend waren Hirten auf freiem Felde; die hielten             8

Nachtwache bei ihrer Herde. Und ein Engel des Herrn trat zu          9

ihnen, und das Offenbarungslicht des Herrn umleuchtete sie;

10   sie wurden ergriffen von mächtiger Furcht. Da sprach der En¬

gel zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch

11   große Freude, die für alle Menschen bestimmt ist. Geboren ist

euch heute der Heilbringer, Christus der Herr, in der Stadt

12   Davids. Und dies sei euch ein Zeichen: ihr werdet finden ein

neugeborenes Kind, in Windeln gewickelt und liegend in einer

13   Krippe. Und plötzlich war bei dem Engel die Menge der himm¬

lischen Heerscharen, die Gott priesen mit den Worten:

14   Geoffenbart sei Gott in den Höhen

und auf Erden Friede unter den Menschen,

die eines guten Willens sind.

15    Und als die Engel von ihnen wieder in den Himmel wichen,

sprachen die Hirten zueinander: Laßt uns gleich nach Beth¬

lehem hinübergehen und das Ereignis sehen, das der Herr

16    uns kundgetan hat. Und eilends kamen sie dorthin und fan¬

den Maria und Joseph und das neugeborene Kind, das in der

17    Krippe lag. Als sie es sahen, berichteten sie von dem Worte,

18    das ihnen über dieses Kindlein gesagt war. Und alle, die es

hörten, staunten über das, was die Hirten zu ihnen sprachen.

19     Maria aber behütete und bewegte all diese Worte in ihrem

20    Herzen. Die Hirten kehrten heim, sie priesen und lobten Gott

für alles, was sie so gehört und gesehen hatten, wie es ihnen

angesagt war.

21    Als dann nach acht Tagen der Knabe beschnitten werden

mußte, wurde ihm der Name Jesus gegeben, den der Engel vor

seiner Empfängnis ausgesprochen hatte.

22    Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Moses

erfüllt waren, brachten sie ihn hinauf nach Jerusalem, um ihn

23    dem Herrn darzubringen, wie im Gesetz des Herrn geschrieben

steht: »Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht wer-

24    den«, und um das Opfer zu bringen gemäß dem Gesetz des

Herrn: »ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben«.

25   Und siehe, es war in Jerusalem ein Mensch mit Namen

Simeon. Dieser Mensch lebte gerecht und fromm, er erwartete

26    den Trost Israels, und heiliger Geist waltete über ihm. Er hatte

vom heiligen Geiste die Weissagung empfangen, daß er den

Tod nicht sehen werde, bis er den Gesalbten des Herrn erblickt

habe. So kam er/ vom Geist geführt, in den Tempel, gerade als         27

die Eltern das Kind Jesus hineintrugen zu der Handlung, die

das Gesetz vorschreibt. Und er nahm es in die Arme und pries           28

Gott mit den Worten:

Nun entläßt du, o Gebieter, deinen Knecht in Frieden,                    29

wie du es verheißen.

Denn meine Augen haben dein Heil gesehen,                                   30

das du bereitet hast vor dem Angesicht aller Völker,                        31

ein Licht zur Offenbarung für die Heidenvölker                                32

und zur Verklärung deines Volkes Israel.

Sein Vater und seine Mutter waren verwundert über das, was              33

von dem Kind gesagt wurde. Und Simeon segnete sie und                    34

sagte zu Maria, seiner Mutter: Siehe, er ist dazu bestimmt, daß

viele in Israel fallen und aufstehen, und zu einem Zeichen,

dem widersprochen wird; auch dir selbst wird ein Schwert                  35

durch die Seele dringen. Es sollen ja aus vielen Herzen die

Gedanken offenbar werden.

Dort war auch eine Prophetin Hanna, eine Tochter Phanuels             36

aus dem Stamme Äser. Sie war hochbetagt, sie hatte nach ihrer

Jungfrauenzeit sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt und war               37

nun eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie verließ nie den

Tempel und diente dort mit Fasten und Gebet Tag und Nacht.

Zu derselben Stunde trat auch sie heran, bekannte sich in dank-          38

baren Worten zu Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf

die Erlösung Jerusalems warteten. Als sie dann alles nach dem            39

Gesetz des Herrn vollbracht hatten, kehrten sie heim nach Gali-

läa in ihre Stadt Nazareth. Das Kind wuchs heran und erstarkte,          40

von Weisheit erfüllt, und Gottes Gnade ruhte auf ihm.

Und seine Eltern zogen jedes Jahr zum Passahfeste nach                  41

Jerusalem. Als er zwölf Jahre alt geworden war, gingen sie                  42

nach der Sitte des Festes mit ihm hinauf. Als sie aber am                     43

Ende der Festtage heimkehrten, blieb der Knabe Jesus in Je¬

rusalem zurück, ohne daß seine Eltern davon wußten. In der               44

Meinung, er sei bei den Reisegefährten, zogen sie eine Tage¬

reise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Be-

kannten. Und als sie ihn nicht fanden/ kehrten sie nach Jeru¬

salem zurück und suchten ihn dort. Und nach drei Tagen

geschah es: sie fanden ihn im Tempel. Er saß mitten unter

den Lehrern und hörte ihnen zu und richtete Fragen an sie;

und alle, die ihn hörten, gerieten außer sich über sein Ver¬

ständnis und seine Antworten. Als die Eltern ihn sahen,

waren sie bestürzt, und seine Mutter sagte zu ihm: Mein

Kind, wie konntest du uns das antun! Siehe, dein Vater und

ich suchen dich mit Schmerzen. Und er sagte zu ihnen: Wie

konntet ihr mich suchen? Wußtet ihr nicht, daß ich sein muß

da, wo mein Vater waltet? Doch sie verstanden das Wort

nicht, das er zu ihnen sprach. Und er zog mit ihnen hinab

und kam wieder nach Nazareth; und er fügte sich in ihre

Lebensordnung. Seine Mutter bewahrte alle Worte in ihrem

Herzen. Und Jesus entfaltete Weisheit, Lebensreife und

Wesensanmut vor Gott und den Menschen.

 

Tag

Joh 21

Später zeigte sich Jesus von neuem seinen Jungem am See von

Tiberias. Er erschien ihnen auf folgende Weise: Es waren bei¬

sammen Simon Petrus und Thomas, genannt der Zwilling,

Nathanael von Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und

noch zwei andere aus dem Jüngerkreise. Simon Petrus spricht      3

zu ihnen: Ich gehe hin zum Fischen. Sie sagen zu ihm: Wir

gehen auch mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen ins Boot,

aber in jener Nacht fingen sie nichts.

Als schon der Morgen dämmerte, stand Jesus am Ufer. Die         4

5  Jünger begriffen jedoch nicht, daß es Jesus war. Jesus spricht

zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten

6   ihm: Nein. Da sagte er ihnen: Werfet das Netz aus an der

rechten Seite des Bootes, so werdet ihr finden. Sie warfen es

aus und vermochten es nicht mehr einzuholen, so voll von

7  Fischen war es. Nun sagt der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus:

Es ist der Herr. Als Simon Petrus hörte: es ist der Herr, gürtete

er sich seinen Überwurf um, denn er war nackt, und warf sich

8  in den See. Die anderen Jünger kamen mit dem Boote, sie

waren nur noch zweihundert Ellen vom Land entfernt, und

9   zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her. Als sie nun ans

Land stiegen, da sehen sie ein Kohlenfeuer angelegt und Fisch

10  und Brot dabeiliegen. Jesus spricht zu ihnen: Bringt von den

11  Fischen, die ihr eben gefangen habt! Da stieg Simon Petrus

herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundert-

dreiundfünfzig; und obwohl es so viele waren, zerriß das Netz

12  doch nicht. Jesus sagt zu ihnen: Kommt zum Morgenmahl!

Keiner von den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du ? Sie

13  wußten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot

und gibt es ihnen und den Fisch in gleicher Weise.

14  Dies war bereits das dritte Mal, daß Jesus den Jungem

erschien als der von den Toten Erstandene.

15  Nach dem Morgenmahle spricht Jesus zu Simon Petrus:

Simon, Sohn des Jona, liebst du mich mehr als die anderen?

Er antwortet ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dein Freund bin.

16  Sagt er zu ihm: Weide meine Lämmer. Zum zweiten Male

spricht er zu ihm: Simon, Sohn des Jona, liebst du mich? Er

antwortet ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dein Freund bin.

17  Sagt er zu ihm: Hüte meine Schafe. Zum dritten Male spricht

er zu ihm: Simon, Sohn des Jona/ bist du mein Freund? Pe¬

trus wurde traurig, weil er zum dritten Mal fragte: bist du

mein Freund, und antwortet ihm: Herr, du durchschaust al¬

les, du erkennst, daß ich dein Freund bin. Sagt Jesus zu ihm:

18   Weide meine Schafe. Amen Amen, ich sage dir: Als du jünger

warst, gürtetest du dich selbst und wandeltest, wohin du

wolltest; wenn du aber alt sein wirst, wirst du deine Hände

ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dahin

bringen, wohin du nicht willst. Mit diesem Worte deutete er       19

darauf hin, durch welche Todesart er Gott offenbaren werde.

Und nach diesem Worte spricht er zu ihm: Folge mir nach!

Als Petrus sich umwendet, sieht er den Jünger nachfolgen,       20

den Jesus liebte, der beim Abendmahle sich an seine Brust

gelegt und gefragt hatte: Herr, wer ist es, der dich verrät? Als      21

Petrus ihn jetzt sieht, spricht er zu Jesus: Herr, was soll aber

dieser? Jesus spricht zu ihm: Wenn ich will, daß er bleibe, bis       22

ich komme, was hat das mit dir zu tun?41 Du folge mir!

Darauf verbreitete sich unter den Brüdern das Wort: Dieser        23

Jünger stirbt nicht. Doch Jesus hatte zu Petrus nicht gesagt: er

stirbt nicht, sondern: wenn ich will, daß er bleibe, bis ich kom¬

me, was hat das mit dir zu tun ?

Das ist der Jünger, der als Zeuge dies alles berichtet und der      24

es niedergeschrieben hat. Und wir wissen, daß sein Zeugnis

wahr ist.

Noch vieles andere aber gibt es, was Jesus getan hat. Wollte      25

man alles im einzelnen aufschreiben, so könnte, meine ich, die

Welt die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären.

 

Von alters her hat man im christlichen Gottesdienst die Evangelien imJahreslauf auf eine bestimmte Art angeordnet: Die sogenannte Perikopen-Ordnung geht in ihren Anfängen wohl schon in die frühe Zeit des Christentums zurück und hat dann im 5./6. Jahrhundert deutlichere Gestalt angenommen.

In der Christengemeinschaft ist die Lesung bestimmter Evangelien-» Abschnitte« (das Wort »Perikope« bedeutet »Herausgeschnittenes«) ebenfalls mit bestimmten Zeiten des Jahres verbunden. So liegt es selbstverständlich nahe, zu Ostern ein Osterevangelium, zu » Dreikönig « das Evangelium von den Königen zu lesen usw.; oft aber ist der Zusammenhang einer Perikope mit einer Jahres- oder Festeszeit nicht so offensichtlich.

Hier soll nun in einigen Aufsätzen der Versuch gemacht werden, in zwangloser Art etwas über die Evangelien des jeweiligen Monats zu sagen.

 

Epiphaniaszeit – Januarperikopen

Indem wir aus der Weihnachtszeit, der Zeit der »heiligen« Tage und Nächte, heraustreten, nimmt uns eine neue Festeszeit auf, die Epiphaniaszeit. Der ö.Januar ist bereits ein hoher christlicher Festtag, ‚und entsprechend wird hier das Evangelium von der Erscheinung des Sternes und dem Erscheinen der Könige nach dem zweiten Kapitel des Matthäus-Evangeliums gelesen. »Epiphanias«, ein griechisches Wort, heißt »Erscheinung« oder »Offenbarung«; dieses Wort beziehen wir heute auf die ganze » Epiphanias «-Festeszeit, die in der Christengemeinschaft über den alten »Epiphaniastag« (den 6. Januar) hinaus vier Wochen gefeiert wird — anders als in der Kirche bisher, wo es keine solche Epiphaniaszeit gegeben hat. Aufweiche Erscheinung und Offenbarung, so können wir fragen, schauen wir in diesen vier Wochen hin?

Die Evangelien dieser Zeit sind die folgenden:

am 6. Januar und dem folgenden Sonntag: Matthäus 2 — Stern und Könige;

am 2. Sonntag: Lukas 2 — Der zwölfjährige Jesus im Tempel;

am 3. Sonntag: Johannes 2 — Die Hochzeit zu Kana; oder: Matthäus 8 — Der Hauptmann zu Kapernaum;

am letzten Sonntag: eine Heilung.

Was sagt diese Reihenfolge?

Sie ist eine Reihe, die in ihrer Aufeinanderfolge von einer fortschreitenden Inkarnation, von einem immer mehr Ins-Irdische-Eintreten eines Geistigen spricht.

Schon an der äußeren Bilderfolge ist dies ablesbar: In Matthäus 2 erscheint der Stern über dem Haus, in welchem das Kind sich befindet. Dieses Bild spricht unmittelbar aus, daß hier ein Geistiges – im Bilde des Sternes – sich

erst anschickt, in eine » Behausung « einzutreten; es überstrahlt noch die Leiblichkeit des Kindes, das da geboren worden ist, so wie es bei jedem Neugeborenen geschieht. Das Evangelium des zweiten Epiphanias-Sonntages, Lukas 2, zeigt einen nächsten Schritt; wenn wir im Bilde weitersprechen wollen, können wir sagen: Der Stern strahlt jetzt nicht mehr über dem Kinde und über dem Hause, sondern er leuchtet als Weisheit und Liebe aus dem Zwölfjährigen im Tempel. Der Stern ist eingezogen, hat sich »inkarniert« (was ja heißt: »verfleischlicht«) und tritt nun der Umgebung aus den Gedanken und Worten des Knaben entgegen.

Eine weitere Stufe dieser Inkarnation zeigt die Hochzeit zu Kana, Johannes 2. Jetzt, so könnten wir sagen, offenbart der » Stern«, daß er eigentlich eine Sonne ist und daß er aus dem Menschen, der ihn in sich trägt, nicht nur als Weisheit und Liebe, sondern mit sonnenhafter Wandlungsmacht hervorbricht: Was die Sonne in der Natur vollzieht – die Wandlung von Wasser zu Wein in der Rebe -, das vollzieht Christus kraft seiner geistigen Sonnenmacht auf der Hochzeit zu Kana unter den Menschen.

Ein letzter Schritt ereignet sich, wenn wir am vierten Epiphanias-Sonntag eine Heilung lesen (die Perikope ist hier nicht festgelegt); denn nun steigert sich die Erscheinung des Geistigen im Irdischen – das heißt: die Epiphanie des Christus – zur Kraft der Heilung, die nicht nur wandelt, was gesund ist (Kana), sondern wiederherzustellen vermag, was krank ist. Was also in dieser Perikopenfolge »erscheint«, ist das fortschreitende Offenbarwerden des Christus in der Erdenwelt und seine damit verbundene wachsende Vollmacht über das Irdische.

Warum nicht dieJordantaufe? Oft hört man die Frage: Warum wird bei uns nicht im Zusammenhang mit dem 6. Januar das Evangelium von derJordantaufe gelesen? Denn der 6. Januar ist in der Überlieferung nicht nur der Dreikönigstag (und auch der Tag der Hochzeit zu Kana), sondern vor allem der Tag derJordantaufe — also der »Erscheinung« des Christus und seiner Verbindung mit dem Menschen Jesus.

Aus unserer Darstellung läßt sich ein Gesichtspunkt zur Beantwortung dieser Frage gewinnen. Wir haben ja gesehen, daß es sich in der Perikopenreihe der Epiphaniaszeit um eine fortschreitende Inkarnation handelt. Was in derJordantaufe in einem gewaltigen Bilde vor uns hintritt: das Erscheinen Christi aus der Geisteswelt heraus und sein Eindringen in die Leiblichkeit Jesu, das ist in den vier Epiphanias-Evangelien in vier Stufen auseinandergelegt und zugleich als fortschreitendes Geschehen anschaubar geworden. Wir haben hier in vier Schritten vor uns, was in derJordantaufe in einem einzigen Bilde erscheint.

Auf diesem Hintergrunde wird nun aber auch deutlich, warum die Epiphaniaszeit mit ihren vier Stufen an die große Offenbarung der Weihnachtszeit anschließt. Was uns zu Weihnachten in einem großen Aufleuchten überstrahlt hat, will nun in der Epiphanias-Zeit gleichsam stufenweise zu uns herabsteigen und Erdenwirklichkeit werden; was zu Weihnachten die große, gnadevolle Verheißung war, will nun wirklich Erdenmensch werden und uns in unsere alltäglichen Erdenverhältnisse begleiten. Weihnachten kann für uns immer mehr eine herausgehobene Gnadenzeit werden; daß sich heute an diese Gnadenzeit eine weitere Festeszeit vier Wochen hindurch anschließen kann, gehört zu den großen Geschenken der christlichen Erneuerung. Denn es gibt uns Gelegenheit, das Weihnachtserleben richtig nachklingen zu lassen und mit unserem All- tagserleben zu verbinden.

Rudolf Steiner weist einmal auf das besondere Geheimnis der Nachweihnachtszeit hin; er sagt, daß Christus in dieser Zeit »neben uns einherwandelt« (in einem Vortrag vom 20.2.1917). Wir können im Sinne unserer Perikopenbetrachtung hinzufügen: Zu Weihnachten erscheint Christus als das Licht aus der geistigen Welt; zu Epiphanias aber verbindet er sich immer mehr mit der Erdenwirklichkeit, inkarniert sich wiederum, so daß er »neben uns einherwandeln« kann – unsichtbar zwar, aber doch so real, wie ihn uns die Evangelien schildern, als ein Mensch; das heißt: liebend, lehrend, wandelnd, heilend.

Epiphaniaszeit

Epiphanias und 1. Sonntag

Mat 2

Nachdem Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa in der

Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Priesterweise aus

2  dem Morgenlande nach Jerusalem. Die sprachen: Wo ist er,

der geboren wurde als König der Juden? Haben wir doch

seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihm zu

huldigen.

3  Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm

4  ganz Jerusalem. Er ließ alle Hohenpriester und Schriftgelehr-

ten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei

5  ihnen, wo der Messias geboren werde. Sie sagten ihm: Zu

Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den

Propheten:

6  »Und du, Bethlehem im Lande Judäa, nicht die geringste bist

du unter den Fürstenstädten Judas; denn aus dir wird der Fürst

hervorgehen, der als Hirte mein Volk Israel leiten wird.«

7  Darauf berief Herodes heimlich die Priesterweisen und ließ

sich von ihnen genau die Zeit angeben, wann der Stern er-

8  schienen war. Dann sandte er sie nach Bethlehem und sagte:

Geht und forscht gründlich nach dem Kinde; sobald ihr es

gefunden habt, erstattet mir Bericht, damit auch ich hingehe

9  und ihm huldige. Als sie das von dem König gehört hatten,

machten sie sich auf den Weg. Und siehe, der Stern, den sie im

Aufgehen gesehen hatten, zog vor ihnen her, bis er über dem

Ort ankam und stehenblieb, wo das Kind war.

Als sie den Stern erschauten, erfüllte sie übermächtige Freu-      10

de. Sie traten in das Haus ein, sahen das Kind mit Maria, seiner      11

Mutter, fielen vor ihm nieder und huldigten ihm; und sie öff¬

neten ihre Schatzkästen und brachten ihm als Geschenke dar

Gold, Weihrauch und Myrrhe. Im Traum empfingen sie die              12

Weisung, nicht zu Herodes zurückzukehren, und so zogen sie

auf einem anderen Wege wieder in ihr Land.

Als sie wegzogen, siehe, da erscheint dem Joseph im Traum         13

ein Engel des Herrn und spricht: Steh auf, nimm das Kind und

seine Mutter und fliehe nach Ägypten und bleibe dort, bis ich

wieder zu dir spreche; denn Herodes wird nach dem Kinde su¬

chen lassen, um es umzubringen. Da stand er auf, nahm in der       14

Nacht das Kind und seine Mutter und entwich nach Ägypten.

Dort blieb er bis zum Tode des Herodes. Es sollte sich erfüllen,       15

was vom Herrn durch den Mund des Propheten gesprochen ist:

»Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

Als nun Herodes sich von den Priesterweisen getäuscht sah,            16

wurde er sehr zornig; er sandte seine Leute aus und ließ in

Bethlehem und der ganzen Umgegend alle Knaben im Alter

von zwei Jahren und darunter töten, gemäß der Zeit, die er von

den Priesterweisen erfragt hatte. Da erfüllte sich das Prophe-        17

tenwort des Jeremia:

»Eine Stimme wurde in Rama vernommen, viel Weinen und          18

großes Klagen; Rahel weint um ihre Kinder und läßt sich nicht

trösten, denn sie sind nicht mehr da.«

Als aber Herodes gestorben war, siehe, da erscheint dem              19

Joseph in Ägypten ein Engel des Herrn im Traum und spricht           20

zu ihm: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und ziehe

in das Land Israel; denn gestorben sind, die dem Kinde nach

dem Leben trachteten. Da stand er auf, nahm das Kind und             21

seine Mutter und kehrte in das Land Israel zurück. Doch als er         22

hörte, daß Archelaos anstelle seines Vaters Herodes König

über Judäa sei, trug er Bedenken, dorthin zu gehen. Er empfing

23  im Traum eine Weisung und zog in das Gebiet von Galiläa und

ließ sich dort nieder in einer Stadt namens Nazareth. Es sollte

sich das Prophetenwort erfüllen: Er soll ein Nazoräer heißen.

 

2. Sonntag

Luk 2

Es geschah in jenen Tagen, daß ein Erlaß vom Kaiser Augustus

ausging: Alle Bewohner des Reiches sollten sich eintragen las¬

sen. Dies war die erste Volkszählung; sie fand statt, als Quirini- 2

us Statthalter von Syrien war. Und alle machten sich auf den 3

Weg, ein jeder in seine Vaterstadt, um sich einschreiben zu

lassen.

So zog auch Joseph von Galiläa aus der Stadt Nazareth hinauf 4

nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt, weil er aus

dem Hause und der Sippe Davids war, um sich eintragen zu 5

lassen zusammen mit Maria, seiner Frau; die war schwanger.

Es geschah aber, als sie dort waren, daß für Maria die Stunde 6

ihrer Niederkunft kam, und sie gebar ihren Sohn, den erstgebo- 7

renen, und wickelte ihn in Windeln und bettete ihn in eine

Krippe; denn in der Herberge selbst war für sie kein Raum.

In der Gegend waren Hirten auf freiem Felde; die hielten 8

Nachtwache bei ihrer Herde. Und ein Engel des Herrn trat zu 9

ihnen, und das Offenbarungslicht des Herrn umleuchtete sie;

10 sie wurden ergriffen von mächtiger Furcht. Da sprach der En¬

gel zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch

11 gro&e Freude, die für alle Menschen bestimmt ist. Geboren ist

euch heute der Heilbringer, Christus der Herr, in der Stadt

12 Davids. Und dies sei euch ein Zeichen: ihr werdet finden ein

neugeborenes Kind/ in Windeln gewickelt und liegend in einer

13 Krippe, und plötzlich war bei dem Engel die Menge der himm¬

lischen Heerscharen, die Gott priesen mit den Worten:

14   Geoffenbartsei Gott in den Höhen

und auf Erden Friede unter den Menschen,

die eines guten Willens sind.

15 Und als die Engel von ihnen wieder in den Himmel wichen,

sprachen die Hirten zueinander: Laßt uns gleich nach Beth¬

lehem hinübergehen und das Ereignis sehen, das der Herr

16 uns kundgetan hat. Und eilends kamen sie dorthin und fan-

den Maria und Joseph und das neugeborene Kind, das in der

17 Krippe lag. Als sie es sahen, berichteten sie von dem Worte,

18 das ihnen über dieses Kindlein gesagt war. Und alle, die es

hörten, staunten über das, was die Hirten zu ihnen sprachen.

19 Maria aber behütete und bewegte all diese Worte in ihrem

20 Herzen. Die Hirten kehrten heim, sie priesen und lobten Gott

für alles, was sie so gehört und gesehen hatten, wie es ihnen

angesagt war.

21   Als dann nach acht Tagen der Knabe beschnitten werden

mußte, wurde ihm der Name Jesus gegeben, den der Engel vor

seiner Empfängnis ausgesprochen hatte.

22    Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Moses

erfüllt waren, brachten sie ihn hinauf nach Jerusalem, um ihn

23 dem Herrn darzubringen, wie im Gesetz des Herrn geschrieben

steht: »Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht wer-

24 den«, und um das Opfer zu bringen gemäß dem Gesetz des

Herrn: »ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben«.

25   Und siehe, es war in Jerusalem ein Mensch mit Namen

Simeon. Dieser Mensch lebte gerecht und fromm, er erwartete

26 den Trost Israels, und heiliger Geist waltete über ihm. Er hatte

vom heiligen Geiste die Weissagung empfangen, daß er den

Tod nicht sehen werde, bis er den Gesalbten des Herrn erblickt

habe. So kam er, vom Geist gerührt, in den Tempel, gerade als 27

die Eltern das Kind Jesus hineintrugen zu der Handlung, die

das Gesetz vorschreibt. Und er nahm es in die Arme und pries 28

Gott mit den Worten:

Nun entläßt du, o Gebieter, deinen Knecht in Frieden,      29

wie du es verheißen.

Denn meine Augen haben dein Heil gesehen,             30

das du bereitet hast vor dem Angesicht aller Völker,        31

ein Licht zur Offenbarung für die Heidenvölker            32

und zur Verklärung deines Volkes Israel.

Sein Vater und seine Mutter waren verwundert über das, was 33

von dem Kind gesagt wurde. Und Simeon segnete sie und 34

sagte zu Maria, seiner Mutter: Siehe, er ist dazu bestimmt, daß

viele in Israel fallen und aufstehen, und zu einem Zeichen,

dem widersprochen wird; auch dir selbst wird ein Schwert 35

durch die Seele dringen. Es sollen ja aus vielen Herzen die

Gedanken offenbar werden.

Dort war auch eine Prophetin Hanna, eine Tochter Phanuels 36

aus dem Stamme Äser. Sie war hochbetagt, sie hatte nach ihrer

Jungfrauenzeit sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt und war 37

nun eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie verließ nie den

Tempel und diente dort mit Fasten und Gebet Tag und Nacht.

Zu derselben Stunde trat auch sie heran, bekannte sich in dank- 38

baren Worten zu Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf

die Erlösung Jerusalems warteten. Als sie dann alles nach dem 39

Gesetz des Herrn vollbracht hatten, kehrten sie heim nach Gali-

läa in ihre Stadt Nazareth. Das Kind wuchs heran und erstarkte, 40

von Weisheit erfüllt, und Gottes Gnade ruhte auf ihm.

Und seine Eltern zogen jedes Jahr zum Passahfeste nach 41

Jerusalem. Als er zwölf Jahre alt geworden war, gingen sie 42

nach der Sitte des Festes mit ihm hinauf. Als sie aber am 43

Ende der Festtage heimkehrten, blieb der Knabe Jesus in Je¬

rusalem zurück, ohne daß seine Eltern davon wußten. In der 44

Meinung, er sei bei den Reisegefährten, zogen sie eine Tage¬

reise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Be-

45 kannten. Und als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jeru-

46 salem zurück und suchten ihn dort. Und nach drei Tagen

geschah es: sie fanden ihn im Tempel. Er saß mitten unter

den Lehrern und hörte ihnen zu und richtete Fragen an sie;

47 und alle, die ihn hörten, gerieten außer sich über sein Ver-

48 ständnis und seine Antworten. Als die Eltern ihn sahen,

waren sie bestürzt, und seine Mutter sagte zu ihm: Mein

Kind, wie konntest du uns das antun! Siehe, dein Vater und

49 ich suchen dich mit Schmerzen. Und er sagte zu ihnen: Wie

konntet ihr mich suchen? Wußtet ihr nicht, daß ich sein muß

50 da, wo mein Vater waltet? Doch sie verstanden das Wort

51 nicht, das er zu ihnen sprach. Und er zog mit ihnen hinab

und kam wieder nach Nazareth; und er fügte sich in ihre

Lebensordnung. Seine Mutter bewahrte alle Worte in ihrem

52 Herzen. Und Jesus entfaltete Weisheit, Lebensreife und

Wesensanmut vor Gott und den Menschen.

 

3. Sonntag

Joh 2

Und am dritten Tage wurde eine Hochzeit gefeiert zu Kana in

Galiläa. Und die Mutter Jesu war anwesend. Jesus mit seinen

Jüngern war auch zur Hochzeit geladen. Als der Wein zur Neige

ging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein.

Und Jesus spricht zu ihr: Was waltet zwischen mir und dir, o

Frau ? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter

spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. Es standen

dort für den jüdischen Reinigungsritus sechs steinerne Wasser-

krüge, ein jeder faßte zwei oder drei große Eimer. Jesus spricht

zu ihnen: Füllet die Krüge mit Wasser. Und sie füllten sie bis an

den Rand. Und er spricht zu ihnen: Schöpfet nun und bringet es

dem Speisemeister. Sie brachten es. Als aber der Speisemeister

das Wasser kostete, das Wein geworden war, ohne zu wissen,

woher es kam – nur die Diener, die das Wasser geschöpft hatten,

wußten es -, da ruft der Speisemeister den Bräutigam und

spricht zu ihm: Jedermann setzt seinen Gästen zuerst den guten

Wein vor und, wenn sie berauscht sind, den geringeren; du hast

den guten Wein bis jetzt zurückbehalten.

Diese Tat, die Jesus zu Kana in Galiläa vollbrachte, war der

Anfang der Zeichen; er offenbarte sein Lichtwesen, und in

seinen Jüngern erwachte der Glaube.

Nach diesem Ereignis ging er hinab nach Kapernaum, er

selbst, seine Mutter, seine Brüder und seine Jünger. Dort blie¬

ben sie nur wenige Tage. Das Passahfest der Juden war nahe,

und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Da fand er im Tempel

die Händler, welche Rinder, Schafe und Tauben verkauften,

sowie die Geldwechsler an ihren Tischen. Er machte eine

Geißel aus Stricken und trieb alle zum Tempel hinaus samt

den Schafen und Rindern; er schüttete den Wechslern die

Münzen aus und stieß ihre Tische um; und zu den Tauben-           16

Verkäufern sagte er: Schafft das alles fort von hier, macht das

Haus meines Vaters nicht zum Kaufhaus! Seine Jünger erin-         17

nerten sich, daß geschrieben steht: »Der Eifer um dein Haus

verzehrt mich.«

Da traten die Juden ihm entgegen und sagten zu ihm: Wel-       18

ches Zeichen läßt du uns sehen als Beweis/ daß du dies tun

darfst? Jesus antwortete und sagte ihnen: Brechet diesen Tem-    19

pel ab/ und ich werde ihn in drei Tagen wieder errichten. Dar-     20

aufhin sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre lang ist an die¬

sem Tempel gebaut worden/ und du willst ihn in drei Tagen

wieder errichten? Er aber redete vom Tempel seines Leibes.          21

Als er dann von den Toten erstanden war/ erinnerten sich sei-       22

ne Jünger daran/ daß er dies gesagt hatte/ und es erwachte in

ihnen der Sinn für die Schrift und für das Wort, das Jesus

gesprochen hatte.

Während er zum Passahfest in Jerusalem weilte/ begannen          23

viele seinem Namen zu vertrauen/ hinschauend auf die Zei¬

chen/ die er vollbrachte. Jesus selbst aber vertraute sich ihnen     24

nicht an/ denn er erkannte alle/ brauchte er doch von nieman-     25

dem ein Zeugnis über den Menschen; von sich aus erkannte er

das Innere des Menschen.

 

4. Sonntag:

Eine Heilung

Joh 5

Nach diesen Ereignissen war das Fest der Juden, und Jesus zog

hinauf nach Jerusalem. Es gibt dort in Jerusalem am Schaftor

einen Teich, der auf hebräisch Bethesda heißt, mit fünf

3 Hallen. In diesen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausge-

4 zehrte, die warteten, daß das Wasser sich bewege. Denn ein

Engel des Herrn fuhr zu gewissen Zeiten in den Teich hinab

und brachte das Wasser in Bewegung. Der erste nun, der nach

dem Emporwallen des Wassers hineinstieg, wurde gesund,

welche Krankheit er auch haben mochte.

Da war ein Mensch, der schon achtunddreißig Jahre lang            5

krank war. Als Jesus ihn so liegen sah und erkannte, daß er            6

schon lange Zeit krank war, spricht er zu ihm: Willst du ge¬

sund werden ? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe kei-       7

nen Menschen, der mich in den Teich brächte, wenn das Was¬

ser in Bewegung kommt; bis ich jedoch hinkomme, steigt ein

anderer vor mir hinein. Jesus spricht zu ihm: Erhebe dich,            8

nimm dein Lager auf und wandle! Und sogleich wurde der             9

Mensch gesund und nahm sein Lager und ging.

Es war Sabbat an jenem Tage. Nun sagten die Juden zu dem      10

Geheilten: Heute ist Sabbat, und es ist dir nicht erlaubt, dein

Lager zu tragen. Er antwortete ihnen: Der mich gesund ge-           11

macht hat, der sagte mir: Nimm dein Lager und wandle. Sie         12

fragten ihn: Wer ist der Mensch, der dir sagte: Nimm und

wandle? Der Geheilte wußte nicht, wer es war; denn Jesus           13

hatte sich entfernt wegen der vielen Menschen an dem Ort.

Danach fand Jesus ihn im Tempel und sagte ihm: Siehe, du        14

bist gesund geworden. Sündige nicht mehr, damit dir nichts

Ärgeres geschehe. Der Mensch ging hin und sagte den Juden,        15

daß Jesus es sei, der ihn gesund gemacht habe. Darum stellten     16

die Juden ihm nach, weil er das an einem Sabbat getan hatte.

Er trat ihnen entgegen mit den Worten: Mein Vater wirkt bis         17

jetzt, und so wirke auch ich.

Deshalb trachteten die Juden noch mehr, ihn zu töten, weil      18

er nicht nur den Sabbat brach, sondern auch von Gott als

seinem eigenen Vater sprach und so sich selber Gott gleich¬

setzte. Jesus trat ihnen entgegen und sprach: Amen Amen,          19

ich sage euch: Es vermag der Sohn nichts aus sich selbst zu

schaffen; er kann es nur, indem er hinblickt auf das Tun des

Vaters. Was dieser tut, das tut auch der Sohn in gleicher

Weise. Denn der Vater ist des Sohnes Freund und zeigt ihm           20

alles, was er selbst tut; und noch größere Taten als diese wird

er ihm zeigen, so daß ihr erstaunen werdet. Denn wie der             21

Vater die Toten erweckt und lebendig macht, so macht auch

der Sohn lebendig die, in denen sein Wille waltet.

22   Auch entscheidet der Vater über niemanden, sondern hat

23   alle Entscheidung dem Sohn übergeben; alle sollen den Sohn

anerkennen, wie sie den Vater anerkennen. Wer den Sohn

nicht anerkennt, erkennt auch den Vater nicht an, der ihn

gesandt hat.

24   Amen Amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem,

der mich sandte, vertraut, hat immerwährendes Leben; er

kommt nicht mehr in die Entscheidung, er ist bereits aus dem

Tode hinübergeschritten in das Leben.

25   Amen Amen, ich sage euch: Es kommt eine Stunde, und

jetzt ist sie da, da die Toten die Stimme des Gottessohnes hö-

26   ren werden, und die ihn hören, werden leben. Denn wie der

Vater Leben hat in sich selbst, so hat er auch dem Sohn ge-

27   geben, Leben zu haben in sich selbst. Und er hat ihm Voll¬

macht gegeben, die Entscheidung zu vollziehen, weil er der

28   Menschensohn ist. Verwundert euch nicht darüber, denn es

kommt eine Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind,

29  seinen Ruf hören und hervorgehen werden: Die das Gute

wirkten, werden auferstehen zum Leben, doch die das Schlech¬

te betrieben, werden auferstehen zur Entscheidung.

30  Ich kann niemals etwas aus mir selber bewirken; so, wie

ich höre, entscheide ich, und meine Entscheidung ist gerecht;

denn ich suche nicht meinen Willen zu tun, sondern den

Willen dessen, der mich sandte.

31  Wenn ich für mich selbst als Zeuge auftrete, so ist mein

32 Zeugnis nicht wahr. Ein anderer ist da, der für mich zeugt,

und ich weiß: das Zeugnis ist wahr, das er für mich ablegt.

33  Ihr habt Boten zu Johannes gesandt, und er hat für die

34  Wahrheit gezeugt. Ich aber berufe mich nicht auf eines Men¬

schen Zeugnis, vielmehr spreche ich davon, damit ihr zum

35 Heile gelangt. Er war die Leuchte, die brennende und schei¬

nende, und ihr wolltet euch eine Weile erfreuen an ihrem

36 Lichte. Ich selbst aber habe das Zeugnis, das über Johannes

hinausgeht; die Werke, die der Vater mir gegeben hat, damit

ich sie vollende, die Taten selbst, die ich vollbringe, sie zeu¬

gen für mich, daß der Vater mich gesandt hat. Und so ist der           37

Vater, der mich sandte, selber Zeuge für mich. Ihr habt nie

seine Stimme gehört noch seine Gestalt gesehen, und ihr laßt          38

sein Wort nicht in euch wohnen, weil ihr euch dem ver¬

schließt, den er gesandt hat

Ihr durchforscht die Schriften, weil ihr meint, in ihnen ewi-           39

ges Leben zu haben; und gerade sie sind es, die von mir zeu¬

gen. Dennoch wollt ihr nicht zu mir kommen, um wirkliches             40

Leben zu haben. Anerkennung von Menschen brauche ich                  41

nicht. Aber ich habe erkannt, daß euch die Gottesliebe fehlt.           42

Ich bin gekommen im Namen meines Vaters, und ihr nehmt               43

mich nicht auf. Kommt ein anderer in seinem eigenen Namen,

dann werdet ihr ihn aufnehmen. Wie könnt ihr glauben, da ihr          44

von der gegenseitigen Anerkennung lebt, statt die Anerken¬

nung zu suchen, die von dem all-einen Gott kommt! Meint                45

nicht, ich würde euer Ankläger sein bei dem Vater. Der euch

anklagt, ist Moses, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt

Denn glaubtet ihr Mose, so glaubtet ihr auch mir; hat er doch            46

von mir geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht                 47

glaubt, wie könnt ihr dann meinen Worten glauben?

 

 

Im Januarheft dieser Zeitschrift haben wir die Epiphanias-Perikopen besprochen und uns die Reihenfolge dieser Evangelienabschnitte verständlich zu machen versucht. Aus der Aufeinanderfolge der Bilder wurde uns deutlich, daß wir es in den vier Wochen dieser Festeszeit mit einem fortschreitenden Inkarnationsprozeß zu tun haben, mit einem immer deutlicheren In-Erscheinung-Treten des Geistigen im Irdischen. Wir haben schließlich sagen können: Das, was im Weihnachtsfest die Menschheit wie ein gewaltiges Licht zu überstrahlen beginnt, wird in der Epiphaniaszeit für uns Menschen Erdenrealität: Christus wird Mensch; er wandelt unsichtbar neben uns.

 

Die Evangelien des Februar

Wir wenden nun den Blick auf diejenigen Evangelienabschnitte, die im Februar innerhalb der Weihehandlung gelesen werden. Es sind dies:

am ersten Februarsonntag: Matthäus 20 – das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg;

am zweiten Februarsonntag: Lukas 8 – das Gleichnis vom Sämann;

am dritten Februarsonntag (in diesem Jahr »Faschingssonntag«): Lukas 18-der reiche Jüngling und die Leidens Verkündigung;

am vierten Februarsonntag: Matthäus 4 – die Versuchung.

Wenn man den Blick auf diese Evangelienfolge richtet und auch schon die Evangelien ins Auge faßt, die im März folgen werden (das sind » die Verklärung auf dem Berge « und die daran anschließenden Evangelien der Passionssonntage), dann sieht man, daß wir mit dem Faschingssonntag und Lukas 18 eine Art Schwelle erreichen. Vor dieser Schwelle stehen zwei Evangelien, die Gleichnisse zum Inhalt haben, die also zum »Lehrgut« der Evangelien gehören; Christus erscheint als Lehrer. Nach dem Faschingssonntag sehen wir, daß Christus selbst auf einem Wege ist; einem Weg, der durch Versuchung und Verklärung hindurch schließlich in die Passion hineinführt und Ostern zum Ziel hat. Wir haben also, von Weihnachten herkommend, folgende Motive in den Evangelien vor uns:

Aufleuchten des Christus-Lichtes – Weihnachten,

Christus wird Mensch – Epiphanias,

Er lehrt – nach Epiphanias (zwei Sonntage),

Schwelle- »Faschingssonntag«,

der Christusweg auf Erden – nach dem Faschingssonntag zwei Sonntage und die folgenden Passionssonntage.

Fassen wir zunächst die zwei Sonntage nach Epiphanias ins Auge, die von der Epiphaniaszeit die Brücke bilden zur »Schwelle« des » Faschingssonntags «.

Christus lehrt – Brot und Wein

In den Gleichnissen von den »Arbeitern im Weinberg« (Matthäus 20) und vom »Sämann« (Lukas 8) belehrt Christus die Menschen. Diese »Lehre« Christi müssen wir

jedoch recht verstehen; wir müssen dabei von allem absehen, was heute abstrakte, trockene Belehrung unter Menschen ist; die Belehrung, die von Christus ausging, sprach nicht nur zum Verstand der Hörer, sondern leitete lebendige Kräfte aus der geistigen Welt in die Seelen der Menschen hinein. Im Evangelium wird dies mit den Worten angedeutet: »Er redete gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten« (Matthäus 7,29). Das werden wir zu berücksichtigen haben, wenn wir verstehen wollen, was der Übergang aus der Epiphaniaszeit – »Christus verbindet sich mit den Menschen« – zu den Evangelien nach Epiphanias in der Perikopenfolge bedeutet.

Wir haben gesehen: Zu Epiphanias beginnt das Licht des Christus wesenhaft aus dem Menschen Jesus hervorzuleuchten; es offenbart sich stufenweise in der Liebe, in der Wandlungsmacht, in der Heilskraft, die von ihm ausstrahlen. Die Menschen erleben diese Offenbarung zunächst als etwas, das ihr Leben berührt und verändert; aber nun sollen sie es nicht nur erleben, sondern auch verstehen, was sich da für sie ereignet. Denn erst, wenn das Erleben in das Verstehen übergeht, kann es auch bewußt ergriffen und gestaltet werden.

An diesem wichtigen Übergang, der dann gleichzeitig die Brücke zu Lukas 18 bildet, stehen wir mit der »Lehre«, die in den beiden Gleichnissen der Nach Epiphaniaszeit gegeben ist. Das erste dieser Gleichnisse – das »Gleichnis von dem Weingärtner« (Matthäus 20) – ruft den Hörer zur Mitarbeit im »Weinberg Gottes«: »Wer in diesem Weinberg mitarbeitet, der wirkt mit Gott zusammen an dem großen > Unternehmen Menschheit<.« * Wir können sagen: Wer zu Weihnachten an dem Gnadenlicht der geistigen Weltteilgenommen hat, wer die Epiphaniaszeit hindurch die fortschreitende Offenbarung des Christus im Menschen Jesus erleben konnte, der wird sich durch dieses Gleichnis aufgerufen fühlen, die Arbeit im Dienste dieser göttlichen Offenbarung aufzunehmen, sich in ihren Dienst zu stellen.

Dabei wird ihm ein »Lohn« verheißen, der – unabhängig von der »Arbeitsleistung« – dem Lohn aller anderen Mitarbeiter gleich sein wird, der aus dem, was dem » Herrn des Weinberges « gehört, gegeben wird. Rudolf Frieling sagt dazu: »>DasMeinige< [was dem Herrn des Weinberges gehört] weist hier auf die ureigene Ich-Substanz Gottes. Aus ihr heraus will er jedem Menschen sein eigenes Ich verleihen. Es ist hier im >Denar< [dem >Lohn< für jeden Arbeiter im Weinberg! verbildlicht… So gehört das gottentstammte Ich fortan dem Menschen… Und das ist es, was im Verlaufe des göttlichen Welt-Unternehmens der Mensch als das wahrhaft >Seinige< davonträgt. Im Gleichnisbilde: Jeder erhält seinen Denar. Nicht weniger. Nicht mehr.«

Die erste Belehrung also, die wir erfahren, wenn wir uns in den Dienst der Weihnachts-und Epiphaniasoffenbarung stellen wollen, ist diese: Dir wird ein »Lohn« zuteil werden aus dem Schatz des »Herrn des Weinbergs«; dein wahres Wesen, dein eigentliches Ich wirst du erwerben – so wie jeder, der mitarbeitet, dadurch sein wahres Wesen finden wird-, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Eines »mehr« bedarf es auch nicht; denn in diesem »einen« liegt letztlich »alles«, was wir brauchen, liegt die Fülle unseres Menschenwesens.

Indem so dieses »Weinberg-Gleichnis« vom Geheimnis des menschlichen Ich spricht, wehrt es zugleich die Gefahr des Egoismus ab, die immer auch mit dem Ich verbunden ist. Es zeigt, daß die Gottheit jedem »sein« Ich gibt, daß es aber auch keinen Sinn hat, hier nach einem Mehr zu verlangen, weil auf dieser Stufe des Ich in dem einen alles enthalten ist.

Einem Mißverständnis nun, das mit diesem Gleichnis verbunden sein könnte, wirkt das folgende » Gleichnis vom Sämann und viererlei Acker« entgegen (Lukas 8).

Denn könnte es bei Matthäus 20 – wenn man diese Perikope für sich nimmt – so erscheinen, als spiele die Bemühung des Menschen gar keine besondere Rolle – der »Lohn« ist überall der gleiche-, so wird bei Lukas 8 deutlich, daß für das Gedeihen des göttlichen Samens im Menschen alles auf die innere Bereitschaft der Menschenseele ankommt, auf das rechte Hören und Sich-Verbinden mit dem Wort. Ist in Matthäus 20 der »Lohn« bei ganz verschiedener »Arbeitsleistung« der gleiche, so tritt in Lukas 8 hervor, daß sich doch die Einstellung des Menschen für das Fortwirken des Göttlichen in der Welt als entscheidend erweist. * So ist in der Aufeinanderfolge dieser beiden Evangelien ein wunderbares Gleichgewicht gegeben, an dem sich besonders deutlich bestätigt, daß in der Perikopenfolge nichts Zufälliges gegeben ist.

Das zeigt sich auch, wenn wir bemerken, daß dem Bilde des Weinberges das des Saatfeldes an die Seite gestellt wird. Wein und Brot treten so in besonderer Art vor uns hin. Wir können uns erinnern, daß der Wein schon einmal – in der Hochzeit zu Kana * * – eine Rolle gespielt hat, und daß das »Samenkorn, das in die Erde fällt und erstirbt«, um Frucht zu bringen, in den Bildern der Passion Christi ein wegweisendes Motiv sein wird. Solche Bilder und Motive durch die Perikopen hindurch zu verfolgen, erweist sich als ganz besonders ergiebig.

»Fäschingssonntag« als Schwelle

Wir sind so durch die Lehre des Christus »auf-gerufen« und vorbereitet, mit ihm einen Weg anzutreten, der durch Golgatha zu Ostern führt. Wir werden nun das göttliche Opfer miterleben dürfen, da wir in den beiden Gleichnissen zu Mitarbeitern und Hörern berufen sind. Denn nun lehrt Christus nicht mehr, sondern er geht einen Weg des Opfers. Wenn wir auf den vorhergehenden Stufen gut verstanden haben, werden wir ihn nun begleiten können. Wie ein Motto erklingen am Fäschingssonntag die Worte: » Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben steht über den Sohn des Menschen…« (Lukas 18). Überblicken wir noch einmal den bisherigen Weg; es sind sieben Perikopen seit Weihnachten, nämlich:

vier Perikopen zur Epiphaniaszeit;

zwei Gleichnisse danach;

dann: Lukas18.

So werden es, wieder ausgehend von Lukas 18, nun sieben Perikopen bis Ostern sein, nämlich:

Lukas 18;

zwei Perikopen nach Lukas 18;

vier Passionssonntage.

Wir haben also eine sicher nicht zufällige Symmetrie in der Folge der Perikopen vor uns. Ein Motiv präludiert bereits in dem Gleichnis vom Sämann, das uns nun in Lukas 18 und in späteren Perikopen wiederbegegnen wird: das Motiv des Opfers Christi und seines Leidens an der Menschheit. Wenn er vom »Hinaufziehen nach Jerusalem« spricht, so steht ja auch bereits sein Kreuz vor uns. Aber haben wir bemerkt, daß dieses »Kreuz« eigentlich schon im Sämannsgleichnis spürbar wird? Wer ist denn der » Same « der in den viererlei Acker fällt und der weggeholt wird, verdorrt, erstickt oder nur auf dem » guten Land« gedeiht? »Der Same ist das Wort«, heißt es im Evangelium; das »Wort« aber ist er selbst, der »Logos«, der m die Welt kommt. Im Sämannsgleichnis ist bereits eine Leidens-, aber auch eine »Freudens «-Geschichte des Wortes enthalten.

Am »Faschingssonntag« (so nennen wir den Sonntag vor Fasching; in diesem Jahr ist es der 17. Februar) tritt dies alles in einem Bilde deutlich auf. Da ist der »reiche Jüngling« der nach dem zeitlosen Leben fragt und dem gesagt wird: »Verkaufe alles, was du hast gib es den Armen… « Gewiß ist mit diesem »Jüngling « – so nennen wir ihn nach Matthaus 19,22 – ein konkreter Mensch gemeint, der Christus Jesus entgegentritt und ihn befragt. Und doch hegt noch mehr in diesem Bilde: Christus mag in dem Jüngling sein eigenes Schicksal gesehen haben; die Forderung, die er an diesen »Reichen« stellt-sie gilt ihm selbst.

Denn er ist es, der einen noch viel größeren Reichtum zu opfern bereit ist; den ganzen Reichtum seines göttlichen Wesens wird er hingeben. Und auch das Bild des Jünglings trifft für ihn zu: In Christus, in dem Sohnesgott lebt das schaffende Prinzip, das die alt gewordene Welt verjüngt. So kann Novalis direkt sagen: » Der Jüngling bist du « und Luther übersetzt das Wort für die, welche sich um ihn scharen und das eigentlich » Schüler« bedeutet, mit »Jünger«.

Wir haben mit Lukas 18 also im Bilde das Christusschicksal selbst vor uns das sich auf dem Wege des großen Opfers erfüllen wird. Und schon die nächste Perikope, die am letzten Februarsonntag gelesen wird, zeigt etwas davon: die Versuchung (Matthäus 4)

Denn die Versuchung besteht ja darin, daß Christus seine Göttlichkeit nicht ablegen daß er sie in irdischen Wundertaten mißbrauchen soll, indem er Steine zu Brot macht und sich von der Zinne des Tempels stürzt. Er verfällt dieser Versuchung nicht; er tritt in die Erdenwelt ein, seine göttliche Macht aufopfernd. Der Endpunkt dieses Weges der mit Lukas 18 beginnt, wird die Ohnmacht des Gottes am Kreuze sein. Diesen Weg werden wir im März weiter zu verfolgen haben.

 

Zwischen Epiphanias und Passion

1. Sonntag

Mat 20

Aber viele Erste werden Letzte, und Letzte werden Erste

sein. Denn das Reich der Himmel ist gleich einem Menschen,

einem Hausherrn, der frühmorgens ausging, um Arbeiter für

2 seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit den Arbei¬

tern auf einen Denar als Tagelohn und schickte sie in seinen

3 Weinberg. Als er um die dritte Stunde ausging, sah er andere

4 ohne Arbeit auf dem Markt stehen und sagte zu ihnen: Geht

auch ihr hin in den Weinberg; ich werde euch geben, was recht

5 ist. Sie gingen hin. Wieder ging er aus um die sechste und um

6 die neunte Stunde und tat ebenso. Und um die elfte Stunde

ging er aus und fand noch andere stehen, und er redete sie an:

Was steht ihr hier den ganzen Tag, ohne zu arbeiten ? Sie sag-           7

ten ihm: Niemand hat uns Arbeit gegeben. Da sagte er ihnen:

Geht auch ihr in den Weinberg. Als es Abend geworden war/             8

sprach der Herr des Weinberges zu seinem Verwalter: Rufe die

Arbeiter und zahle ihnen den Lohn aus, angefangen bei den

letzten bis hin zu den ersten. So kamen die um die elfte Stunde       9

geworbenen und erhielten jeder einen Denar. Als die ersten            10

kamen, meinten sie, sie würden mehr erhalten? und auch sie

erhielten jeder einen Denar. Sie nahmen ihn, murrten aber             11

gegen den Hausherrn und sagten: Diese letzten haben nur               12

eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt, die

wir die Last des Tages und die Hitze ertragen haben. Er ant-            13

wertete einem von ihnen: Freund, ich tue dir kein Unrecht.

Hast du nicht mit mir einen Denar vereinbart ? Nimm, was dir          14

zusteht, und geh! Ich will aber diesem letzten ebensoviel ge¬

ben wie dir. Steht es mir nicht frei, mit dem Meinen zu tun,            15

was ich will? Oder siehst du mich böse an, weil ich gütig bin?

So werden die Letzten Erste und die Ersten Letzte sein.                  16

Als Jesus sich anschickte, nach Jerusalem hinaufzuziehen,           17

nahm er mit sich die Zwölf, nur sie allein, und unterwegs

sprach er zu ihnen: Seht, wir ziehen nach Jerusalem hinauf,           18

und der Sohn des Menschen wird den Hohenpriestern und

Schriftgelehrten ausgeliefert werden, und sie werden ihn zum

Tode verurteilen und den Heiden preisgeben, daß sie ihn ver-         19

spotten, geißeln und kreuzigen; und am dritten Tage wird er

auferweckt werden.

Damals trat die Mutter der Zebedäussöhne mit ihren Söh-           20

nen vor ihn und warf sich vor ihm nieder, um ihn um etwas

zu bitten. Er sagte zu ihr: Was willst du? Sie sprach zu ihm:           21

Erkläre, daß diese meine beiden Söhne ihren Sitz erhalten in

deinem Reich, einer zu deiner Rechten und einer zu deiner

Linken. Jesus gab zur Antwort: Ihr wißt nicht, worum ihr               22

bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?

Sie sagten ihm: Wir können es. Er spricht zu ihnen: Wohl              23

werdet ihr meinen Kelch zu trinken bekommen, doch das

Sitzen zu meiner Rechten und Linken zu gewähren, steht mir

nicht zu/ sondern es wird denen zuteil, denen es von meinem

Vater bestimmt ist.

24   Die zehn anderen, die es mit angehört hatten, wurden unge-

25   halten über die zwei Brüder. Jesus aber rief sie zu sich und sagte:

Ihr wißt, die Führer der Völker spielen sich als ihre Herren auf,

26   und die Großen unter ihnen üben Macht über sie aus. So soll es

bei euch nicht sein. Vielmehr, wer unter euch groß werden will,

27  sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, der sei

28  euer Knecht; wie auch der Menschensohn nicht gekommen ist,

um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben

hinzugeben als Lösegeld für viele.

29  Als sie Jericho verließen, begleitete ihn eine große Men-

30  schenschar. Und siehe, zwei Blinde saßen am Wege. Als sie

hörten, Jesus komme vorbei, begannen sie zu rufen: Herr, hilf

31  uns doch, du Sohn Davids! Die Volksmenge rief ihnen dro¬

hend zu, sie sollten still sein. Doch sie riefen noch lauter:

32  Herr, hilf uns doch, du Sohn Davids! Jesus blieb stehen, rief

33  sie und sagte: Was wollt ihr, was soll ich euch tun? Sie ant-

34  werteten ihm: Herr, daß unsere Augen geöffnet werden. Voll

Mitleid berührte Jesus ihre Augen, und sogleich konnten sie

wieder sehen und folgten ihm.

 

2. Sonntag

Luk 8

In der folgenden Zeit wanderte er von Stadt zu Stadt, von Dorf

— zu Dorf und verkündete die Botschaft vom Reiche Gottes; und

2 die Zwölf waren mit ihm, auch einige Frauen, die von Dämo¬

nen und von Krankheiten geheilt worden waren: Maria mit

dem Beinamen Magdalena, aus der sieben dämonische Wesen

3 ausgefahren waren, sowie Johanna, die Frau des Chusa, eines

Beamten des Herodes, und Susanna und viele andere; die sorg¬

ten für sie mit ihrem Hab und Gut.

4   Als nun eine große Menschenschar zusammengekommen

war, auch von denen, die sich aus den einzelnen Orten ihm

angeschlossen hatten, sprach er durch ein Gleichnis:

5   Der Sämann ging aus, zu säen seine Saat. Und während er

säte, fiel etwas auf den Weg und wurde zertreten, und die

6 Vögel des Himmels fraßen es auf. Anderes fiel auf felsigen

Grund, und als es aufgegangen war, verdorrte es, weil es ihm

7 an Feuchtigkeit fehlte. Anderes fiel mitten unter die Domen,

8 und das Domgestrüpp wuchs mit auf und erstickte es. Und

anderes fiel in die gute Erde, wuchs heran und brachte hun¬

dertfältige Frucht. Als er das aussprach, rief er: Wer Ohren hat

zu hören, höre!

9  Seine Jünger fragten ihn nach dem Sinn dieses Gleichnisses.

10 Er sagte: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Got¬

tes zu erkennen. Den anderen wird es in Gleichnissen gegeben,

»damit sie sehen, auch wenn sie nicht einsehen, und damit sie

11 hören, auch wenn sie nicht verstehen«. Dies ist der Sinn des

Gleichnisses: Der Same ist das von Gott ausgehende Wort. Die          12

am Wege, das sind die, welche gehört haben; da kommt der Wi¬

dersacher und nimmt das Wort aus ihrem Herzen weg, damit

sie nicht durch Glauben das Heil finden. Die auf dem felsigen            13

Grund sind die, welche das Wort, wenn sie es gehört haben, mit

Freude aufnehmen; sie haben aber keine Wurzel, eine Zeitlang

haben sie Vertrauen, und zur Stunde der Versuchung fallen sie

ab. Was unter die Domen fiel, sind solche, die es gehört haben;         14

sie werden aber auf ihrem Wege von den Sorgen, dem Reichtum

und den Freuden, die das Leben bringt, erstickt und bringen die

Frucht nicht zur Reife. Das aber in der guten Erde sind solche,           15

die das Wort, das sie gehört haben, festhalten in einem edlen

und guten Herzen und Frucht bringen in Geduld.

Niemand zündet ein Licht an und verbirgt es unter einem                16

Gefäß oder stellt es unters Bett; sondern er stellt es auf einen

Leuchter, damit alle, die hereinkommen, das Licht erblicken.

Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werden wird,            17

und nichts geheimgehalten, was nicht erkannt werden und an

den Tag kommen wird. Achtet also darauf, wie ihr zuhört;                   18

denn wer es sich zu eigen macht, dem wird gegeben werden,

und wer es nicht in sich lebendig hält, dem wird auch das, was

er zu haben meint, genommen werden.

Da kamen seine Mutter und seine Brüder zu ihm, konnten                 19

aber wegen der Menschenmenge nicht zu ihm gelangen. Ihm                20

wurde gemeldet: Deine Mutter und deine Brüder stehen drau¬

ßen und möchten dich sehen. Darauf antwortete er und sagte              21

zu ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind die, welche

das Wort Gottes hören und es in ihren Taten verwirklichen.

An einem jener Tage geschah es: Jesus stieg mit seinen                     22

Jüngern in ein Boot und sagte zu ihnen: Laßt uns hinüber¬

fahren an das andere Ufer des Sees. Und sie fuhren aus.

Während sie dahinsegelten, schlief er ein. Und ein Sturm-                    23

wind kam über den See, das Schiff schlug voll Wasser, und

sie gerieten in Gefahr. Da traten sie zu ihm und weckten ihn                24

und riefen: Meister, Meister, wir gehen unter! Doch er erhob

sich und gebot dem Wind und dem Wogenschwall Einhalt.

25 Da ließen sie nach, und es ward stille. Und er sagte ihnen:

Wo ist euer Glaube? Voll Schrecken und Staunen sprachen

sie zueinander: Wer ist denn dieser/ daß er sogar den Winden

und dem Wasser gebietet und sie ihm gehorchen?

26  Und sie fuhren zum Gebiet der Gergesener, das Galiläa ge-

27  genüberliegt. Als er an Land gegangen war, kam ihm ein Mann

aus der Stadt entgegen, der war von Dämonen besessen; seit

langem trug er keine Kleidung mehr und lebte nicht in einem

28 Hause, sondern in den Höhlengräbern. Als er Jesus sah, schrie

er auf, warf sich vor ihm nieder und rief laut: Was ist zwischen

mir und dir, Jesus, Sohn des höchsten Gottes ? Ich bitte dich,

29 quäle mich nicht! Denn er wollte schon dem unreinen Geist

gebieten, den Menschen zu verlassen. Seit langem nämlich

hatte jener ihn immer wieder mitgerissen, und er war mit

Ketten und Fesseln angekettet worden, hatte aber die Fesseln

zerrissen und war von dem Dämon in öde Gegenden getrieben

30 worden. Jesus fragte ihn: Was ist dein Name ? Er sagte: Legion.

31 Denn viele Dämonen waren in ihn eingezogen. Diese baten

ihn inständig, er möge ihnen nicht gebieten, in den Abgrund

32 zu entweichen. Es war aber dort eine große Herde Schweine,

die auf dem Berg weideten. Die Dämonen flehten ihn an, daß

er ihnen erlaube, in diese hineinzufahren. Und er erlaubte es

33  ihnen. Da verließen die Dämonen den Menschen und fuhren

in die Schweine; und die Herde stürmte den Steilhang hinab in

34  den See und ertrank. Als die Hirten sahen, was geschehen war,

flohen sie und berichteten in der Stadt und auf den Höfen

35  davon. Da zogen die Leute hinaus, um sich davon zu überzeu¬

gen, was geschehen war, und kamen zu Jesus und fanden den

Menschen, aus dem die Dämonen ausgefahren waren, beklei¬

det und ganz vernünftig zu Jesu Füßen sitzend; und ehrfürchti-

36  ge Scheu überkam sie. Die es miterlebt hatten, berichteten

37  ihnen, wie der Besessene geheilt worden war. Da bat ihn die

ganze Menge, die aus der Umgebung von Gergesa gekommen

war, sie zu verlassen; denn große Furcht hatte sie ergriffen. Er

38  stieg ins Boot, um zurückzukehren. Der Mann, aus dem die

Dämonen ausgefahren waren, bat ihn, bei ihm bleiben zu dür-

fen. Doch er hieß ihn gehen und sprach: Kehre heim in dein             39

Haus und berichte, was Gott dir Großes getan hat Da ging er

und verkündete in der ganzen Stadt, was Jesus an ihm getan

hatte.

Als Jesus zurückkehrte, empfing ihn die Menschenschar;                40

denn alle warteten auf ihn. Und siehe, da kam ein Mann na-            41

mens Jairus; der war Vorsteher der Synagoge. Er fiel Jesus zu

Füßen und bat ihn, in sein Haus zu kommen; denn er hatte              42

eine einzige Tochter, etwa zwölf Jahre alt, die lag im Sterben.

Aber während er hinging, umdrängte ihn die Volksmenge; und          43

eine Frau, die seit zwölf Jahren an Blutfluß litt und von nieman¬

dem geheilt werden konnte, kam von hinten an ihn heran und          44

berührte den Saum seines Gewandes, und alsbald hörte der

Blutfluß auf. Und Jesus sagte: Wer hat mich angerührt? Als alle        45

es leugneten, sagte Petrus: Meister, die Leute umringen und

bedrängen dich. Doch Jesus sagte: Es hat mich jemand ange-           46

rührt, denn ich habe gespürt, daß eine Kraft von mir ausgegan¬

gen ist. Als die Frau sah, daß es nicht verborgen geblieben war,        47

kam sie zitternd heran, fiel vor ihm nieder und berichtete vor

dem ganzen Volk, warum sie ihn angerührt habe und wie sie

alsbald geheilt worden sei. Er aber sagte ihr: Tochter, dein               48

Glaube hat dich geheilt, gehe den Weg zum Frieden.

Während er noch redete, kam jemand vom Hause des Syn-            49

agogenvorstehers und sagte ihm: Deine Tochter ist gestorben,

bemühe den Meister nicht mehr. Als Jesus das hörte, antwortete       50

er ihm: Fürchte nicht, glaube nur, und sie wird gerettet werden.

Als er an das Haus herankam, ließ er niemanden mit sich                51

hineingehen außer Petrus, Johannes und Jakobus sowie den

Vater und die Mutter des Kindes. Alle weinten und betrauer-             52

ten das Mädchen. Er sagte: Weinet nicht, sie ist nicht gestor¬

ben, sondern schläft. Da verlachten sie ihn, denn sie wußten,           53

daß sie gestorben war. Er aber ergriff ihre Hand und rief: Mäd-         54

chen, erwache! Da kehrte ihr Geist zurück, und sie stand so-            55

gleich auf; und er gebot, man solle ihr zu essen geben. Ihre              56

Eltern waren vor Erschütterung außer sich. Er aber gebot

ihnen, niemandem zu sagen, was geschehen war.

 

3. Sonntag: Faschingsschwelle

(7 Sonntage nach Weihnachten, 7 Sonntage vor der Karwoche)

Luk 18

In einem Gleichnis sprach er ihnen davon, daß sie immer be¬

ten und nie erlahmen sollten. Er sagte: In einer Stadt gab es

einen Richter, der Gott nicht scheute und nach keinem Men¬

schen fragte: Eine Witwe, die in jener Stadt lebte, kam immer

wieder zu ihm und bat ihn: Verschaffe mir Recht gegen mei¬

nen Kläger! Lange Zeit wollte er nicht. Endlich aber sagte er

sich: Zwar scheue ich mich nicht vor Gott und frage nach

keinem Menschen; weil mir aber diese Witwe so lästig wird,

will ich ihr Recht verschaffen, damit sie nicht schließlich noch

kommt und mir ins Gesicht fährt. Und der Herr sprach: Hört,

was der Richter sagt, dem es nicht um das Recht geht! Und

sollte Gott nicht denen, die von ihm erkoren sind/ Recht ver¬

schaffen, wenn sie ihn Tag und Nacht anrufen? Wird er sie

lange warten lassen? Ich sage euch: In kurzer Frist wird er             8

ihnen zu ihrem Recht verhelfen. Aber wird der Menschen-

sohn, wenn er kommt/ in den Erdenmenschen überhaupt die

Kraft des Glaubens finden?

Im Blick auf manche, die von sich überzeugt waren, Gerech-          9

te zu sein, und auf die anderen herabschauten, sagte er dieses

Gleichnis: Zwei Menschen gingen hinauf in den Tempel, um           10

zu beten; der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der         11

Pharisäer stellte sich hin und sprach im Gebet zu sich selbst:

Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die anderen Men¬

schen, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie der

Zöllner dort; ich faste zweimal in jeder Woche und gebe den        12

Zehnten von allen meinen Einkünften. Der Zöllner aber blieb        13

weit hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum

Himmel zu erheben; vielmehr schlug er sich an die Brust und

sprach: 0 Gott, sei gnädig mir, dem Sünder. Ich sage euch:

Dieser ging hinab in sein Haus, mehr ins Rechte gebracht als        14

jener. Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt wer¬

den; doch wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Sie brachten auch ihre kleinen Kinder zu ihm, damit er sie         15

berühre. Als die Jünger das sahen, wollten sie es ihnen verweh¬

ren. Jesus aber rief sie heran und sprach: Lasset die Kinder zu     16

mir kommen und hindert sie nicht! Denn denen, die sind wie

sie, ist das Reich Gottes zu eigen. Amen, ich sage euch: Wer        17

nicht das Reich Gottes in sich aufnimmt wie ein kleines Kind,

wird niemals hineinkommen.

Und es richtete einer der führenden Männer die Frage an          18

ihn: Guter Meister, was muß ich tun, um ewiges Leben zu

erlangen? Jesus entgegnete ihm: Was nennst du mich gut?           19

Niemand ist gut außer einem: Gott. Du kennst die Gebote: »Du   20

sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht

stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis ablegen, ehre deinen

Vater und deine Mutter.« Jener sagte: Alles dies habe ich von      21

Jugend an gehalten. Als Jesus das vernahm, sagte er ihm: Ein     22

einziges fehlt dir noch: Verkaufe alles/ was du besitzest, und

verteile es an Arme, so wirst du einen Schatz im Himmel ha-

23 ben; und dann komm und folge mir nach! Als jener das hörte,

wurde er tief betrübt, denn er war sehr reich.

24  Als Jesus ihn so sah, sagte er: Wie schwerlich gelangen die

25  Wohlhabenden in das Reich Gottes; leichter ist es, daß ein

Kamel durch ein Nadelöhr20 hindurchgeht, als daß ein Rei-

26  eher in das Reich Gottes eingeht Die Zuhörenden sagten:

27  Und wer kann gerettet werden? Er sagte: Was Menschen

28  nicht vermögen, ist möglich bei Gott. Darauf sagte Petrus:

Siehe, wir haben das, was unser war, hinter uns gelassen und

29  sind dir gefolgt. Er erwiderte ihnen: Amen, ich sage euch: Es

gibt niemanden, der um des Gottesreiches willen aufgegeben

hat Haus oder Frau oder Geschwister oder Eltern oder Kin-

30  der und es nicht vielfach wiederbekommt schon in dieser

Zeit und in der künftigen Welt ewiges Leben.

31  Er nahm dann die Zwölf zu sich und sagte zu ihnen: Seht,

wir ziehen nach Jerusalem hinauf, und es wird alles seine

Vollendung finden, was über den Menschensohn durch die

32 Propheten geschrieben ist. Er wird an die Heidenvölker aus¬

geliefert und mißhandelt, verhöhnt und angespien werden,

33 sie werden ihn geißeln und töten, und am dritten Tage wird

34 er auferstehen. Aber sie verstanden nichts davon, der Sinn

dieses Wortes war ihnen verhüllt, und sie erkannten nicht,

was er meinte.

 

4. Sonntag

Mat 4

Danach wurde Jesus vom Geist hinaufgeführt in die Einsam- 1

keit der Wüste,,um versucht zu werden durch den Widersa¬

cher. Und nachdem er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet 2

hatte, hungerte ihn. Da trat der Versucher heran und sagte zu 3

ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brote

werden. Doch er gab ihm zur Antwort: Die Schrift sagt: »Nicht 4

vom Brot allein wird der Mensch leben, sondern von jedem

Wort, das aus Gottes Munde kommt.«

Danach nimmt ihn der Versucher mit sich in die heilige 5

Stadt, stellt ihn auf die Zinne des Tempels und spricht zu ihm:

Bist du Gottes Sohn, so stürze dich hinab; es steht ja geschrie- 6

ben: »Seinen Engeln wird er Weisung geben deinetwegen, und

sie werden dich auf Händen tragen, damit dein Fuß an keinen

Stein stoße.« Jesus entgegnete ihm: Es steht auch geschrieben: 7

»Du sollst den Herrn, der dein Gott ist, nicht versuchen.«

Noch einmal nimmt ihn der Versucher mit sich auf einen 8

sehr hohen Berg und zeigt ihm alle Reiche der Welt in ihrem

Glanz und sagt zu ihm: Dies alles werde ich dir geben, wenn 9

du niederfällst und mich anbetest. Darauf spricht Jesus zu 10

ihm: Hinweg, Satan! Denn es steht geschrieben: »Den Herrn,

deinen Gott, sollst du anbeten und ihn allein verehren.« Da 11

ließ der Versucher von ihm ab. Und siehe, Engel kamen herbei

und dienten ihm.

Als er vernahm, daß Johannes gefangengenommen war, 12

zog er sich nach Galiläa zurück. Er verließ Nazareth und 13

nahm Wohnung in Kapernaum, das am See liegt, im Gebiet

von Sebulon und Naphthali. Es sollte sich das Wort des Pro- 14

pheten Jesaja erfüllen: »Land von Sebulon und Land von 15

Naphthali, am Weg des Meeres und jenseits des Jordans,

Völkerland Galiläa – das Volk, das im Finstern saß, hat ein

großes Licht erschaut, und die da saßen im Schattenland des

Todes, ihnen ist ein Licht aufgegangen.«

Von dieser Zeit an begann Jesus die Botschaft zu verkünden:

Ändert euren Sinn! Denn das Reich der Himmel ist nahe.

Am Ufer des galiläischen Sees wandelnd sah er zwei Brüder:

Simon, der Petrus genannt wird, und Andreas, dessen Bruder.

Sie warfen gerade ein Netz in den See, denn sie waren Fischer.

Und er spricht zu ihnen: Kommt, folgt mir nach! Ich werde

euch zu Menschenfischern machen. Sie ließen sogleich ihre

Netze liegen und folgten ihm nach. Als er von dort weiterging,

sah er ein anderes Brüderpaar: Jakobus, den Zebedäussohn,

und Johannes, dessen Bruder, die im Boot mit ihrem Vater

Zebedäus die Netze instandsetzten; und er berief auch sie. Sie

verließen sogleich das Boot und ihren Vater und folgten ihm

nach.

Und Jesus zog durch ganz Galiläa und lehrte in ihren Syn¬

agogen; er verkündete die Botschaft vom Reich und heilte jede

Krankheit und jedes Gebrechen im Volk. Und die Kunde von

ihm verbreitete sich im ganzen Umkreis, und sie brachten zu

ihm alle Leidenden, mit vielerlei Krankheiten und Quälen Be¬

haftete, von Dämonen Besessene, Mondsüchtige und Gelähm¬

te, und er heilte sie. Es begleiteten ihn große Menschenscha-

ren aus Galiläa und dem Gebiet der zehn Städte, aus Jerusalem

und Judäa und dem Lande jenseits des Jordans.

 

5. Sonntag

Lk 18 (wie 3. Sonntag)

 

Anknüpfend an die Aufsätze über die Januar- und Februarperikopen sei nun der Blick auf die Perikopen gerichtet, welche in diesem Jahr im März gelesen werden; die Perikopenfolge wandelt sich ja gerade im Februar/März jedes Jahres ein wenig, je nachdem, ob Ostern früher oder später im Jahr liegt und ob dementsprechend mehr oder weniger Sonntage vor Ostern zur Verfügung stehen. Die Perikopenfolge ist von diesem Rhythmus abhängig, wobei der im vorigen Aufsatz erwähnte » Faschingssonntag « mit Lukas 18 und die daran anknüpfenden sechs Perikopen bis Ostern eine feste Reihe bilden.

Die Märzperikopen dieses Jahres sind:

3. März: Matthäus 17- Verklärung;

10.März/1.Passionssonntag: Lukas 11;

17. März/2. Passionssonntag:Joh 6-Speisung der 5000 und »Ich bin das Brot des Lebens«;

24. März/ 3. Passionssontag:Joh 8-Ehebrecherin und »Ich bin das Licht der Welt«.

Dazu gehört dann noch der »4. Passionssonntag«, d. h. der »Palmsonntag«, der diesmal auf den 31. März fällt, mit Matthäus 21 – Einzug in Jerusalem.

Wir hatten uns im vorigen Aufsatz klargemacht, daß mit dem »Faschingssonntag« sieben Wochen vor Ostern eine Schwelle überschritten wird. Die sieben Evangelien, die davor liegen, tragen noch den Nachklang des Weihnachtsfestes in sich unter dem Leitmotiv: Gott wird Mensch.

»Wir ziehen hinauf nach Jerusalem «

Nach Lukas 18, der Perikope vom »Reichen Jüngling« des Faschingssonntags, nehmen die Evangelien einen ganz anderen Charakter an: Was uns zunächst von der menschlichen Seite erschienen ist, offenbart sich nun von seiner übermenschlichen Seite her, die aber immer mehr — in den Passionswochen — den Charakter auch des übermenschlichen Leidens annimmt. Ist vor dem Faschingssonntag noch der Nachklang von Weihnachten zu spüren, so wirft nach diesem Sonntag Ostern seine Schatten und Lichter voraus. Diese Bewegung auf Ostern hin, die mit der Passion verbunden ist, kommt in den Worten aus Lukas 18 zum Ausdruck: » Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und alles, was in den Büchern der Propheten steht, wird sich erfüllen an dem Menschensohn. Preisgegeben wird er den Völkern der Welt; verspotten wird man ihn, mißhandeln, bespeien und geißeln, und man wird ihn töten. Dann aber wird er auferstehen am dritten Tage« (Luk. 18, 31-33). Damit ist das Grundmotiv der nun folgenden Reihe ausgesprochen.

Den eigentlichen Passionswochen gehen aber noch zwei Evangelien voraus, welche die übermenschliche Dimension der weiteren Ereignisse grundsätzlich zeigen: die Versuchung (Matth.4) und die Verklärung (Matth. 17). Mit der Versuchung öffnet sich gleichsam ein Vorhang — wie auf einer Mysterienbühne —, und die die Weltgeschichte eigentlich bewegenden Mächte erscheinen: Die Widersacher nähern sich Christus (in »Teufel« und »Satanas« der Bibel zeigen sich Luzifer und Ahriman auch beider Versuchung). Aber indem Christus die Versuchung zurückweist und seine göttlichen Kräfte nicht in Anspruch nimmt, beginnt seine Passion – er liefert sich den Erdengesetzen aus,d. h. letztlich den Gesetzen auch des Todes.

Die Märzperikopen In der ersten Märzperikope dieses Jahres, in der Verklärung (Matth. 17), scheint zunächst nichts von Passion dazusein:

Der wie eine Sonne leuchtende Christus auf dem Berge ist ein großes, positives Bild. Dieses Bild bringt die geistige Kraft in Erscheinung, die durch Christus auf der Erde wirkt und eine bis in die Lebenskräfte hereinwirkende Verwandlung erreicht hat.

Aber obwohl dieses Bild in großartiger Geste mit sonnenhaftem Glanz vor uns steht, gibt doch auch hier das Passionsmotiv den dunklen Hintergrund. Denn Christus verweilt nicht auf der Höhe: Er nimmt den Glanz, den er errungen hat, nicht für sich in Anspruch, sondern opfert ihn im nächsten Augenblick für die Menschheit hin. Er steigt vom Berge herab, und wieder erklingt im Anschluß an das Bild der Verklärung das Wort vom Leiden und Sterben des Menschensohnes. Auf die Verklärung folgt im Evangelium unmittelbar die Konfrontation mit der kranken Menschheit, die auf die Heilung durch Christus wartet. So ist auch im Bilde der Verklärung die Richtung auf die mit der Erden menschheit verbundenen Schmerzen und auf den Tod enthalten.

Mit dem nächsten Sonntag (10. März) beginnt nun die eigentliche Passionszeit. Wir lesen an diesem ersten Passionssonntag Evangelienabschnitte aus Lukas 11, die zunächst eine Dämonenaustreibung enthalten und daran anschließend die Verdächtigung, die von den Führern des Volkes ausgesprochen wird, Christus vollziehe seine Taten selbst aus dämonischer Kraft. Eine größere Verkennung des Guten kann es nicht geben: daß das Gute, das durch Christus den Dämonen entgegenwirkt, als das Böse, selbst als dämonisch, bezeichnet wird. Gut und Böse werden hier aus dem verdunkelten Bewußtsein der Menschen heraus in ihr Gegenteil verkehrt. Damit hängt auch zusammen, daß des weiteren ein »Zeichen des Himmels« von Christus gefordert wird: wiederum die Versuchung, seine göttlichen Kräfte zu mißbrauchen und damit die Erdenmenschheit in eine falsche Richtung weiterzuführen. Es erklingt dabei das Wort von dem »Zeichen desJona«, das allein von Christus gegeben werden kann. Das ist aber das Zeichen für das dreitägige Ruhen des Christus in der Erde, so wie Jona drei Tage im Inneren des großen » Fisches « gewesen ist (ein Bild für die Einweihung in die Geheimnisse der Erde). Wir haben also an diesem Sonntag auf der einen Seite das

verdunkelte Bewußtsein der Menschen und die Auseinandersetzung des Christus damit und mit den Dämonen, auf der anderen Seite den Hinweis auf die Passion, die in die Erdentiefen führen wird, aber gerade dadurch die Auferstehung vorbereitet. Am 17. März, dem zweiten Passionssonntag, wird die Perikope nach Johannes 6 gelesen. Hier haben wir die »Speisung der Fünftausend« und daran anschließend das erste »Ich-bin-Wort«: »Ich bin das Brot des Lebens «, das davon spricht, daß die Lebenskräfte, die durch Christus wirken, der nach dem Geiste hungernden Menschheit hingegeben werden. Er wird selbst das Brot, er gibt sich hin für die Existenz der irdischen Menschheit. Damit ist der tiefste Opferwille des Christus und gleichzeitig die Passion, das Leiden in diesem Opferwillen ausgesprochen.

Am 24. März, dem dritten Passionssonntag, haben wir die Perikope von der Ehebrecherin vor uns und das daran anschließende »Ich-bin-Wort«: »Ich bin das Licht der Welt.« Hier wird deutlich, daß Christus in seinem Opferwillen bereit ist, auch die Schuld der Menschheit auf sich zu nehmen und zu tragen. Die Steigerung, die damit veranlagt ist, wird schließlich überhöht durch die Ereignisse des Palmsonntags und der Karwoche, d. h. durch den Einzug in die Stadt des Todes, durch das Leiden bis hin zu den körperlichen Schmerzen und durch den Tod selbst. So werden die sieben vorösterlichen Perikopen zu einem Weg, den wir mit Christus gehen können und der uns an die Stätte führt, wo das Kreuz aufgerichtet ist.

 

6. Sonntag

Mat 17

Und nach sechs Tagen nimmt Jesus Petrus, Jakobus und

dessen Bruder Johannes mit sich und führt sie auf einen ho¬

hen Berg, er mit ihnen allein. Und er wurde vor ihnen verwan¬

delt: sein Antlitz leuchtete wie die Sonne, und seine Gewänder

wurden strahlend weiß wie das Licht. Und siehe, es erschienen

ihrem Schauen Moses und Elias, die mit ihm redeten. Doch

Petrus nahm das Wort und sagte zu Jesus: Herr, gut ist es für

uns, hier zu sein – wenn du willst, werde ich hier drei Hütten

bauen, dir eine und Moses eine und Elias eine. Während er

noch redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke, und

zugleich erklang eine Stimme aus der Wolke: Dieser ist mein

Sohn, der geliebte, in dem ich mich offenbare; höret ihn! Als

die Jünger dies hörten, fielen sie auf ihr Angesicht, von Furcht

überwältigt. Jesus trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Er¬

hebt euch und fürchtet euch nicht! Sie erhoben ihre Augen

und sahen niemanden sonst, nur Jesus, ihn allein.

Während sie vom Berge herabstiegen, gebot Jesus ihnen:

Sagt niemandem etwas von der Schauung, bis der Menschen-

sohn von den Toten auferweckt ist. Die Jünger fragten ihn:

Warum sprechen dann die Schriftgelehrten davon, daß Elias

vorher kommen müsse? Er antwortete ihnen: Zwar »kommt

Elias und wird alles wiederherstellen«. Ich sage euch aber:

Elias ist schon gekommen, aber sie haben ihn nicht erkannt,

sondern an ihm getan, wozu es sie trieb. So wird auch der

Menschensohn durch sie zu leiden haben. Da verstanden die

Jünger, daß er zu ihnen von Johannes dem Täufer redete.

Als sie zu der versammelten Menge kamen, trat ein Mann

auf ihn zu, kniete vor ihm nieder und sagte: Herr, nimm dich

meines Sohnes an, er ist mondsüchtig, und es steht schlimm

um ihn; er stürzt oft ins Feuer und oft ins Wasser. Ich habe

ihn zu deinen Jüngern hergebracht, aber sie vermochten ihn

nicht zu heilen. Jesus erwiderte: 0 du glaubensloses und

verwirrtes Geschlecht, wie lange noch muß ich unter euch

sein, wie lange noch muß ich euch ertragen? Bringt ihn mir

her! Jesus gebot ihm streng, da fuhr der Dämon von ihm aus,

und der Knabe war von jener Stunde an geheilt. Die Jünger

kamen dann zu Jesus und fragten ihn, als sie mit ihm allein

20 waren: Warum konnten wir den Dämon nicht austreiben? Da

sagt er zu ihnen: Weil euer Glaube zu schwach ist. Amen,

ich sage euch: Wenn ihr Glaubenskraft habt wie ein Senf¬

korn, so werdet ihr zu diesem Berge sprechen: Rücke von

hier nach dort, und er wird wegrücken, und nichts wird euch

unmöglich sein.

 

Passionszeit

1. Sonntag

Luk 11

Einmal weilte er an einem Orte, um zu beten, und als er

innehielt, da geschah es, daß einer von seinen Jüngern zu ihm

sagte: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger

gelehrt hat. Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht:

Vater, geheiligt werde dein Name.

Dein heiliger Geist komme auf uns und läutere uns.

Unser Brot, dessen wir bedürfen, gib uns täglich.

Und vergib uns unsere Sünden; denn auch wir selbst

vergeben jedem, der schuldig wird an uns.

Und führe uns nicht in Versuchung.

Und er sagte zu ihnen: Wer von euch hätte wohl einen

Freund und ginge mitten in der Nacht zu ihm und sagte ihm:

Freund, leihe mir drei Brote, denn ein Freund von mir ist auf

der Reise bei mir eingekehrt, und ich habe ihm nichts vorzu¬

setzen; und jener würde von drinnen antworten: Mache mir

keine Umstände! Die Tür ist schon verschlossen, und meine

kleinen Kinder liegen schon bei mir im Bett; ich kann nicht

aufstehen und es dir geben. Ich sage euch: Wenn er auch 8

nicht aufstehen und es ihm geben wird/ weil der sein Freund

ist, so wird er doch wegen seines eindringlichen Bittens auf¬

stehen und ihm geben, soviel er bedarf. Ich selbst sage euch: 9

Bittet, und euch wird gegeben;

suchet, und ihr werdet finden;

klopft an, und euch wird geöffnet werden.

Denn jeder Bittende empfangt,                          10

und jeder Suchende findet,

und dem, der anklopft, wird geöffnet werden.

Welcher Vater unter euch wird dem Sohn, der ihn um Brot 11

bittet, einen Stein geben; oder wenn er um einen Fisch bittet,

ihm statt eines Fisches eine Schlange geben; oder wenn er 12

um ein Ei bittet, ihm einen Skorpion geben? Wenn nun ihr, 13

in denen Böses lebt, euren Kindern gute Gaben zu geben

versteht, um wieviel mehr wird der Vater aus dem Himmel

heiligen Geist geben denen, die ihn darum bitten.

Und er trieb einen Dämon aus, der war stumm. Und es 14

geschah, als der Dämon ausgefahren war, daß der Stumme zu

reden begann. Und die Volksmenge geriet in Erstaunen. Einige

von ihnen aber sagten: Er treibt die Dämonen aus durch die 15

Kraft des Beelzebul, des Fürsten der Dämonen. Andere wollten 16

ihn auf die Probe stellen und verlangten von ihm ein Zeichen

vom Himmel. Er durchschaute ihre Gedanken und sprach zu 17

ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwü¬

stet, und ein Haus um das andere stürzt ein. Wenn also auch 18

der Satan mit sich selbst uneins wäre, wie könnte sein Reich

bestehen? Ihr aber behauptet, daß ich durch Beelzebul die

Dämonen austreibe. Wenn ich durch Beelzebul die Dämonen 19

austreibe, durch wen treiben dann eure Söhne sie aus? Sie

werden euch also das Urteil sprechen. Wenn ich aber durch 20

den Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann ist doch das

Reich Gottes schon zu euch gekommen. Wenn ein Starker in 21

voller Rüstung sein eigen Haus und Hof bewacht, so ist sein

Besitztum in Frieden; kommt aber ein Stärkerer über ihn und 22

besiegt ihn, so nimmt er ihm die Rüstung, auf die er sich

23 verließ, und teilt seine Beute aus. Wer nicht mit mir ist, der ist

gegen mich; und wer nicht einend wirkt mit mir, reißt ausein¬

ander.

24   Wenn der unreine Geist aus einem Menschen gewichen ist,

so zieht er durch wasserlose Räume und sucht Ruhe; und

wenn er sie nicht finden kann, spricht er: Ich will zurückgehen

25 in das Haus, aus dem ich ausgezogen bin. Und wenn er

26 kommt und es gefegt und aufgeräumt findet, dann geht er hin

und holt sich sieben andere Geister, die noch übler sind als er

selbst, und sie ziehen ein und hausen dort; und es wird mit

jenem Menschen schließlich viel schlimmer als zuerst.

27   Als er so sprach, geschah es, daß eine Frau aus der Menge

ihre Stimme erhob und ihm sagte: Begnadet der Leib, der dich

28 getragen, und die Brüste, die dich genährt. Er aber erwiderte:

Erst recht sind die begnadet, die Gottes Wort hören und in sich

wach erhalten.

29    Als die Menschen sich in Scharen um ihn drängten, begann

er zu sprechen: Das gegenwärtige Geschlecht ist von nieder¬

trächtiger Art, es verlangt ein Zeichen, aber es wird ihm kein

anderes Zeichen gegeben werden als das Zeichen des Jona.

30 Wie Jona den Bewohnern von Ninive zum Zeichen wurde, so

31 wird es der Menschensohn sein für dieses Geschlecht. Die

Königin des Südens wird im Endgericht aufstehen zugleich

mit den Menschen dieses Geschlechts und wird sie verurtei¬

len; kam sie doch von den Enden der Erde, um Salomos Weis-

32 heit zu vernehmen. Und siehe, mehr als Salomo ist hier. Die

Männer von Ninive werden im Endgericht aufstehen zugleich

mit diesem Geschlecht und werden es verurteilen. Wandelten

sie doch ihren Sinn nach der Verkündigung des Jona; und

siehe, mehr als Jona ist hier.

33    Niemand zündet ein Licht an, um es in einen Winkel oder

unter einen Scheffel zu stellen, sondern er setzt es auf einen

Leuchter, damit die Hereinkommenden den Lichtschein sehen.

34    Die Lichtquelle des Leibes ist dein Auge. Solange dein Auge

unbefangen und hell ist, ist auch dein ganzer Leib durchlich-

tet; ist es aber verdorben, so ist auch dein Leib finster. Darum 35

gib acht, daß das Licht in dir nicht Finsternis ist. Wenn dann 36

dein ganzer Leib durchlichtet ist und kein Teil an ihm noch

finster, dann wird er völlig leuchtend sein, wie wenn ein heller

Blitz dich ganz und gar durchstrahlt.

Als er so sprach, lud ihn ein Pharisäer ein, bei ihm zu essen. 37

Er kam in sein Haus und ließ sich nieder. Als der Pharisäer sah, 38

daß er nicht die Waschung vor dem Essen verrichtete, äußerte

er seine Verwunderung. Der Herr sagte zu ihm: Ja, ihr Pharisä- 39

er, das Äußere von Trinkgefaß und Schüssel haltet ihr sauber,

aber euer Inneres ist voller Habgier und Bosheit. Ihr Toren, hat 40

nicht der, der das Äußere gemacht hat, auch das Innere ge¬

macht? Gebt lieber das, was in den Gefäßen drin ist, als Zei- 41

chen eurer Liebe hin, und seht: dann ist euch alles rein.

Aber wehe über euch Pharisäer! Denn ihr nehmt den Zehn- 42

ten von Minze und Raute und allen anderen Krautern, doch

ihr übergeht die Beurteilung eurer selbst und die Liebe zu

Gott. Dieses sollte man tun und jenes nicht lassen.

Wehe über euch Pharisäer, daß ihr gern den ersten Platz in 43

der Synagoge habt und auf den Märkten euch gerne grüßen

laßt. Wehe über euch, denn ihr seid wie die unkenntlich ge- 44

wordenen Gräber, wo die Leute drüber hingehen, ohne es zu

wissen.

Da erwidert ihm einer von den Gesetzeslehrern: Meister, 45

wenn du so sprichst, beleidigst du auch uns. Er sagte: Auch 46

über euch wehe, ihr Gesetzeslehrer! Ihr beladet die Menschen

mit schweren Lasten/und selber rührt ihr diese Lasten mit

keinem Finger an.

Wehe über euch! Ihr errichtet den Propheten Grabmäler, 47

eure Väter aber haben sie getötet. Ihr bezeugt also die Taten 48

eurer Väter und bekennt euch zu ihnen. Jene haben sie getötet,

ihr baut die Grabmäler. Daher hat die Weisheit Gottes gespro- 49

chen: Ich will Propheten und Apostel zu ihnen senden, sie

aber werden viele von ihnen töten und verfolgen; damit zu- 50

rückgefordert wird von diesem Geschlecht das Blut aller Pro¬

pheten, das vergossen wurde seit der Grundlegung der Welt,

51 vom Blute Abels an bis zum Blut des Zacharias, der zwischen

Altar und Tempel umgebracht wurde. Ja, ich sage euch: Es

wird gefordert werden von diesem Geschlecht

52   Wehe über euch Gesetzeslehrer! Ihr habt den Schlüssel zur

Erkenntnis weggenommen. Ihr selbst seid nicht hineingegan¬

gen und habt es auch denen verwehrt, die hineingehen wollten.

53    Als er von dort wegging, begannen die Schriftgelehrten und

die Pharisäer ihm heftig zuzusetzen und ihn mit vielerlei Fra-

54 gen zu bestürmen; sie lauerten ihm auf, ob sie etwas aus sei¬

nem Munde erhaschen könnten, um ihn anzuklagen.

 

2. Sonntag

Joh 6

Nach diesen Ereignissen fuhr Jesus zum anderen Ufer des Sees

von Tiberias. Es folgte ihm eine große Volksmenge, weil sie die

Zeichen sahen, die er an den Kranken tat Und Jesus ging 3

hinauf auf den Berg und setzte sich dort nieder mit seinen

Jüngern. Passah, das Fest der Juden, war nahe.                4

Da nun Jesus seine Augen erhob und schaute, wie eine gro- 5

ße Volksmenge zu ihm kommt, spricht er zu Philippus: Wo

sollen wir Brote kaufen, damit sie zu essen haben? Dies sagte 6

er, um ihn zu prüfen; er selbst wußte, was er tun wollte. Philip- 7

pus antwortete ihm: Für zweihundert Denare Brot ist nicht

genug, daß jeder auch nur ein wenig bekäme. Da spricht einer 8

von seinen Jüngern, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: Es 9

ist ein Knabe hier, der fünf Gerstenbrote und zwei Fische hat;

aber was ist das für so viele ? Jesus sagte: Laßt die Menschen 10

sich lagern. Es war viel Gras an der Stätte. So lagerten sich die

11 Menschen, der Zahl nach fünftausend. Und Jesus nahm die

Brote, sprach das Dankgebet darüber und gab sie denen/ die

sich gelagert hatten; in gleicher Weise auch von den Fischen,

soviel sie wollten.

12    Als sie gesättigt waren, spricht er zu seinen Jungem: Sam¬

melt die übriggebliebenen Brocken, damit nichts verlorengeht.

13 Da sammelten sie zwölf Körbe voll mit dem, was an Brocken

von den fünf Gerstenbroten bei der Speisung übriggeblieben

14 war. Als nun die Menschen das Zeichen gewahrten, das er

vollbrachte, sprachen sie: Er ist wirklich der Prophet, der in die

15 Welt kommen soll. Da Jesus erkannte, daß sie kommen woll¬

ten, um sich seiner zu bemächtigen und ihn zum König zu

machen, zog er sich wiederum auf den Berg zurück, er allein.

16,17   Und abends spät gingen seine Jünger hinab zum See, stie¬

gen in ein Boot und fuhren hinüber nach Kapemaum. Es war

schon dunkel geworden, und Jesus war noch nicht zu ihnen

18 gekommen, und der See war aufgewühlt von einem mächti-

19 gen Winde. Da sie nun fünfundzwanzig oder dreißig Stadien

weit gefahren waren, sahen sie Jesus auf dem See wandeln und

20 dem Boote sich nähern. Und Furcht überkam sie. Er aber

spricht zu ihnen:

Ich bin, fürchtet euch nicht!

21 Da wollten sie ihn in das Boot aufnehmen, und schon war das

Boot am Lande, dort wo sie hinwollten.

22   Am folgenden Tage stand das Volk noch am anderen Ufer.

Sie hatten gesehen, daß es dort kein anderes Boot gab als das

eine und daß Jesus nicht mit seinen Jüngern in das Boot ge¬

stiegen war, sondern seine Jünger allein fortgefahren waren.

23 Doch andere Boote kamen aus Tiberias nahe an die Stätte,

wo sie das Brot gegessen hatten nach dem Dankgebet des

24 Herrn35. Als nun die Menschenmenge sah, daß Jesus nicht

dort war und auch seine Jünger nicht, stiegen sie in die Boote

25 und fuhren nach Kapernaum, um Jesus zu suchen. Und als

sie ihn am anderen Ufer fanden, sagten sie zu ihm: Rabbi,

26 wann bist du hierhergekommen? Jesus gab ihnen zur Ant-

wort: Amen Amen, ich sage euch: Ihr sucht mich, nicht weil

ihr Zeichen gesehen, sondern weil ihr von den Broten geges¬

sen habt und gesättigt wurdet Arbeitet nicht für vergängliche 27

Nahrung, sondern für solche Nahrung, die bleibt für das

überzeitliche Leben. Diese wird euch der Menschensohn ge¬

ben, denn ihm hat der göttliche Vater sein Siegel eingeprägt.

Nun sagten sie zu ihm: Was müssen wir tun, um im Wirken 28

Gottes mitzuwirken? Jesus erwiderte ihnen: Das ist Gottes 29

Werk, daß ihr glaubet an den, den er sandte.

Sie sagten nun zu ihm: Was vollbringst du denn als Zeichen, 30

auf daß wir es sehen und dir vertrauen können ? Was wirkst

du ? Unsere Väter aßen das Manna in der Wüste, wie geschrie- 31

ben steht: »Brot aus dem Himmel gab er ihnen zu essen.« Nun 32

sagte ihnen Jesus: Amen Amen, ich sage euch: Nicht Moses hat

euch das Brot aus dem Himmel gegeben, sondern mein Vater

gibt euch das wahre Brot aus dem Himmel. Denn das Brot 33

Gottes kommt aus dem Himmel herab und gibt der Welt Le¬

ben. Nun sagten sie zu ihm: Herr, gib uns allzeit solches Brot. 34

Jesus sagte zu ihnen:                                      35

Ich Bin das Brot des Lebens.

Wer zu mir kommt, wird nicht mehr hungern,

und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Aber ich mußte euch sagen: Ihr habt mich gesehen und glaubt 36

nicht. Alles, was der Vater mir gibt, wird zu mir kommen, und 37

wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausweisen; denn 38

ich bin vom Himmel herniedergekommen, nicht um meinen

Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt

hat. Dies aber ist der Wille dessen, der mich gesandt hat, daß 39

ich von allem, was er mir gegeben hat, nichts verliere, sondern

es auferstehen lasse am letzten Tage. Denn dies ist der Wille 40

meines Vaters, daß jeder, der den Sohn erschaut und an ihn

glaubt, immerwährendes Leben habe; und ich werde ihn auf¬

erstehen lassen am letzten Tage.

Da murrten die Juden untereinander, unwillig über ihn, 41

weil er gesagt hatte: Ich bin das Brot, das vom Himmel herab-

gekommen ist. Und sie sagten: Ist dieser nicht Jesus, der Sohn 42

Josephs? Wir kennen doch seinen Vater und seine Mutter!

Wie kann er sagen: vom Himmel bin ich herabgekommen ?

43,44 Jesus gab ihnen zur Antwort: Murrt nicht untereinander! Nie¬

mand kann den Weg zu mir finden, wenn nicht der Vater, der

mich gesandt hat, ihn zu mir zieht; und ich werde ihn auferste-

45 hen lassen am letzten Tage. Bei den Propheten steht geschrie¬

ben: »Und sie werden alle von Gott unterwiesen sein.« Jeder,

der vom Vater Kunde und Lehre empfangt, kommt zu mir.

46 Keiner hat den Vater gesehen außer dem, der bei Gott ist;

dieser hat den Vater gesehen.

47   Amen Amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, hat ewiges

48,49 Leben. Ich Bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der

50 Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Hier ist das

Brot, das vom Himmel herabkommt, damit man davon esse

51 und nicht sterbe. Ich Bin das lebende Brot, das aus dem Him¬

mel herniederkam; wer von diesem Brot ißt, wird für immer

leben. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Erdenleib,

den ich geben werde für das Leben der Welt.

52   Da stritten die Juden untereinander und sprachen: Wie kann

53 er uns seinen Leib zu essen geben? Da sagte ihnen Jesus: Amen

Amen, ich sage euch: Wenn ihr nicht den Leib des Menschen-

54 sohnes eßt und sein Blut trinkt, habt ihr kein Leben in euch. Wer

meinen Leib verzehrt und mein Blut trinkt, hat unvergängliches

55 Leben, und ich lasse ihn auferstehen am letzten Tage. Denn

56 mein Leib ist wahre Speise, und mein Blut ist wahrer Trank. Wer

meinen Leib verzehrt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und

57 ich in ihm. Wie der Vater, der Lebende, mich sandte, und wie ich

lebe durch den Vater, so wird auch der, der mich verzehrt, leben

58 durch mich. Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekom¬

men ist, nicht wie es die Väter aßen und doch starben; wer sich

von diesem Brote nährt, wird für immer leben.

59    So sprach er, als er lehrte in der Synagoge zu Kapernaum.

60 Viele von seinen Jüngern, die das hörten, sagten: Spröde ist

61 diese Rede, wer kann sie anhören ? Jesus nahm innerlich wahr,

daß seine Jünger darüber murrten, und er sprach zu ihnen:

62 Nehmt ihr daran Anstoß? Wie wird es dann sein, wenn ihr

den Menschensohn dorthin aufsteigen seht, wo er vorher

war? Der Geist ist es, der das Leben schafft; das Stoffliche an 63

sich hilft nicht. Die Gedankenkräfte, die in meinen Worten

strömen, sind Geist und sind Leben. Aber es sind einige unter 64

euch, denen der Glaube fehlt. Jesus wußte ja von Anfang an,

welche es waren, die nicht glaubten, und wer es war, der ihn

verraten würde. Und er sprach: Darum habe ich euch gesagt: 65

Niemand kann den Weg zu mir finden, wenn es ihm nicht

gegeben ist vom Vater.

Daraufhin zogen sich viele seiner Jünger von ihm zurück 66

und begleiteten ihn nicht mehr auf seiner Wanderung. Da 67

sprach Jesus zu den Zwölfen: Und ihr, wollt ihr etwa auch

fortgehen ? Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen 68

wir hingehen? Du hast Worte voll ewigen Lebens; und wir 69

haben geglaubt und erkannt, daß du der Heilige Gottes bist.

Jesus antwortete ihnen: Habe ich nicht euch, die Zwölf, er- 70

wählt; und einer von euch ist ein Widersacher. Damit meinte 71

er Judas, den Sohn des Simon Iskariot Dieser war es, der ihn

dann verriet, einer von den Zwölfen.

 

3. Sonntag

Joh 8

Früh am Morgen fand er sich im Tempelbezirk

wieder ein. Und die ganze Menge des Volkes kam zu ihm, und

er setzte sich nieder und lehrte sie.

3    Da bringen die Schriftgelehrten und Pharisäer eine Frau

herbei, die beim Ehebruch ergriffen war, stellen sie in die Mit-

4 te und sagen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat

5 beim Ehebruch ergriffen worden. Im Gesetz hat Moses gebo-

6 ten, solche Frauen zu steinigen; was sagst nun du dazu? Mit

diesen Worten stellten sie ihm eine Falle, um einen Grund zur

Anklage gegen ihn zu haben. Doch Jesus beugte sich nieder

7 und schrieb mit dem Finger in die Erde. Als sie ihre Frage

wiederholten, richtete er sich auf und sprach: Wer von euch

8 ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie. Und wieder

bückte er sich nieder und schrieb mit dem Finger in die Erde.

9 Auf dieses Wort hin gingen sie davon, einer nach dem ändern,

die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein zurück mit der Frau,

10 die in der Mitte stand. Und Jesus richtete sich auf und fragte

11 sie: Frau, wo sind sie, hat dich keiner verurteilt? Sie sagte:

Keiner, Herr. Da sagte Jesus: Auch ich verurteile dich nicht

12 Geh deinen Weg und sündige von jetzt an nicht mehr! Von

neuem verkündete ihnen Jesus:

Ich Bin das Licht der Welt.

Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis,

sondern wird das Licht des Lebens haben.

Da sagten die Pharisäer zu ihm: Du sprichst als Zeuge für dich 13

selbst; dein Zeugnis ist ungültig. Jesus gab ihnen zur Antwort: 14

Auch wenn ich als Zeuge für mich selbst spreche, ist mein

Zeugnis gültig; denn ich weiß, woher ich gekommen bin und

wohin ich gehe. Ihr aber wißt nicht, woher ich komme und

wohin ich gehe. Ihr urteilt nach der äußeren Erscheinung, ich 15

urteile über niemanden. Und wenn ich urteile, ist mein Urteil 16

wahr; denn ich bin nicht allein, sondern mein Ich ist vereint

mit dem, der mich sandte. Und in eurem Gesetz steht geschrie- 17

ben, daß das Zeugnis zweier Menschen gültig ist. Ich selbst 18

lege Zeugnis von mir ab, und der Vater, der mich gesandt hat,

zeugt auch für mich. Da sagten sie zu ihm: Wo ist dein Vater? 19

Jesus antwortete: Ihr kennt weder mich noch meinen Vater.

Würdet ihr mich kennen, so würdet ihr auch meinen Vater

kennen. Diese Worte sprach er in der Schatzkammer, als er im 20

Tempel lehrte. Und niemand legte Hand an ihn, denn seine

Stunde war noch nicht gekommen.

Aufs neue sagte er dann zu ihnen: Ich gehe hin, und ihr 21

werdet mich suchen; und in eurer Sünde werdet ihr sterben.

Wohin ich gehe, dahin könnt ihr nicht kommen. Da sagten die 22

Juden: Will er sich etwa selber töten, daß er sagt: wohin ich

gehe, dahin könnt ihr nicht kommen? Und er sprach zu ih- 23

nen: Ihr seid von unten, ich bin von oben. Ihr seid aus dieser

Welt, ich bin nicht aus dieser Welt. Darum habe ich euch ge- 24

sagt, daß ihr sterben werdet in euren Sünden; denn wenn ihr

nicht vertrauen könnt, daß Ich Bin, werdet ihr sterben in euren

Sünden.

Nun sagten sie zu ihm: Wer bist du ? Jesus antwortete: Was 25

soll ich überhaupt mit euch reden ? Vieles trage ich in mir, was 26

ich über euch zu sagen und zu entscheiden habe. Aber der, der

mich gesandt hat, ist wahr, und ich spreche das in die Welt

hinein, was ich von ihm gehört habe. Sie verstanden nicht, daß 27

er vom Vater zu ihnen sprach.

28   Da sagte Jesus: Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt/

dann werdet ihr erkennen, daß Ich Bin und von mir aus nichts

tue, sondern das verkünde, was der Vater mich gelehrt hat.

29 Und der mich sandte, ist mit mir; er hat mich nicht allein

gelassen. Was ich tue, ist jederzeit im Einklang mit ihm.

30,3i    Als er so sprach, glaubten viele an ihn. Da sprach Jesus zu

den Juden, die ihm vertrauten: Ihr, wenn ihr wohnt in mei-

32 nem Wort, dann seid ihr wirklich meine Jünger, und ihr wer¬

det die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei

33 machen. Sie entgegneten ihm: Nachkommen Abrahams sind

wir, und wir sind noch nie jemandes Knechte gewesen; wie

34 kannst du sagen: Ihr sollt Freie werden? Jesus antwortete

ihnen: Amen Amen, ich sage euch: Jeder, der sündigt, ist ein

35 Knecht der Sünde. Der Knecht aber wohnt nicht auf die

36 Dauer im Hause, der Sohn wohnt auf die Dauer. Wenn euch

also der Sohn die Freiheit gibt, werdet ihr wirklich Freie sein.

37 Ich weiß, daß ihr Nachkommen Abrahams seid; aber ihr

wollt mich töten, weil mein Wort keinen Raum in euren

38 Seelen findet. Was ich gesehen habe bei dem Vater, davon

künde ich; und ihr tut das, was ihr gehört habt von eurem

39 Vater. Sie gaben ihm zur Antwort: Unser Vater ist Abraham.

Jesus spricht zu ihnen: Wenn ihr Kinder Abrahams wäret, so

40 tätet ihr Abrahams Werke. Doch jetzt sucht ihr mich zu tö¬

ten, einen Menschen, der euch die Wahrheit verkündet hat,

so wie ich sie von Gott gehört habe. So hat Abraham nicht

41 gehandelt. Was ihr tut, ist das Werk eures Vaters. Sie erwider¬

ten ihm: Wir sind nicht aus Unzucht hervorgegangen, wir

42 haben nur einen Vater: Gott selbst. Jesus sprach zu ihnen:

Wenn Gott euer Vater wäre, so würdet ihr mich lieben. Denn

ich bin aus Gott hervorgegangen und bin von ihm gekom¬

men; ich bin ja nicht von mir aus gekommen, sondern er hat

43 mich gesandt. Warum versteht ihr meine Sprache nicht? Weil

44 ihr das Wort, das ich spreche, nicht hören könnt. Ihr stammt

von dem Widersacher als eurem Vater, und die Begierden

eures Vaters wirken in eurem Willen und in euren Taten. Er

war ein Menschenvernichter von Anfang an; am wahren Sein

hat er keinen Anteil, weil keine Wahrheit in ihm ist Wenn er

die Lüge verkündet, spricht er aus seinem eigensten Wesen;

denn er ist ein Lügner und Vater der Lüge. Ich aber, weil ich 45

die Wahrheit spreche, mir glaubt ihr nicht Wer von euch 46

kann mir Sünde nachweisen? Wenn ich Wahrheit spreche,

warum glaubt ihr mir nicht? Wessen Wesen aus Gott ist, der 47

hört die Worte Gottes. Ihr könnt sie deshalb nicht verneh¬

men, weil ihr nicht aus Gott seid.

Da entgegneten ihm die Juden: Sagen wir nicht mit Recht, 48

daß du ein Samariter bist und einen Dämon hast? Jesus ant- 49

wertete: Ich habe keinen Dämon, sondern verehre meinen Va¬

ter; doch ihr verhöhnt mich. Ich strebe nicht nach Anerken- 50

nung meines Wesens; es ist einer, der es wirklich tut und

dadurch eine Entscheidung herbeiführt. Amen Amen, ich sage 51

euch: Wenn jemand mein Wort in sich wirken läßt, wird er

keinen Tod mehr sehen in diesem ganzen Zeitenkreis.

Die Juden entgegneten ihm: Jetzt erkennen wir deutlich, 52

daß du von einem Dämon besessen bist. Abraham ist gestor¬

ben und ebenso die Propheten, und du behauptest: wenn

jemand mein Wort in sich wirken läßt, wird er keinen Tod

mehr schmecken in diesem ganzen Zeitenkreis. Bist du etwa 53

mächtiger als unser Vater Abraham, der gestorben ist? Auch

die Propheten sind gestorben! Wozu machst du dich selbst?

Jesus antwortete: Wenn ich mich selbst offenbaren wollte, so 54

wäre diese Offenbarung nichtig. Es ist mein Vater, der mich

offenbart, von dem ihr sagt: er ist unser Gott; und ihr habt 55

ihn nicht erkannt Ich aber kenne ihn, und würde ich sagen,

ich kennte ihn nicht, so wäre ich ein Lügner wie ihr. Aber ich

kenne ihn und lasse sein Wort in mir wirken. Abraham/ euer 56

Vater, sah frohlockend meinem Tag entgegen; und er sah ihn

und freute sich. Die Juden erwiderten ihm: Du bist noch 57

nicht fünfzig Jahre alt und willst Abraham gesehen haben?36

Da sprach Jesus zu ihnen: Amen Amen, ich sage euch: Ehe 58

Abraham ward, bin Ich. Da hoben sie Steine auf, um sie auf 59

ihn zu werfen. Jesus aber entschwand ihrem Blick und ver¬

ließ den Tempel.

 

4. Sonntag

Mat 21

Als sie sich Jerusalem näherten und nach Bethphage am 01-

berg kamen/ da entsandte Jesus zwei Jünger mit den Worten:

Geht in den Ort da vor euch/ und ihr werdet gleich eine Eselin

angebunden finden und bei ihr ein Füllen. Bindet sie los und

führt sie zu mir. Wenn euch aber jemand zur Rede stellt/ dann

sollt ihr sagen: Der Herr bedarf ihrer/ wird sie aber sofort

zurückschicken. Das geschah/ damit das Wort des Propheten

erfüllt werde, das da lautet: »Saget der Tochter Zion: siehe, dein

König kommt zu dir, demütig und reitend auf einem Esel und

auf dem Füllen, dem Jungen des Lasttieres.«

Die Jünger gingen hin und taten/ wie Jesus sie geheißen

hatte/ und brachten die Eselin und das Füllen. Sie legten ihre

Gewänder darauf/ und er setzte sich darauf. Alle die vielen

Menschen aber breiteten ihre Gewänder auf den Weg, andere

hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.

Und die Menge, die vor ihm herzog und ihm folgte, rief im 9

Chor: »Hosianna dem Sohne Davids! Hochgelebt, der da

kommt im Namen des Herrn. Hosianna in den Höhen!«

Als er nach Jerusalem hineinkam, wurde die ganze Stadt von 10

Erregung erfaßt, und man fragte: Wer ist das? Die Menschen- 11

scharen antworteten: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in

Galiläa.

Jesus betrat den Tempel und trieb alle hinaus, die im Tem- 12

pel verkauften und kauften. Er stieß die Tische der Geld¬

wechsler um sowie die Stände der Taubenverkäufer. Und er 13

spricht zu ihnen: Geschrieben steht: »Mein Haus soll Haus

der Anbetung heißen«, ihr aber macht es zur Räuberhöhle.

Und es traten im Tempel Blinde und Lahme an ihn heran, 14

und er machte sie gesund. Als die Hohenpriester und Schrift- 15

gelehrten das Unerhörte sahen, das er tat, und wie die Kinder

im Tempel riefen: »Hosianna dem Sohne Davids«, empörten sie

sich und sagten ihm: Hörst du, was diese rufen ? Jesus spricht 16

zu ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen: »Aus dem Munde der Kinder

und Säuglinge hast du dir Lob gewonnen« ? Und er ließ sie 17

stehen und ging aus der Stadt nach Bethanien. Dort verbrachte

er die Nacht.

In der Frühe ging er wieder hinauf in die Stadt, und es 18

hungerte ihn. Da sah er einen einzelnen Feigenbaum am Wege 19

stehen, ging auf ihn zu, fand aber nichts an ihm als nur Blätter.

Da spricht er zu ihm: Nie mehr in diesem Zeitenkreis soll aus

dir Frucht erwachsen! Und sogleich verdorrte der Feigen¬

baum10. Die Jünger sahen das voll Staunen und sagten: Wie 20

konnte der Feigenbaum so plötzlich verdorren ? Jesus antwor- 21

tete ihnen: Amen, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt und

nicht zweifelt, so werdet ihr nicht nur die Früchte des Feigen¬

baumes hervorbringen, sondern ihr könnt auch zu diesem

Berge sagen: hebe dich hinweg und wirf dich ins Meer; und es

wird geschehen. Und alles, was ihr im Gebet erbittet, werdet 22

ihr als Glaubende empfangen.

23    Als er in den Tempelbezirk kam und lehrte, traten die Ho¬

henpriester und Ältesten des Volkes vor ihn und fragten ihn:

Aus welcher Vollmacht handelst du so, und wer hat dir diese

24 Vollmacht gegeben? Da entgegnete ihnen Jesus: Auch ich will

euch eine Frage stellen, eine einzige; beantwortet ihr sie mir,

so werde ich euch sagen, aus welcher Vollmacht ich so handle.

25 Die Taufe des Johannes – woher war sie, aus dem Himmel

oder von Menschen? Sie überlegten miteinander: Wenn wir

sagen, vom Himmel, so wird er uns sagen: Warum habt ihr

26 ihm denn nicht geglaubt? Sagen wir aber, von Menschen, dann

haben wir uns vor dem Volk zu fürchten; denn alle halten den

27 Johannes für einen Propheten. So gaben sie Jesus zur Antwort:

Wir wissen es nicht. Da gab auch er ihnen die Antwort: Und

ich sage euch nicht, aus welcher Vollmacht ich so handle.

28   Wie dünkt euch dies: Ein Mensch hatte zwei Söhne. Er

wandte sich an den ersten und sagte: Mein Kind, geh und

29 arbeite heute im Weinberg! Jener antwortete: Ja, Herr! und

30 ging nicht hin. Dann wandte er sich an den anderen und sagte

dasselbe. Der antwortete: Ich will nicht. Doch später reute es

31 ihn, und er ging hin. Welcher von den beiden hat den Willen

des Vaters erfüllt? Sie sagten: Der zweite. Da sagte ihnen Jesus:

Amen, ich sage euch: Die Zöllner und die Dirnen kommen vor

32 euch in das Reich Gottes. Johannes kam zu euch auf dem Wege

der Gerechtheit, ihr aber habt ihm nicht geglaubt; doch die

Zöllner und Dirnen glaubten ihm. Obwohl ihr das gesehen

habt, empfandet ihr nicht die nötige Reue, um ihm am Ende

doch zu vertrauen.

33    Hört ein weiteres Gleichnis! Es war ein Mensch, ein Gutsherr,

der pflanzte einen Weinberg an und umgab ihn mit einem

Zaun, hob eine Keltergrube aus und baute einen Turm; er ver-

34 pachtete ihn an Weinbauern und ging außer Landes. Als die Zeit

der Früchte herankam, sandte er seine Knechte zu den Wein-

35 bauern, um seinen Anteil an den Früchten zu empfangen. Da

ergriffen die Weinbauern seine Knechte und mißhandelten den

einen, den anderen brachten sie um, den dritten steinigten sie.

36 Noch einmal sandte er andere Knechte, mehr als die ersten; mit

denen machten sie es ebenso. Schließlich sandte er seinen Sohn 37

zu ihnen, indem er sich sagte: Meinen Sohn werden sie achten.

Als die Weinbauern aber den Sohn sahen, sagten sie untereinan- 38

der: Das ist der Erbe; kommt, wir wollen ihn töten und sein Erbe

in Besitz nehmen! Sie ergriffen ihn, stießen ihn aus dem Wein- 39

berg hinaus und töteten ihn. Wenn nun der Herr des Weinber- 40

ges kommt, was wird er mit jenen Weinbauern tun ? Sie antwor¬

teten ihm: Den Bösen wird er ein böses Ende bereiten und den 41

Weinberg anderen Weinbauern übergeben, die ihm die Früchte

zur rechten Zeit abliefern. Da sagt Jesus zu ihnen: Habt ihr nie in 42

den Schriften gelesen: »Der Stein, den die Bauleute verworfen

haben, er ist zum Schlußstein geworden; durch den Herrn ist er

das geworden, bewundernswert ist er in unseren Augen« ? Dar¬

um sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch genommen und 43

einem Volke gegeben werden, das die Früchte des Reiches auf¬

bringt. Wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschmettert wer- 44

den; auf wen aber der Stein fällt, den wird er zermalmen.

Als die Hohenpriester und Pharisäer seine Gleichnisse hör- 45

ten, erkannten sie, daß er von ihnen redete. Sie hätten sich 46

gerne seiner bemächtigt, fürchteten sich aber vor dem Volk,

weil alle ihn für einen Propheten hielten.

 

Die vorangegangen Betrachtungen haben uns bis an die Schwelle der Karwoche geführt. Wir erinnern uns: Die vier Passionssonntage zeigten immer deutlicher, wie sich Christus der verirrten, darbenden, schulderfüllten Menschheit opfert und sie gleichzeitig durch sein Opfer verwandelt und über sich hinaushebt; sein Opferweg stand vor uns:

Lukas11: Dämonenaustreibung, -Zeichen desjona;

Johannes 6: Speisung der 5000, »Ich bin das Brot des Lebens«;

Johannes 8: Ehebrecherin, »Ich bin das Licht der Welt«;

Matthäus 21: Einzug in Jerusalem.

Der Weg in den Tod

Der April dieses Jahres beginnt mit der Karwoche. Am Palmsonntag (31. März) lesen wir den »Einzug inJerusalem«, dem die Reinigung des Tempels folgt. Die Bilder die da auftauchen – die Stadt, der Esel, der Tempel -, sind Bilder für die irdische Welt (Stadt) und für den physischen Leib des Menschen; sie zeigen, daß Christus nun endgültig den Bereich aufsucht, inweichem er » den Tod finden « wird. Dieses Wort: »den Tod finden«, ist ia doppeldeutig. Es heißt »sterben«; wir können es aber auch im eigentlichen Sinne verstehen- Christus »sucht den Tod«, das Wesen des Todes, und findet dieses Wesen, begegnet ihm im Bereich des Irdischen. Sein Lebensopfer führt zur Konfrontation mit dem Tode, dem Tod am Kreuz, aber dann durch die Konfrontation hindurch zur Überwindung des Todes. Die Karwoche wird heute schon in vielen Gemeinden der Christengemeinschaft Tag für Tag ausgestaltet; die tägliche Weihehandlung, die tägliche Besinnung am Abend können

uns immer tiefer in das Lebens-Todes-Geheimnis des Kreuzes einführen. Die sieben Tage der Karwoche stehen – ähnlich wie die zwölf Tage der Weihnachtszeit und zugleich ganz anders – tief bedeutsam im Jahr darinnen. Sie mitzuerleben, heißt nicht nur, etwas Vergangenes zu erinnern, sondern etwas gegenwärtig Geschehendes an die Tür des eigenen Herzens pochen zu lassen: Christus opfert sich jedes Jahr neu der Menschheit hin. Dies mitzufühlen, ist der eigentliche Inhalt der Karwoche und ihrer Geschehnisse von Tag zu Tag.

Ausdrückliche Perikopenangaben für die Evangelienlesungen in der Menschenweihehandlung sind uns nur für drei Tage gegeben (nicht für Montag, Dienstag und Mittwoch, wo meist Abschnitte aus den Tagesereignissen gelesen werden oder Matthäus 21 weitergelesen wird):

Gründonnerstag: Lukas 25, 15-23- Verurteilung und Kreuztragung;

Karfreitag: Johannes 19, 1-15 – Verurteilung;

Karsamstag:Joh 19, 16-42 — Kreuzigung und Grablegung.

In der Folge dieser drei Perikopen ergibt sich etwas Besonderes: daß nämlich drei Tage hindurch der Blick auf das Kreuz gerichtet wird. Schon am Gründonnerstag, an dem man eine ganz andere Perikope erwarten würde, erscheint das Kreuzzeichen im Geschehen der Kreuztragung. Am Karfreitag ertönt das schauerliche »Kreuzige, kreuzige ihn! «Am Karsamstag endlich erleben wir die Kreuzigung und den Kreuzestod – die am Karfreitag noch ausgespart werden — selbst.

Daran kann einem klar werden, daß an diesen drei Tagen die Weihehandlungen eigentlich eine innere Einheit bilden durch das in drei Schritten sich vollziehende Hervortreten des Kreuzes. So wie innerhalb der Weihehandlung nach dem Niederknien des Priesters von ihm drei Kreuze über Brot und Wein gezogen werden, so zeichnet sich dem ganzen Jahr das Kreuz während der Karwoche in dreifacher Weise ein: ein Zeichen der großen Wandlung zu Ostern hin. Und wer es irgend einrichten kann, wird in der Karwoche besonders an diesen drei Weihehandlungen teilnehmen; denn nur durch das Kreuz hindurch vollzieht sich Ostern.

Durchbruch zur Auferstehung: Markus 16

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, daß in der Perikopenfolge bisher Markus keine Rolle gespielt hat. Die anderen drei Evangelien zeigten sich in der Periko penreihe seit Weihnachten abwechselnd in bunter Folge. Erst zu Ostern jedoch tritt Markus hervor, dessen Evangelium bisher im Hintergrund geblieben war. Das Markusevangelium stellt dann aber in seinem 16. Kapitel die Osterperikope dar. Denn es ist in besonderer Weise ein » kosmisches « Evangelium, ein mit besonderer Dynamik impulsierendes Wortgebilde. Diese kosmische Kraft macht es geeignet, Ostern in der Perikopenfolge zu repräsentieren. Denn mit Ostern soll ja der Durchbruch ins Kosmische, der Aufschwung des Christus über das Irdische hinaus gezeigt werden: »Der, den ihr suchet, ist nicht hier.« Für diesen Aufschwung erweist sich das Markusevangelium als besonders geeignet. Es hat z. B. als einziges in seinem Osterbericht den Hinweis auf die aufgehende Sonne: Als die Frauen die Stadtmauer am Ostermorgen verlassen haben und den Garten, in welchem das Grab liegt, betreten, » geht die Sonne auf«. Das ist mehr als ein Zufall, als ein schönes Bild: Die über dem leeren Grab aufsteigende, sich aus

dem Dunkel der Erde erhebende Sonne ist das Wahrzeichen für die ganze weitere Osterzeit und — wie wir noch genauer sehen werden — für die weiteren Osterperikopen. In dem aus dem Irdischen emporsteigenden Licht steht die das Irdische überwindende und verwandelnde kosmische Macht des Christus vor uns.

Als weitere Osterperikopen folgen nun im April:

14. April: Johannes 20 – Begegnungen des Auferstandenen mit den Jüngern und Thomas;

21. April: Johannes 10 – Der gute Hirte, »Ich bin die Tür«;

28. April: Johannes 15 – »Ich bin der wahre Weinstock«.

Auf den Durchbruch, der mit Markus 16 gegeben ist, folgen in den sieben Wochen bis Pfingsten ausschließlich Johannes-Perikopen, und zwar werden Johannes 15, Johannes 16 und Johannes 14 sogar als ganze Kapitel in den Weihehandlungen gelesen: Ein gewaltiger »Wortesstrom« ergießt sich so in der Osterzeit, der einen ganz anderen Charakter hat als alles, was vorher in der Perikopenfolge da war. Und dieser »Strom der Worte«, der aber innerlich ganz von dem »reinen Leben« des Christus erfüllt ist, hat die gleiche Richtung, Tragekraft und Lichtwirkung wie die aufgehende Sohne am Ostermorgen: das Irdische ins Kosmische erhebend, dem Vater entgegentragend. »Ich gehe zum Vater« – das ist ja das Grundmotiv dieser Johannes-Perikopen.

 

Die April-Evangelien

Bevor mit dem dritten Sontag nach Ostern der große Wortestrom anhebt (in diesemJahr am 28. April, Johannes 15), erklingen zunächst noch zwei andere Evangelien. Johannes 20 gibt uns in besonderer Weise die Gewißheit, daß es sich bei der Gegenwart des Auferstandenen nicht um ein erdflüchtiges Phänomen handelt: Er erscheint »leiblich«,wenn auch in einer ganz und gar vergeistigten Leiblichkeit; er zeigt die Wundmale, die Zeichen des Erdenschmerzes, wenn er auch dazu das »Friede mit euch« spricht; und erläßt Thomas diese Wundmale ertasten, um ihm die fortdauernde Erdenwirklichkeit seines Wesens erfahrbar zu machen.

Kein Zweifel: es soll uns noch einmal gezeigt werden, daß auch mit der Auferstehung die Erdenrealität nicht verlassen wird. Gerade indem wir uns anschicken, den Aufschwung über das Nur-Irdische zu erfahren, ist diese Vergewisserung notwendig. Ein jenseitiges, rein geistiges Christentum wäre niemandem nütze; es muß Erdenwirklichkeit haben und doch zugleich über das Nur-Irdische hinausweisen. Erdenwirklichkeit ins Geistige erheben und damit verwandeln: das ist Ostern, und das zeigt sich insbesondere an Johannes 20.

Die Perikope an folgenden, zweiten Sonntag nach Ostern, Johannes 10, führt dieses Motiv fort. Christus erscheint als der Hirte, der die Menschenseele »heraus- und hineinführt«; er ist der Seelenführer, welcher dem Menschen das rechte Verhältnis zur irdischen, aber auch zur geistigen Welt ermöglicht. In diesem Sinne ist er auch »die Tür«.

Nachdem sich diese Motive entfaltet haben, können wir dann in den großen Strom eintreten, der mit Johannes 15 am dritten Sonntag nach Ostern beginnt und uns zu Himmelfahrt und Pfingsten hinführen wird. Davon wird dann im nächsten Beitrag die Redesein.

 

Karwoche

Montag, dienstag, mittwoch

aus den Tagesereignissen oder Mat 21

 

Donnerstag

Luk 23, 13-23

Pilatus rief nun die Hohenpriester, die Obersten und das Volk 13

zusammen und sagte zu ihnen: Ihr habt mir diesen Menschen 14

vorgeführt als einen, der das Volk abtrünnig macht. Seht nun,

ich habe ihn in eurer Gegenwart verhört und diesen Menschen

keineswegs dessen schuldig befunden, wessen ihr ihn anklagt.

Aber auch Herodes nicht, denn er hat ihn zu uns zurückge- 15

schickt. Ihr seht, von ihm ist nichts begangen worden, was den

Tod verdient. Ich will ihn also züchtigen lassen und dann freige- 16

ben. Denn er war verpflichtet, ihnen an jedem Fest einen Getan- 17

genen freizugeben. Da schrie die Menge wie aus einem Munde: 18

Schaff diesen weg/ den Barabbas gib uns frei! Der war wegen 19

eines Aufruhrs, der in der Stadt geschehen war, und wegen ei¬

nes Mordes ins Gefängnis geworfen worden. Wiederum redete 20

Pilatus ihnen zu, denn er war willens, Jesus freizulassen. Aber 21

sie schrien dagegen an: Kreuzige, kreuzige ihn! Ein drittes Mal 22

sprach er zu ihnen: Was hat er denn Schlimmes getan? Ich

konnte nichts an ihm finden, was den Tod verdient. Ich will ihn

also züchtigen lassen und dann freigeben. Sie aber setzten ihm 23

mit lauten Rufen zu und verlangten, daß er gekreuzigt würde;

und mit ihrem Geschrei setzten sie sich durch.

 

Freitag

Joh 19, 1-15

Da übergab Pilatus Jesus zur Geißelung. Und die Soldaten

flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie ihm auf das

Haupt, sie legten ihm einen Purpurmantel um, traten vor ihn

hin mit dem Gruß: Heil dir, König der Juden! und schlugen

ihm ins Gesicht.

Und wieder trat Pilatus heraus und spricht zu ihnen: Seht, 4

ich bringe ihn zu euch heraus/ damit ihr begreift, daß ich keine

Schuld an ihm finde. So kam Jesus heraus und trug die Dor- 5

nenkrone und den Purpurmantel. Pilatus spricht zu ihnen:

Siehe, das ist der Mensch! Als ihn die Hohenpriester und ihre 6

Diener sahen, schrien sie laut: Kreuzige, kreuzige ihn! Da sagt

Pilatus zu ihnen: Nehmt ihr ihn selber und kreuzigt ihn; denn

ich finde keine Schuld an ihm. Die Juden antworteten ihm: 7

Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muß er sterben,

weil er sich selbst zum Gottessohn gemacht hat. Als Pilatus 8

dieses Wort hörte, bekam er noch mehr Angst; er ging wieder 9

in das Prätorium hinein und fragte Jesus: Woher bist du?

Doch Jesus gab ihm keine Antwort. Pilatus sagte nun zu ihm: 10

Du sprichst nicht mit mir? Weißt du nicht, daß ich die Macht

habe, dich freizulassen, und auch die Macht, dich zu kreuzi¬

gen? Jesus antwortete: Du hättest nicht die geringste Macht n

über mich, wenn sie dir nicht von oben verliehen wäre; darum

hat der, der mich dir übergeben hat, die größere Schuld. Dar- 12

aufhin bemühte sich Pilatus, ihn freizulassen. Die Juden aber

schrien laut: Läßt du diesen frei, so bist du kein Freund des

Cäsars; jeder, der sich selber zum König macht, widersetzt sich

dem Cäsar.

Als Pilatus diese Worte vernahm, ließ er Jesus hinausführen 13

und setzte sich auf den Richterstuhl an der Statte, die Stein¬

pflaster genannt wird, auf hebräisch Gabbatha. Es war der 14

Rüsttag vor dem Passahfest, mittags um die sechste Stunde.

Und er spricht zu den Juden: Seht, euer König! Da schrien sie: 15

Weg, weg mit ihm, kreuzige ihn! Pilatus spricht zu ihnen:

Euren König soll ich kreuzigen? Die Hohenpriester antworte¬

ten: Wir haben keinen König außer dem Cäsar. Daraufhin 16

übergab er ihnen Jesus zur Kreuzigung.

 

Samstag

Joh 19, 16-42

So übernahmen sie denn Jesus, und er trug selbst sein Kreuz 17

und schritt hinaus zur sogenannten Schädelstätte, die auf he¬

bräisch Golgatha heißt. Dort kreuzigten sie ihn und zusam- 18

men mit ihm zwei andere, links und rechts von ihm, Jesus in

der Mitte.

19   Pilatus ließ auch eine Aufschrift schreiben und am Kreuze

anbringen; sie lautete: JESUS DER NAZORÄER, DER KÖNIG DER

JUDEN.

20    Viele Juden lasen diese Aufschrift/ weil die Stätte, wo Jesus

gekreuzigt wurde, dicht bei der Stadt lag; sie war auf hebrä-

21 isch, lateinisch und griechisch geschrieben. Da sagten die Ho¬

henpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: der König

der Juden, sondern daß er gesagt hat: ich bin der König der

22 Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich

geschrieben.

23    Als nun die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie

seine Kleidung und machten vier Teile daraus, für jeden Solda¬

ten einen Teil. Sie nahmen auch den Leibrock; der Leibrock

24 war ungenäht, von oben bis unten in einem Stück gewebt. Da

sagten sie zueinander: Den wollen wir nicht zerteilen, sondern

darum losen, wem er gehören soll. So sollte sich das Schrift-

wort erfüllen: »Sie haben meine Kleider unter sich verteilt und

über mein Gewand das Los geworfen.«

25    Während die Soldaten das taten, standen neben dem Kreuz

Jesu seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, die Maria

26 des Kleophas, und Maria von Magdala. Jesus blickte auf seine

Mutter und auf den Jünger, den er liebte, an ihrer Seite und

27 spricht zur Mutter: Frau, siehe, dein Sohn. Sodann spricht er

zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter. Und von dieser Stunde an

nahm der Jünger sie zu sich.

28   Danach, im Bewußtsein, daß nunmehr alles vollbracht sei,

29 damit die Schrift sich erfülle, spricht Jesus: Mich dürstet. Es

stand ein Krug mit Essig dort. Sie steckten einen mit Essig ge¬

tränkten Schwamm auf einen Ysopzweig und hielten ihn an sei-

30 nen Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er:

Es ist vollendet. Und er neigte sein Haupt und gab den Geist hin.

31   Da es der Rüsttag war, wollten die Juden vermeiden, daß

die Leichname während des Sabbats noch am Kreuze hän¬

genblieben; denn jener Sabbat war ein hoher Festtag. Darum

baten sie Pilatus, man möge ihnen die Beine brechen und sie

32 abnehmen. So kamen denn die Soldaten und zerschlugen

zuerst dem einen und dann dem anderen Mitgekreuzigten

die Beine. Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, daß er 33

schon gestorben war, zerschlugen sie seine Beine nicht; doch 34

einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite/ und

sogleich floß Blut und Wasser heraus. Und der es gesehen 35

hat, ist Zeuge dafür geworden, und sein Zeugnis ist wahr,

und er weiß, daß er die Wahrheit spricht, auf daß auch ihr

vertrauen könnt. Denn dies geschah in Erfüllung des Schrift- 36

wertes: »Nicht ein Knochen soll ihm zertrümmert werden.«

Und ein anderes Schriftwort sagt: »Hinschauen werden sie 37

auf den, den sie durchstochen haben.«

Nach diesen Geschehnissen bat Joseph von Arimathia, der ein 38

Jünger Jesu war, doch aus Furcht vor den Juden nur im gehei¬

men, Pilatus um die Erlaubnis, den Leichnam Jesu abnehmen

zu dürfen. Pilatus erlaubte es. Da ging er hin und nahm seinen

Leichnam ab. Es kam auch Nikodemus, der zuerst bei Nacht zu 39

ihm gekommen war, und brachte eine Mischung von Myrrhe

und Aloe mit, wohl hundert Pfund. Sie nahmen nun den Leib 40

Jesu und wickelten ihn mit den wohlriechenden Spezereien in

Leinenbinden ein, wie es jüdischer Brauch bei der Bestattung

ist. Nahe bei der Stätte, wo er gekreuzigt wurde, lag ein Garten, 41

und in dem Garten war ein neues Grab, in dem bisher noch

niemand beigesetzt worden war. Mit Rücksicht auf den Rüst- 42

tag der Juden, und weil die Grabkammer nahe lag, legten sie

Jesus da hinein.

 

Osterzeit

1. Sonntag

Mk 16

Und als der Sabbat vorüber war, kauften Maria von Magdala 1

und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechen-

de Spezereien. Sie wollten hingehen und ihn salben.

Und in der Morgenfrühe des ersten Tages der Woche kom- 2

men sie zum Grabe, als die Sonne aufging. Und sie sprachen 3

zueinander: Wer wird uns den Stein vom Eingang des Grabes

wälzen? Und als sie aufblickten, wurden sie gewahr, daß der 4

Stein beiseite gewälzt war; er war sehr groß. Nun traten sie in 5

die Grabkammer ein und sahen zur Rechten einen Jüngling sit¬

zen in langem weißem Gewände. Da erschraken sie sehr. Er aber 6

spricht zu ihnen: Erschrecket nicht! Jesus sucht ihr, den Nazare-

ner, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Seht,

da ist die Stätte, wo sie ihn bestattet haben. Jetzt aber geht hin, 7

saget zu seinen Jüngern und zu Petrus: Er geht euch voran nach

Galiläa; dort werdet ihr ihn schauen, wie er euch gesagt hat.

Da gingen sie hinaus und flohen vom Grabe hinweg; sie zit- 8

terten und waren wie entrückt und sagten niemandem etwas,

so erschüttert waren sie.

Auferstanden in der Morgenfrühe des ersten Tages der Wo- 9

ehe, erschien er zuerst der Maria von Magdala, von der er

sieben Dämonen ausgetrieben hatte. Die ging hin und verkün- 10

dete es denen, die mit ihm gewesen waren und die nun trauer¬

ten und weinten. Als diese hörten, daß er lebe und von ihr

geschaut worden sei, konnten sie es nicht glauben.

Danach erschien er in andersartiger Gestalt zweien von ih¬

nen unterwegs, als sie aufs Feld gingen. Diese machten sich

auch auf den Weg, um es den übrigen zu verkünden; aber auch

ihnen glaubten sie nicht.

Später offenbarte er sich den Elfen selbst, als sie beim Mahle

waren; und er tadelte die Schwäche ihres Glaubens und die

Härte ihres Herzens, weil sie denen nicht glaubten, die ihn,

den Wiedererstandenen, geschaut hatten. Und er sagte ihnen:

Geht hin in alle Welt und verkündet die Botschaft des Heils

der ganzen Schöpfung! Wer zum Glauben erwacht und sich

taufen läßt, wird das Heil erlangen. Wer ohne Glauben bleibt,

wird dem Untergang verfallen.

Solche Zeichen werden die zum Glauben Erwachten beglei¬

ten: Kraft meines Namens werden sie Dämonen austreiben, in

neuen Sprachen werden sie sprechen; Schlangen werden sie

aufrichten, und wenn sie einen tödlichen Trank trinken, wird

er ihnen nicht schaden. Kranken werden sie die Hände aufle¬

gen, und es wird ihnen besser gehen.

Nachdem Jesus der Herr so zu ihnen gesprochen hatte, wur¬

de er erhoben in das Himmelssein und waltet seitdem sitzend

zur Rechten Gottes. Sie aber zogen aus und verkündeten die

Botschaft überall; der Herr wirkte mit und bekräftigte das

Wort durch die begleitenden Zeichen.

Eine andere Schlußfassung:

Alles, was ihnen aufgetragen war, verkündigten sie in

Kürze dem Kreis des Petrus. Danach sandte auch er selbst,

Jesus, vom Osten bis zum Westen hin durch sie die heilige

und unzerstörbare Botschaft von dem ewigen Heil. Amen.

 

2. Sonntag

Joh 20

Am ersten Tag der Woche kommt Maria von Magdala ganz

früh, während es noch dunkel ist, zum Grabe und sieht den

Stein vom Grabe weggenommen. Da eilt sie hin und kommt 2

zu Simon Petrus und dem ändern Jünger, den Jesus liebte,

und sagt ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grabe geholt,

und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben. Da mach- 3

ten Petrus und der andere Jünger sich auf und gingen zum

Grabe. Sie liefen beide miteinander. Und der andere Jünger 4

lief voraus, schneller als Petrus, und kam zuerst an das Grab.

Er beugte sich vor und erblickte die Leinenbinden, die da 5

6 lagen; er ging jedoch nicht hinein. Nun kam auch Simon

Petrus, der ihm folgte, und ging in die Grabkammer hinein;

7 und er sieht die Leinenbinden, die da liegen, und das

Schweißtuch, das auf seinem Haupte war, nicht bei den Lei¬

nenbinden, sondern abseits eingerollt an einem Ort für sich.

8 Jetzt ging auch der andere Jünger, der zuerst zum Grabe

9 gekommen war, hinein, und er sah und glaubte. Bis dahin

hatten sie nämlich das Wort der Schrift noch nicht verstan-

10 den, daß er auferstehen müsse von den Toten. Dann kehrten

die Jünger wieder nach Hause zurück.

11   Maria aber stand noch außen vor dem Grab und weinte.

12 Und weinend beugte sie sich vor zu dem Grabe. Da schaut sie

zwei Engel in weißen Gewändern, einen zu Häupten, den än¬

dern zu Füßen sitzend dort, wo der Leib Jesu gelegen hatte.

13 Und diese sprechen zu ihr: Frau, warum weinst du ? Sie spricht

zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggeholt, und ich weiß

14 nicht, wohin sie ihn gebracht haben. Als sie dies gesagt hat,

wendet sie sich um nach hinten und sieht Jesus stehen, ohne

15 zu begreifen, daß es Jesus ist Jesus spricht zu ihr: Frau, warum

weinst du, wen suchest du? Sie hält ihn für den Gärtner und

spricht zu ihm: Herr, wenn du ihn weggetragen hast, so sage

16 mir, wohin du ihn gelegt hast, und ich werde ihn holen. Jesus

spricht zu ihr: Maria! Da wendet sie sich um und spricht zu

ihm auf hebräisch: Rabbuni! (das heißt: mein Herr und Mei-

17 ster^ Jesus spricht zu ihr: Berühre mich nicht, denn ich bin

noch nicht aufgestiegen zu meinem Vater. Gehe aber hin zu

meinen Brüdern und sage ihnen: Ich steige empor zu meinem

18 Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. So

kommt Maria von Magdala zu den Jüngern mit der Botschaft:

Ich habe den Herrn gesehen, und dies hat er zu mir gesagt.

19   Als es dann Abend war an jenem ersten Tage der Woche – die

Türen des Raumes, in dem die Jünger weilten, waren verschlos¬

sen aus Angst vor den Juden -, kam Jesus und stellte sich in die

20 Mitte und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Und bei diesen

Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da wurden

21 die Jünger froh, als sie den Herrn sahen. Er sagte wiederum zu

ihnen: Friede sei mit euch; wie mich der Vater sandte, so sende

ich euch. Und nach diesen Worten hauchte er sie an und sprach 22

zu ihnen: Nehmet hin heiligen Geist; wem immer ihr die Sün- 23

den abnehmt, dem sind sie genommen; wem ihr sie behaltet,

dem sind sie behalten.40

Thomas, einer aus dem Kreis der Zwölf, genannt der Zwil- 24

ling, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger 25

sagten ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Doch er erwiderte

ihnen: Wenn ich nicht sehen kann in seinen Händen das Mal

der Nägel und meinen Finger lege in die Nägelmale und meine

Hand lege in seine Seite, kann ich nicht glauben.

Und nach acht Tagen waren seine Jünger wieder im inneren 26

Raum versammelt, und Thomas war bei ihnen. Da kommt Jesus

bei verschlossenen Türen, tritt in die Mitte und spricht: Friede

sei mit euch! Dann spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger 27

her und siehe meine Hände, und strecke deine Hand aus und

lege sie in meine Seite; überwinde deinen Zweifel und werde ein

Glaubender! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr 28

und mein Gott! Jesus spricht zu ihm: Hast du Glauben, weil du 29

mich gesehen hast? Begnadet sind alle, die, ohne mit Augen zu

sehen, zum Glauben erwachen.

Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Jüngern voll- 30

bracht, die in diesem Buche nicht niedergeschrieben sind. Was 31

aber in diesem Buche steht, das ist geschrieben, damit in euch

der Glaube erwache, daß Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes;

und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.

 

3. Sonntag

Joh 10

Amen Amen, ich sage euch: Wer nicht durch die Tür hinein-

– geht in den Hof, wo die Schafe sind, sondern anderswo hinein-

2 steigt, der ist ein Dieb und Räuber. Wer durch die Tür eintritt,

3 ist der Hirte der Schafe. Ihm öffnet der Türhüter, und die

Schafe hören auf seine Stimme; und er ruft die Schafe, die ihm

4 gehören, beim Namen37 und führt sie hinaus. Hat er die Sei¬

nen alle hinausgebracht, so geht er ihnen voran, und die Scha-

5 fe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen. Einem Fremden

aber werden sie nicht folgen, sondern ihm davonlaufen, weil

6 sie die Stimme des Fremden nicht kennen. So sprach Jesus im

Bilde zu ihnen; sie aber verstanden nicht, was er ihnen sagen

7 wollte. Und Jesus fuhr fort:

Amen Amen, ich sage euch:

Ich Bin die Tür zu den Schafen.

8 Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die

9 Schafe hörten nicht auf sie. Ich Bin die Tür. Wenn einer durch

mich eintritt, wird es ihm zum Heil sein, er wird eingehen und

10 ausgehen und Weide finden. Der Dieb kommt nur, um zu

stehlen und zu schlachten und umzubringen. Ich bin gekom¬

men, damit sie Leben und überströmende Fülle haben.

11    Ich Bin der gute Hirte.

12 Der gute Hirte setzt sein Leben ein für die Schafe. Der Lohn-

knecht, der kein Hirte ist, dem die Schafe nicht zu eigen sind,

sieht den Wolf kommen, läßt die Schafe im Stich und flieht;

13 und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Ein Lohn-

knecht ist er ja nur und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich 14

Bin der gute Hirte und erkenne die Meinen/ und die Meinen

erkennen mich, wie der Vater mich erkennt und ich den Vater 15

erkenne; und ich setze mein Leben ein für die Schafe. Und 16

noch andere Schafe habe ich, die nicht aus diesem Hofe sind;

auch sie muß ich führen, und sie werden meine Stimme

hören, und es wird entstehen eine Herde – ein Hirte.

Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben einsetze, 17

um es wiederum zu empfangen. Niemand kann mir mein 18

Leben nehmen, sondern ich gebe es von mir aus hin; ich

habe die Vollmacht, es hinzugeben, und auch die Vollmacht,

es wieder zu empfangen. Dieses Gebot habe ich von meinem

Vater empfangen.

Wieder entstand unter den Juden eine Spaltung wegen die- 19

ser Worte. Viele von ihnen sagten: Er ist von einem Dämon 20

besessen und ist von Sinnen; warum hört ihr ihn noch an?

Andere sagten: Das sind nicht die Reden eines Besessenen; 21

kann ein Dämon etwa Blinden die Augen auftun?

Es kam dann das Fest der Tempelweihe in Jerusalem; es war 22

Winter, und Jesus ging im Tempel in der Halle Salomos auf 23

und ab. Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: 24

Wie lange hältst du unsere Seele hin? Wenn du der Christus

bist, sage es uns mit deutlichen Worten! Jesus antwortete ih- 25

nen: Ich habe es euch gesagt, und ihr glaubt nicht. Die Werke,

die ich im Namen meines Vaters vollbringe, die zeugen für

mich. Aber ihr glaubt nicht, weil ihr nicht zu meinen Schafen 26

gehört. Meine Schafe hören auf meine Stimme, und ich kenne 27

sie, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen ewiges Leben. 28

Nimmer sollen sie in der Zukunft verlorengehen, und nie¬

mand wird sie meiner Hand entreißen. Mein Vater, der sie mir 29

gegeben hat, ist mächtiger als alles andere, und niemand kann

sie der Hand meines Vaters entreißen. Ich und der Vater sind 30

Eines.

Wiederum schleppten die Juden Steine herbei, um ihn zu 31

steinigen. Darauf erwiderte ihnen Jesus: Viele schöne und gute 32

Taten habe ich vor euren Augen aus der Kraft des Vaters voll-

bracht Wegen welcher dieser Taten wollt ihr mich steinigen?

33 Die Juden erwiderten ihm: Nicht wegen einer guten Tat steini¬

gen wir dich, sondern wegen einer Gotteslästerung; und zwar,

weil du, der du ein Mensch bist, dich selbst zum Gott machst.

34 Jesus erwiderte ihnen: Steht nicht in eurem Gesetz geschrie-

35 ben: »Ich habe gesagt: ihr seid Götter« ? Wenn die Schrift, die

doch nicht für ungültig erklärt werden kann, jene Götter ge-

36 nannt hat, an die das Wort Gottes erging, wie könnt ihr dann

dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat, Got¬

teslästerung vorwerfen, weil ich gesagt habe: ich bin Gottes

37 Sohn? Wenn ich nicht die Taten meines Vaters tue, dann

38 glaubt mir nicht! Wenn ich sie aber tue, dann vertraut wenig¬

stens meinen Taten, wenn ihr auch mir selbst nicht vertrauen

könnt. Ihr werdet dann immer mehr erkennen: In mir der

Vater und ich im Vater.

39   Da suchten sie sich wieder seiner zu bemächtigen, doch er

entzog sich ihrer Hand.

40   Und er ging wieder auf die andere Seite des Jordans an den

41 Ort, wo Johannes zuerst getauft hatte. Dort verweilte er, und

viele Menschen kamen zu ihm. Und sie sprachen: Johannes

hat zwar kein Zeichen vollbracht; aber alles, was Johannes

42 über diesen gesagt hat, das ist wahr. Auch dort kamen viele

zum Glauben an ihn.

 

4. Sonntag

Joh 15

Ich Bin der wahre Weinstock,

und mein Vater ist der Weingärtner.

2 Jede Rebe an mir, die keine Frucht trägt, schneidet er weg; und

jede, die Frucht trägt, reinigt er von wilden Trieben, auf daß sie

3 mehr Frucht trage. Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich

4 euch verkündet habe. Bleibet in mir, so bleibe ich in euch. Wie

die Rebe nicht die Kraft hat, Frucht zu bringen aus sich selbst,

wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn

ihr nicht bleibt in mir.

Ich Bin der Weinstock, ihr seid die Reben.                 5

Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; ge¬

trennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Wenn einer nicht 6

in mir bleibt, wird er hinausgeworfen wie die Rebe und ver¬

dorrt; man wirft dann solche Reben zusammen ins Feuer, und

sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in 7

euch lebendig bleiben, mögt ihr erbitten, was ihr wollt, es wird

euch zuteil werden. Darin wird mein Vater geoffenbart, daß 8

ihr viel Frucht bringt und meine Jünger werdet.

Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. 9

Bleibet in meiner Liebe! Wenn ihr meinen Zielen die Treue hal- 10

tet, werdet ihr bleiben in meiner Liebe, gleichwie ich meines

Vaters Zielen treu geblieben bin und bleibe in seiner Liebe.

Dies habe ich zu euch gesprochen, auf daß meine Freude in 11

euch sei und eure Freude sich erfülle. Dies ist mein Auftrag: 12

Liebet einander, wie ich euch geliebt habe. Eine größere Liebe 13

hat niemand als diese, sein Leben hinzugeben für seine Freun¬

de. Ihr seid meine Freunde, indem ihr handelt im Sinne des 14

Auftrags, den ich euch gebe. Nicht mehr nenne ich euch 15

Knechte, denn der Knecht bekommt keine Einsicht in das Han¬

deln seines Herrn. Euch habe ich zu Freunden erklärt, da ich

alles, was ich von meinem Vater gehört habe, eurem Erkennen

anvertraute. Nicht ihr habt mich zum Freunde erwählt, son- 16

dem ich habe euch erwählt; und ich habe euch dazu bestimmt,

daß ihr euren Erdenweg geht und Frucht tragt, und daß eure

Lebensfrucht bleibe. Dann wird der Vater, was immer ihr in

meinem Namen erbittet, euch geben. Dieses trage ich euch 17

auf: Liebet einander!

Wenn die Welt euch haßt, dann erkennt, daß sie mich zuerst 18

gehaßt hat. Wäre euer Wesen aus dieser Welt, würde die Welt 19

das Ihrige gernhaben. Weil ihr nicht aus dieser Welt seid, viel¬

mehr ich euch erkoren und gerufen habe aus der Welt, darum

hassen euch die Menschen. Gedenket des Wortes, das ich euch 20

sagte: Ein Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich

verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen; haben sie mein

21 Wort beachtet, so werden sie auch das eure beachten. Aber

dies alles werden sie euch antun, weil ihr meinen Namen

22 tragt; denn sie kennen den nicht, der mich gesandt hat. Wäre

ich nicht zu ihnen gekommen und hätte ich nicht zu ihnen

gesprochen, so hätten sie keine Schuld. Jetzt aber haben sie

23 keine Entschuldigung für ihre Sünde. Wer mich haßt, haßt

24 zugleich meinen Vater. Hätte ich nicht unter ihnen die Taten

vollbracht, die nie ein anderer vollbracht hat, so hätten sie

keine Schuld. Jetzt aber haben sie es gesehen und sind in Haß

25 verfallen gegen mich und gegen meinen Vater. Aber es mußte

das Wort, das in ihrem Gesetz geschrieben ist, in Erfüllung

gehen: »Ohne Grund haben sie mich gehaßt.«

26   Wenn der Beistand kommt, den ich euch senden werde vom

Vater her, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, die-

27 ser wird zeugen für mich. Und auch ihr seid meine Zeugen,

denn von Anfang an seid ihr mit mir verbunden.

 

5. Sonntag

Joh 16

Dieses habe ich zu euch gesprochen, damit ihr euch nicht

beirren laßt Sie werden euch aus den Synagogen ausstoßen.

Ja, es kommt die Zeit, da wird jeder, der euch tötet, überzeugt

3 sein, er erweise Gott einen heiligen Dienst. Und sie werden so

handeln, weil sie den Vater nicht erkannten und auch mich

4 nicht. Aber ich habe euch davon gesprochen, damit, wenn die

Stunde kommt, ihr daran denken könnt, daß ich selbst es euch

gesagt habe. Ich habe nicht von Anfang an zu euch davon

5 gesprochen, weil ich bei euch war. Jetzt aber gehe ich hin zu

dem, der mich sandte; und keiner von euch fragt mich: Wohin

6 gehst du? Sondern da ich euch dies gesagt habe, hat Trauer

7 euer Herz erfüllt. Ich aber sage euch, wie es in Wahrheit ist: Es

ist gut für euch, daß ich hingehe, denn wenn ich nicht hingin¬

ge, käme der Beistand nicht zu euch; wenn ich aber gehe,

8 werde ich ihn euch senden. Und er wird mit seinem Kommen

der Menschheit die Augen öffnen für die Sündenkrankheit

9 und; für die Gerechtheit und für die Entscheidung. Die Sün-

10 denkrankheit liegt darin, daß sie nicht an mich glauben; Ge-

rechtheit wird sein dadurch, daß ich zum Vater gehe und ihr

mich nicht mehr vor Augen habt; die Entscheidung: daß über 11

den Fürsten dieser Welt schon entschieden ist.

Noch viel habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt 12

nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, 13

er wird euch den Weg in alle Wahrheit weisen. Denn nicht aus

sich selber wird er sprechen, sondern was er hört, wird er

sprechen; und das Kommende wird er euch verkünden. Er 14

wird mich offenbaren, denn aus meinem Wesen wird er neh¬

men, was er euch zu künden hat. Alles, was der Vater hat, ist 15

mein. Darum sagte ich: Aus meinem Wesen nimmt er, was er

euch zu künden hat.

Nach kurzer Zeit werdet ihr mich nicht mehr sehen, und 16

wiederum nach kurzer Zeit werdet ihr mich erblicken; denn

ich gehe hin zum Vater. Da sagten einige von seinen Jüngern 17

zueinander: Was bedeutet dies, was er uns sagt: nach kurzer

Zeit werdet ihr mich nicht mehr sehen, und wiederum nach

kurzer Zeit werdet ihr mich erblicken; und: ich gehe hin zum

Vater? Nun sagten sie: Was für einen Sinn hat dies: nach kür- 18

zer Zeit? Wir wissen nicht, wovon er spricht. Jesus erkannte, 19

daß sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Ihr bemüht

euch miteinander zu verstehen, warum ich sagte: nach kurzer

Zeit werdet ihr mich nicht mehr sehen, und wiederum nach

kurzer Zeit werdet ihr mich erblicken. Amen Amen, ich sage 20

euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich

freuen; ihr werdet betrübt sein, aber eure Betrübnis wird zur

Freude werden. Die Frau, wenn sie gebiert, hat Schmerzen zu 21

leiden, weil ihre Stunde gekommen ist. Sobald sie aber das

Kind geboren hat, gedenkt sie der Drangsal nicht mehr vor

lauter Freude, daß ein Mensch in diese Welt geboren wurde.

Auch ihr seid jetzt voller Betrübnis; aber ich will euch wieder- 22

sehen, und euer Herz wird frohlocken, und eure Freude kann

euch niemand nehmen. An jenem Tage werdet ihr mir keine 23

Frage mehr stellen.

Amen Amen, ich sage euch: Wenn ihr vom Vater etwas er¬

bitten werdet in meinem Namen, wird er es euch gewähren.

24 Bisher habt ihr nichts erbeten in meinem Namen. Bittet, und

25 ihr werdet empfangen, auf daß eure Freude erfüllt sei. Bisher

habe ich in Bildern zu euch gesprochen; es kommt die Stunde,

da ich nicht mehr in Bildern zu euch reden werde, sondern

26 euch unmittelbar vom Vater künden werde. An jenem Tage

werdet ihr in meinem Namen bitten, und ich sage euch nicht,

27 daß ich den Vater für euch fragen werde; denn der Vater selbst

ist euch Freund, weil ihre meine Freunde geworden seid und

28 vertraut habt, daß ich von Gott ausgegangen bin. Aus dem

Vater bin ich hervorgegangen und in die Welt gekommen;

wiederum verlasse ich die Welt und gehe zum Vater.

29    Da sprechen seine Jünger: Siehe, jetzt redest du unmittelbar

30 im Worte und sprichst nicht in Bildern. Jetzt verstehen wir,

daß alle Dinge in deinem Bewußtsein sind und du nicht nötig

hast, daß man dir Fragen stellt; darum vertrauen wir, daß du

31 von Gott ausgegangen bist. Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubt

32 ihr? Siehe, es kommt eine Stunde und sie ist gekommen, da

werdet ihr auseinandergetrieben, ein jeder in sein Eigensein,

und mich laßt ihr allein; und doch bin ich nicht allein, da der

Vater mit mir ist.

33    Dieses habe ich zu euch gesprochen, auf daß ihr in mir

Frieden habt. In dieser Welt werdet ihr bedrängt; aber seid

getrost: Ich habe die Welt überwunden.

 

6. Sonntag

Joh 14

Euer Herz erschrecke nicht! Vertraut auf Gott und vertraut auf

mich! Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Wäre es

nicht so, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, um euch

eine Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingegangen bin und

euch die Stätte bereitet habe, will ich wiederkommen und

euch zu mir nehmen, auf daß auch ihr seid, wo ich bin. Und 4

wo ich hingehe, dahin wißt ihr den Weg. Spricht zu ihm Tho- 5

mas: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst; wie können wir

den Weg wissen? Jesus spricht zu ihm:                     6

Ich Bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.

Niemand kommt zum Vater außer durch mich.

Wenn ihr mich erkannt hättet, würdet ihr auch meinen Vater 7

kennen. Von jetzt an erkennt ihr ihn und habt ihn gesehen.

Spricht zu ihm Philippus: Herr, zeige uns den Vater; das soll 8

uns genügen. Spricht Jesus zu ihm: So lange Zeit bin ich bei 9

euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich

gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen:

Zeige uns den Vater? Vertraust du nicht, daß ich im Vater bin 10

und der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch spreche,

rede ich nicht von mir aus; der Vater, der mir innewohnt,

schafft sie als seine Werke. Vertraut mir, daß ich im Vater bin 11

und der Vater in mir ist. Oder faßt zumindest Vertrauen, in¬

dem ihr die Werke für sich selber sprechen laßt. Amen Amen, 12

ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke, die ich

vollbringe, auch selber vollbringen; und er wird größere als

diese vollbringen, denn ich bin auf dem Wege zum Vater. Und 13

was immer ihr erbitten werdet aus meinem Wesen heraus, das

werde ich vollbringen; und so wird der Vater offenbar werden

im Sohne. Wenn ihr mich um etwas bitten werdet in meinem 14

Namen, ich werde es vollbringen.

Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meinen Zielen treu bleiben. 15

Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen ande- 16

ren Beistand geben, der mit euch sein wird für alle Zukunft,

den Geist der Wahrheit. Ihn kann die Welt nicht fassen, weil 17

sie kein Auge für ihn hat und ihn nicht erkennt; ihr aber

erkennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. So 18

lasse ich euch nicht als Waisenkinder zurück, ich komme zu

euch. Nur kurze Zeit noch, dann sieht die Welt mich nicht 19

mehr; ihr aber seht mich, denn ich lebe und auch ihr werdet

leben. An jenem Tage werdet ihr selbst erkennen: Ich in mei- 20

nem Vater und ihr in mir und ich in euch. Wer meine Ziele in 21

seinem Willen treu bewahrt, der ist es, der mich liebt; und wer

mich liebt, wird die Liebe meines Vaters erfahren, und ich

werde ihn lieben und ihm erscheinen.

22   Judas, nicht der Iskariot, spricht zu ihm: Herr, was ist ge¬

schehen, daß du uns erscheinen willst und nicht der Welt?

23 Jesus gab ihm zur Antwort: Wenn jemand mich liebt, wird er

mein Wort in sich lebendig halten; und mein Vater wird ihn

lieben, und wir werden zu ihm kommen und uns bei ihm

24 eine Wohnung schaffen. Wer mich nicht liebt, wird meine

Worte nicht in sich lebendig halten. Und das Wort, das ihr

hört, ist nicht von mir, sondern vom Vater, der mich sandte.

25 Dies habe ich zu euch gesprochen, da ich noch bei euch bin.

26 Doch der Beistand, der heilige Geist, den der Vater in mei¬

nem Namen senden wird, der wird euch dies alles verstehen

lehren und in euch die Erinnerung wecken an alles, was ich

euch gesagt habe.

27    Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.

Nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz erschrecke

28 nicht und verzage nicht! Ihr habt gehört, daß ich selbst euch

gesagt habe: Ich gehe hin und komme zu euch. Würdet ihr

mich lieben, so würdet ihr euch freuen, daß ich zum Vater

29 gehe, denn der Vater ist mächtiger als ich. Und jetzt habe ich

es euch gesagt, ehe es geschieht, damit ihr vertrauen könnt,

wenn es geschieht.

30   Nicht mehr viel werde ich mit euch sprechen, denn es

kommt der Fürst dieser Welt, doch an mir hat er keinen Anteil.

31 Aber gerade dann soll die Welt erkennen, daß ich den Vater

liebe und so handle, wie es mir der Vater aufgetragen hat.

Erhebet euch, wir wollen aufbrechen von hier!

 

Es sollen nun die Mai-Perikopen, die in der Weihehandlung gelesen werden, ins Blickfeld treten. Der Beginn der Osterzeit liegt bereits hinter uns; er hat uns, wie wir im vorigen Beitrag beschrieben haben, den Aufschwung über das Nur-Irdische in das Kosmische hinein gebracht, ohne uns die Erdenwirklichkeit verlieren zu lassen (Johannes 10). Die Kraft dieses Aufschwungs strömt besonders in den Kapiteln 15, 6 und 14 des Johannesevangeliums, welche am 3., 4. und 5. Sonntag nach Ostern als ganze Kapitel gelesen werden und die gewaltige Dynamik der Osterzeit zum Ausdruck bringen (in diesem Jahre am 28.4., 5. und 12. 5.). Dann folgen Himmelfahrt (16. 5.), der Himmelfahrtssonntag (19. 5.) und das Pfingstfest (26.5.).

Der Weg zum Vater

Wir haben schon im vorigen Beitrag das Grundmotiv der Osterperikopen anklingen lassen, das man mit den Christus-Worten bezeichnen kann: »Ich gehe zum Vater« (Joh. 16,28). Der Weg nach Weihnachten stand zunächst unter dem Zeichen der Menschwerdung Christi – bis hin zum »Faschingssonntag« -, der Menschwerdung, welche dann zum großen Opfergang Christi werden sollte, der zum Kreuz hinführt. Man kann diesen Weg auch als den Weg vom Vater her zur Menschheit und Erde hin bezeichnen. Nun aber kehrt sich die Bewegungsrichtung um: Was Christus in seiner neuen Verbindung mit Menschheit und Erde erlebt und erfahren hat, trägt er in der Osterzeit wieder zum Vater hin, übergibt es der Welt des Vaters. Damit wird auch der Keim dafür gelegt in jeder Osterzeit stärker -, daß Menschheit und Erde in Zukunft wieder eine kosmische Dimension gewinnen sollen. (Die sogenannte Weltraumfahrt ist ein Spiegel- und Zerrbild dessen, was in Zukunft einmal auf geistige Art Realität gewinnen und über den heutigen Erdenzustand hinausführen wird.)

Die drei großen Johannesperikopen – Kapitel 15,16 und 14 – enthalten die Motive-einer solchen kosmischen Zukunft, die im Keim zu jeder Osterzeit bereits als werdende Wirklichkeit der Menschheit zuwächst. Sehen wir dies im einzelnen an:

In Kapitel 15 ist es vor allem das Bild des die Erdensubstanz über das Irdische hinausführenden, mit den Sonnenkräften verbindenden Weinstocks*, welches uns das Grundmotiv als Wahrbild, als Imagination vor Augen führt: Christus wächst wie der Weinstock über die Erdensphäre hinaus, Irdisches dem Vater entgegentragend und verwandelnd. Die mit Christus verbundene Menschheit wird in diese Bewegung einbezogen: »Ihr seid die Reben« (V. 5) und: »… ich habe euch erwählt aus der Erdenwelt« (V. 19). Natürlich gibt es hier und in den anderen Kapiteln auch eine ganze Reihe von Nebenmotiven; wie sie zu dem Hauptmotiv in Beziehung stehen, kann vielleicht später einmal ausgeführt werden.

In Kapitel 16 tritt nun deutlich das » Weg-Motiv « selbst hervor: »Ich gehe nun hinweg zu dem, der mich gesandt hat… es ist gut für euch, daß ich hingehe« (V. 5-7). »Ginge ich nicht hin, der Tröster könnte nicht zu euch kommen « (V. 7). Hier wird der Aufstieg zum Vater, zur kosmischen Dimension des Seins, mit der Sendung des »Trösters«, des Geistes, der das Erdendasein überragt, verbunden: »Wenn ich hingehe, werde ich ihn zu euch senden« (V. 7). Auch die anderen Motive dieses Kapitels lassen sich dem Grundmotiv eingliedern, das am Schluß noch einmal deutlich ausgesprochen wird: »Ich verlasse wieder die Erdenwelt und gehe zum Vater« (V. 28) und: »Ich habe die Erdenwelt überwunden« (V. 3 3). Merkwürdig ist, daß die Perikopenordnung nun zu Johannes 14 übergeht, da doch Kapitel 15 und 16 schon absolviert worden sind und Johannes 14 eigentlich vorausgehen sollte. Gerade Johannes 14 führt uns aber in eine Steigerung des österlichen Grundmotivs hinein, so daß dieses Kapitel zu Recht von diesem Gesichtspunkt her am Schluß der Osterreihe steht – unmittelbar vor Himmelfahrt. Gleich zu Beginn heißt es: »In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen; wäre es nicht so, wie könnte ich zu euch sagen: ich will hingehen, euch eine Stätte zu bereiten…« (V. 2). Hier taucht nun auch das Grundmotiv als »Ich-Bin-Wort« auf: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater als durch mich« (V. 6). Und in der Mitte des Kapitels finden wir wie eine Zusammenfassung: »… ich im Vater und der Vater in mir… « (V. 10) und: »ich im Vater, ihr in mir, ich in euch…« (V. 20). Der Leser wird unschwer auch die anderen Verse, die das Grundmotiv von immer neuen Seiten anklingen lassen, herausfinden.

Die Lesung dieser drei Johanneskapitel stellt einen Höhepunkt in der Perikopenordnung dar; der Lebensstrom, der zur Osterzeit vom Christus zum Vater führt, nimmt uns auf.

 

Himmelfahrt und Pfingsten

Zu Himmelfahrt haben wir in der Perikopenordnung nicht das Himmelfahrtsereignis selbst (aus Apostelgeschichte 1), sondern die Wiederholung des Schlußteils von Johannes 16 (Vers 24-33) vor uns. Das Bild der Himmelfahrt selbst, das Christus in seiner kosmischen Dimension, auf dem Wege zum Vater, offenbart, tritt uns also in den Perikopen nicht entgegen. Dafür aber offenbart sich das Himmelfahrtsgeheimnis von einer anderen Seite her: daß Christus den Jüngern zwar der Sichtbarkeit nach entschwindet, aber gerade dadurch in einer höheren Art, in einer höheren Dimension gegenwärtig wird.

Was wir uns schon beiJohannes 20, der Thomasperikope, klargemacht haben, zeigt sich nun hier noch deutlicher: Die Erhöhung Christi zum Himmelssein bedeutet nicht den Verlust der Erdenwirklichkeit. Diese Tatsache spricht aus den Worten derjohanneischen Himmelfahrtsperikope: »Bittet aus dem Herzen, so wird eurem Herzen gegeben…«(V. 24) – das heißt: der in den Kosmos sich Erhebende bleibt den Jüngern verbunden; »… er selbst, der Vater, liebt euch…« (V. 27) – das heißt: aus dem Reich des Vaters strömt die Liebe den Menschen zu; »… dies habe ich zu euch gesprochen, damit ihr in mir Frieden findet…« (V. 33) – das heißt: die Friedenskraft Christi bleibt für die Jünger wirksam.

Am Sonntag nach Himmelfahrt wird diese Perikope dann wiederholt.

Zum Abschluß des Mai feiern wir in diesem Jahre das Pfingstfest. Hier gilt nun etwas Ähnliches für die Perikope wie bei Himmelfahrt: Sie hat nicht das Pfingstereignis selbst, wie es in der Apostelgeschichte geschildert wird, zum Inhalt, sondern greift wiederum einen Teil der österlichen Kapitel aus demJohannesevangelium auf, diesmal den Schlußteil von Johannes 14 (Vers 23-31). Auch hier erscheint also Pfingsten nicht im Bild; wir müssen wieder in denjohanneischen Worten das Pfmgstliche suchen.

Dabei stoßen wir auf den Abschluß der ganzen von Ostern herkommenden Bewegung:

Ostern: Aufschwung über alles Irdische, Weg zum Vater;

Himmelfahrt: erhöhte Beziehung zu Erde und Menschheit;

Pfingsten: die Beziehung zur Menschheit steigert sich: Gott wohnt mit seiner kosmischen Vollmacht bei den Menschen.

Im Bilde des Pfingstgeschehens wird diese Steigerung in den Feuerflammen sichtbar, die aus der geistigen Welt heraus die Häupter der Jünger überstrahlen. In denjohanneischen Worten heißt es: »Wer mich wahrhaft liebet, offenbaret meinen Geist« (V. 23). Der Weg Christi zu dem Vater, seine Verbindung zum Weltengrund ermöglicht nun nicht nur eine erhöhte Beziehung zur Menschheit wie zu Himmelfahrt, sondern die Erhöhung des Menschen selbst: »Mein Vater wird ihn lieben, und wir werden bei ihm wohnen« (V. 23). Hier ist der Höhepunkt der Bewegung von Ostern her erreicht.

Wie ist nun noch ein Fortgang möglich? Diese Frage führt zum nächsten Beitrag hinüber.

 

Himmelfahrt und Sonntag danach

Joh 16, 24-33

 

Pfingsten

Joh 14, 23-31

 

Die letzte Betrachtung hat uns von der Osterzeit über Himmelfahrt bis zum Pfingstfest geführt. Es ist uns dabei deutlich geworden, daß der Strom des Ostergeschehens, der die Menschheit über das nur Irdische ins Geistige emporführt – ohne Verlust der Erdenrealität -, zu Himmelfahrt einen Höhepunkt erreicht: Christus hat »den Weg zum Vater« vollendet und erscheint als der »Erhöhte«. Gerade aber aus dieser Höhe heraus ist er gleichzeitig auch mit erhöhter Segenskraft der Erde und der Menschheit gegenwärtig.

Dies tritt uns am Schluß des Lukasevangeliums auch als Himmelfahrtsbild entgegen: »Er hob seine Hände empor und segnete sie. Im Segnen entschwand er ihren Blicken « (Lukas 24,50-51).

Zu Pfingsten zeigt sich dann, daß die Erhöhung Christi auch eine segenbringende » Rückwirkung « für den Menschen selbst hat: Die feurigen Flammen deuten an, wie das höhere Ich jedes einzelnen Menschen aus der Anteilnahme an den Christus-Ereignissen aufleuchten kann und gleichzeitig gemeinschaftsfähig wird, geneigt, nicht nur sich selbst zu empfinden, sondern die anderen Menschen einzubeziehen.

 

Die Perikopen des Juni

Im Juni dieses Jahres tritt uns nun eine besondere Situation entgegen: Zwischen Pfingsten (26. 5.) und Johann! (30.6.) liegen vier Sonntage, für die es keine besonders festgelegten Perikopen gibt. Meist wird am Sonntag nach Pfingsten-in diesem Jahr am 2.6. noch einmal das Pfingstevangelium (Joh. 14,23 -31) gelesen. An den folgenden Sonntagen — 9.6., 16. 6., 23.6. — werden im allgemeinen Evangelien gewählt, die von der Geistwirkung im Menschen sprechen, z.B. Johannes 3 (Nikodemus —Neugeburt aus dem Geiste) oder Johannes 4 (Samariterin am Brunnen-Anbetung aus der Kraft des Geistes). Ende Juni, am Sonntag, den 30. 6., beginnt in diesem Jahr die vier Wochen währende Johanni-Zeit mit der Verlesung derJohanni-Perikopen. Auch hierfür gibt es keine Festlegung der Perikopen im einzelnen; fest liegt nur, daß Evangelien gelesen werden, die mit Johannes dem Täufer zusammenhängen, also das AuftretenJohannes des Täufers, wie es in Matthäus 3, Markus 1, Lukas 3 geschildert wird einschließlich der Taufe Christi; oder die Szenen aus Johannes 1, 19-28 (das Zeugnis Johannes des Täufers), Johannes 1,20-34 (Zeugnis vor seinen Jüngern), Johannes 3,22-36 (»Er muß wachsen…«), Johannes 5,31 ff. (das Zeugnis Jesu über Johannes) und schließlich Matthäus 11,2-15 (die Anfrage Johannes des Täufers bei Christus) und der Tod des Johannes (z. B. nach Matthäus 14).

Natürlich kann an den vier Johanni-Sonntagen nur immer ein Teil dieser möglichen Perikopen gelesen werden; in manchen Gemeinden ist es üblich, die Lesungen von Jahr zu Jahr zu variieren. Wie dies in der einzelnen Gemeinde gehandhabt wird, liegt in der Entscheidung der am Ort tätigen Pfarrer.

Die Johanniperikopen

Mit Johanni tritt etwas Neues auf. Eine Wende zeichnet sich damit für die Gestaltung der Perikopenreihe der ganzen zweiten Jahreshälfte- bis hin zu Advent- ab: Erstmals stehen nicht mehr die Gestalt und das Wirken des Christus Jesus im Mittelpunkt der Evangelien Verkündigung, sondern ein Mensch -Johannes der Täufer – tritt mit seinen Worten und Taten vor uns hin. Wir können sagen: Bisher waren wir von dem Wirken Christi und von seinem Opfer getragen und angeregt; seine Menschwerdung, sein Opfer, sein Tod und Todessieg waren Inhalt der Verkündigung und erfüllten unser Bewußtsein. Nun aber tritt die Frage an uns heran: Was können wir unsererseits tun — für die Welt und für Christus. Die Antwort liegt zunächst in dem, was wir an der Bereitschaft und Opferkraft des Täufers sehen und lernen, was sich in dem zentralen Täuferwort ausspricht: »Er muß wachsen, ich aber muss abnehmen«, das in dem paulinischen »Nicht ich, sondern der Christus in mir« (Gal. 2,20) seine Entsprechung findet. Für diese Haltung ist der Täufer zugleich der große Mahner, wenn er uns zuruft: » Ändert den Sinn – das Himmelreich ist nahe herangekommen. «

Die Bewegung, welche von Ostern her über das nur Irdische hinausstrebend zur Erhöhung des Christus geführt hat, wendet sich um: Aus den kosmischen Höhen steigt Christus nun wieder herab. Die Frage ist jetzt: Wie findet er den Erdenmenschen vor? Die Forderung entsteht für uns, uns zum Bewußtsein zu bringen, was aus unserem Miterleben der ersten Jahreshälfte geworden ist: Hat uns das Miterleben der Christusmysterien verändert? Was können wir jetzt von uns aus tun, um dem Kommen des Himmelreiches gerecht zu „werden in unserem irdischen Menschensein?

Diese Frage steht zunächst wie eine große Überschrift über der Sommerzeit. In den folgenden Wochen – bis hin zu Michaeli – zeigt sich dann ein konkreter Weg, den wir im folgenden Aufsatz beschreiben werden.

Als Bild tritt uns das Johanni-Motiv in der Christustaufe im Jordan entgegen: Aus den  Weltenhöhen senkt sich der Gottesgeist auf einen Menschen herab, der sich bereitet hat, ihn aufzunehmen.

 

bis Johanni

z.B. Joh 14, 23-31 (wie Pfingsten)

oder Joh 3

Nach diesen Ereignissen ging Jesus mit seinen Jüngern in 22

das Land Judäa. Dort verweilte er mit ihnen und taufte. Jo- 23

hannes wirkte aber auch als Täufer zu Änon in der Nähe von

Salim, denn dort war viel Wasser, und die Menschen kamen

und ließen sich taufen. Noch war Johannes nicht in den 24

Kerker geworfen. Da entstand ein Zwist zwischen den Jün- 25

gern des Johannes und einem Juden über die Reinigungstau-

fe. Und sie kamen zu Johannes und sagten zu ihm: Meister, 26

er, der bei dir war jenseits des Jordans, für den du Zeugnis

abgelegt hast, siehe, dieser tauft, und alle kommen zu ihm.

Johannes gab zur Antwort: Kein Mensch kann sich etwas 27

nehmen, wenn es ihm nicht aus dem Himmel gegeben wird.

Ihr selbst könnt mir bezeugen, daß ich gesagt habe: Ich bin 28

nicht der Christus, sondern als sein Vorläufer bin ich ge¬

sandt. Wer die Braut hat, ist der Bräutigam. Der Freund des 29

Bräutigams aber, der dabeisteht und ihn hört, ist voller Freu¬

de über des Bräutigams Stimme. Diese meine Freude ist jetzt

erfüllt. Er muß wachsen, ich muß abnehmen. Der von oben 30,31

Kommende überragt alle. Wer von der Erde her ist, gehört

zur Erde und redet von der Erde her. Der aus dem Himmel

Kommende legt Zeugnis ab von dem, was er gesehen und 32

gehört, und niemand nimmt sein Zeugnis an. Wer jedoch 33

sein Zeugnis annimmt, besiegelt damit: Gott ist Wahrheit.

Denn er, den Gott gesandt hat, verkündet Gottes Worte; Gott 34

gibt den Geist nicht nach Vers und Maß. Der Vater liebt den 35

Sohn und hat alles in seine Hand gegeben. Wer der Kraft des 36

Sohnes vertraut, hat überzeitliches Leben. Wer sich dem Soh¬

ne widersetzt, wird das Leben nicht schauen, sondern der

göttliche Zorn bleibt auf ihm.

Als nun der Herr erkannte, daß bei den Pharisäern das Ge-

rücht umging, Jesus gewinne und taufe mehr Anhänger als

Johannes – während doch Jesus selbst nicht taufte, sondern 2

seine Jünger -, verließ er Judäa und zog wieder nach Galiläa. 3

Der Weg dahin führte ihn durch Samarien. So kommt er in 4,5

eine Stadt Samariens namens Sychar, nahe bei dem Gelände,

antwortete: Amen Amen, ich sage dir: Wenn einer nicht neu¬

geboren wird aus Wasser und wehendem Geist31, kann er

6 nicht hineingelangen in das Reich Gottes. Das aus dem physi¬

schen Leib Geborene ist physisch, und das aus dem Geistes-

7 hauch Geborene ist Geist Wundere dich nicht, daß ich dir

8 gesagt habe: Ihr müßt neugeboren werden von oben her. Der

Atem des Windes weht, wo er will, und du hörst seine Stim¬

me; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er

9 geht. So ist jeder aus dem Geisteshauch Geborene. Nikode-

10 mus gab ihm zur Antwort: Wie kann das geschehen? Jesus

erwiderte ihm und sagte: Du, Israels Lehrer, erkennst das

11 nicht? Amen Amen, ich sage dir: Was wir wissen, künden

wir; und was wir gesehen haben, bezeugen wir; und ihr

12 nehmt unser Zeugnis nicht an. Wenn ich zu euch von irdi¬

schen Dingen sprach und ihr nicht glaubt, wie werdet ihr

glauben, wenn ich zu euch von himmlischen Dingen spre-

13 ehe? Und doch ist niemand zum Himmel aufgestiegen, nur

14 der vom Himmel Herabgestiegene, der Menschensohn. Und

wie Moses in der Wüste die Schlange erhöhte, so muß der

15 Menschensohn erhöht werden, auf daß ein jeder, der da

16 glaubt, in ihm überdauerndes Leben habe. Denn also liebte

Gott die Welt, daß er den Sohn, den eingeborenen, gab, damit

jeder, der ihm vertraut, nicht zugrunde gehe, sondern über-

17 dauerndes Leben habe. Denn Gott hat den Sohn nicht in die

Erdenwelt gesandt, um die Welt zu richten, sondern um

18 durch ihn die Welt zu heilen. Wer sich ihm anvertraut, über

den wird nicht geurteilt; wer sich ihm nicht anvertraut, über

den ist schon geurteilt, weil er dem Namen und Wesen des

19 eingeborenen Gottessohnes nicht vertraut hat. Aber darin

besteht das Urteil32/ daß das Licht in die Welt gekommen ist

und die Menschen die Finsternis mehr liebten als das Licht;

20 denn in ihren Taten wirkte das Böse. Jeder, der Arges tut,

haßt das Licht und kommt nicht zum Lichte, damit seine

21 Taten nicht durchschaut werden. Wer im Sinne der Wahrheit

wirkt, kommt zum Licht, auf daß seine Taten oßenbar wer¬

den; denn sie sind in Gott getan.

Nach diesen Ereignissen ging Jesus mit seinen Jüngern in 22

das Land Judäa. Dort verweilte er mit ihnen und taufte. Jo- 23

hannes wirkte aber auch als Täufer zu Änon in der Nähe von

Salim, denn dort war viel Wasser, und die Menschen kamen

und ließen sich taufen. Noch war Johannes nicht in den 24

Kerker geworfen. Da entstand ein Zwist zwischen den Jün- 25

gern des Johannes und einem Juden über die Reinigungstau-

fe. Und sie kamen zu Johannes und sagten zu ihm: Meister, 26

er, der bei dir war jenseits des Jordans, für den du Zeugnis

abgelegt hast, siehe, dieser tauft, und alle kommen zu ihm.

Johannes gab zur Antwort: Kein Mensch kann sich etwas 27

nehmen, wenn es ihm nicht aus dem Himmel gegeben wird.

Ihr selbst könnt mir bezeugen, daß ich gesagt habe: Ich bin 28

nicht der Christus, sondern als sein Vorläufer bin ich ge¬

sandt. Wer die Braut hat, ist der Bräutigam. Der Freund des 29

Bräutigams aber, der dabeisteht und ihn hört, ist voller Freu¬

de über des Bräutigams Stimme. Diese meine Freude ist jetzt

erfüllt. Er muß wachsen, ich muß abnehmen. Der von oben 30,31

Kommende überragt alle. Wer von der Erde her ist, gehört

zur Erde und redet von der Erde her. Der aus dem Himmel

Kommende legt Zeugnis ab von dem, was er gesehen und 32

gehört, und niemand nimmt sein Zeugnis an. Wer jedoch 33

sein Zeugnis annimmt, besiegelt damit: Gott ist Wahrheit.

Denn er, den Gott gesandt hat, verkündet Gottes Worte; Gott 34

gibt den Geist nicht nach Vers und Maß. Der Vater liebt den 35

Sohn und hat alles in seine Hand gegeben. Wer der Kraft des 36

Sohnes vertraut, hat überzeitliches Leben. Wer sich dem Soh¬

ne widersetzt, wird das Leben nicht schauen, sondern der

göttliche Zorn bleibt auf ihm.

 

oder Joh 4

Als nun der Herr erkannte, daß bei den Pharisäern das Ge¬

rücht umging, Jesus gewinne und taufe mehr Anhänger als

Johannes – während doch Jesus selbst nicht taufte, sondern

seine Jünger -/ verließ er Judäa und zog wieder nach Galiläa.

Der Weg dahin führte ihn durch Samarien. So kommt er in

eine Stadt Samariens namens Sychar, nahe bei dem Gelände,

6 das Jakob seinem Sohne Joseph gab; dort war ein Bmnnen

Jakobs. Jesus nun, von der Wanderung ermüdet, setzte sich am

7 Brunnen nieder. Es war um die sechste Stunde. Da kommt

eine samaritische Frau/um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht

8 zu ihr: Gib mir zu trinken! Seine Jünger waren in die Stadt

9 gegangen, um Lebensrnittel zu kaufen. Da spricht die samariti¬

sche Frau zu ihm: Wie kannst du, ein Jude, mich, eine samariti¬

sche Frau, um einen Trunk bitten ? Denn die Juden haben

10 keine Gemeinschaft mit den Samaritern. Jesus antwortete und

sprach zu ihr: Wenn du wüßtest von der Gabe Gottes, und wer

es ist, der zu dir spricht: gib mir zu trinken, dann hättest du

11 ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben. Sie

spricht zu ihm: Herr, du hast doch kein Schöpfgefäß, und der

Brunnen ist tief. Woher denn hast du das lebendige Wasser?

12 Du bist doch nicht mächtiger als unser Vater Jakob, der uns

den Brunnen gab und selbst daraus trank mit seinen Söhnen

13 und seinen Herden? Jesus antwortete und sagte zu ihr: Jeden,

14 der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten; wer aber

von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird für

alle Zeit nicht mehr dürsten; sondern das Wasser, das ich ihm

geben werde, wird in ihm zu einer Quelle werden, aus der

15 Wasser quillt für das überzeitliche Leben. Die Frau spricht zu

ihm: Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich nicht mehr dürste

16 und nicht wieder herkommen muß, um zu schöpfen. Er

spricht zu ihr: Geh, rufe deinen Mann und komme hierher.

17 Die Frau gab zur Antwort: Ich habe keinen Mann. Jesus spricht

18 zu ihr: Du sagst mit Recht: Ich habe keinen Mann. Fünf Män¬

ner hattest du, und der, den du Jetzt hast, ist nicht dein Mann;

19 es ist wahr, was du gesagt hast Die Frau spricht zu ihm: Herr,

20 ich sehe, daß du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf

diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stät-

21 te der Anbetung. Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es

kommt die Stunde, da ihr weder auf diesem Berge noch in

22 Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht

kennt; wir beten an, was wir kennen. Darum geht das Heil von

23 den Juden aus. Aber es kommt die Stunde und jetzt ist sie da,

daß die wahrhaften Gottesverehrer dem Vater dienen werden

im Atem des Geistes und im Erkennen der Wahrheit. Und der

Vater sucht solche Anbeter. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, 24

müssen im Atem des Geistes und im Erkennen der Wahrheit

anbeten.

Die Frau spricht zu ihm: Ich weiß, daß der Messias kommt, 25

den man Christus nennt. Wenn er kommt, wird er uns alles

verkünden. Jesus spricht zu ihr: Ich bin es, der mit dir spricht. 26

Und gerade da kamen seine Jünger und wunderten sich 27

darüber, daß er mit einer Frau ein Gespräch führte. Keiner

jedoch sagte: Was begehrst du, oder: warum sprichst du mit

ihr?

Nun ließ die Frau ihren Wasserkrug stehen und ging in die 28

Stadt und spricht zu den Menschen: Kommt und seht! Da ist 29

ein Mensch, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe. Ob

er nicht der Christus ist? Sie gingen zur Stadt hinaus und 30

kamen zu ihm.

Inzwischen forderten seine Jünger ihn auf: Rabbi, iß! Er sagte 31,32

zu ihnen: Ich habe eine Nahrung, die ihr nicht kennt. Da spra- 33

chen seine Jünger zueinander: Hat ihm denn einer zu essen ge¬

bracht ? Jesus spricht zu ihnen: Meine Nahrung ist, daß ich den 34

Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk voll¬

bringe. Sagt ihr nicht selbst, es sind noch vier Monate bis zur 35

Ernte? Siehe, ich sage euch, erhebt eure Augen und schaut die

Felder, sie sind weiß zur Ernte. Schon empfängt der Mäher sei- 36

nen Lohn und bringt Frucht ein für das überdauernde Leben,

auf daß sich der Säer zugleich mit dem Mäher freue. Denn so 37

bewahrheitet sich das Sprichwort: Der eine sät, der andere

mäht. Ich habe euch gesandt, die Ernte einzubringen/ für die ihr 38

euch nicht vorher gemüht habt; andere haben sich gemüht, und

ihr seid in ihre Mühsal eingetreten.

Viele Samariter aus jener Stadt faßten Vertrauen zu ihm 39

auf das Wort der Frau hin, die bezeugte: Er hat mir alles

gesagt, was ich getan habe. Als nun die Samariter zu ihm 40

kamen, baten sie ihn, bei ihnen zu bleiben. Und er blieb dort

zwei Tage. Und immer mehr Menschen gewannen auf sein 41

42 Wort hin Vertrauen zu ihm, und sie sprachen zu der Frau:

Nicht mehr auf deine Rede gründet sich unser Vertrauen; wir

haben selber gehört und wir wissen, daß dieser wirklich der

Heilbringer der Welt ist.

43   Nach den zwei Tagen ging Jesus von dort weg nach Galiläa.

44 Er hatte es selbst bestätigt, daß ein Prophet in seinem eigenen

45 Vaterlande nichts gilt. Als er jetzt nach Galiläa kam, nahmen

die Galiläer ihn auf, da sie alles miterlebt hatten, was er in

Jerusalem auf dem Fest getan hatte; denn auch sie waren zu

dem Fest gezogen.

46   So kam er wieder nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser zu

Wein hatte werden lassen. Und es war in Kapernaum ein kö-

47 niglicher Beamter, dessen Sohn krank lag. Als dieser hörte,

daß Jesus von Judäa nach Galiläa gekommen sei, ging er zu

ihm und bat ihn, herabzukommen und seinen Sohn zu heilen;

48 denn er war schon dem Tode nahe. Da sagte Jesus zu ihm: Nur

49 wenn ihr Zeichen und Wunder seht, könnt ihr glauben. Der

königliche Beamte spricht zu ihm: Herr, komm herab, ehe

50 mein Kind stirbt! Jesus spricht zu ihm: Gehe hin, dein Sohn

lebt. Der Mensch vertraute dem Wort, das Jesus ihm sagte, und

51 machte sich auf den Weg. Während er noch unterwegs war,

kamen ihm schon seine Diener entgegen mit der Kunde, daß

52 sein Knabe lebe. Er fragte sie nach der Stunde, in der es besser

mit ihm geworden war, und sie sagten ihm: Gestern um die

53 siebte Stunde verließ ihn das Fieber. Da begriff der Vater, daß

es dieselbe Stunde war, in welcher Jesus ihm sagte: Dein Sohn

54 lebt. Und er und sein ganzes Haus glaubten. Dies war das

zweite Zeichen, und auch dieses vollbrachte Jesus, als er von

Judäa nach Galiläa kam.

 

Der Juli ist im wesentlichen erfüllt von den vier Wochen der Johannizeit (bis 29.7.), deren Perikopen wir im vorigen Beitrag bereits besprochen haben: Es sind alles Evangelienstellen, die sich auf Johannes den Täufer beziehen. Wir haben auch schon hervorgehoben, daß sich damit eine Wende im Jahreslauf ankündigt, denn erstmals steht nun nicht die Gestalt des Christus im Mittelpunkt der Evangelienverkündigung, sondern ein Mensch; der Akzent der Perikopen in der zweiten Hälfte des Jahres verschiebt sich auf das, was der Mensch selbst als seinen Anteil am Fortgang der Welt zu leisten hat. Alle die Motive, die in den Wochen der Johannizeit auftreten, können in diesem Sinn gedeutet werden. Einmal ist Johannes der. Täufer mit seinem Ruf zur Sinneswandlung der große Mahner, welcher den Menschen in seine Verantwortung ruft. Zum anderen ist er aber auch als der Wegbereiter Christi das große Vorbild, dem der Mensch sich anschließen kann: als der »Freund des Bräutigams«, als der, welcher »abnehmen muß«, damit der Christus wachsen kann, schließlich auch als der, welcher sein Leben opfert für sein Zeugnis.

Hier sei noch einmal daran erinnert, daß nun in derJohannizeit das »Taufbild« erscheint, das – wie wir gesehen haben – in der Epiphaniaszeit fehlte. Wir haben damals davon gesprochen, daß das Taufereignis, der Einzug des Christus in einen Menschen, in den vier Epiphaniasperikopen in ein dynamisches, fortschreitendes Geschehen aufgelöst ist und das kosmische Bild zu Epiphanias ausgespart bleibt. Nun aber tritt es in derJohannizeit auf; der in die Weltenhöhen aufgestiegene Christus (Himmelfahrt, Pfingsten) erscheint nun als der aus den Weltenhöhen Herabsteigende. Johanni bedeutet also eine Wende: Christus, der »zum Vater aufgestiegen« ist, wendet sich in dieser Jahreszeit der Erdenmenschhdt wieder zu; daher die Mahnung des Täufers, den Sinn zu ändern, den Weg zu bereiten; denn das Himmelreich ist nahe.

Die Perikopen nach Johanni

Der 30. Juli ist in diesem Jahr der erste Sonntag nach derJohannizeit. Mit ihm beginnt eine Reihe von zehn Sonntagen, welche zum Michaelifest hinführt. * Bei oberflächlicher Betrachtung kann diese Reihe der zehn Sonntage in ihren Perikopen als eine zufällige Aufeinanderfolge erscheinen. Bald aber zeigt sich, daß wir in diesen zehn Perikopen zwischen Johannizeit und Michaelizeit einen Weg vor uns haben, der uns in bedeutsamer Weise zum Erleben des Erzengelfestes hinführt.

Wir haben gesehen, daß die Evangelien der Vorosterzeit einen Weg bilden, welcher von Christus zum Heil der Menschheit gegangen wird. Nun finden wir uns selbst auf einen Weg gestellt, der uns auf das Fest Michaels und auf das Überschreiten der Schwelle des Herbstes vorbereiten soll. In derJohannizeit hörten wir den Ruf des Täufers: »Ändert den Sinn!« Jetzt sehen wir die Stufen eines konkreten Weges vor uns.

Wir werden im nächsten Aufsatz die ganze Reihe besprechen; hier sei zunächst auf die erste Perikope, die am 30. Juli gelesen wird, kurz eingegangen: Es ist Markus 8, das Bekenntnis des Petrus. Mit dem Bekenntnis eines Menschen zu Christus beginnt der Weg. Auch für uns ist dies jetzt die erste Station: Es gilt, alles das, was von uns in der ersten Hälfte des Jahres erkannt und erlebt worden ist, zum Bekenntnis umzuformen; das heißt, alles, was uns an unserer Christusbeziehung wichtig geworden ist, in unser alltägliches Leben und Empfinden überzuführen.

Wie schwer das ist, zeigt sich beim Bekenntnis des Petrus sofort, wenn Christus beginnt, von seinem bevorstehenden Leiden zu sprechen. Petrus will ihn davon abhalten, den Leidensweg anzutreten, und Christus muß Petrus zurückweisen, kurz nachdem er die Bekenntnisworte gesprochen hat.

Auch wir sind in Gefahr, daß unser Bekenntnis ein »Sonntagsbekenntnis« bleibt und nicht in unser alltägliches Leben übergeht. Der Prüfstein dafür ist, ob wir bereit sind, auch Leiden und Schmerzen als zu unserem Leben gehörend anzuerkennen.

Dann können wir die erste Station des Weges bewältigen.

 

Vorschläge für die Johanni-Zeit

Mat 3

In jenen Tagen tritt in der Wüste von Judäa Johannes der Täu-

— fer auf mit seiner Verkündigung: Ändert euren Sinn! Denn das

3 Reich der Himmel ist nahe herbeigekommen. Dieser nämlich

ist es, von dem der Prophet Jesaja gesprochen hat: »Ein Ruf

ertönt in der Einöde: Bereitet den Weg des Herrn, ebnet seine

Pfade!«

4   Er, Johannes, trug ein Gewand von Kamelhaar und einen

Ledergurt um seine Hüfte; seine Nahrung waren trockene

Früchte und wilder Honig3.

5   Da zogen sie zu ihm hinaus aus Jerusalem und ganz Judäa

6 und aus dem Jordanland. Sie ließen sich von ihm im Jordan-

7 fluß taufen und bekannten ihre Sünden. Als er viele Pharisäer

und Sadduzäer zur Taufe kommen sah, sagte er zu ihnen: Ihr

Schlangenbrut, wer hat euch den Weg gewiesen, dem kom-

8 menden Zorngericht zu entfliehen? Schafft nun Frucht, die

9 der Sinneswende entspricht. Denkt nicht, daß ihr euch beru¬

fen könnt auf das Wort: Wir haben Abraham zum Vater. Denn

ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen dem Abraham

10 Kinder erwecken. Schon ist den Bäumen die Axt an die Wurzel

gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht trägt, wird abgehau-

11 en und ins Feuer geworfen. Ich bin es, der euch im Wasser

tauft, euren Sinn zu wandeln. Der nach mir Kommende ist

stärker als ich; ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen. Er

12 wird euch in heiligem Geiste und im Feuer taufen. Seine Worf-

schaufel ist in seiner Hand, und er wird seine Tenne reinfegen

und sein Korn in die Scheune bringen, die Spreu aber verbren¬

nen in einem Feuer, das nicht zu löschen ist.

13    Zu dieser Zeit kommt Jesus von Galiläa an den Jordan zu

14 Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Johannes aber

wollte ihn daran hindern und sprach: Ich selber müßte von dir

15 getauft werden, und du kommst zu mir! Jesus entgegnete ihm

und sagte: Laß es jetzt geschehen; denn es gebührt uns, alles so

zu erfüllen, wie die Heilsordnung es vorgesehen hat. Da ließ er

es geschehen. Als Jesus getauft war und alsbald aus dem Was- 16

ser stieg, siehe, da öffneten sich die Himmel, und er sah den

Geist Gottes gleich einer Taube herabschweben und über ihn

kommen. Und siehe, ein Ruf ertönte aus den Himmeln: Dieser 17

ist mein geliebter Sohn, in dem ich mich offenbare

 

Mark 1

Anbeginn des Evangeliums Jesu Christi, des Sohnes Gottes.   1

Wie es geschrieben ist im Buche des Propheten Jesaja: »Siehe,

ich sende meinen Engel aus vor deinem Angesicht, er soll dir

den Weg bereiten; ein Ruf ertönt in der Einsamkeit: Bahnt den 3

Weg des Herrn, ebnet seine Pfade«, so trat Johannes der Täufer 4

auf in der Einöde; er verkündigte die Taufe zur Sinneswand-

lung, die von den Sünden befreit. Da zog zu ihm hinaus das 5

ganze Land Judäa und alle Bewohner von Jerusalem. Sie ließen

sich von ihm taufen im Jordanfluß und bekannten ihre Sünden.

Johannes trug ein Gewand von Kamelhaar und um seine Hüften 6

einen Ledergürtel; er nährte sich von trockenen Früchten und

wildem Honig.

Und er verkündete: Nach mir kommt Er, der stärker ist als 7

ich; ich bin zu gering, mich zu bücken und den Riemen seiner

Schuhe zu lösen. Ich habe euch getauft mit Wasser, er wird euch 8

taufen mit heiligem Geist

Und es geschah in jenen Tagen: Jesus kam aus Nazareth in 9

Galiläa und wurde von Johannes im Jordan getauft. Und so- 10

bald er aus dem Wasser auftauchte, sah er die Himmel aufrei¬

ßen und den Geist wie eine Taube auf ihn herabkommen. Und 11

ein Ruf ertönte aus den Himmeln: Du bist mein geliebter

Sohn, in dir bin ich geoffenbart.

Und sogleich treibt ihn der Geist in die Einöde. Und er war 12,13

in der Einsamkeit vierzig Tage, versucht vom Satan; er war bei

den Tieren und die Engel dienten ihm.

Nachdem aber Johannes gefangengesetzt war, ging Jesus nach 14

Galiläa und verkündete die Heilsbotschaft Gottes. Er sprach: 15

Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahegekommen. Än¬

dert euren Sinn und findet Glauben durch die Botschaft des

Heils!

Als er am Galiläischen See entlangging, sah er Simon und 16

Andreas, den Bruder des Simon, wie sie im See die Netze aus¬

warfen; denn sie waren Fischer. Und Jesus sprach zu ihnen: 17

Kommt und folgt mir! Ich werde bewirken, daß ihr Menschen-

fischer werdet. Und sogleich verließen sie die Netze und folg- 18

19 ten ihm. Er ging ein wenig weiter und sah Jakobus, des Zebe-

däus Sohn, und dessen Bruder Johannes, wie sie im Schiff ihre

20 Netze richteten. Und sogleich rief er sie. Da ließen sie ihren

Vater Zebedäus im Schiff zurück mit den Fischerknechten und

folgten ihm nach.

21   Und sie kamen nach Kapernaum. Sogleich ging er am Sab-

22 bat in die Synagoge und lehrte. Die Leute gerieten außer sich

über seine Lehre, denn er lehrte sie als einer, der Vollmacht

23 hat, und nicht wie die Schriftgelehrten. Und auf einmal war in

ihrer Synagoge ein Mensch mit einem unreinen Geist, der

24 schrie auf: Was ist zwischen uns und dir, Jesus, du Nazarener!

Bist du gekommen, uns zu verderben ? Ich weiß, wer du bist:

25 der Heilige Gottes! Jesus drohte ihm: Schweig und fahr aus

26 von ihm! Da riß der unreine Geist den Menschen hin und her

27 und fuhr mit lautem Geschrei von ihm aus. Alle waren ent¬

setzt und befragten sich untereinander: Was bedeutet das?

Eine neue Lehre mit Vollmacht! Sogar den unreinen Geistern

28 gebietet er, und sie gehorchen ihm. Und die Kunde von ihm

verbreitete sich sogleich überallhin durch ganz Galiläa.

29    Sobald sie die Synagoge verlassen hatten, gingen sie in das

Haus des Simon und Andreas, zusammen mit Jakobus und

30 Johannes. Simons Schwiegermutter lag darnieder mit hohem

31 Fieber, und sogleich redeten sie mit ihm über sie. Er trat hinzu,

ergriff sie bei der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber

von ihr, und sie diente ihnen.

32   Als es spät geworden war und die Sonne unterging, brachte

33 man alle Leidenden und Besessenen zu ihm. Die ganze Stadt

34 war vor der Tür versammelt, und er heilte viele, die an man¬

cherlei Krankheiten litten, und viele Dämonen trieb er aus.

Und er erlaubte den Dämonen nicht auszusprechen, daß sie

ihn kannten.

35    Und in der ersten Morgenfrühe, noch bei Nacht, stand er

auf/ verließ das Haus und ging hinaus an einen einsamen Ort;

36 dort betete er. Da ging Simon mit seinen Gefährten ihm nach,

37,38 und als sie ihn fanden, sagen sie zu ihm: Alle suchen dich. Und

er entgegnet ihnen: Wir wollen anderswohin gehen/ in die

umliegenden Ortschaften. Auch dort will ich verkünden, denn

dazu bin ich hergekommen. So zog er durch ganz Galiläa, 39

verkündete seine Botschaft in ihren Synagogen und trieb die

Dämonen aus.

Da kommt ein Aussätziger zu ihm und fleht ihn auf den 40

Knien an: Wenn du willst, kannst du mich reinigen. Voll Erbar- 41

men streckte er seine Hand aus, rührte ihn an und spricht zu

ihm: Ich will, werde rein! Und sogleich fiel der Aussatz von 42

ihm ab, und er wurde rein. Und er schickte ihn sogleich weg 43

und gebot ihm streng: Sieh zu, daß du niemandem etwas da- 44

von sagst! Sondern gehe hin und zeige dich dem Priester und

bringe für deine Reinigung das Opfer dar, wie es Moses vorge¬

schrieben hat, zum Erweis für sie. Jener aber ging hin und 45

begann, das Ereignis zu verkünden und überall bekannt zu

machen, so daß Jesus nicht mehr eine Stadt offen betreten

konnte, sondern außerhalb an einsamen Orten blieb. Und sie

kamen von allen Seiten zu ihm.

 

Luk 3

Im fünfzehnten Jahre der Herrschaft des Cäsars Tiberius, als

Pontius Pilatus Statthalter von Judäa war und Herodes Vier-

fürst von Galiläa, sein Bruder Philippus Vierfürst von Ituräa

2 und Trachonitis, und Lysanias Vierfürst von Abilene, als Han¬

nas und Kaiphas Hohepriester waren, da erging der Ruf Gottes

an Johannes, den Sohn des Zacharias, in der Einsamkeit der

3 Wüste. Und er zog durch die ganze Gegend am Jordan und

verkündete die Taufe der Sinneswende, durch die gelöst wird

4 die Sündenschuld. So geschah, was geschrieben steht im Buch

der Worte des Propheten Jesaja:

»Ein Ruf ertönt in der Einöde:

Bereitet den Weg des Herrn,

macht gerade seine Pfade!

5    Jede Schlucht soll ausgefüllt

und jeder Berg und Hügel soll geebnet werden;

was krumm ist, soll gerade,

und rauhe Wege sollen gangbar werden.

6   Und alle Erdenmenschen sollen das Heil Gottes schauen.«

7 Und so sprach er zu den Scharen, die herankamen, um sich

von ihm taufen zu lassen: Ihr Schlangengeschlechter, wer hat

euch unterwiesen, daß ihr dem kommenden Zorn entrinnen

werdet? Schafft echte Früchte der Sinneswandlung! Verfallt 8

nicht darauf, bei euch zu sagen: Wir haben doch Abraham

zum Vater. Denn ich sage euch: Gott vermag aus diesen Stei¬

nen dem Abraham Kinder zu erwecken. Schon ist die Axt an 9

die Wurzel der Bäume gelegt, und jeder Baum, der keine

guten Früchte bringt, wird herausgeschlagen und ins Feuer

geworfen.

Da fragten ihn die Leute: Was sollen wir dann tun? Er gab 10,

ihnen zur Antwort: Wer zwei Gewänder hat, gebe eines dem,

der keins hat, und wer zu essen hat, handle ebenso! Es ka- 12

men auch Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sagten zu

ihm: Meister, was sollen wir tun? Er sagte zu ihnen: Treibt 13

nicht mehr ein, als euch vorgeschrieben ist. Auch Soldaten 14

befragten ihn: Und wir, was sollen wir tun? Er sagte ihnen:

Mißhandelt und erpreßt niemanden, sondern begnügt euch

mit eurem Sold.

Das Volk war voller Erwartung, und alle machten sich in 15

ihren Herzen Gedanken über Johannes, ob er nicht etwa

selber der Messias sei. Darauf antwortete Johannes und 16

sprach zu allen: Ich bin nur der, welcher euch mit Wasser

tauft; aber es kommt einer, der stärker ist als ich. Ich bin es

nicht wert, ihm auch nur die Riemen an seinen Sandalen zu

lösen. Er wird euch mit heiligem Geist und mit Feuer taufen.

In seiner Hand hat er die Worfschaufel, er wird seine Tenne 17

reinigen und das Köm in seine Scheune sammeln; aber die

Spreu wird er verbrennen in unauslöschlichem Feuer.

Noch viele andere Worte der Mahnung und der Verheißung 18

richtete er an das Volk. Aber Herodes, den Vierfürsten, stellte 19

er zur Rede wegen Herodias, der Frau seines Bruders Philip-

pus, und wegen aller anderen bösen Taten, die Herodes getan

hatte. Da fügte dieser allem anderen auch noch das hinzu, daß 20

er den Johannes in den Kerker warf.

Als das ganze Volk getauft wurde und auch Jesus sich taufen 21

ließ, da geschah es: Während er betete, öffnete sich der Him-

22 mel, und der heilige Geist senkte sich in Gestalt einer Taube

auf ihn herab; und aus dem Himmel ertönte ein Ruf:

Mein Sohn bist du, Ich habe dich heute gezeugt.17

23 Er, Jesus, war etwa dreißig Jahre alt, als er anfing, und galt als

24 ein Sohn des Joseph, des Eli, des Matthat, des Levi, des Melchi,

25 des Jannai, des Joseph, des Mattathias, des Amös, des Nahum,

26 des Hesli, des Naggai, des Maath, des Mattathias, des Semein,

27 des Josech, des Joda, des Joannan, des Resa, des Zorobabel, des

28 Salathiel, des Neri, des Melchi/ des Addi, des Kosam, des Elma-

29 dam, des Er, des Jesus, des Eliezer, des Jorim, des Matthat, des

30 Levi, des Simeon, des Juda, des Joseph, des Jonam, des Eliakim,

31 des Melea, des Menna, des Mattatha, des Nathan, des David,

32,33 des Jesse, des Jobed, des Boas, des Sala, des Naasson, des Ami-

nadab, des Admin, des Arni, des Hesrom, des Perez, des Juda,

34,35 des Jakob, des Isaak, des Abraham, des Thara, des Nahor, des

36 Seruk, des Regu, des Peiek, des Eber, des Sala, des Kainam, des

37 Arphaxad, des Sem, des Noah, des Lamech, des Methusalem,

38 des Henoch, des Jared, des Mahalaleel, des Kenan, des Enos

des Seth, des Adam, und der war Gottes.

 

Joh 1, 19-28

Und dies ist das Zeugnis des Johannes. Als die Juden aus Jeru¬

salem Priester und Leviten zu ihm sandten, um ihn zu fragen:

wer bist du? da bekannte er und leugnete nicht; er bekannte:

Ich bin nicht der Christus. Da fragten sie ihn: Was dann? Bist

du Elias? Und er spricht: Bin ich nicht. Bist du der Prophet? Er

antwortete: Nicht. Da sagten sie zu ihm: Wer bist du? Wir

müssen doch eine Antwort bringen denen, die uns zu dir ge¬

sandt haben. Was sagst du aus über dich selbst? Er sagte: »Ich

bin die Stimme eines, der in der Einsamkeit ruft: Ebnet den

Weg des Herrn!« So hat es der Prophet Jesaja gesagt.

Und es waren da Abgesandte der Pharisäer. Sie richteten die

Frage an ihn: Warum taufst du denn, wenn du nicht der Messias

bist noch Elias noch der Prophet? Johannes gab ihnen zur Ant¬

wort: Ich selbst taufe mit Wasser. In eurer Mitte steht er, den ihr

nicht kennt, der nach mir Kommende. Ich bin nicht würdig, sei¬

nen Schuhriemen zu lösen. Dies geschah in Bethabara, jenseits

des Jordans, wo Johannes war und taufte.

 

Joh 1, 29-34

Am folgenden Tage erblickt er Jesus, wie er auf ihn zu¬

kommt, und er spricht: Siehe, Gottes Opferlamm, das auf sich

nimmt die Sündenlast der Welt. Dieser ist es, von dem ich

selbst sagte: Nach mir kommt, der mir vorangeht, denn als

erster, bevor ich war, war er. Auch ich wußte nicht, wer er war.

Aber damit er für Israel offenbar werde, dazu kam ich und

taufte mit Wasser. Und Johannes legte Zeugnis ab mit den 32

Worten: Ich habe geschaut/ wie der Geist herabkam vom Him¬

mel gleich einer Taube und auf ihm blieb. Auch ich wußte 33

nicht/ wer er war. Doch der mich sandte, im Wasser zu taufen,

sprach zu mir: Auf wen du den Geist herabkommen und auf

ihm bleiben siehst, der ist es, der mit heiligem Geist tauft Ich 34

habe es selbst wahrgenommen und kann es bezeugen: Er ist

der Sohn Gottes.

 

Joh 3, 22-36

 

Joh 5, ab 31

31    Wenn ich für mich selbst als Zeuge auftrete, so ist mein

32 Zeugnis nicht wahr. Ein anderer ist da, der für mich zeugt,

und ich weiß: das Zeugnis ist wahr, das er für mich ablegt.

33 Ihr habt Boten zu Johannes gesandt, und er hat für die

34 Wahrheit gezeugt. Ich aber berufe mich nicht auf eines Men¬

schen Zeugnis, vielmehr spreche ich davon, damit ihr zum

35 Heile gelangt Er war die Leuchte, die brennende und schei¬

nende, und ihr wolltet euch eine Weile erfreuen an ihrem

36 Lichte. Ich selbst aber habe das Zeugnis, das über Johannes

hinausgeht; die Werke, die der Vater mir gegeben hat, damit

ich sie vollende, die Taten selbst, die ich vollbringe, sie zeu¬

gen für mich, daß der Vater mich gesandt hat. Und so ist der 37

Vater, der mich sandte, selber Zeuge für mich. Ihr habt nie

seine Stimme gehört noch seine Gestalt gesehen, und ihr laßt 38

sein Wort nicht in euch wohnen, weil ihr euch dem ver¬

schließt, den er gesandt hat.

Ihr durchforscht die Schriften, weil ihr meint, in ihnen ewi- 39

ges Leben zu haben; und gerade sie sind es, die von mir zeu¬

gen. Dennoch wollt ihr nicht zu mir kommen, um wirkliches 40

Leben zu haben. Anerkennung von Menschen brauche ich 41

nicht. Aber ich habe erkannt, daß euch die Gottesliebe fehlt. 42

Ich bin gekommen im Namen meines Vaters, und ihr nehmt 43

mich nicht auf. Kommt ein anderer in seinem eigenen Namen,

dann werdet ihr ihn aufnehmen. Wie könnt ihr glauben, da ihr 44

von der gegenseitigen Anerkennung lebt, statt die Anerken¬

nung zu suchen, die von dem all-einen Gott kommt! Meint 45

nicht, ich würde euer Ankläger sein bei dem Vater. Der euch

anklagt, ist Moses, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt.

Denn glaubtet ihr Mose, so glaubtet ihr auch mir; hat er doch 46

von mir geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht 47

glaubt, wie könnt ihr dann meinen Worten glauben?

 

Mat 11, 2-15

2 Johannes aber hatte im Kerker von den Taten des Christus

3 erfahren und sandte seine Jünger zu ihm mit der Frage: Bist du

4 der Kommende, oder sollen wir den anderen erwarten ? Jesus

antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört

5 und seht! Blinde sehen. Lahme gehen, Aussätzige werden rein,

Taube hören, Tote werden erweckt, Bettler erfahren frohe Bot-

6 schaft; und begnadet ist, wer an mir nicht irre wird.

7   Als diese sich wieder auf den Weg gemacht hatten, begann

Jesus zu den Menschenscharen über Johannes zu sprechen:

Was wolltet ihr sehen, als ihr in die Einöde hinauszogt? Ein

8 vom Winde hin und her bewegtes Schilfrohr? Oder was woll¬

tet ihr sehen, als ihr hinauszogt? Einen Menschen in feinen

Gewändern? Ihr wißt: Die feine Gewänder tragen, finden sich

in den Häusern der Könige. Wozu aber seid ihr dann hinausge- 9

gangen? Um einen Propheten zu sehen? Ich sage euch: Ja,

einen der noch mehr ist als ein Prophet. Er ist es, von dem 10

geschrieben steht: »Siehe, ich sende meinen Engel vor deinem

Angesicht her, der vor dir den Weg bereiten soll.«

Amen, ich sage euch: Unter den von Frauen Geborenen ist 11

kein Größerer erstanden als Johannes der Täufer; doch der

Kleinste im Reich der Himmel ist größer als er. Seit den Tagen 12

Johannes des Täufers bis jetzt wird dem Reich der Himmel

Gewalt angetan, und Gewalttäter nehmen es in Besitz. Denn 13

alle Propheten und das Gesetz haben prophetisch gewirkt bis

hin zu Johannes. Und wenn ihr es annehmen wollt: er ist Elias, 14

der kommen soll. Wer Ohren hat, der höre!                  15

 

 

Wir blicken in diesem Aufsatz auf die zehn Evangelienstücke hin, welche die Zeit zwischen Johann! und Michaeli – also August und September – als eine Stufenfolge, als einen inneren Weg auf das Fest des Erzengels Michael hin erfüllen. Wir haben schon darauf hingewiesen, daß es sich bei dieser Stufenfolge um Ereignisse handelt, die Schritt für Schritt den Menschen darauf vorbereiten sollen, nun auch selbst ein fähiger Mitstreiter im Weltenkampfzu werden: Vom Empfang der Christusgnade (erste Hälfte des Jahres) wechseln wir über zu der Empfindung, daß wir nun unsere Kräfte anzuspannen haben, um die Aufforderung des Täufers zu erfüllen und Christus den Weg zu bereiten, indem wir selbst einen Weg gehen.

Zehn Stationen sind es, welche im August und September in den Perikopen deutlich werden. Man sieht der Reihe nicht ohne weiteres an, daß eine Gliederung und Stufenfolge in ihr verborgen ist. Auch wird dem Teilnehmer an den Weihehandlungen des August und September nicht leicht der »Wegcharakter« der Evangelienstücke auffallen, selbst wenn er jeden Sonntag am Fortgang der Evangelienverkündigung teilhat. Deshalb ist es gut, hier einmal den Gang der Ereignisse darstellen zu können.

Der Weg

In der folgenden Anordnung der Perikopen zeigt sich deutlich eine Gesetzmäßigkeit:

1. Mk. 8 – Bekenntnis                      Auferweckung – Lk. 7   10.

2. Mt. 7 – Bergpredigt                         Bergpredigt – Mt. 2   9.

3. Lk. 15                                                   Lk.7                  8.

4. Lk. 9 – Aussendung                       Aussendung – Lk. 10    7.

5. Lk. 18- Heilung                                Heilung – Mk. 7       6.

 

Klar treten die Entsprechungen zwischen der 5. und6. (Heilungen), der 4. und 7. (Aussendungen) und der 2. und 9. Perikope (Bergpredigt) hervor, auch der Wegfce^mn mit dem Bekenntnis zu Christus (wir haben schon im vorigen Aufsatz davon gesprochen) und das Ende des Weges mit der Auferweckung des Jünglings zu Nain sind in sich konsequent.

Schauen wir die einzelnen Stationen genauer an:

1. Das Bekenntnis zu Christus ist die Voraussetzung für die weiteren Stufen. Dieses Bekenntnis ist die Frucht alles dessen, was von uns in der ersten Jahreshälfte als Christustat miterlebt worden ist. Daraus mögen wir nun die Kraft finden, uns zu Christus zu bekennen.

2. Mit den ehernen Worten der Bergpredigt werden auf der zweiten Stufe die Gesetze ausgesprochen, die auf dem inneren Wege gelten. Es wird auch deutlich, daß hier ein »schmaler Weg« beschritten werden muß, der zu einer »engen Pforte« führt. Andererseits wirkt hier die Verheißung: » Bittet – es wird euch gegeben; suchet…; klopfet an… «

3. Der Strenge des Matthäusevangeliums tritt die Milde des Lukas zur Seite. Die drei Begebenheiten vom Verlieren und Finden treten vor uns hin: verlorenes Schaf, verlorener Groschen, verlorener Sohn. Tief tröstlich ist die Botschaft, daß die Gottheit den nicht verstößt, der vom Wege abirrt: » Es ist mehr Freude im Himmel über einen Sünder, der die Sinneswandlung vollzieht, als über 99 Gerechte. «

4. Wer sich auf den Weg begibt, bekommt Aufgaben: Er wird ausgesandt zu anderen Menschen, um sie auf den Weg zu rufen und mitzuwirken daran, daß viele Menschen geistige Nahrung finden (Speisung der 5000).

5. Hier zeigt sich nun—wie auch auf der nächsten, sechsten Station – der erste »Ertrag« des Weges. Zwei Heilungen werden hier wirksam: Die Blindenheilung zeigt an, daß eine neue »Welt-Anschauung« auf diesem Wege gewonnen werden kann. Man lernt die Welt »anders sehen« -ja in gewisser Weise lernt man überhaupt erst wirklich sehen, wenn man beginnt, nach dem Geistigen zu fragen.

6. Die Taubstummenheilung weist auf die Erweckung eines tieferen Hörens hin -z.B. am Hören des Kultus — und wie aus solchem Hören ein neues Wort hervorgeht. Es kann uns bewußt werden, daß unser gewöhnliches »Daher-reden« vor der geistigen Welt eigentlich »nichts sagt«, daß wir aber den Zugang zum Wort gewinnen können, wenn Christus, »das Wort«, in uns zu sprechen beginnt. – Die 5. und 6. Station bilden das Zentrum der Zehner-Reihe. Sie machen deutlich, daß dieser Weg zu einer inneren Verwandlung und Heilung führt und schließlich, mit Lukas 7, zur Erweckung des inneren Menschen.

7. Hier schließt sich nun eine weitere Aussendung an: Von der Aussendung der Zwölf kommen wir zur Aussendung der 70. Damit erreichen wir eine menschheitliche Stufe – die Zahl 70 deutet dies an. Auch die weiteren Motive dieser Perikope – »wer euch höret, der höret mich« – zeigen den Fortschritt. So hätte auf der 4. Stufe noch nicht gesprochen werden können. Die Erweckung des Wortes aus der Christuskraft erst rechtfertigt diesen Anspruch.

8. Lukas 17 enthält eine Reihe von Motiven, welche alle die achte Stufe kennzeichnen: Glaube – Dankbarkeit – Sicherheit im Zeitenstrom. Betrachten wir nur das erste Motiv: »Herr, stärke uns die Glaubenskraft!« Der auf dem Wege Fortschreitend e bedarf immer wieder der inneren Stärkung. Die Antwort des Christus ist eigenartig: Er spricht von dem Knecht, der nach getaner Tagesarbeit erst noch dem Herrn aufzutragen hat. Wir haben hier den Hinweis darauf, daß auch wir nach der Tagesarbeit » dem Herrn zu dienen « haben — in Gebet, innerer Sammlung, Hingabe an den Geist.Die Treue auf diesem Felde bewirkt die notwendige Stärkung der Glaubenskraft.

9. Wir haben das Ende des Weges fast erreicht. Noch einmal hören wir die unerbittlichen Worte der Bergpredigt -jetzt wie eine letzte Mahnung. Auch der auf dem Wege Fortgeschrittene erlebt Gefährdungen und Prüfungen, stärkere vielleicht sogar als vorher. »Niemand kann zwei Herren dienen« — das schließt an den Knecht an, der seinem Herrn nach der Tagesarbeit dient. »Sorget nicht« — die Sorge ist der größte und stärkste Feind einer geistigen Entwicklung.

10. Das Geschehen der Auferweckung des Jünglings spricht für sich: Die Erweckung des Zukunftsmenschen in uns ist das Ziel des Weges. Der Jüngling wird zum Mitstreiter Michaels.

In diesem Jahre 1985 wird die Zehnerreihe eine Beeinträchtigung erfahren oder schon am vierten Johannisonntag beginnen; denn ungewöhnlicherweise haben wir diesmal zwischen dem letzten Johannisonntag (21. 7.) und dem ersten Michaelisonntag (29.9.) nur neun Sonntage zur Verfügung. Es muß also entweder eine Station ausfallen, oder der Weg muß schon am 4. Johannisonntag angetreten werden.

 

10 Sonntage bis Michaeli

1. Sonntag

Mark 8

Als er vom Berge herabstieg, folgten ihm große Scharen von

Menschen. Und siehe, ein Aussätziger trat herzu, fiel vor ihm

nieder und sagte: Herr, wenn du willst, so kannst du mich rein

machen. Da streckte Jesus seine Hand aus, rührte ihn an und 3

sprach: Ich will, werde rein! Und sogleich wurde sein Aussatz

4 gereinigt. Da spricht Jesus zu ihm: Sieh zu, daß du es keinem

sagst; aber geh und zeige dich dem Priester und bringe die

Opfergabe dar, die Moses angeordnet hat, zum Zeugnis für sie.

5   Als er nach Kapernaum kam, trat ein Hauptmann an ihn her-

6 an mit der Bitte: Herr, mein Knabe liegt gelähmt zu Hause und

7 hat schreckliche Schmerzen. Er entgegnet ihm: Ja, ich werde

8 kommen und ihn heilen. Der Hauptmann erwiderte: Herr, ich

bin nicht wert, daß du unter mein Dach trittst; aber sprich nur

9 ein Wort, so wird mein Knabe geheilt. Auch ich bin ja ein Mann,

der Befehle befolgt, und mirsind Soldaten unterstellt; sage ich

zu einem: geh, so geht er, und zu einem anderen: komm, so

10 kommt er, und zu meinem Burschen: tue dies, so tut er es. Jesus

hörte das mit Verwunderung und sagte zu denen, die ihm folg¬

ten: Amen, ich sage euch: Bei niemandem in Israel habe ich sol-

11 ehe Glaubenskraft gefunden. Ich sage euch aber: Viele werden

kommen vom Osten und vom Westen und mit Abraham, Isaak

12 und Jakob zu Tische sitzen6 im Reiche der Himmel; doch die

Söhne des Reiches werden sich ausgestoßen finden in die Fin¬

sternis draußen, da wird es Wehklagen und Zähneknirschen

13 geben. Zu dem Hauptmann aber sagte Jesus: Geh hin, durch die

Kraft deines Glaubens soll dir geschehen, worum du bittest.

Und geheilt wurde der Knabe in jener Stunde.

14   Und Jesus kam in das Haus des Petrus und sah dessen

15 Schwiegermutter mit hohem Fieber darniederliegen. Er faßte

sie bei der Hand, da verließ das Fieber sie; und sie stand auf

und diente ihm.

16   Als es Abend geworden war, brachte man viele von Dämo¬

nen Besessene zu ihm, und er trieb die Geister durch sein

17 Wort aus und heilte alle Kranken. So sollte sich das Wort des

Propheten Jesaja erfüllen, der da sagt: »Er hat unsere Gebre¬

chen auf sich genommen und unsere Krankheiten getragen.«

18   Als Jesus sich dann wieder von einer großen Menschen¬

menge umgeben sah, gab er Weisung, an das jenseitige Ufer

19 zu fahren. Da trat ein Schriftgelehrter an ihn heran und sagte

20 ihm: Meister, ich will dir folgen, wohin du auch gehst. Jesus

spricht zu ihm: Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des

Himmels Nester, doch der Menschensohn hat keine Ruhe¬

stätte für sein Haupt. Und ein anderer von seinen Jüngern 21

sagte ihm: Herr, erlaube mir, zuerst noch hinzugehen und

meinen Vater zu begraben. Jesus spricht zu ihm: Folge mir 22

und überlasse es den Toten, ihre Toten zu begraben.

Er bestieg das Boot, und seine Jünger folgten ihm. Und 23,24

siehe, da erhob sich ein mächtiger Sturm auf dem See, so daß

das Boot von den Wellen überschüttet wurde. Er aber schlief.

Die Jünger kamen zu ihm und weckten ihn mit den Worten: 25

Herr, rette uns, wir gehen zugrunde. Und Jesus spricht zu 26

ihnen: Warum ist euch so bange ? Wie schwach ist euer Glau¬

be! Und er erhob sich und gebot den Winden und den Wogen

Einhalt. Da trat eine große Stille ein. Die Leute aber sagten 27

voller Staunen: Wie mächtig ist er, daß ihm sogar die Winde

und der See gehorchen!

Als er ans andere Ufer kam ins Land der Gergesener, traten 28

ihm zwei Besessene entgegen, die aus den Grabhöhlen kamen;

sie waren so gefährlich, daß niemand auf der Straße dort an

ihnen vorbeigehen konnte. Und man hörte sie plötzlich schrei- 29

en: Was ist zwischen uns und dir, Sohn Gottes ? Bist du herge¬

kommen, uns vor der Zeit zu quälen? In der Ferne weidete 30

eine große Herde Schweine. Die Dämonen baten ihn: Wenn 31

du uns austreiben willst, schicke uns in die Schweineherde! Er 32

sagte ihnen: Geht! Da fuhren sie aus und gingen in die Schwei¬

ne. Und siehe, die ganze Herde stürmte den Abhang hinunter

in den See und ertrank im Wasser. Die Hirten aber liefen da- 33

von, und als sie in die Stadt kamen, berichteten sie alles, auch

das, was mit den beiden Besessenen vorgegangen war. Und 34

siehe, die ganze Stadt zog hinaus, Jesus entgegen; und als sie

ihn sahen, baten sie ihn, weiterzuziehen und ihr Gebiet zu

verlassen.

 

2. Sonntag

Mat 7

Verurteilt nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet. Denn mit

dem Urteilsspruch, mit dem ihr verurteilt, werdet ihr verurteilt

werden. Und mit dem Maß, mit dem ihr zumeßt, wird euch zu-

3 gemessen werden. Was siehst du aber den Splitter in deines Bru¬

ders Auge, doch auf den Balken in deinem Auge achtest du

4 nicht? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: laß mich

den Splitter aus deinem Auge herausholen, und siehe, in dei-

5 nem Auge ist ein Balken! Du Heuchler, hole zuerst den Balken

aus deinem Auge heraus, und dann magst du zusehen, wie du

den Splitter aus deines Bruders Auge entfernst.

6   Gebt das Heilige nicht den Hunden preis und werft eure

Perlen nicht den Schweinen vor, damit sie sie nicht mit ihren

Klauen zertreten und sich gegen euch wenden und euch zer¬

fleischen.

7    Bittet, und es wird euch gegeben;

suchet, und ihr werdet finden;

klopfet an, und es wird euch aufgetan.

8    Denn jeder, der bittet, empfängt;

und wer sucht, der findet;

und wer anklopft, dem wird aufgetan.

9 Oder ist unter euch ein Mensch, der, wenn sein Sohn um Brot

10 bittet, ihm einen Stein gäbe, oder wenn er um einen Fisch

11 bittet, ihm eine Schlange gäbe? Da nun ihr, die ihr am Bösen

teilhabt, doch euren Kindern gute Gaben zu geben versteht,

um wieviel mehr wird euer Vater in den Himmeln Gutes ge-

12 ben denen, die ihn bitten! Alles nun, was ihr euch von den

Menschen erwünscht, das müßt ihr selber ihnen tun. Das ist

der Sinn des Gesetzes und der Propheten.

13 Tretet ein durch die enge Pforte; denn weit ist die Pforte und

breit der Weg, der ins Verderben führt; und viele sind es, die da

14 hineingehen. Doch eng ist die Pforte und schmal der Weg, der

zum Leben hinführt, und wenige sind es, die ihn finden.

15    Hütet euch vor den falschen Propheten, die im Schafspelz

16 zu euch kommen, doch inwendig reißende Wölfe sind. An

ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Kann man von Dorn-

sträuchern Trauben ernten oder von Disteln Feigen? So bringt 17

jeder gesunde Baum gute Früchte hervor und jeder kranke

Baum schlechte Früchte; ein gesunder Baum kann keine 18

schlechten Früchte tragen, und ein kranker Baum keine guten

Früchte; jeder Baum/ der keine guten Früchte trägt, wird abge- 19

hauen und ins Feuer geworfen. Darum: an ihren Früchten sollt 20

ihr sie erkennen.

Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird eingehen in 21

das Reich der Himmel, sondern wer den Willen meines

himmlischen Vaters tut. Viele werden an jenem Tage zu mir 22

sagen: Herr, Herr! Haben wir nicht kraft deines Namens pro¬

phetisch gesprochen und kraft deines Namens Dämonen

ausgetrieben und kraft deines Namens viele Taten vollbracht?

Aber dann werde ich ihnen erklären: Niemals habe ich euch 23

anerkannt, entfernt euch aus meiner Nähe, euer Tun bewirkt

Gottentfremdung.

Ein jeder, der diese meine Worte hört und nach ihnen han- 24

delt, wird einem verständigen Mann gleichen, der sein Haus

auf Felsgrund errichtete. Da strömte der Regen, Wasserfluten 25

kamen, Sturmwinde bliesen und stürzten sich auf das Haus;

doch es fiel nicht ein, denn es war auf den Felsen gegründet

Ein jeder aber, der meine Worte hört und nicht nach ihnen 26

handelt, der wird einem törichten Mann gleichen, der sein

Haus auf den Sand baute. Es strömte der Regen, die Wasserflu- 27

ten kamen, die Sturmwinde bliesen und prallten auf jenes

Haus; da stürzte es ein, und sein Fall war gewaltig.

Und es geschah: Als Jesus diese Rede vollendet hatte, wa- 28

ren die Menschen erschüttert von seiner Lehre; denn er lehr- 29

te sie als einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schrift-

gelehrten.

 

3. Sonntag

Luk 15

Es nahten ihm allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören.

Darüber entrüsteten sich die Pharisäer und Schriftgelehrten

3 und sagten: Dieser nimmt Sünder an und ißt mit ihnen. Er aber

4 sagte zu ihnen dieses Gleichnis und sprach: Ist unter euch ein

Mensch, der hundert Schafe hat und eins davon verliert, der

dann nicht die neunundneunzig allein zurückläßt in der Einöde

5 und dem verlorenen nachgeht, bis er es findet? Und hat er es

6 gefunden, so nimmt er es voller Freude auf seine Schultern und

ruft, nach Hause gekommen, seine Freunde und Nachbarn zu¬

sammen und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich

7 habe mein Schaf, das verloren war, wiedergefunden. Ich sage

euch, so wird im Himmel mehr Freude sein über einen einzi¬

gen Sünder, der seinen Sinn wandelt, als über neunundneunzig

Gerechte, die der Sinneswandlung nicht bedürfen.

8    Oder welche Frau, die zehn Drachmen hat und eine verliert,

zündet nicht eine Lampe an, fegt das Haus und sucht sorgfältig,

bis sie dieselbe findet? Und hat sie die gefunden, so ruft sie ihre 9

Freundinnen und Nachbarinnen herbei und spricht: Freut euch

mit mir, denn ich habe die Drachme, die ich verloren hatte, wie¬

dergefunden. So, sage ich euch, herrscht Freude bei den Engeln 10

Gottes über einen einzigen Sünder, der seinen Sinn wandelt.

Und weiter sagte er: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der junge- 11,12

re von ihnen sagte zum Vater: Gib mir den mir zufallenden

Teil des Besitzes. Da teilte er das Hab und Gut unter sie. Und 13

nach wenigen Tagen raffte der jüngere Sohn all das Seine zu¬

sammen und zog damit in ein fernes Land; dort verschleuder¬

te er seine ganze Habe in einem heillosen Leben. Als er alles 14

durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes

Land, und er fing an zu darben. Da ging er und verdingte sich 15

an einen Bürger jenes Landes, und dieser schickte ihn zum

Schweinehüten auf seine Felder; und er hätte gern seinen Leib 16

gesättigt mit den Schoten, welche die Schweine als Futter be¬

kamen; aber niemand gab ihm etwas. Nun kam er zu sich und 17

sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im

Überfluß, und ich komme hier um vor Hunger. Ich will mich 18

aufmachen und zu meinem Vater gehen und ihm sagen: Vater,

ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin 19

nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen; halte mich wie einen

Tagelöhner. Und er machte sich auf den Weg zu seinem Vater. 20

Er war noch fern, da sah ihn sein Vater, und von Mitleid ergrif¬

fen lief er auf ihn zu, fiel ihm um den Hals und küßte ihn. Der 21

Sohn aber sagte ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den

Himmel und vor dir; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu

heißen. Doch der Vater gebot seinen Knechten: Schnell, holt 22

das beste Festgewand heraus und legt es ihm an und gebt ihm

einen Ring an seine Hand und Sandalen an seine Füße und 23

bringt das Mastkalb und schlachtet es! Wir wollen ein Freu-

denmahl halten, denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder 24

lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

Und sie begannen, fröhlich zu feiern.

Sein älterer Sohn aber befand sich auf dem Felde draußen. 25

Als er sich auf dem Heimweg dem Hause näherte, vernahm er

26 Musik und Reigentanz. Da rief er einen der jungen Knechte

27 herbei, um zu hören, was das zu bedeuten habe. Der sagte

ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mast-

28 kalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederhat Da wur¬

de er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater jedoch

29 kam heraus und redete ihm gut zu. Er aber antwortete dem

Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe niemals dein

Gebot übertreten, und doch hast du mir niemals einen Bock

gegeben, daß ich mit meinen Freunden ein fröhliches Mahl

30 hätte feiern können. Nun aber dieser dein Sohn heimgekehrt

ist, der dein Gut mit Dirnen verpraßt hat, hast du ihm das

31 Mastkalb geschlachtet. Er aber sagte ihm: Mein Kind, du bist

32 immer bei mir, und alles was mein ist, ist dein; du solltest

fröhlich sein und dich freuen, denn dieser dein Bruder war tot

und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist

wiedergefunden.

 

4. Sonntag

Luk 9

Er rief die Zwölf zusammen und verlieh ihnen Wirkenskraft

und Vollmacht über alle Dämonen und zum Heilen von

2 Krankheiten. Und er sandte sie aus, das Reich Gottes zu ver-

3 künden und die Kranken gesund zu machen. Und er sagte zu

ihnen: Nehmt nichts mit auf den Weg, weder Stab noch Ta-

4 sehe, weder Brot noch Geld noch einen zweiten Leibrock. Und

in dem Haus, in das ihr eingekehrt seid, bleibt, bis ihr weiter-

5 zieht Überall aber, wo man euch nicht aufnimmt, da schüttelt

beim Verlassen der Stadt den Staub von euren Füßen ab zur

6 Mahnung für sie. Sie brachen auf und durchzogen einen Ort

nach dem ändern, verkündeten und heilten überall.

7   Es hörte aber der Vierfürst Herodes von allem, was geschah,

und er war ratlos, weil von manchen gesagt wurde, Johannes

8 sei von den Toten erweckt worden, von anderen, Elias sei er¬

schienen, und von anderen, ein Prophet der alten Zeit sei er-

9 standen. Herodes aber sagte: Johannes habe ich selbst ent¬

hauptet; wer aber ist dieser, von dem ich solche Dinge höre ?

Und er wünschte, ihn zu sehen.

10    Als die Apostel zurückkehrten, berichteten sie ihm ausführ¬

lich, was sie getan hatten. Und er behielt sie bei sich und zog

sich zurück in die Nähe der Stadt Bethsaida, um mit ihnen

11 allein zu sein. Als die Menschenscharen es bemerkten, folgten

sie ihm. Er nahm sie auf und sprach zu ihnen vom Reiche

Gottes und machte alle, die der Heilung bedurften, gesund.

12 Der Tag begann sich zu neigen. Da traten die Zwölf heran und

sagten ihm: Entlasse die Menge, damit sie in die Orte und

Höfe ringsum gehen und Herberge und Speise finden; denn

13 wir sind hier an einer verlassenen Stätte. Er aber sagte zu

ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen. Sie sagten: Wir haben nicht

mehr als fünf Brote und zwei Fische, wir müßten denn gehen

14 und Speise kaufen für das ganze Volk. Die Zahl der Männer

war fünftausend. Er aber sagte zu seinen Jüngern: Laßt sie sich

15 lagern in Gruppen von je fünfzig. Sie taten so und ließen alle

16 sich lagern. Da nahm er die fünf Brote und die zwei Fische,

blickte auf zum Himmel, sprach das Segenswort über sie und

brach sie und gab sie seinen Jüngern zum Austeilen an die

Volksmenge. Und sie aßen, und alle wurden gesättigt. Und 17

man hob auf, was sie an Brocken übriggelassen hatten, und

füllte damit zwölf große Körbe.

Als er sich zurückgezogen hatte, um zu beten, und seine 18

Jünger bei ihm waren, da geschah es, daß er sie fragte: Was

sagen die Leute, wer ich sei? Sie antworteten: Johannes der 19

Täufer, andere: Elias, andere: einer der Propheten der alten

Zeit ist auferstanden. Er sprach zu ihnen: Ihr aber, für wen 20

haltet ihr mich ? Da gab Petrus die Antwort: Für Christus, den

Gesalbten Gottes. Er gebot ihnen aber eindringlich, es nieman- 21

dem zu sagen, und sprach: Der Menschensohn muß viel leiden 22

und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern

und Schriftgelehrten und muß getötet werden und am dritten

Tage auferweckt werden.

Zu allen aber sprach er: Wer meinen Weg gehen will, der 23

verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz Tag für Tag auf

sich und folge mir nach. Wer seine Seele retten will, wird sie 24

preisgeben. Wer jedoch seine Seele um meinetwillen preisgibt,

wird sie retten. Was nützte es dem Menschen, wenn er die 25

ganze Welt gewänne, sich selbst aber verlöre und schädigte?

Wer sich meiner schämt und meiner Worte, dessen wird auch 26

der Menschensohn sich schämen, wenn er kommt in der Of¬

fenbarung seiner selbst und seines Vaters und der heiligen

Engel.

Ich sage euch in Wahrheit: Unter denen, die hier stehen, 27

sind einige, die den Tod nicht schmecken werden, bis sie das

Reich Gottes gesehen haben.

Etwa acht Tage, nachdem er diese Worte gesprochen hatte, 28

geschah es, daß er Petrus, Jakobus und Johannes zu sich nahm

und auf den Berg stieg, um zu beten. Und während er betete, 29

veränderte sich das Aussehen seines Angesichtes, und seine

Gewandung wurde hell strahlend. Und siehe, zwei Männer 30

redeten mit ihm; es waren Moses und Elias, die sich im Offen- 31

barungslichte zeigten und von der Vollendung seines Weges in

Jerusalem sprachen. Petrus und seine Gefährten wurden von 32

Schlaf übermannt; als sie jedoch zwischendurch erwachten,

sahen sie seine Offenbarung und die zweiMänner, die bei ihm

33 standen. Und es geschah: Als diese sich von ihm entfernten,

sagte Petrus zu Jesus: Meister, es ist gut, daß wir hier sind. Laßt

uns drei Hütten bauen, dir eine, Moses eine und Elias eine. Der

34 Sinn seiner Worte war ihm nicht bewußt. Während er so

sprach, entstand eine Wolke und überschattete sie; und sie

35 fürchteten sich, als sie in die Wolke hineinkamen. Und eine

Stimme erscholl aus der Wolke:

Dieser ist mein Sohn, der Auserkorene; höret auf ihn!

36 Während die Stimme ertönte, stand Jesus allein vor ihnen.

Und sie bewahrten Schweigen und berichteten in jenen Tagen

niemandem von dem, was sie gesehen hatten.

37   Es geschah aber am folgenden Tage, als sie von dem Berge

herabstiegen, daß ihnen eine große Volksmenge entgegen-

38 kam. Und siehe, ein Mann rief aus der Volksmenge heraus:

Meister, ich bitte dich, nimm dich meines Sohnes an, denn er

39 ist mein einziger. Siehe, ein Geist nimmt Besitz von ihm,

schreit plötzlich, reißt ihn zusammen, daß er schäumt, und

40 läßt nur schwer davon ab, ihn zu quälen. Ich habe deine

Jünger gebeten, ihn zu vertreiben, doch sie vermochten es

41 nicht. Jesus erwiderte: 0 du ungläubiges und verkehrtes

Geschlecht, wie lange noch werde ich bei euch sein und euch

42 dulden? Bring deinen Sohn hierher! Schon beim Herankom¬

men riß der Dämon an ihm und zerrte ihn hin und her; doch

Jesus bedrohte den unreinen Geist, er heilte den Knaben und

43 gab ihn seinem Vater wieder. Alle aber waren erschüttert

angesichts der erhabenen Größe Gottes.

Während nun alle von Staunen ergriffen waren über all

44 das, was er vollbrachte, sprach er zu seinen Jungem: Nehmt

in eure Ohren diese Worte auf: Der Menschensohn wird

45 ausgeliefert werden in die Hände der Menschen. Sie verstan¬

den diesen Ausspruch nicht, er blieb vor ihnen verhüllt, so

daß sie den Sinn nicht erfühlen konnten; und sie scheuten

sich, ihn darüber zu befragen.

46    Sie machten sich dann Gedanken darüber, wer der Größte

47 unter ihnen sei. Jesus wußte um die Gedanken ihres Herzens,

nahm ein Kind, stellte es neben sich und sagte ihnen: Wenn 4&

jemand dieses Kind annimmt um meines Namens willen,

nimmt er mich an; und wenn jemand mich annimmt, nimmt

er den an, der mich gesandt hat. Wer unter euch allen der

Kleinste ist, der ist groß.

Da richtete Johannes das Wort an ihn: Meister, wir sahen 49

einen, der in deinem Namen Dämonen austrieb, und verwehr¬

ten es ihm, weil er nicht mit uns nachfolgt Jesus aber sagte zu 50

ihm: Verwehrt es ihm nicht, denn wer nicht gegen euch ist, der

ist für euch.

Es geschah dann, als die Tage seiner Erhöhung näherrückten, 51

daß er fest entschlossen war, nach Jerusalem zu gehen. Er 52

sandte Boten vor sich her, die auf ihrem Wege in ein Dorf der

Samariter kamen, um sein Kommen vorzubereiten; doch woll- 53

te man ihn nicht aufnehmen, weil er auf dem Weg nach Jerusa¬

lem war. Als die Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sag- 54

ten sie: Herr, willst du, daß wir Feuer vom Himmel herabrufen,

damit es sie verzehre, so wie Elias tat? Da wandte er sich um 55

und wehrte ihnen streng und sagte: Wisset ihr nicht, welches

Geistes ihr seid? Der Menschensohn ist nicht gekommen, 56

Menschenseelen zu verderben, sondern zu retten. Und sie zo¬

gen weiter in ein anderes Dorf.

Als sie auf ihrem Wege weiterwanderten, sagte einer zu 57

ihm: Ich will dir nachfolgen, wohin du auch gehst. Ihm entgeg- 58

nete Jesus: Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Him¬

mels haben Nester; doch der Menschensohn hat nichts, wor¬

auf er sein Haupt betten kann.

Zu einem anderen sagte er: Folge mir. Der sagte: Erlaube 59

mir, daß ich noch vorher hingehe, um meinen Vater zu begra¬

ben. Ihm erwiderte er: Laß die Toten ihre Toten begraben, du 60

aber gehe hin und verkündige das Reich Gottes. Noch ein 61

anderer sagte: Ich will dir nachfolgen, Herr; doch erlaube mir

zuvor, von meinen Hausgenossen Abschied zu nehmen. Zu 62

ihm sagte Jesus: Wer die Hand an den Pflug legt und dabei

nach hinten blickt, taugt nicht für das Gottesreich.

 

5. Sonntag

Luk 18

In einem Gleichnis sprach er ihnen davon, daß sie immer be¬

ten und nie erlahmen sollten. Er sagte: In einer Stadt gab es

einen Richter, der Gott nicht scheute und nach keinem Men¬

schen fragte: Eine Witwe, die in jener Stadt lebte, kam immer

wieder zu ihm und bat ihn: Verschaffe mir Recht gegen mei¬

nen Kläger! Lange Zeit wollte er nicht. Endlich aber sagte er

sich: Zwar scheue ich mich nicht vor Gott und frage nach

keinem Menschen; weil mir aber diese Witwe so lästig wird,

will ich ihr Recht verschaffen, damit sie nicht schließlich noch

kommt und mir ins Gesicht fahrt. Und der Herr sprach: Hört,

was der Richter sagt, dem es nicht um das Recht geht! Und

sollte Gott nicht denen, die von ihm erkoren sind, Recht ver¬

schaffen, wenn sie ihn Tag und Nacht anrufen? Wird er sie

lange warten lassen? Ich sage euch: In kurzer Frist wird er 8

ihnen zu ihrem Recht verhelfen. Aber wird der Menschen-

sohn, wenn er kommt, in den Erdenmenschen überhaupt die

Kraft des Glaubens finden?

Im Blick auf manche, die von sich überzeugt waren, Gerech- 9

te zu sein, und auf die anderen herabschauten, sagte er dieses

Gleichnis: Zwei Menschen gingen hinauf in den Tempel, um 10

zu beten; der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der 11

Pharisäer stellte sich hin und sprach im Gebet zu sich selbst:

Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die anderen Men¬

schen, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie der

Zöllner dort; ich faste zweimal in jeder Woche und gebe den 12

Zehnten von allen meinen Einkünften. Der Zöllner aber blieb 13

weit hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum

Himmel zu erheben; vielmehr schlug er sich an die Brust und

sprach: 0 Gott, sei gnädig mir, dem Sünder. Ich sage euch:

Dieser ging hinab in sein Haus, mehr ins Rechte gebracht als 14

jener. Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt wer¬

den; doch wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Sie brachten auch ihre kleinen Kinder zu ihm, damit er sie 15

berühre. Als die Jünger das sahen, wollten sie es ihnen verweh¬

ren. Jesus aber rief sie heran und sprach: Lasset die Kinder zu 16

mir kommen und hindert sie nicht! Denn denen, die sind wie

sie, ist das Reich Gottes zu eigen. Amen, ich sage euch: Wer 17

nicht das Reich Gottes in sich aufnimmt wie ein kleines Kind,

wird niemals hineinkommen.

Und es richtete einer der führenden Männer die Frage an 18

ihn: Guter Meister, was muß ich tun, um ewiges Leben zu

erlangen? Jesus entgegnete ihm: Was nennst du mich gut? 19

Niemand ist gut außer einem: Gott. Du kennst die Gebote: »Du 20

sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht

stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis ablegen, ehre deinen

Vater und deine Mutter.« Jener sagte: Alles dies habe ich von 21

Jugend an gehalten. Als Jesus das vernahm, sagte er ihm: Ein 22

einziges fehlt dir noch: Verkaufe alles, was du besitzest, und

verteile es an Arme, so wirst du einen Schatz im Himmel ha-

23 ben; und dann komm und folge mir nach! Als jener das hörte,

wurde er tief betrübt, denn er war sehr reich.

24    Als Jesus ihn so sah, sagte er: Wie schwerlich gelangen die

25 Wohlhabenden in das Reich Gottes; leichter ist es, daß ein

Kamel durch ein Nadelöhr20 hindurchgeht, als daß ein Rei-

26 eher in das Reich Gottes eingeht Die Zuhörenden sagten:

27 Und wer kann gerettet werden? Er sagte: Was Menschen

28 nicht vermögen, ist möglich bei Gott. Darauf sagte Petrus:

Siehe, wir haben das, was unser war, hinter uns gelassen und

29 sind dir gefolgt. Er erwiderte ihnen: Amen, ich sage euch: Es

gibt niemanden, der um des Gottesreiches willen aufgegeben

hat Haus oder Frau oder Geschwister oder Eltern oder Kin-

30 der und es nicht vielfach wiederbekommt schon in dieser

Zeit und in der künftigen Welt ewiges Leben.

31    Er nahm dann die Zwölf zu sich und sagte zu ihnen: Seht,

wir ziehen nach Jerusalem hinauf, und es wird alles seine

Vollendung finden, was über den Menschensohn durch die

32 Propheten geschrieben ist. Er wird an die Heidenvölker aus¬

geliefert und mißhandelt, verhöhnt und angespien werden,

33 sie werden ihn geißeln und töten, und am dritten Tage wird

34 er auferstehen. Aber sie verstanden nichts davon, der Sinn

dieses Wortes war ihnen verhüllt, und sie erkannten nicht,

was er meinte.

 

6. Sonntag

Mark 7

Es versammelten sich bei ihm die Pharisäer und einige von

den Schriftgelehrten, die aus Jerusalem gekommen waren.

Und sie sahen einige seiner Jünger Brot essen mit unreinen, 2

das heißt ungewaschenen Händen. Die Pharisäer und über- 3

haupt alle Juden essen ja nicht, wenn sie nicht die Hände

wenigstens mit einer Handvoll Wasser gewaschen haben; sie

halten sich an die altväterlichen Überlieferungen. Und wenn 4

sie vom Markte kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher

zu waschen. Noch viele andere überlieferte Regeln beachten

sie, wie das rituelle Reinigen von Kelchen und Krügen und

Kupfergefäßen.

Und so fragen ihn die Pharisäer und Schriftgelehrten: War- 5

um leben deine Jünger nicht nach der Überlieferung der Vor¬

fahren, sondern essen das Brot mit unreinen Händen ? Er sagte 6

ihnen: Treffend hat Jesaja von euch Heuchlern geweissagt, wie

geschrieben steht: »Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, je¬

doch ihr Herz ist weit von mir entfernt, vergebens suchen sie 7

mich zu verehren; als Lehre verkünden sie, was nur Gebot von

Menschen ist« Die Weisung Gottes laßt ihr fahren und haltet 8

fest an Menschensatzung.

Und weiter sprach er zu ihnen: Ihr beseitigt gründlich das 9

Gebot Gottes, um eure Überlieferung durchzusetzen. Moses 10

hat gesagt: »Ehre deinen Vater und deine Mutter« und »Wer

Vater oder Mutter schmäht, der soll dem Tod verfallen.« Ihr 11

aber sprecht: Wenn ein Mensch zu seinem Vater oder seiner

Mutter sagt: Korbän, das heißt: eine Opfergabe will ich dar¬

bringen anstelle dessen, was ich dir schuldig wäre, dann erlaßt 12

ihr ihm, für seinen Vater oder seine Mutter noch etwas zu tun.

So setzt ihr das Wort Gottes außer Kraft durch eure Überliefe- 13

rung, die ihr weitergebt. Und vieles dieser Art tut ihr.

Dann rief er wiederum das Volk zusammen und sprach zu 14

ihnen: Hört mir alle zu und versteht den Sinn der Worte:

15 Nichts, was von außen in den Menschen eingeht, kann ihn

entweihen, sondern was vom Menschen ausgeht, das ist es,

16 was den Menschen entweiht. Wer Ohren hat zu hören, der

höre!

17   Als er dann das Volk verließ und ins Haus ging, fragten ihn

18 seine Jünger nach dem Sinn des Gleichnisses. Da spricht er zu

ihnen: Seid auch ihr so ohne Einsicht? Begreift ihr nicht, daß

alles Äußere, das in den Menschen eingeht, ihn nicht entwei-

19 hen kann ? Es geht ja nicht in sein Herz hinein, sondern in den

Bauch und wird wieder ausgeschieden, wodurch alle Speisen

20 für den Menschen rein sind. Und er fuhr fort: Was vom Men-

21 sehen ausgeht, das entweiht den Menschen. Denn im Innern

des Menschenherzens haben die bösen Gedanken ihren Ur-

22 Sprung: Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bos¬

heit, Arglist, Zügellosigkeit, böser Blick, Lästerung, Hochmut

23 und Unbesonnenheit. All dies Böse kommt aus dem Innern

und entweiht den Menschen.

24   Er brach auf und ging von dort in das Gebiet von Tyrus. Da

ging er in ein Haus und wollte nicht, daß jemand es erfahre.

25 Und doch konnte er nicht verborgen bleiben; sogleich hörte

eine Frau von ihm, deren Töchterchen von einem unreinen

Geist besessen war. Sie kam und fiel zu seinen Füßen nieder.

26 Die Frau war eine Griechin, eine Syrophönizierin von Geburt.

Sie bat ihn, er möge doch den Dämon aus ihrer Tochter aus-

27 treiben. Er sprach zu ihr: Laß erst die Kinder satt werden; denn

es ist nicht recht, das Brot der Kinder zu nehmen und es den

28 Hündlein hinzuwerfen. Da gibt sie ihm zur Antwort: Ja, Herr!

Doch auch die Hündlein unter dem Tisch fressen von den

29 Brosamen der Kinder. Und er sagte zu ihr: Um dieses Wortes

willen gehe hin, ausgefahren ist der Dämon aus deiner Toch-

30 ter. Sie kehrte in ihr Haus zurück und fand das Kind ruhig auf

dem Bett liegen; der Dämon hatte es verlassen.

31   Und er verließ wieder das Gebiet von Tyrus und kam durch

Sidon an den See von Galiläa mitten in das Gebiet der Zehn

32 Städte. Da bringt man ihm einen Tauben, der nur stammeln

konnte; und sie flehen ihn an, er möge ihm die Hand auflegen.

Er nahm ihn abseits von der Volksmenge ganz für sich und 33

steckte ihm die Finger in seine Ohren und benetzte mit Spei¬

chel seine Zunge. Dann blickte er auf zum Himmel, seufzte tief 34

und sprach zu ihm: Effatha, das heißt: Öffne dich! Da öffneten 35

sich seine Ohren, zugleich löste sich die Fessel seiner Zunge,

und er redete richtig. Da gebot er ihnen, zu niemanden davon 36

zu sprechen. Aber so sehr er sie auch mahnte, sie verkündeten

es nur umso überschwenglicher. Sie gerieten vor Staunen au- 37

ßer sich und sprachen: Herrlich sind alle seine Taten, den

Tauben gibt er das Gehör und den Stummen die Sprache.

 

7. Sonntag

Luk 10

Danach bestimmte der Herr weitere Siebzig und sandte sie zu

je zweien vor sich her in jede Stadt und jeden Ort/ wohin er

2 selber gehen wollte. Er sprach zu ihnen: Die Ernte ist groß, der

Arbeiter sind wenige. So bittet den Herrn der Ernte, er möge

3 Arbeiter aussenden in seine Ernte. Zieht hin! Siehe, ich sende

4 euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe. Nehmt keinen Geld¬

beutel mit, keine Tasche, keine Sandalen, und begrüßt nie-

5 manden auf der Straße. Betretet ihr ein Haus, so sprecht als

6 erstes: Friede diesem Hause! Und wenn dort ein Sohn des

Friedens ist, dann wird euer Friede auf ihm ruhen; wenn aber

7 nicht, wird er zu euch zurückkehren. Bleibt in demselben Hau¬

se, eßt und trinkt, was man euch gibt; denn der Würde des

Arbeiters entspricht sein Lohn. Wechselt nicht von einem

8 Haus ins andere, und wenn ihr in eine Stadt kommt und man

9 euch aufnimmt, so eßt, was euch vorgesetzt wird; heilt die

Kranken, die dort sind, und sprecht zu ihnen: Euch ist das

10 Reich Gottes nahe gekommen. Wenn ihr aber in eine Stadt

kommt und man euch nicht aufnimmt, so geht hinaus auf ihre

11 Straßen und sagt: Auch den Staub, der von eurer Stadt an

unseren Füßen haftet, schütteln wir ab; erkennt aber, daß nahe

12 ist das Reich Gottes. Ich sage euch, es wird Sodom an jenem

Tage erträglicher gehen als dieser Stadt.

13    Wehe über dich, Chorazin; wehe über dich, Bethsaida! Wä¬

ren in Tyrus und Sidon die Geistestaten geschehen, die bei

euch geschehen sind, sie hätten längst in Sack und Asche ge-

14 sessen und ihren Sinn gewandelt. Aber Tyrus und Sidon wird

15 es erträglicher gehen am Tag der Entscheidung als euch. Und

du, Kapernaum, wirst du etwa bis zum Himmel erhöht wer¬

den? Bis in die Unterwelt wirst du hinabstürzen!

16   Wer euch hört, der hört mich, und wer euch verwirft, der

verwirft mich; wer aber mich verwirft, der verwirft den, der

mich gesandt hat.

17   Die Siebzig kehrten dann voll Freude zurück und sprachen:

Herr, sogar die Dämonen sind uns Untertan kraft deines Na-

18 mens. Er antwortete ihnen: Ich sah den Satan wie einen Blitz

19 aus dem Himmel stürzen. Siehe, ich habe euch die Vollmacht

gegeben, über Schlangen und Skorpione zu schreiten und auf¬

zutreten gegen alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch

schaden können. Aber nicht darüber freut euch/ daß die Gei- 20

ster euch Untertan sind; freut euch vielmehr, daß eure Namen

eingeschrieben sind in den Himmeln.

In derselben Stunde rief er im heiligen Geiste jubelnd aus: 21

Ich preise dich, Vater, du Herr des Himmels und der Erde, daß

du dies alles vor Weisen und Klugen verborgen und es Un¬

mündigen offenbart hast; ja, Vater, so entsprach es deiner

Güte. Alles ist mir von meinem Vater übergeben, und niemand 22

weiß, wer der Sohn ist, außer dem Vater, und wer der Vater ist,

außer dem Sohne, und wem es der Sohn offenbaren will.

Und zu den Jüngern im besonderen sich wendend sagte er: 23

Begnadet sind die Augen, die sehen, was ihr seht. Denn ich 24

sage euch: Viele Propheten und Könige wollten das sehen, was

ihr seht, und haben es nicht geschaut, und wollten hören, was

ihr hört, und haben es nicht gehört.

Und siehe, da trat ein Gesetzeslehrer auf und sprach, um 25

ihn auf die Probe zu stellen: Meister, was muß ich tun, um

am ewigen Leben Anteil zu erhalten? Er sagte zu ihm: Im 26

Gesetz, was ist da geschrieben, wie liest du? Er antwortete: 27

»Lieben sollst du den Herrn, deinen Gott, aus deinem ganzen

Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen

Willenskraft und mit all deinen Gedanken und deinen Näch¬

sten wie dich selbst.« Er sagte ihm: Du hast recht geantwor- 28

tet; tue das, so wirst du leben. Jener aber wollte sich verge- 29

wissern und sagte zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster?

Darauf ging Jesus ein und sagte: Ein Mann ging von Jerusa- 30

lern nach Jericho hinab und fiel Räubern in die Hände; die

rissen ihm die Kleider vom Leibe, schlugen ihn blutig, ließen

ihn halbtot liegen und machten sich davon. Zufällig kam ein 31

Priester auf diesem Wege herab, sah ihn und ging vorüber.

Ebenso kam auch ein Levit an diese Stelle, sah ihn und ging 32

vorüber. Ein Samariter kam auf seiner Reise auch dahin, sah 33

ihn und hatte Mitleid mit ihm. Er ging zu ihm hin, goß Öl 34

und Wein auf seine Wunden und verband sie; dann setzte er

ihn auf sein Maultier und brachte ihn in eine Herberge und

35 sorgte für ihn. Und am anderen Tage zog er zwei Denare

heraus und gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und

was du etwa darüber hinaus ausgibst, werde ich dir bei

36 meiner Rückkehr wiedergeben. – Wer von diesen Dreien ist

nach deiner Ansicht der Nächste geworden für den, der den

37 Räubern in die Hände gefallen war? Er sagte: Der, der barm¬

herzig an ihm gehandelt hat. Jesus sagte ihm: Gehe hin und

handle ebenso!

38   Als sie unterwegs waren, kam er in ein Dorf. Dort nahm ihn

39 eine Frau mit Namen Martha in ihr Haus auf. Sie hatte eine

Schwester, die Maria hieß. Diese setzte sich zu den Füßen des

40 Herrn und hörte seinem Worte zu. Martha aber, die völlig mit

der Bewirtung der Gäste beschäftigt war, trat an ihn heran und

sagte; Herr, kümmert es dich nicht, daß meine Schwester mir

die Arbeit allein überläßt? Sage ihr doch, sie möge mir zur

41 Hand gehen. Der Herr gab ihr zur Antwort: Martha, Martha/

um vieles machst du dir Sorge und Unruhe? wenig ist nötig

42 oder nur eines. Maria hat den guten Teil erwählt; der soll ihr

nicht genommen werden.

 

8. Sonntag

Luk 17

Er sprach zu seinen Jüngern: Es ist unvermeidlich, daß das

Werden des inneren Menschen gestört wird. Doch wehe dem,

2 durch den es geschieht. Für ihn wäre es besser, er würde mit

einem Mühlstein um seinen Hals in das Meer geworfen, als

daß er auch nur einen von diesen Kleinen stört.

3   Habt acht auf euch. Wenn dein Bruder Unrecht getan hat, so

weise ihn zurecht; und wenn er zur Einsicht kommt, so vergib

4 ihm. Und wenn er dir siebenmal am Tag Unrecht getan hat

und siebenmal wieder zu dir kommt und spricht: es reut mich,

so sollst du ihm vergeben.

5    Da sprachen die Apostel zum Herrn: Stärke unsere Glau-

6 benskraft. Da antwortete der Herr: Wenn ihr Glauben hättet

wie ein Senfkorn, könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sa¬

gen: entwurzele dich und pflanze dich ins Meer – er würde

euch gehorchen.

7   Wer von euch, der einen Knecht zum Pflügen oder zum

Hüten hat, wird zu ihm sagen, wenn er vom Feld ins Haus

8 hereinkommt: Komm schnell und setze dich zu Tische ? Wird

sein, wenn von

er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen,

binde deinen Schurz vor und bediene mich, bis ich gegessen

und getrunken habe; danach sollst auch du essen und trinken.

Dankt er etwa dem Knecht dafür, daß dieser seinen Auftrag 9

ausgeführt hat? So mögt auch ihr sagen, wenn ihr alles euch 10

Aufgetragene getan habt: Wir sind geringe Knechte, wir haben

nur getan, was wir zu tun schuldig waren.

Während er auf seinem Wege nach Jerusalem durch das 11

Grenzgebiet von Samarien und Galiläa zog, geschah dies: Als 12

er in ein Dorf kam, kamen ihm zehn aussätzige Männer entge¬

gen. Sie blieben in einiger Entfernung stehen und erhoben 13

ihre Stimme zu dem Rufe: Jesus, Meister, erbarme dich unser!

Er schaute sie an und sagte zu ihnen: Geht und zeigt euch den 14

Priestern! Und während sie hingingen, geschah es, daß sie rein

wurden. Einer von ihnen, als er sah, daß er geheilt war, kehrte 15

um, mit lauter Stimme Gottes Offenbarung preisend, warf 16

sich ihm zu Füßen auf sein Angesicht und dankte ihm. Und

dieser war ein Samariter. Jesus fragte: Sind nicht alle zehn rein 17

geworden, wo sind die neun anderen ? Fand sich niemand be- 18

reit, umzukehren und Gottes Offenbarung zu preisen, außer

diesem Fremden ? Dann sagte er ihm: Stehe auf und gehe hin, 19

dein Vertrauen hat dich gerettet

Als er von den Pharisäern gefragt wurde: wann kommt das 20

Reich Gottes? gab er ihnen zur Antwort: Das Gottesreich

kommt nicht äußerlich wahrnehmbar, noch wird man sagen 21

können: siehe, hier ist es oder dort. Denn siehe, das Reich

Gottes ist in eurem Inneren.

Zu seinen Jüngern sagte er: Es werden Zeiten kommen, in 22

denen ihr euch danach sehnen werdet, nur einen einzigen der

Tage des Menschensohnes zu schauen, und werdet ihn doch

nicht sehen. Dann wird man euch sagen: seht hier, seht dort! 23

Geht aber nicht von eurem Wege ab und folgt diesem Rufe

nicht. Denn wie der Blitz an einer Stelle des Himmels auf- 24

flammt und alles bis zum anderen Ende des Himmels erleuch¬

tet, so wird der Menschensohn sein beim Anbruch seines Ta¬

ges. Aber zuvor muß er vieles erleiden und verworfen werden 25

26 von diesem Geschlecht. Und wie es in den Tagen des Noah

27 war, so wird es in den Tagen des Menschensohnes sein: Sie

aßen, sie tranken, sie heirateten und wurden geheiratet, bis zu

dem Tage, da Noah in die Arche ging und die große Flut her-

28 einbrach, in der sie alle umkamen. Ebenso wie es in den Tagen

des Lot geschah: Sie aßen, sie tranken, sie kauften, sie verkauf-

29 ten, sie pflanzten, sie bauten; aber an dem Tage, da Lot aus

Sodom auszog, regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel,

30 und alle kamen darin um. Gerade so wird es an dem Tage sein,

31 da der Menschensohn offenbar werden wird. Wer an diesem

Tage auf dem Dach ist und seine Sachen im Hause gelassen

hat, gehe nicht hinunter, um sie zu holen; und wer auf dem

Felde ist, soll ebenfalls nicht umkehren zu dem, was er zurück-

32 gelassen hat. Denkt an Lots Frau! Wer darauf bedacht ist, das

33 Leben seiner Seele zu erhalten, wird es verlieren; und wer es

hingibt, wird seine Seele zum Leben erwecken.

34   Ich sage euch: Dann werden in der Nacht zwei auf einem

Lager ruhen, der eine wird mitgenommen, der andere zu-

35 rückgelassen werden. Zwei Frauen werden an einer Mühle

mahlen, die eine wird mitgenommen, die andere zurückge-

36 lassen werden. Zwei werden auf dem Felde sein; der eine

37 wird angenommen, der andere zurückgelassen werden. Dar¬

auf erwiderten sie ihm: Wo denn, Herr? Er sagte ihnen: Wo

ein lebendiger Leib ist, da finden sich auch die Adler ein.

 

9. Sonntag

Mat 2

Nachdem Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa in der

— Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Priesterweise aus

2 dem Morgenlande nach Jerusalem. Die sprachen: Wo ist er,

der geboren wurde als König der Juden? Haben wir doch

seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihm zu

huldigen.

3   Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm

4 ganz Jerusalem. Er ließ alle Hohenpriester und Schriftgelehr-

ten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei

5 ihnen, wo der Messias geboren werde. Sie sagten ihm: Zu

Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den

Propheten:

6    »Und du, Bethlehem im Lande Judäa, nicht die geringste bist

du unter den Fürstenstädten Judas; denn aus dir wird der Fürst

hervorgehen, der als Hirte mein Volk Israel leiten wird.«

7   Darauf berief Herodes heimlich die Priesterweisen und ließ

sich von ihnen genau die Zeit angeben, wann der Stern er-

8 schienen war. Dann sandte er sie nach Bethlehem und sagte:

Geht und forscht gründlich nach dem Kinde? sobald ihr es

gefunden habt, erstattet mir Bericht, damit auch ich hingehe

9 und ihm huldige. Als sie das von dem König gehört hatten,

machten sie sich auf den Weg. Und siehe/der Stern, den sie im

Aufgehen gesehen hatten, zog vor ihnen her, bis er über dem

Ort ankam und stehenblieb, wo das Kind war.

Als sie den Stern erschauten, erfüllte sie übermächtige Freu- 10

de. Sie traten in das Haus ein, sahen das Kind mit Maria, seiner 11

Mutter, fielen vor ihm nieder und huldigten ihm; und sie öff¬

neten ihre Schatzkästen und brachten ihm als Geschenke dar

Gold, Weihrauch und Myrrhe. Im Traum empfingen sie die 12

Weisung, nicht zu Herodes zurückzukehren, und so zogen sie

auf einem anderen Wege wieder in ihr Land.

Als sie wegzogen, siehe, da erscheint dem Joseph im Traum 13

ein Engel des Herrn und spricht: Steh auf, nimm das Kind und

seine Mutter und fliehe nach Ägypten und bleibe dort, bis ich

wieder zu dir spreche; denn Herodes wird nach dem Kinde su¬

chen lassen, um es umzubringen. Da stand er auf, nahm in der 14

Nacht das Kind und seine Mutter und entwich nach Ägypten.

Dort blieb er bis zum Tode des Herodes. Es sollte sich erfüllen, 15

was vom Herrn durch den Mund des Propheten gesprochen ist:

»Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

Als nun Herodes sich von den Priester-Weisen getäuscht sah, 16

wurde er sehr zornig; er sandte seine Leute aus und ließ in

Bethlehem und der ganzen Umgegend alle Knaben im Alter

von zwei Jahren und darunter töten, gemäß der Zeit, die er von

den Priesterweisen erfragt hatte. Da erfüllte sich das Prophe- 17

tenwort des Jeremia:

»Eine Stimme wurde in Rama vernommen, viel Weinen und 18

großes Klagen; Rahel weint um ihre Kinder und läßt sich nicht

trösten, denn sie sind nicht mehr da.«

Als aber Herodes gestorben war, siehe, da erscheint dem 19

Joseph in Ägypten ein Engel des Herrn im Traum und spricht 20

zu ihm: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und ziehe

in das Land Israel; denn gestorben sind, die dem Kinde nach

dem Leben trachteten. Da stand er auf, nahm das Kind und 21

seine Mutter und kehrte in das Land Israel zurück. Doch als er 22

hörte, daß Archelaos anstelle seines Vaters Herodes König

überJudäa sei, trug er Bedenken, dorthin zu gehen. Er empfing

23 im Traum eine Weisung und zog in das Gebiet von Galiläa und

ließ sich dort nieder in einer Stadt namens Nazareth. Es sollte

sich das Prophetenwort erfüllen: Er soll ein Nazoräer heißen.

 

10. Sonntag

Luk 7

Als er alle seine Worte vor der lauschenden Volksmenge voll-

endet hatte, ging er nach Kapemaum. Dort lag der Knecht

eines Hauptmanns, der diesem besonders wert war, krank dar¬

nieder und war schon dem Tode nahe. Als der Hauptmann von 3

Jesus hörte, schickte er einige Älteste der Juden zu ihm und

ließ ihn bitten, er möge kommen und seinem Knecht das Le¬

ben retten. Sie kamen zu Jesus und baten ihn dringend um 4

seine Hilfe, indem sie sagten: Er ist es wert, daß du ihm das

gewährst; denn er liebt unser Volk, und er ist es, der uns die 5

Synagoge gebaut hat Jesus ging mit ihnen hin. Als er nicht 6

mehr ferne von dem Hause war, sandte der Hauptmann einige

Freunde und ließ ihm sagen: Herr, bemühe dich nicht; denn

ich bin nicht würdig, daß du unter mein Dach trittst. Darum 7

habe ich mich auch nicht vermessen, zu dir zu kommen. Aber

sprich ein Wort, und mein Knabe wird gesund werden. Auch 8

ich bin ja ein Mann unter Befehlsgewalt, und ich habe Solda¬

ten unter mir; und wenn ich zu dem einen spreche: geh, so

geht er, und zu dem anderen: komm, so kommt er, und zu

meinem Knecht: tu das, so tut er es. Als Jesus das vernahm, 9

erstaunte er über ihn. Er wandte sich um und sagte zu der ihn

begleitenden Menge: Amen, ich sage euch: In Israel habe ich

noch keinen solchen Glauben gefunden. Als dann die Abge- 10

sandten in das Haus zurückkehrten, fanden sie den Knecht

gesund.

In der darauffolgenden Zeit geschah es: Er wanderte nach 11

einer Stadt, die Nain heißt, und mit ihm zogen seine Jünger

und eine große Schar. Als er sich dem Stadttor näherte, siehe, 12

da wurde ein Toter herausgetragen, der einzige Sohn seiner

Mutter, und die war Witwe. Und viele Menschen aus der Stadt

begleiteten sie. Als der Herr sie sah, ging ihr Unglück ihm zu 13

Herzen, und er sagte ihr: Weine nicht! Dann trat er hinzu und 14

rührte die Bahre an, die Träger blieben stehen, und er sprach:

15 Jüngling, ich sage dir: Wache auf Da setzte sich der Tote auf-

16 recht und begann zu reden; und er übergab ihn seiner Mutter.

Ehrfürchtige Scheu erfaßte alle, und sie priesen die Gottesof-

fenbarung und sprachen: Ein großer Prophet ist unter uns er-

17 standen. Und: Gott hat sein Volk besucht. Dieses Wort über ihn

verbreitete sich in ganz Judäa und allen anliegenden Gebieten.

18   Auch dem Johannes berichteten seine Jünger von all diesem.

19 Da rief Johannes zwei seiner Jünger zu sich und schickte sie zu

dem Herrn mit der Frage: Bist du der Kommende, oder sollen

20 wir auf einen anderen warten? So kamen die Männer zu ihm

und sagten: Johannes der Täufer hat uns zu dir gesandt und

läßt fragen: Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen

21 anderen warten? Zu jener Zeit heilte er viele von ihren Krank¬

heiten und Plagen und bösen Geistern, und vielen Blinden

22 schenkte er das Augenlicht. So gab er ihnen zur Antwort: Geht

hin und verkündet Johannes, was ihr gesehen und gehört

habt: Blinde sehen wieder, Lahme gehen umher. Aussätzige

werden gereinigt, und Taube hören, Tote werden erweckt,

23 Arme empfangen die Heilsbotschaft, und gesegnet ist, wer

nicht irre wird an mir.

24   Als die Boten des Johannes wieder gegangen waren, begann

er zu den Menschenscharen über Johannes zu sprechen: Was

wolltet ihr sehen, als ihr in die Einöde gegangen seid? Ein Rohr,

25 vom Winde hin und her bewegt? Oder was wolltet ihr dort se¬

hen? Einen Menschen in feinen Gewändern? Siehe, die sich

kostbar kleiden und üppig leben, sind in den Palästen der Köni-

26 ge. Aber was wolltet ihr da draußen sehen – einen Propheten?

27 Ja, ich sage euch: sogar mehr als einen Propheten. Dieser ist es,

von dem geschrieben steht: »Siehe, ich sende meinen Engel vor

dir her, der wird deinen Weg vor dir bereiten.«

28    Ich sage euch: Größer als Johannes ist keiner unter den von

Frauen Geborenen, aber der Kleinste im Reiche Gottes ist grö-

29 ßer als er. Das gesamte Volk, das auf ihn hörte, und sogar die

Zöllner erkannten Gottes Willen an, als sie die Taufe des Johan-

30 nes empfingen. Doch die Pharisäer und Gesetzeslehrer verwar-

fen für sich selbst den Willen Gottes, da sie sich nicht von ihm

taufen ließen. Womit soll ich nun die Menschen dieses Ge- 31

schlechts vergleichen, und wem sind sie ähnlich? Sie sind wie 32

Kinder, die auf dem Markte sitzen und einander zurufen:

Wir haben für euch geflötet,

und ihr habt nicht getanzt;

wir haben Klagelieder gesungen,

und ihr habt nicht geweint.

Denn Johannes der Täufer ist gekommen, aß kein Brot und 33

trank keinen Wein, und ihr sprecht: Er hat einen Dämon in

sich. Der Menschensohn ist gekommen, er ißt und trinkt, und 34

ihr sprecht: Seht den Fresser und Weinsäufer, den Freund der

Zöllner und Sünder. Und doch wird die Weisheit bestätigt von 35

all ihren wahren Kindern.

Einer von den Pharisäern bat ihn aber, mit ihm zu essen. Er 36

trat in das Haus des Pharisäers ein und ließ sich nieder. Nun 37

war aber in der Stadt eine Frau, die als Sünderin lebte. Als sie

erfuhr, daß er im Hause des Pharisäers zu Tische saß, brachte

sie ein Alabastergefäß mit Myrrhenöl, trat von hinten an seine 38

Füße heran und weinte und begann, mit ihren Tränen seine

Füße zu benetzen und mit ihrem Haupthaar zu trocknen; sie

küßte seine Füße und salbte sie mit dem Myrrhenöl.

Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, sprach 39

er bei sich selbst: Wenn dieser ein Seher wäre, müßte er erken¬

nen, wer und was für eine Frau es ist, die ihn berührt: daß sie

eine Sünderin ist. Daraufhin redete Jesus ihn an: Simon, ich 40

habe dir etwas zu sagen. Er sagte: Meister, sprich. – Ein Geld- 41

Verleiher hatte zwei Schuldner; der eine war fünfhundert De¬

nare schuldig, der andere fünfzig. Da sie ihm die Schulden 42

nicht zurückzahlen konnten, schenkte er sie beiden. Wer von

beiden wird ihn mehr lieben? Simon antwortete: Ich nehme 43

an, der, dem er mehr geschenkt hat. Da sagte er: Du hast

richtig geurteilt. Und zu der Frau gewandt sagte er dem Simon: 44

Du siehst doch diese Frau? Ich kam in dein Haus. Wasser für

die Füße hast du mir nicht gegeben, sie aber hat mit ihren

Tränen meine Füße benetzt und mit ihren Haaren getrocknet.

Einen Kuß hast du mir nicht gegeben, sie aber hat, seit sie

eingetreten ist, nicht aufgehört, meine Füße zu küssen. Du

hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt, sie aber hat mit Myr¬

rhenöl meine Füße gesalbt Darum sage ich dir: Ihre vielen

Sünden sind ihr vergeben, denn sie hat viel Liebe erwiesen.

Wem wenig vergeben wird, der hat wenig Liebe. Zu ihr aber

sagte er: Deine Sünden sind dir vergeben. Die anderen Gäste

begannen bei sich selber zu sprechen: Wer ist dieser, der sogar

Sünden vergibt? Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat

dich gerettet; gehe den Weg zum Frieden.

 

Mit dem letzten Sonntag des September, dem 29.9., haben wir bereits die Schwelle zur Michaelizeit überschritten, die dann im ganzen vier Wochen dauert (bis einschließlich 20.10. und die anschließende Woche). Es ist uns im letzten Aufsatz* deutlich geworden, daß die Michaeli vorangehenden zehn Perikopen einen Weg darstellen, der in das Fest des Erzengels mündet und uns auf das Überschreiten der Schwelle vorbereitet.

Die Königliche Hochzeit

Eine Schwelle ist es denn auch, die gleich in der ersten Perikope dieser Zeit vor uns liegt: in der »Königlichen Hochzeit«, Matthäus 22. Es ist dies eigentlich ein Stück aus dem Evangelium, das zur Karwoche gehört, zu den Streitgesprächen des Kardienstag; in der Dramatik dieses Tages weist Christus auf den Entscheidungsernst hin, der mit der Beziehung des Menschen zur geistigen Welt gegeben ist. Der Mensch ist zur Hochzeit, zur Verbindung mit der göttlichen Welt, berufen – aber er muß auch wirklich dem Rufe folgen, sonst verfällt seine Berufung, und er wird sich von der weiteren Entwicklung ausgeschlossen finden. Wenn er gar die Kräfte der geistigen Welt in sich ertötet – wie die

Boten des Königs im Gleichnis getötet werden -, hat er schwere Schicksale als Folge zu erwarten.

Betritt er aber die Schwelle, über die der Weg in den Hochzeitssaal führt, muß er bereit sein zu empfangen, was ihm da als angemessene Hülle für sein Wesen gereicht wird: Er muß sich mit dem »hochzeitlichen Gewand« bekleiden, das er beim Eintritt an sich nehmen kann – im Altertum war es vielfach üblich, den Gästen eines Festes das Gewand zu übergeben, das sie tragen sollten -, um sich so dem Fest würdig einzureihen. Wir sehen in diesen Bildern die michaelischen Grundmotive vor uns: Wir selbst müssen dem Rufe folgen, den Weg gehen, und wir werden zur Hochzeit erwartet, als Gast zunächst. Aber – wer ist die Braut im Gleichnis? Sie wird nicht erwähnt. Ist es vielleicht, wie auch sonst in den Bildern der Bibel, unsere Seele selbst? Dann wären wir nicht nur als Gast, sondern auch zur tieferen Verbindung mit dem »Bräutigam« geladen.

Matthäus 22 spricht von solcher Berufung des Menschen. Erschütternd ist es, am Gang des Gleichnisses mitzuerleben, daß die Hochzeit nicht ohne die Geladenen stattfinden kann, daß die göttliche Welt – der »König« – offensichtlich ein höchstes Interesse hat am Hinzutreten des Menschen. Es geht nicht ohne uns – das ist jetzt der michaelische Ton der Perikopen im Gang des Jahres: Der Mensch wird gebraucht, wenn die weitergehen soll; er muß die Kraft und den Mut finden, zur Mitwirkung im Weltendrama den Einsatz zu leisten, den nur er leisten kann.

Aber gerade weil das so ist, tritt auch die andere Gebärde notwendig hinzu: Der Mensch muß dann auch bereit sein, von der geistigen Welt zu empfangen, was ihn zur Hochzeit erst würdig macht. Die Aktivität, die wir aufzubringen haben, darf uns nicht darüber täuschen, daß wir nicht alles leisten können, sondern andererseits der göttlichen Gnade bedürftig sind. Mut und Demut sind michaelische Tugenden. Demut brauchen wir der geistigen Welt gegenüber, die uns zu allem geistigen Tun erst erkraften muß – sonst droht aus unserem Mut nur Hochmut zu werden.

Die Waffenrüstung

Drei weitere Evangelienstücke sind für die Michaelizeit vorgesehen (es kann auch Matth. 22 vier Wochen hindurch gelesen werden – Zeitdauer und Reihenfolge der Perikopen sind zu Michaeli nicht festgelegt):

Apokalypse 12 — Michaels Kampf,

Apokalypse 19 – der »weiße Reiter«;

Epheser 6 – die Waffenrüstung.

Mit Epheser 6 tritt eine Besonderheit in der Perikopenfolge auf: Es ist die einzige Stelle aus den Briefen des Neuen Testaments, die in der Weihehandlung für die Evangelienlesung ausdrücklich vorgesehen ist. (Zu Advent und in der Weihnachtszeit können auch  Briefstellen gelesen werden, sie gehören aber nicht im engeren Sinne zur Perikopenordnung, sondern können frei herangezogen werden.)

Da kann uns auffallen, daß hier ja wiederum von einer Gewandung gesprochen wird, die der Mensch anzulegen hat – und in der Tat haben wir in der Waffenrüstung gleichsam eine Metamorphose des Gewandes vor uns, das uns in der »Königlichen Hochzeit« begegnet ist. Beide Bilder können sich gegenseitig beleuchten; das Gewand ist Bild für die Umhüllung, die der Mensch in seiner Verbindung mit der geistigen Welt erfährt – er wird von ihr liebevoll umfangen, wird von den Kräften der Gotteswelt umkleidet. Wenn er dies ablehnt, kann er nicht in sie eintreten. Diese Umhüllung kann vom Menschen aber auch zum Schutz gegen die Kräfte der Widersacher gestaltet werden. Indem wir die Liebenähe des Göttlichen wiederum aktiv ergreifen und zu den Kräften der christlichen Tugenden bilden, eignen wir uns das verliehene Gewand erst richtig an und machen es zu Panzer, Helm, Schild, Gürtel und Schuh, die uns Schutz und Halt in unseren Seelenkämpfen bieten können.

Dabei sind es die Teile der Rüstung, die den Streiter schützen sollen, auf die es ankommt; als Waffe wird nur das Schwert genannt – aber es ist das Schwert des Wortes, das hier gemeint ist. Es ist das Schwert, das Christus am Kardienstag in der Auseinandersetzung mit seinen Gegnern benutzt. Von jedem anderen Schwert muß es heißen: »Wer das Schwert zieht, wird durch das Schwert umkommen« (Matth. 26, 52). Andererseits sind wir mit dieser Perikope noch deutlicher als bei der »Königlichen Hochzeit« auf den Kampf hingewiesen, in den wir uns als Menschen hineinzustellen haben. Nicht äußere Kämpfe gilt es auszufechten – heute weniger denn je -, sondern in den inneren Kämpfen, mit denen wir reichlich zu tun haben, sollen wir die Nähe der göttlichen Welt erfahren und ihre Kraft einsetzen lernen. Dadurch aber können wir unseren notwendigen Anteil leisten an den großen Geisteskämpfen, welche in der Welt toben.

Unser Kampf – Michaels Kampf

Gerade dies letzte Motiv finden wir nun besonders in den beiden übrigen Perikopen der Michaelizeit ausgestaltet: im Kampf Michaels mit dem Drachen und in der Erscheinung des Reiters auf dem weißen Pferd.

Immer wieder kann es uns beeindrucken, daß Michael den Drachen nicht tötet,sondern auf die Erde wirft. Es wird ausdrücklich bemerkt, daß die Tätigkeit des Drachen auf der Erde weitergeht gegen die Gottverbundenen. Durch den Sieg Michaels in der geistigen Welt sind wir also auf der Erde erst recht zum Kampf herausgefordert. Der Mitwirkung des Erzengels dürfen wir dabei gewiß sein, auch wenn dies nicht ausdrücklich ausgesprochen wird. Andererseits enthält der Text eine eigenartige Widersprüchlichkeit, die selten bemerkt wird. Da wird (Vers u) von den Menschen gesprochen, die den Drachen überwunden haben » durch das Blut des Lammes und durch das Wort ihres Zeugnisses «. War es nicht Michael, der über den Drachen siegte? Wir sehen: Michaels Kampf in der geistigen Welt und unsere Seelenkämpfe auf der Erde hängen zusammen. Was auf der Erde durch uns geschieht, hat auch seine Bedeutung für die Geisteswelt.

In ähnlicher Weise wird die Mitwirkung des Menschen in Apokalypse 19 sichtbar- Die Scharen, welche dem Reiter folgen, greifen in den Weltenkampf ein; sie tragen weiße Gewänder- eine weitere Metamorphose der Bilder von dem hochzeitlichen Gewand und der Waffenrüstung.

Damit ist wohl der herbe, ernste, fordernde Klang der Herbstperikopen genügend deutlich geworden. Wie sich dieser Klang in den November fortsetzt, soll Gegenstand der nächsten Betrachtung sein.

 

Michaelizeit

 

1. Sonntag

Mat 22

Und Jesus begann wieder in Gleichnissen zu ihnen zu spre-

chen: Mit dem Reich der Himmel ist es wie mit einem Men-

sehen, einem König, der ein Hochzeitsfest bereitete für seinen

Sohn. Er sandte seine Knechte aus, die geladenen Gäste zur 3

Hochzeit zu rufen; und sie wollten nicht kommen. Ein zweites 4

Mal sandte er andere Knechte aus mit der Botschaft: Sagt den

Geladenen: Siehe, mein Festmahl habe ich bereitet, meine

Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, und alles ist gerü¬

stet; kommt zum Hochzeitsfest! Sie aber beachteten es nicht 5

und gingen hin, der eine auf seinen eigenen Acker, der andere

zu seinem Handelsgeschäft. Die übrigen aber ergriffen seine 6

Knechte, mißhandelten und töteten sie. Da entbrannte der Kö- 7

nig vor Zorn, sandte seine Streitmacht und ließ jene Mörder

umbringen und ihre Stadt in Brand setzen. Dann spricht er zu 8

seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar gerüstet, doch die Ge-

9 ladenen waren unwürdig. So geht denn an die Straßenkreu¬

zungen, und wen immer ihr findet, den ruft herein zur Hoch-

10 zeitsfeier. Die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und

brachten alle zusammen, die sie fanden, Böse wie Gute; und

11 der Hochzeitssaal füllte sich mit Gästen. Als nun der König

hineinging, um die Gäste zu begrüßen, erblickte er einen Men-

12 sehen, der kein Hochzeitsgewand trug. Und er spricht zu ihm:

Freund, wie konntest du hier hereinkommen ohne Hochzeits-

13 gewand? Doch der blieb stumm. Da sagte der König den Die¬

nern: Fesselt ihn an Füßen und Händen und werft ihn hinaus

in die Dunkelheit da draußen; da wird Heulen und Zähne-

14 knirschen sein. Denn viele sind Berufene, doch wenige sind

Erwählte“.

15    Da gingen die Pharisäer hin und berieten sich, wie sie ihn

16 im Gespräch in eine Falle locken könnten. Und sie sandten

ihre Schüler zu ihm mit den Anhängern des Herodes und

ließen ihm sagen: Meister, wir wissen, daß du wahrhaftig bist

und Gottes Pfad in Wahrheit lehrst. Auch nimmst du auf nie¬

manden Rücksicht, denn du achtest nicht auf das Ansehen bei

17 den Menschen. Sage uns doch, was du meinst: Ist es recht,

18 dem Cäsar Steuer zu zahlen oder nicht? Jesus aber, da er ihre

Bosheit erkannte, sagte: Warum stellt ihr mir eine Falle, ihr

19 Heuchler ? Zeigt mir die Steuermünze! Sie brachten ihm einen

20 Denar. Und er fragte sie: Wessen ist dieses Bild und die In-

21 schrift? Sie antworteten: Des Cäsars. Da spricht er zu ihnen:

Dann gebt dem Cäsar, was des Cäsars ist, und Gott, was Gottes

22 ist. Da sie das hörten, erstaunten sie; sie ließen von ihm ab und

gingen davon.

23   An Jenem Tage traten Sadduzäer an ihn heran, welche sa-

24 gen, es gebe keine Auferstehung. Und sie fragten ihn: Mei¬

ster, Moses hat gesagt: »Wenn einer stirbt, ohne Kinder zu

haben, so soll sein Bruder dessen Frau heiraten und seinem

25 Bruder Nachkommenschaft erwecken.« Bei uns gab es sieben

Brüder. Der erste heiratete und starb, und da er keine Kinder

26 hatte, hinterließ er seine Frau seinem Bruder. So auch der

27 zweite und dritte bis zum siebenten. Zuletzt von allen starb

die Frau. Welchem von den sieben wird die Frau bei der 28

Auferstehung angehören? Alle hatten sie ja zur Frau.

Jesus antwortete ihnen: Ihr irrt euch/ weil ihr weder die 29

Schriften kennt noch Gottes Wandlungsmacht. In der Aufer- 30

stehung heiraten sie ja nicht und werden nicht geheiratet, son¬

dern sind wie Engel im Himmel. Was aber die Auferstehung 31

der Toten angeht: Habt ihr nicht gelesen, was Gott euch gesagt

hat mit dem Wort: »Ich bin der Gott Abrahams und der Gott 32

Isaaks und der Gott Jakobs« ? Er ist kein Gott von Toten, son¬

dern von Lebenden. Als die Menge das hörte, waren sie außer 33

sich über seine Lehre.

Als aber die Pharisäer hörten, er habe die Sadduzäer zum 34

Schweigen gebracht, versammelten sie sich, und einer von 35

ihnen, ein Kenner der Schriften, fragte ihn, um ihn in eine

Falle zu locken: Meister, welches ist das Hauptgebot im Ge- 36

setz? Er sagte ihm: »Liebe den Herrn, deinen Gott, mit dei- 37

nem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner

ganzen Gedankenkraft.« Dies ist das größte und erste Gebot. 38

Ein zweites steht ihm gleich: »Liebe deinen Nächsten wie dich 39

selbst.« An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz 40

und die Propheten.

Da aber die Pharisäer versammelt waren, richtete Jesus die 41

Frage an sie: Was denkt ihr von dem Gesalbten, wessen Sohn 42

ist er? Sie antworteten ihm: Davids Sohn. Da sprach er zu 43

ihnen: Wie kann dann aber David ihn im Geiste »Herr« nen¬

nen, indem er sagt: »Es sprach der Herr zu meinem Herrn: 44

setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde dir unter die

Füße lege«? Wenn also David ihn seinen Herrn nennt, wie 45

kann er dann sein Sohn sein? Darauf konnte ihm keiner ein 46

Wort erwidern, und von diesem Tag an wagte niemand mehr,

ihm eine Frage zu stellen.

 

2. Sonntag

Apg 12

Zu dieser Zeit legte der König Herodes die Hand an einige

von der Gemeinde in Judäa, um ihnen Übles anzutun. Jakobus,

3 den Bruder des Johannes, tötete er mit dem Schwert. Und als

er sah, daß er bei den Juden Beifall fand, fuhr er fort und ließ

auch Petrus verhaften. Es waren die Tage der ungesäuerten

4 Brote. Als er ihn festgenommen hatte, ließ er ihn ins Gefäng¬

nis setzen und übertrug seine Bewachung vier Abteilungen

von je vier Soldaten. Seine Absicht war, ihn nach dem Passah-

5 fest dem Volke vorzuführen. Petrus befand sich also im Kerker;

die Gemeinde aber betete indessen unablässig für ihn zu Gott

6    In der Nacht nun, bevor Herodes ihn vorführen wollte,

schlief Petrus mit doppelten Ketten gefesselt zwischen zwei

Soldaten; und vor der Tür standen Posten, die den Kerker be-

7 wachten. Und siehe, auf einmal stand der Engel des Herrn

neben ihm, und Licht erhellte die Zelle. Er stieß Petrus in die

Seite, weckte ihn und sprach: Steh rasch auf! Und die Ketten

8 fielen von seinen Händen. Dann sprach der Engel zu ihm:

Gürte dich und binde deine Sandalen fest. Er tat das, und der

9 Engel fuhr fort: Wirf deinen Mantel über und folge mir! So

verließ Petrus den Raum und folgte, wußte aber nicht, daß es

Wirklichkeit war, was durch den Engel geschah; er meinte,

eine Vision zu haben. Als sie die erste Wache durchschritten

hatten und auch die zweite, kamen sie an das eiserne Tor, das

in die Stadt führt; es öffnete sich ihnen von selbst Sie traten

hinaus und gingen weiter, eine Gasse entlang, und plötzlich

entschwand der Engel von seiner Seite. Da kam Petrus zu sich 11

und sagte: Jetzt weiß ich wirklich, daß der Herr seinen Engel

gesandt und mich aus der Hand des Herodes gerettet und

mich bewahrt hat vor den Absichten des jüdischen Volkes.

Als ihm das bewußt geworden war, kam er zum Hause der 12

Maria, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus,

wo viele zum Gebet versammelt waren. Als er an die Eingangs- 13

tür klopfte, ging eine Dienstmagd namens Rhode hin, um zu

horchen; und als sie die Stimme des Petrus erkannte, vergaß 14

sie vor Freude, die Tür zu öffnen, lief hinein und meldete,

Petrus stehe vor der Tür! Sie sagten zu ihr: Du bist von Sinnen. 15

Doch sie beteuerte, es sei so. Da sagten sie: Es ist sein Engel.

Petrus aber fuhr fort zu klopfen. Da öffneten sie, sahen ihn 16

und gerieten außer sich. Er winkte ihnen mit der Hand, sie 17

sollten schweigen, und erzählte ihnen, wie der Herr ihn aus

dem Kerker herausgeführt habe, und fügte hinzu: Berichtet

das dem Jakobus und den Brüdern. Dann ging er weg und

begab sich an einen ändern Ort.

Als es Tag wurde, gab es bei den Soldaten keine geringe Auf- 18

regung darüber, was mit Petrus geschehen war. Herodes ließ 19

ihn suchen, und als man ihn nicht fand, verhörte er die Wa¬

chen und ließ sie abführen. Dann zog er von Judäa hinab nach

Cäsarea und verweilte dort. Er plante einen Krieg gegen die 20

Bewohner von Tyrus und Sidon45. Doch diese kamen einmütig

zu ihm, gewannen Blastus für sich, den Kammerherrn des

Königs, und baten um Frieden, da ihr Land auf Lebensrnittel

aus dem Gebiet des Königs angewiesen war. An einem dafür 21

festgesetzten Tage legte Herodes sein Königsgewand an, nahm

auf der Tribüne Platz und hielt ihnen in Gegenwart des Volkes

eine Rede. Da jubelte das Volk ihm zu: Ein Gott redet und 22

nicht ein Mensch! Sogleich schlug ihn ein Engel des Herrn 23

dafür, daß er die Ehre, die man ihm bewies, nicht Gott gegeben

hatte; er erkrankte und starb, von Würmern zerfressen.

Das Wort des Herrn wuchs und breitete sich aus. Barnabas 24,25

und Saulus kehrten aus Jerusalem zurück, nachdem sie ihren

Auftrag erfüllt hatten/ und nahmen Johannes Markus mit.

 

3. Sonntag

Apg 19

Während Apollos in Korinth war, fügte es sich, daß Paulus, 1

nachdem er das Bergland durchwandert hatte, nach Ephesus

gelangte. Als er mit einigen Jungem zusammenkam, fragte er 2

sie: Habt ihr heiligen Geist empfangen, als der Glaube in euch

erwachte? Sie antworteten ihm: Wir haben nicht einmal ge¬

hört, daß es einen heiligen Geist gibt. Und er sagte: Welche 3

Taufe habt ihr denn empfangen? Sie sagten: Die Taufe des

Johannes. Da sprach Paulus: Johannes vollzog eine Taufe der 4

Sinneswandlung und wies das Volk auf den nach ihm Kom¬

menden, dem ihr Glaube gelten solle, das heißt: auf Jesus. Als 5

sie das hörten, ließen sie sich im Namen des Herrn Jesus tau¬

fen. Und als Paulus ihnen die Hände auflegte, kam der heilige 6

Geist auf sie, und sie konnten in Zungen reden und aus Er¬

leuchtung sprechen. Es waren insgesamt zwölf Männer.       7

Während dreier Monate ging Paulus in die Synagoge; in 8

Gesprächen und Vorträgen redete er freimütig vom Reiche

Gottes. Als aber einige verstockt blieben und diesen Weg vor 9

der Menge schmähten, trennte er sich mit seinen Jüngern von

ihnen und hielt täglich, von der fünften bis zur zehnten Stun¬

de, Lehrvorträge und Gespräche in der Schule eines gewissen

Tyrannus. Das geschah zwei Jahre lang, so daß alle Bewohner 10

der Provinz Asien49 das Wort des Herrn hören konnten, Juden

ebenso wie Griechen. Ungewöhnliche Wundertaten wirkte 11

Gott durch die Hände des Paulus. Man brachte sogar Schweiß- 12

tücher und Schürzen, die seine Haut berührt hatten, und legte

sie den Kranken auf; dann wichen die Krankheiten von ihnen

und fuhren die bösen Geister aus. Es versuchten auch einige 13

herumziehende jüdische Geisterbeschwörer, den Namen des

Herrn Jesus über die von bösen Geistern Besessenen auszu¬

sprechen, indem sie sagten: Ich beschwöre euch bei dem Jesus,

den Paulus verkündigt. Sieben Söhne des Skeuas, eines Juden 14

aus hohepriesterlichem Geschlecht, taten dies. Der böse Geist 15

aber antwortete ihnen: Den Jesus kenne ich und von dem Pau¬

lus weiß ich, aber wer seid ihr? Und der Mensch, in dem der 16

böse Geist war, sprang sie an, überwältigte sie alle miteinander

und mißhandelte sie, so daß sie nackt und verwundet aus

jenem Hause flüchteten. Davon erfuhren alle Juden und Grie¬

chen, die in Ephesus wohnten, und Furcht ergriff sie alle; und

18 der Name des Herrn Jesus wurde hoch geehrt. Und viele, in

denen der Glaube erwacht war, kamen und bekannten offen

19 ihr früheres Treiben. Nicht wenige von denen, die Zauberei

getrieben hatten, brachten ihre Schriftrollen herbei und ver¬

brannten sie vor aller Augen; als man ihren Geldwert zusam¬

menrechnete, kam man auf fünfzigtausend Silberdrachmen.

20 So wuchs das Wort durch des Herrn Kraft und wurde immer

stärker.

21 Nach diesen Ereignissen faßte Paulus im Geiste den Entschluß,

über Mazedonien und Achaja nach Jerusalem zu ziehen, und

er sagte: Nachdem ich dort gewesen bin, muß ich auch Rom

22 sehen. Er sandte zwei seiner Helfer, Timotheus und Erastus,

nach Mazedonien; er selbst verblieb noch einige Zeit in der

Provinz Asien.

23    Gerade um diese Zeit kam es zu einer nicht geringen Aufre-

24 gung über den Weg. Ein Silberschmied namens Demetrius,

der silberne Artemistempelchen herstellte und den Handwer-

25 kern beträchtlichen Verdienst verschaffte, versammelte diese

und alle, die sonst derartige Dinge herstellten, und sprach:

Männer, ihr wißt, daß wir unseren Wohlstand diesem Gewer-

26 be verdanken; und nun seht und hört ihr, wie nicht nur in

Ephesus, sondern fast überall in der Provinz Asien dieser Pau¬

lus eine Menge Leute überredet und abwendig gemacht hat,

indem er behauptet, das seien keine Götter, was mit Händen

27 gebildet werde. Aber nicht nur droht dieser unser Erwerbs-

zweig in Verruf zu geraten, sondern auch das Heiligtum der

großen Göttin Artemis schwebt in Gefahr, der völligen Nicht¬

achtung zu verfallen; ja, sie selbst, der ganz Asia und alle Welt

Verehrung erweist, wird ihrer Majestät beraubt werden.

28   Als sie das hörten, gerieten sie in Zorn und schrien: Groß

29 ist die Artemis der Epheser! Die ganze Stadt geriet in Auf¬

ruhr, alle strömten einmütig ins Theater, sie schleppten die

Mazedonier Gajus und Aristarchus, Reisegefährten des Pau-

lus, mit. Als Paulus sich zu der Versammlung begeben wollte, 30

ließen es die Jünger nicht zu; auch einige der höchsten Beam- 31

ten der Provinz, die ihm wohlgesonnen waren, sandten Boten

und ließen ihn bitten, er möge sich nicht in das Theater

begeben. Dort schrien nun die einen dies, die ändern jenes. 32

Die ganze Stadtgemeinde war in völliger Verwirrung, und die

meisten wußten nicht einmal, weshalb man zusammenge¬

kommen war. Menschen aus der Menge drängten sich um 33

Alexander/der von den Juden vorgeschoben war. Alexander

gebot Ruhe mit der Hand und wollte eine Verteidigungsrede

an das Volk richten. Als sie aber merkten, daß er ein Jude 34

war, erscholl von allen wie aus einem Munde fast zwei Stun¬

den lang der Ruf: Groß ist die Artemis der Epheser!

Schließlich brachte der Stadtschreiber die Menge zur 35

Ruhe. Er sprach: Ihr Männer von Ephesus, wer unter allen

Menschen wüßte nicht, daß die Stadt Ephesus die Tempelhü-

terin der großen Artemis und ihres vom Himmel herabgefal¬

lenen Bildes ist! Da dies nun ganz und gar unbestreitbar ist, 36

müßt ihr euch ruhig verhalten und nichts Überstürztes tun.

Ihr habt diese Männer hierhergebracht, die weder Tempel- 37

räuber sind noch unsere Göttin lästern. Wenn nun Demetri- 38

us und die Kunsthandwerker mit ihm einen Grund zur Klage

gegen Jemanden haben, nun, es werden Gerichtstage gehal¬

ten, und es gibt Prokonsuln. Dort mögen sie einander ankla¬

gen. Habt ihr noch weitere Anliegen, so können die in einer 39

regelrechten Volksversammlung entschieden werden. Aber 40

so laufen wir Gefahr, um des heutigen Vorfalles willen eines

Aufruhrs beschuldigt zu werden, weil kein Grund vorliegt,

womit wir diesen Auflauf rechtfertigen können. Nach dieser

Rede löste er die Versammlung auf.

 

4. Sonntag

Eph 6

Ihr Kinder, höret auf eure Eltern im Namen des Herrn, denn

das ist recht und gut. »Ehre deinen Vater und deine Mutter!«

Dies ist das erste Gebot, das mit einer Verheißung verbunden

ist: »auf daß es dir wohl ergehe und du lange lebst auf Erden.« 3

Und ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern 4

erzieht sie so, als wäre der Herr ihr Erzieher und Ermahner.

5    Ihr Sklaven, hört auf das Wort derer, die im Irdischen eure

Herren sind, mit Ehrfurcht und Scheu, in Aufrichtigkeit eures

6 Herzens, wie dem Christus gegenüber. Euer Dienen sei nicht

7 Augendienerei, um Menschen zu gefallen; vollbringt vielmehr

mit ganzer Seele den Gotteswillen als Diener Christi, mit Lust

und Liebe dienend, so wie man dem Herrn und nicht den

8 Menschen dient Ihr wißt, daß ein jeder, wenn er Gutes voll¬

bringt, dies vom Herrn wiederempfängt, gleichviel ob er ein

Sklave oder ein Freier ist.

9   Und ihr Herren, handelt ebenso an ihnen! Laßt die drohen¬

de Haltung fahren, da ihr wißt, daß über ihnen wie über euch

der gleiche Herr in den Himmeln waltet, und daß es vor ihm

kein Ansehen der Person gibt

10 Zum Schluß, meine Brüder: Erkraftet euch im Wesen des

11 Herrn und in seiner Überwindermacht Leget an die volle Waf-

fenrüstung des Gottesstreiters, um standzuhalten gegen die

12 zielbewußten Angriffe des Versuchers. Denn wir haben nicht

gegen Wesen von Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen

Urkräfte, gegen Offenbarer, gegen die Weltenherren der Fin¬

sternis, gegen die Geistmächte des Bösen unter den Himmels-

bewohnem.

13   Darum greift zur Waffenrüstung Gottes, damit ihr am Tage

des Bösen Widerstand leisten und standhalten könnt, bis das

14 ganze Werk getan ist. Steht also aufrecht, eure Hüften umgür¬

tet mit Wahrhaftigkeit und angetan mit dem Harnisch der

15 Gerechtheit, die Füße bekleidet mit der Bereitschaft, für das

16 Evangelium des Friedens einzutreten. Vor allem nehmt den

Schild des Glaubens auf, mit dem ihr alle brennenden Ge-

17 schösse des Bösen auslöschen könnt, legt den Helm des Heils

18 an und ergreift das Schwert des Geistes, der da ist Gottes Wort.

Das sei eure Rüstung, wenn ihr betet und bittet

Betet im Geiste zu jeder Zeit und wachet dabei in aller Be-

19 harrlichkeit, wenn ihr Fürbitte tut für alle Heiligen, auch für

mich, daß mir, wenn ich meinen Mund auftue, das Geistwort

gegeben werde, um klar und frei das Mysterium des Evangeli-

ums zu verkünden, für das ich ein Bote in Ketten bin; betet, 20

daß ich den Freimut finde, in der rechten Weise zu reden.

Damit auch ihr erfahrt, wie es mit mir und meinem Werke 21

steht, wird Tychikus, der geliebte Bruder und treue Helfer im

Dienste des Herrn, euch alles berichten. Ihn habe ich dafür zu 22

euch gesandt, damit ihr von unserer Lage erfahrt und er eure

Herzen ermutige.

Friede sei mit den Brüdern und Liebe im Bunde mit Glauben 23

von Gott dem Vater und Jesus Christus dem Herrn. Die Gnade 24

sei mit allen, die unseren Herrn Jesus Christus lieben mit un¬

vergänglicher Liebe.

 

bis Advent

Wiederkunftsgleichnisse

z.B. Mat 25

Dann wird es mit dem Reich der Himmel sein wie mit zehn

Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und hinauszogen zum

Empfang des Bräutigams. Fünf von ihnen waren töricht und

fünf verständig. Die Törichten nahmen ihre Lampen, führten

aber kein Öl mit sich. Die Verständigen nahmen für ihre Lam¬

pen auch Öl in Gefäßen mit. Als der Bräutigam länger aus¬

blieb, wurden alle müde und schliefen ein. Zu Mitternacht

aber erscholl ein Ruf: Seht, der Bräutigam kommt; geht hin¬

aus, ihn zu empfangen! Da wachten jene Jungfrauen alle auf

und machten ihre Lampen zurecht. Die törichten aber sagten

zu den verständigen: Gebt uns von eurem Öl; unsere Lampen

erlöschen. Die verständigen antworteten: Das geht nicht, es

würde für uns und euch zugleich nicht reichen; geht lieber zu

den Händlern und kauft für euch. Während sie hingingen, um

einzukaufen, kam der Bräutigam, und die bereit waren, gingen

mit ihm hinein zum Hochzeitsfest; und die Tür wurde ge¬

schlossen. Schließlich kamen auch die anderen Jungfrauen

und riefen: Herr, Herr, öffne uns! Doch er antwortete: Amen,

ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Darum wachet! Denn ihr

wißt weder Tag noch Stunde.

Es wird so sein wie bei einem Menschen, der vor Antritt einer

Reise seine vertrauten Knechte rief und ihnen sein Vermögen

übergab. Einem gab er fünf Talente Silber, einem anderen zwei,

dem dritten eines, jedem nach seiner besonderen Fähigkeit, und

reiste ab. Der die fünf Talente erhalten hatte, machte sich so¬

gleich daran, mit ihnen zu arbeiten, und gewann weitere fünf.

Und so gewann auch der mit den zweien weitere zwei. Der aber,

der das eine erhalten hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde

19 und verbarg das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kommt der

20 Herr dieser Knechte und hält Abrechnung mit ihnen. Der die

fünf Talente erhalten hatte, brachte noch fünf weitere Talente

mit den Worten: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; siehe,

21 weitere fünf Talente gewann ich hinzu. Ihm sagte sein Herr:

Schön! Guter und getreuer Knecht, weniges hast du treu verwal¬

tet, vieles will ich dir anvertrauen; geh hinein zum Freudenfest

22 deines Herrn! Und auch der mit den zwei Talenten trat heran

und sagte: Herr, zwei Talente hast du mir übergeben; siehe, wei-

23 tere zwei Talente gewann ich hinzu. Ihm sagte sein Herr: Schön!

Guter und getreuer Knecht, weniges hast du treu verwaltet, vie¬

les will ich dir anvertrauen? geh hinein zum Freudenfest deines

24 Herrn! Und auch der trat heran, der das eine Talent erhalten

hatte, und sagte: Herr, ich wußte von dir, daß du ein harter

Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät, und sammelst ein, wo

25 du nicht ausgestreut hast. Da ging ich aus Furcht hin und ver-

26 barg dein Talent in der Erde; siehe, hier hast du das Deine. Sein

Herr gab ihm zur Antwort: Du schlechter und fauler Knecht,

empfangt als euer Erbe das Reich, das seit Grundlegung der

Welt für euch bereitgehalten ist. Denn mich hungerte, und ihr 35

habt mir zu essen gegeben; mich dürstete, und ihr habt mir zu

trinken gegeben; ich war ein Fremdling, und ihr habt mich

beherbergt; ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet; ich 36

war krank, und ihr habt nach mir gesehen; ich war im Kerker,

und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden die Gerechten 37

ihm antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen

und haben dich gespeist, oder durstig und haben dir zu trin¬

ken gegeben ? Wann sahen wir dich als Fremdling und haben 38

dich beherbergt, oder nackt und haben dich bekleidet? Wann 39

sahen wir dich krank oder im Kerker und sind zu dir gekom¬

men? Und der König wird ihnen zur Antwort geben: Amen, 40

ich sage euch: Alles was ihr getan habt einem von diesen mei¬

nen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Und dann wird der König denen zu seiner Linken sagen: 41

Geht fort von mir, ihr Fluchbeladenen, in das ewige Feuer, das

dem Verführer und seinen Engeln bereitet ist. Denn mich hun- 42

gerte, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben; mich dürstete,

und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben; ich war ein Fremd- 43

ling, und ihr habt mich nicht beherbergt; ich war nackt, und

ihr habt mich nicht bekleidet; ich war krank und im Kerker,

und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie ant- 44

worten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gese¬

hen oder durstig oder als Fremden oder nackt oder krank oder

im Kerker und haben dir nicht Hilfe geleistet? Dann wird er 45

ihnen zur Antwort geben: Amen, ich sage euch: Alles was ihr

nicht getan habt einem von diesen meinen geringsten Brü¬

dern, das habt ihr auch mir nicht getan. Und diese werden 46

hingehen zu äonenlanger Züchtigung, doch die Gerechten zu

Äonen währendem Leben.

 

Apk 1

1 Offenbarung Jesu Christi/ die Gott ihm gab/ seinen Dienern zu

zeigen/ was mit Notwendigkeit in Kürze geschehen wird. Er

hat sie in Zeichen gesetzt und durch seinen Engel seinem Die-

2 ner Johannes gesandt. So wurde dieser zum Zeugen des göttli¬

chen Wortes und der Erscheinung/ durch die Jesus Christus

3 sich bezeugt – soweit er es schaute. Begnadet der/ der vorliest/

und die/ welche die Worte dieser Prophetie hören und in ihrer

Seele bewahren/ was da geschrieben ist. Denn die Zeit ist nahe.

4 Johannes an die sieben Gemeinden in Asia: Gnade sei mit euch

und Friede von Ihm/ der ist und der war und der kommt/ und

von den sieben Geistmächten/ die da stehen vor seinem Thron/

5 und von Jesus Christus/ der da ist der Zeuge des Glaubens/ der

Erstgeborene der Toten/ der Führer der Könige auf Erden. Er/

der uns liebt und uns durch sein Blut aus dem Bann unserer

6 Sünden gelöst hat/ ja/ zu Königen und Priestern hat er uns

gemacht für Gott/ der sein Vater ist. Ihm sei das Offenbarungs-

licht und die waltende Kraft in allen folgenden Zeitenkreisen.

Amen.

7   Siehe/ er kommt mit den Wolken/

und schauen wird ihn jedes Auge/

auch alle/ die ihn durchstochen haben/

und wehklagen werden um ihn

alle Geschlechter auf Erden. Ja/ Amen.

8   Ich bin das Alpha und das Omega81/ spricht Gott der Herr/

der ist und der war und der kommt/ der Alldurchwalter.

9 Ich/ Johannes/ euer Bruder und Schicksalsgefährte in der Be¬

drängnis und im Königtum und in der Standhaftigkeit/ die wir

in Jesus finden/ ich war auf der Insel/ die da heißt Patmos/ auf¬

grund des Wortes Gottes und meiner Zeugenschaft für Jesus.

10    Ich ward ins Geistgebiet erhoben am Tage des Herrn. Da hör¬

te ich hinter mir eine machtvolle Stimme wie Posaunenschall/

die sprach: Was du siehst/ das schreibe in ein Buch und sende es

an die sieben Gemeinden/ nach Ephesus und Smyrna/ nach Per-

gamon und Thyatira/ nach Sardes/ Philadelphia und Laodizea.

Und ich wandte mich um, ihn zu sehen, dessen Stimme zu 12

mir sprach. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene

Leuchter und inmitten der Leuchter ein Wesen gleich dem Men- 13

schensohn, bekleidet mit lang herabwallendem Gewände, die

Brust umgürtet mit goldenem Gürtel, sein Haupt und seine 14

Haare weiß wie schneeweiße Wolle, seine Augen blitzend wie

flammendes Feuer, seine Füße wie Golderz, das im Schmelzofen 15

glüht, seine Stimme wie das Rauschen vieler Wasserfluten; in 16

seiner rechten Hand hält er sieben Sterne, aus seinem Munde

geht ein scharfes zweischneidiges Schwert hervor, und sein

Antlitz leuchtet wie die Sonne in ihrer ganzen Kraft.

Als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen nieder wie tot. Und 17

er legte mir seine rechte Hand auf und sprach: Fürchte dich

nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebende. Ich 18

war tot, und siehe: lebend bin ich von Zeitenrunde zu Zeiten-

runde, ich habe die Schlüssel zum Reiche des Todes und der

Schatten.

Schreibe nieder, was du siehst, das, was gegenwärtig ist und 19

was danach geschehen soll Das Geheimnis der sieben Sterne, 20

die du siehst in meiner rechten Hand, und der sieben golde¬

nen Leuchter: die sieben Sterne sind die Engel der sieben Ge¬

meinden, und die sieben Leuchter sind die sieben Gemeinden.

 

Apk 3

Dem Engel der Gemeinde in Sardes schreibe: So spricht, der

die sieben göttlichen Geistmächte und die sieben Sterne hat-

Ich kenne deine Werke, du hast den Namen, daß du lebst, und

2 bist tot. Werde wach und stärke die übrigen Werke, die sonst

ersterben würden! Denn ich habe gefunden, daß sie keinen

3 vollen Bestand haben vor dem Angesicht meines Gottes. Be¬

sinne dich auf das, was du empfangen und gehört hast; bewah¬

re es und wende deinen Sinn! Wenn du nicht wach bist, werde

ich kommen wie ein Dieb, und du wirst nicht wissen, zu wel-

4 eher Stunde ich über dich komme. Doch du hast in Sardes

auch einige Namen, die ihre Gewänder nicht befleckt haben?

sie werden mit mir wandeln in weißen Gewändern; dessen

sind sie würdig.

5   Der Überwinder wird ebenso mit weißen Gewändern be¬

kleidet werden, nimmer werde ich seinen Namen auslöschen

aus dem Buch des Lebens, und ich werde seinen Namen

bekennen vor dem Angesicht meines Vaters und vor seinen

6 Engeln. Wer ein Ohr dafür hat, höre, was der Geist zu den

Gemeinden spricht!

7 Dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: So spricht

der wahrhaft Heilige, der den Schlüssel Davids hat, der öffnet,

und niemand kann schließen, der schließt, und niemand kann

8 öffnen. Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Tür

aufgetan, niemand vermag sie zu schließen. Deine Kraft ist noch

gering, und doch hast du mein Wort bewahrt und meinen Na-

9 men nicht verleugnet. Gib acht, was ich mit denen aus der Syn¬

agoge des Satans tue, die sich Juden nennen, es aber nicht sind,

sondern es vortäuschen: Ich werde sie dazu bringen, daß sie

kommen und sich dir zu Füßen werfen und erkennen, daß ich

10 dich aufgenommen habe in meine Liebe. Du hast das Wort mei¬

ner Geduld bewahrt, so will auch ich dich bewahren in der Stun¬

de der Versuchung, die über die ganze Menschheit kommen

n wird, um die Bewohner der Erde zu prüfen. Ich komme schnell.

Halte fest, was du aufgenommen hast, daß dir niemand den Sie-

geskranz raube.

12   Den Überwinder werde ich zu einer Säule im Tempel mei¬

nes Gottes machen, und er soll nimmermehr diese Stätte ver¬

lassen; ich werde auf ihn schreiben den Namen meines Gottes

und den Namen der Stadt meines Gottes, des Neuen Jerusa¬

lem/ das herniederkommt aus dem Himmel von meinem Gott

her, und meinen Namen, den neuen. Wer ein Ohr dafür hat, 13

höre, was der Geist zu den Gemeinden spricht!

Dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: So spricht er, 14

der das Amen ist, der Zeuge des Glaubens und der Wahrheit,

der die ürkraft der Schöpfung Gottes ist: Ich durchschaue dein 15

Wirken – du bist weder kalt noch heiß. Wärest du doch kalt

oder heiß! So aber, weil du lau bist und weder heiß noch kalt, 16

werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. Denn du 17

sprichst: Ich bin reich und habe alles und mir fehlt nichts; und

du weißt nicht, daß gerade du der Elende und der Erbärmliche

bist und dazu arm, blind und nackt Ich rate dir: Erwirb von 18

mir im Feuer geläutertes Gold, damit du reich wirst, und wei¬

ße Kleider, damit du dich bekleiden kannst und die Nacktheit

deines Wesens nicht so schmachvoll in Erscheinung tritt, und

Salbe, um deine Augen zu salben, damit du sehen kannst

Ich, ich weise alle meine Freunde zurecht und erziehe sie. 19

Bemühe dich eifrig und wandle deinen Sinn! Siehe, ich stehe 20

vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hört

und die Tür öffnet, zu dem werde ich eingehen und das Mahl

mit ihm halten und er mit mir.

Dem Überwinder werde ich verleihen, mit mir zu sitzen auf 21

meinem Thron, wie auch ich überwunden und mich gesetzt

habe mit meinem Vater auf seinen Thron. Wer ein Ohr dafür 22

hat, höre, was der Geist zu den Gemeinden spricht!

 

Apk 7

Danach sah ich vier Engel an den vier Ecken der Erde stehen. Sie

hielten die vier Winde der Erde fest, damit kein Wind wehe über

das Land noch über das Meer noch über irgendeinen Baum.

Und ich sah einen anderen Engel emporsteigen vom Son- 2

nenaufgang her, er trug das Siegel des lebendigen Gottes. Und

er rief mit mächtiger Stimme den vier Engeln zu, in deren

Willen es gegeben war, Unheil über die Erde und das Meer zu

bringen: Richtet kein Unheil an auf der Erde und auf dem 3

Meer und an den Bäumen, bis wir die Diener unseres Gottes

an ihren Stirnen versiegelt haben. Ich hörte auch die Zahl der 4

Versiegelten: hundertvierundvierzigtausend Versiegelte aus

allen Stämmen der Söhne Israels:

Aus dem Stamme Juda zwölftausend Versiegelte,          5

aus dem Stamme Rüben zwölftausend,

aus dem Stamme Gad zwölftausend/

aus dem Stamme Äser zwölftausend,                    6

aus dem Stamme Naphthali zwölftausend,

aus dem Stamme Manasse zwölftausend,

aus dem Stamme Simeon zwölftausend,                 7

aus dem Stamme Levi zwölftausend,

aus dem Stamme Issaschar zwölftausend,

aus dem Stamme Sebulon zwölftausend,                 8

aus dem Stamme Joseph zwölftausend/

aus dem Stamme Benjamin zwölftausend Versiegelte.

Danach sah ich, und siehe: Eine große Schar, die niemand 9

zählen konnte, aus allen Rassen und Stämmen, Völkern und

Sprachen, stand vor dem Thron und vor dem Lamm, mit wei¬

ßen Gewändern bekleidet und mit Palmzweigen in ihren

Händen. Sie rufen mit mächtiger Stimme:                  11

Heil sei unserem Gott, dem Thronenden, und dem Lamm.

11 Und alle Engel standen im Kreis um den Thron und um die

Ältesten und um die vier Wesen, und sie warfen sich vor dem

12 Thron auf ihr Antlitz und beteten Gott an mit den Worten:

Amen, Segenswort und Lobpreis, Weisheit und Dankopfer,

Verehrung, Wirkenskraft und Geistesstärke – sie seien unse¬

rem Gott für alle Zeitenkreise. Amen.

13   Und einer der Ältesten sprach mich an: Wer sind diese mit

weißen Gewändern Bekleideten, woher sind sie gekommen?

14 Und ich sprach zu ihm: Mein Herr, du weißt es. Da sagte er zu

mir: Sie sind es, die aus der großen Bedrängnis kommen, sie

haben ihre Gewänder gewaschen und strahlend weiß gemacht

15 durch des Lammes Blut. Deshalb sind sie vor dem Throne

Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel, und

16 der Thronende wird über ihnen zelten. Sie werden nicht mehr

hungern noch dürsten, auch wird die Sonnenglut sie nicht

17 mehr sengen noch eine andere Hitze. Denn das Lamm dort

mitten vor dem Thron wird sie als ihr Hirte weiden und sie

leiten zu den Wasserquellen des Lebens. Und Gott wird alle

Tränen aus ihren Augen wischen.

 

Apk 14

Und ich sah: Siehe, das Lamm stand auf dem Berge Zion, und

mit ihm hundertvierundvierzigtausend, die seinen Namen

und den Namen seines Vaters auf ihren Stirnen eingeschrie-

2 ben tragen. Und ich hörte aus dem Himmel einen Klang wie

das Tosen vieler Wasserfluten und wie das Rollen mächtigen

Donners; und dann war der Klang, den ich hörte, wie von

3 Harfenspielern, die auf ihren Harfen spielen. Sie singen ein

neues Lied vor dem Thron und vor den vier Wesen und den

Ältesten. Und niemand konnte das Lied lernen außer den

Hundertvierundvierzigtausend, die freigekauft sind aus der

4 Knechtschaft des Irdischen. Sie sind es, die ihr Wesen nicht

durch Unzucht befleckt haben; denn jungfräulich sind sie. Sie

sind es, die dem Lamme nachfolgen auf allen seinen Wegen.

Sie sind aus der gesamten Menschheit freigekauft als Erst-

lingsgabe einer neuen Menschheit für den Vatergott und für

das Lamm. In ihrem Munde wurde kein unwahres Wort 5

gefunden, sie sind ohne Fehl.

Und ich sah einen Engel in der hohen Himmelsmitte flie- 6

gen. Er trug das ewige Evangelium, um es den Erdenbewoh-

nem zu verkünden, allen Rassen und Stämmen, Sprachen und

Völkern. Er rief mit mächtiger Stimme: Naht euch Gott in 7

Ehrfurcht und bringt ihm Lobpreis, denn die Stunde seiner

Entscheidung ist gekommen; verneigt euch vor dem Schöpfer

des Himmels und der Erde, des Meeres und der Wasserquellen.

Und ein anderer, ein zweiter Engel folgte und rief: Gefallen, 8

gefallen ist Babylon, die große, die den Wein ihrer unzüchtigen

Leidenschaft allen Völkern zu trinken gegeben hat.

Und ein weiterer, ein dritter Engel folgte ihnen und rief mit 9

machtvoller Stimme: Wer das Tier und sein Bildnis anbetet

und wer sich das Kennzeichen auf seine Stirn oder seine Hand

geben läßt, der wird trinken vom Wein des Zornmutes Gottes, 10

der unverfälscht gemischt ist im Becher seines Zornes; und er

wird Pein erleiden in Feuer und Schwefel vor den heiligen

Engeln und vor dem Angesicht des Lammes. Der Rauch ihrer 11

dual steigt auf von Zeitenkreis zu Zeitenkreis, und sie haben

Tag und Nacht keine Ruhe, sie, die das Tier und sein Bildnis

anbeten und das Kennzeichen seines Namens annehmen. Hier 12

gilt die Standfestigkeit der Heiligen, die Gottes Ziele und die

Glaubenskraft Jesu in sich bewahren.

Und ich vernahm eine Stimme aus dem Himmel: Schreibe: 13

Selig die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an.

Ja, spricht der Geist, sie sollen Ruhe finden von ihrer Mühsal;

denn ihre Taten folgen ihnen nach.

Und ich sah: Siehe, eine weiße Wolke und auf der Wolke thro- 14

nend eine Gestalt wie die des Menschensohnes mit einer gol¬

denen Krone auf seinem Haupt und einer scharfen Sichel in

seiner Hand. Und ein anderer Engel trat aus dem Tempel her- 15

vor und schrie mit mächtiger Stimme dem auf der Wolke

Thronenden zu: Schwinge deine Sichel und ernte, denn die

16 Stunde der Ernte ist da, reif ist die Erde zur Ernte. Und der auf

der Wolke Thronende fuhr mit seiner Sichel über die Erde hin,

und die Erde wurde geerntet

17   Und ein anderer Engel trat aus dem Tempel im Himmel

18 hervor, auch er trug eine scharfe Sichel. Und noch ein anderer

Engel kam vom Rauchaltar her, er hatte Vollmacht über das

Feuer. Er rief mit mächtiger Stimme dem zu, der die scharfe

Sichel trug: Schwinge deine scharfe Sichel und schneide die

19 Trauben vom Weinstock der Erde, seine Beeren sind reif Da

fuhr der Engel mit seiner Sichel über die Erde hin und schnitt

die Trauben vom Weinstock der Erde und schüttete sie in die

20 große Kelter des Zommutes Gottes. Und die Kelter wurde

getreten außerhalb der Stadt, und es floß Blut aus der Kelter,

das den Rossen bis ans Zaumzeug reichte, eintausendsechs-

hundert Stadien weit.

 

Apk 21

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn

der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das

Meer ist nicht mehr da. Und ich sah die heilige Stadt, das Neue 2

Jerusalem, sich herniedersenkend aus dem Himmel von Gott

her, wie eine Braut bereitet, die sich für ihren Mann ge¬

schmückt hat Und ich hörte eine mächtige Stimme vom Thro- 3

ne her sprechen: Siehe, die Hütte Gottes unter den Menschen.

Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein. Ja,

Gott selbst wird mit ihnen sein und wird alle Tränen aus ihren 4

Augen wischen. Und der Tod wird nicht mehr sein noch Leid

noch Jammer noch irgendeine Pein; denn die erste Schöpfung

ist vergangen.

Und der Thronende sagte: Siehe, ich schaffe alles neu. Und 5

er fügt hinzu: Schreibe, denn dies sind Worte voll Glauben und

Wahrheit. Und er sagte zu mir: Sie sind in Erfüllung gegangen. 6

Ich bin das Alpha und das Omega, der Uranfang und das

Weltenziel. Ich werde dem Dürstenden zu trinken geben aus

der Quelle des Lebenswassers als Geschenk. Der Überwinder 7

wird dies alles ererben; ich werde sein Gott sein, und er wird

mein Sohn sein. Aber diejenigen, die feige und ohne Vertrauen 8

sind, die Greueltäter und Mörder, die unzüchtigen Seelen/die¬

jenigen, die das Leben vergiften, die den Götzen dienen, und

alle, die in der Lüge leben – ihr Platz wird sein in dem Sumpf,

der brennt von Feuer und Schwefel; das ist der zweite Tod.

9    Und es kam einer von den sieben Engeln, die die sieben Scha¬

len, voll von den sieben letzten Plagen, trugen, und redete mit

mir so: Komm her, ich will dir die Braut zeigen, die Frau des

10 Lammes. Und er führte mich im Geist auf einen großen und

hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, sich her-

11 niedersenkend aus dem Himmel von Gott her, im Glänze der

Gottesoffenbarung. Ihr Leuchten ist wie das eines allerkostbar-

sten Edelsteines, wie das Leuchten eines kristallklaren Jaspis83.

12 Sie hat eine lange und hohe Mauer mit zwölf Toren, und auf den

Toren zwölf Engel, und Namen darauf geschrieben, nämlich die

13 Namen der zwölf Stämme der Söhne Israels; im Osten drei Tore,

im Norden drei Tore, im Süden drei Tore, im Westen drei Tore.

14 Und die Mauer der Stadt hat zwölf Grundsteine und auf ihnen

die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes.

15    Und der mit mir sprach, hatte ein goldenes Meßrohr, um

16 damit die Stadt und ihre Tore und ihre Mauer zu messen. Die

Stadt liegt da als ein Viereck, ihre Länge ist so groß wie ihre

Breite. Und er maß die Stadt mit dem Rohr: zwölftausend

17 Stadien; Länge und Breite und Höhe sind gleich. Und er maß

ihre Mauer: hundertvierundvierzig Ellen nach Menschenmaß,

18 das ist Engelmaß. Das Gefüge ihrer Mauer ist Jaspis, die Stadt

19 selbst aus lauterem Gold, durchsichtig wie reines Glas. Die

Fundamente der Stadtmauer sind mit Jeder Art Edelgestein

geschmückt: das erste Fundament ist Jaspis, das zweite Saphir,

20 das dritte Chalzedon, das vierte Smaragd, das fünfte Sardonyx,

das sechste Karneol, das siebente Chrysolith, das achte Beryll,

das neunte Topas, das zehnte Chrysopras, das elfte Hyazinth,

das zwölfte Amethyst.

21    Und die zwölf Tore sind zwölf Perlen. Jedes einzelne Tor

war aus einer einzigen Perle gebildet. Die Straße der Stadt ist

lauteres Gold, durchsichtig wie Glas.

22   Einen Tempel sah ich nicht in ihr; denn Gott der Herr, der

23 Alldurchwalter, ist ihr Tempel, und das Lamm. Und die Stadt

bedarf weder der Sonne noch des Mondes, ihr zu leuchten;

denn das Licht der Gottesoffenbarung erleuchtet sie, und ihre

24 Leuchte ist das Lamm. Die Völker werden in ihrem Lichte

wandeln, und die Könige der Erde tragen ihren Glanz in sie

hinein. Ihre Tore werden an keinem Tage verschlossen, denn 25

es wird dort keine Nacht geben. Den Geistesglanz und die 26

Seelenart der Völker wird man in sie hineinbringen. Nichts 27

Unreines kann da jemals hineinkommen, noch wer Greuel übt

und Trug; nur sie, die geschrieben stehen im Lebensbuche des

Lammes.