Rudolf Steiners Seelenkalender, Johann Sebastian Bachs Kantaten und die Perikopen aus der Menschenweihehandlung in dynamischem Vergleich

Was ist Zeit?…

…Eine kontinuierliche Aneinanderreihung gleichdauernder Abschnitte. Doch widerspricht unser intimes Gefühlsleben diese scheinbar unerschütterliche Errungschaft unserer an der Materie gebundenen Wissenschaft, sobald wir es betätigen: Längen und Kürzen der Zeit, also Rythmen, erleben wir in sehr verschiedener Weise und nicht linear, als seien alle gleichwertig; Takt wiederum fühlt sich ganz anders an; Und eine nach der Uhr gleich gezählte Minute kann als blitzschnell oder als eine wahre Ewigkeit von uns wahrgenommen werden. Dabei spielt eine Rolle, ob wir uns dabei mit einer Tätigkeit intensiv beschäftigen, oder ob wir uns zu Tode langweilen, sprich: Wie unser Ich mit der Welt verbunden ist (siehe den Artikel über das Wesen der Sprachen).
Wir sind so mit unserer Auffassung des Zeitwesens in Verbindung mit der Uhranzeige gewohnt, daß wir uns keine materielle Welt ohne die Zeit vorstellen können. Und da erfahren wir in der „Geheimwissenschaft im Umriß“ Rudolf Steiners, daß im Laufe der Weltentwicklung zuerst der Raum entstand, bevor irgendwann dann die Zeit begann… Eine neue Perspektive tut sich da auf, die für das Gehirn sinnlos erscheint, aber von unserem Herzen bewegt werden kann. Das Gehirn muß sofort unter Anwendung des Prinzips der Logik verstehen können (d.h. etymologisch davor-stehen), während das Herz immer hin und wieder eine Sache in Angriff nehmen muß, um, wenn es reif genug ist, zur Ein-Sicht oder zur inneren Er-Kenntnis zu gelangen. Dieser letztere Prozeß dauert seine Zeit, denn das ganze Menschenwesen ist mit daran beteiligt. Dafür hat das kluge, oben in seinem Gehirnwasser schwebende Gehirn gar keinen Sinn und wird das Ganze (inklusiv Herz selbst) schlichtweg ignorieren, ja sogar negieren.
Auf der Suche nach dem Erleben des in spirituellem Sinne (d.h. herzmäßigen) wahren, von der materiellen Uhr losgelösten Zeitwesens können uns zuerst die astronomischen oder astrologischen Beobachtungen helfen, die belegen, daß die von irgendeinem Standpunkt auf einem Planeten wahrnehmbaren Sternenkonstellationen nie genau wiederkehren. Über der Erde ist also der Himmel nie ganz derselbe, jeder Zeitpunkt ist also einmalig und kommt nie wieder, im Gegenteil zu dem, was die Uhr suggeriert: Dieser Tatbestand kann zumindest denkerisch erfaßt werden, wenn er nicht direkt als Erleben zuerst eintreten mag.
Das Verfolgen der Jahreszeiten auf der Erde, die kosmische Verhältnisse auf der Erde widerspiegeln, ermöglicht wiederum das sinnliche Wahrnehmen gewisser zeitbedingten Qualitätsveränderungen in der Naturwelt.
Das Begehen von Jahresfesten bringt dazu noch ein feierliches Gefühl der Zusammengehörigkeit in einem größeren, sinnvollen Kosmoszusammenhang und läßt zugleich einen selbst tätig werden: Man ist nicht nur ein passives Rädchen in einer auch ohne den Menschen laufenden Maschinerie.
Der Jahreslauf mit seinen verschiedenen Qualitäten und Höhepunkten kann auch anhand von drei großen zyklischen Werken miterlebt werden, die programmatisch den Gang durch jede Woche des Jahres bewußt gestalten. Es sind:

1- Das Kantatenwerk Johann Sebastian Bachs: Mehrere Jahrgänge sind erhalten, wo Sonntag für Sonntag ein originales Kantatenwerk für den Gottesdienst neu komponiert wurde.

2- Der Seelenkalender Rudolf Steiners, bei dem 52 Sprüche eine Art seelisch-geistigen Atem durch das Jahr zum Erleben bringen.

3- Die Perikopen, also die Stellen aus dem Evangelium, die in allen Kirchen und in unserem Falle im Rahmen der „Menschenweihehandlung“ der Christengemeinschaft jede Woche vorgelesen werden. Daß diese alt-überlieferten Stellen, die Rudolf Steiner für die Gestaltung des erneuerten Kultus wieder aufgegriffen hat, über das ganze Jahr einen zusammenhängenden Organismus bilden, erörterte Werner Schröder sehr anschaulich in einer Artikelreihe der Zeitschrift „Die Christengemeinschaft“ im Jahr 1985 [zum vollständigen Text].

Das Gemeinsame dieser drei Zyklen besteht darin, daß sie in der Tat ein Ganzes über das Jahr bilden und so ein Gefühl für das wechselhafte, gesund-atmende Wesen des Jahresorganismus vermitteln. Die verschiedenen Ebenen, die jeweils angesprochen werden, ergänzen sich erstaunlich schön, manche unvermutete Übereinstimmungen sind sogar verblüffend.

Strukturaspekte der drei Zyklen

Die Dichtungen, die Bach als Vorlagen für seine Kantaten wählte, entsprechen in der Regel dem Thema, das auch in der jeweiligen Perikope vorkommt.
Eine Kantate besteht normalerweise aus 5 bis 8 Sätzen, sowie die Sprüche aus dem Seelenkalender ebenso 5 bis 8 Zeilen aufweisen: eine offenbar höhere Gesetzmäßigkeit, die man hier am Wirken beobachten kann. Bei beiden bilden die Teile zusammen ein harmonisches Ganzes, einen Pfad durch verschiedene Erlebnisstufen, musikalisch-dichterischer Art bei Bach, plastisch-lautlich bei Steiner.
Insofern die Sprache bei den Wochenspruch-Mantren mehr über die Qualitäten der Lautklänge und Rythmen als über einen rein intellektuellen Inhalt wirken, wird auch ein musikalisches Element betätigt. Diese Sprüche haben einen unterschiedlichen Aufbau und bilden Woche für Woche einen sinnvollen Gefühlsweg, der durch die Struktur der ganzen Komposition mit den jeweils vierer-Gruppen von Gegen- und Spiegelsprüchen durch eine mehr denkerisch-willensmäßige Ebene ergänzt werden kann¹.
Bachs Kantaten stehen mehr für sich als einzelne Kompositionen. In der Regel² beginnt das Werk mit einer feierlichen Einleitung für Chor und Orchester, die auf einem Choral basiert und oft in einer virtuosen Fuge landet. Das ist das Prinzip der französischen Ouvertüre, wie in den Orchestersuiten zu hören ist. Es folgt eine Abwechslung zwischen Rezitativteilen und Arien für Solostimmen, manchmal auch für ein Duo, wodurch einerseits ein mehr predigthafter, dogmatischer Aspekt (das gehörte „Wort“, wie es Paulus in seinen Briefen anlegte) mit einem andererseits mehr vom Gefühl getragenen Gesang der Seele (also eher ein Bildhaftes) in einem rythmischen Atem zusammen kommen. Ein vierstimmiger Choral (als Prinzip der Vereinigung der Gemeinde im Singen, das ein Element der Begegnung in sich enthält, Begegnung mit einem Wesenhaften als dritte Stufe des Seelenganges: Bild-Wort-Begegnung mit dem Wesenhaften, wie er in der Bibel zu finden ist, z.B. im neuen Testament: Evangelium-Paulusbriefe-Apokalypse) bildet immer das Ende der Kantate, entweder streng und nüchtern obwohl kunstvoll gehalten, oder als größere Komposition in der Art der Einleitung.
Die Kantate bildet in sich einen geschlossenen Organismus: Eine einzige Gebärde durchzieht die Stimmung der Texte und ihrer musikalischen Umsetzung, und zwar immer von der Finsternis hinauf zum Licht, von der Trübe zur Freude. Den meist strengen, lebensverneinenden Texten am Anfang der Kantate folgen hoffnungsvolle, geistbejahende Dichtungen, die ein Gefühl der Erlösung und Wiedervereinigung mit dem Göttlichen vermitteln. Vom stark pietistisch geprägten Ton der gewählten Dichtungen abgesehen, die als Abkehr von den Exzessen der materiell orientierten katholischen Kirche eine Verinnerlichung des religiösen Gefühls mitbrachte und dessen Geist das Milieu prägte, wo Bach zu Lebzeiten wirkte, bilden diese Kantaten in ihrer Art einen Weg für die suchende Seele, die im Bewußtseinsseelenzeitalter nach neuen Möglichkeiten des wachen Erlebens der geistigen Tatsachen trotz der spirituellen Undurchlässigkeit der Materie suchen muß.
So führt auch die Kantate immer zu einer Art Herzstück hin, das sich oft vor dem Schlußchoral befindet und durch einen Dreiertakt gekennzeichnet ist: Im schwingenden 3/4, 6/8, 9/8 oder 12/8- Takt wird die wiederhergestellte Harmonie zwischen Menschen und Göttern zum Erlebnis gebracht.
Nicht nur allgemein musikalisch hängen die Einzelsätze einer Kantate zusammen, die wie eine Art freie Symphonie immer den Zuhörer in einer gewissen Weise erfüllen mag und jedenfalls „sättigt“: Auch im Tonartengefüge der Komposition finden wir einen sinnvollen Durchschreitevorgang. Eine subtile Vielfalt ergibt die Tatsache, daß die Sätze der Kantate in verschiedenen Tonarten stehen, die als Organismus unter sich nach dem Prinzip des Dreiklanges organisiert sind.
Nehmen wir z.B. die Himmelfahrtskantate BWV 128 „Auf Christi Himmelfahrt allein“ aus dem Jahr 1725  [zur Aufnahme³; zum Gesamttext]: Der erste Chorsatz und der abschließende Choral stehen im leichten, freuderfüllten G-Dur, passend zum Himmelfahrtserlebnis des Lichtes und der Erlösung nach oben. Es folgt nach einem überleitenden Rezitativ für den Tenor, wo nach und nach die ursprüngliche Tonart G-Dur in die Weite rückt, eine Baßarie in D-Dur mit Rezitativ, dann eine Arie für das Duo Tenor und Alt in der Paralleltonart h-Moll, die direkt in den Schlußchoral mündet. Das ganze Mittelstück der Kantate (Baßarie und -rezitativ und Tenor-Alt-Arie) wird in Dreiertakten gehalten. Die Reihe G-D-h-G entspricht also dem G-Dur-Dreiklang G-H-D. Aus dem Dreiklang entwickelt sich also in dem kurzen Raum der Kantate eine bunte aber sinnvolle Klangwelt, die mit G-Dur Verwandtschaft aufweist.
Besonders charakteristisch erklingen die von Bach für eine Gesamtkantate und ihre jeweiligen Sätze gewählten Tonarten. Wir wollen uns daher jetzt einen Überblick über die Gesetzmäßigkeit der Tonarten in der Klassik verschaffen. Circle_of_fifths_deluxeDie Darstellung der Tonarten im Quintenzirkel läßt sie als Teile eines organischen Ganzen erscheinen. Die 12-gliedrigen kosmischen Kräfte, die aus der Weltenperipherie die Erde mitkonfigurieren und aus den Regionen des Tierkreises hinter Sonne und Planeten verschiedene Qualitäten aufweisen, leuchten durch ihn durch. Die übliche Darstellung mit den Kreuztonarten auf einer Seite und den B-Tonarten auf der anderen enstammt allerdings einem abstrakten Ordnungsdrang, der kein Erlebnis der Tonartenqualitäten ermöglicht. Sinnvoller erscheint zuerst, diese Darstellung „auf den Kopf“ zu stellen, so daß die C-Dur-Tonart nicht ganz oben sondern ganz unten als „Schwerepunkt“ steht. Die gegenüberliegende Fis-Dur-Tonart steht somit ganz oben am Zenit. In dieser Art kann das Innenleben wieder anfangen, an der Anordnung der Tonarten etwas zu erleben, weil eben wahre Gesetzmäßigkeiten aus dem Leben darin erscheinen: C-Dur ist die am meisten mit der Erde verbundene Tonwelt, vollklanglich und kräftig zugleich⁴.
In der Kantate „Wer mich liebet, der wird mein Wort halten“ BWV 59 aus dem Jahre 1723/24 für den ersten Pfingstag [zur Aufnahme, zum Text] verleiht diese nicht sehr helle Tonart dem Ruf des Anfangs („Wer mich liebet, der wird mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen“), der mehr eine Art Meditation im typischen Johannes-Ton (Joh 14, 23) als einen eigentlichen Jubel darstellt, eine gewisse Bodenständigkeit, eine Sicherheit bei der wiedergefundenen Erkenntniskraft. Auch die Kantaten BWV 74 „Wer mich liebet, der wird mein Wort halten“ aus 1725 [zur Aufnahme] und BWV 172 „Erschallet ihr Lieder“ aus 1714 [zur Aufnahme], beide für diesen selben Anlaß des ersten Pfingsttages komponiert, stehen auffälligerweise in der etwas schwerfälligen Tonart C-Dur. 3Fis-Dur im Gegensatz ist die aufgelöseste Tonart, durch welche der Komponist rein geistige Zusammenhänge anzudeuten vermag, so wie z.B. exemplarisch Olivier Messiaen (1908-1992) in seinem „Regard du Père“ [zur Aufnahme], wo die Szene der Jordantaufe gemeint ist, wo die Stimme des Vatergottes ertönt: „Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich wohlgefallen“. Wie eine schwebende Wolke, durch welche glockenartige Schläge hindurchklingen, breitet da Fis-Dur seine grenzenlose, farbenreiche Ruhe aus. Der Farbe lila, die auf einer bemalten Fläche überall gleichzeitig sein möchte, alle Grenzen aufhebt und völlige, ungezwungene Harmonie zwischen den Rot- und Blautönen erreicht, würde als die „Farbe des Geistes“ dieser Stimmung ungefähr entsprechen.
Auch das Präludium in Fis-Dur aus Bachs „Wohltemperierten Klavier I“ steht in einer lockeren, leicht freudigen aber zurückhaltenden Stimmung, deren Schwebe durch den 6/8-Takt erreicht ist. Die anschließende dreistimmige Fuge führt diese dezente Heiterkeit fort [zur Aufnahme]. Im zweiten Teil des „Wohltemperierten Klaviers“ steht das Fis-Dur Präludium auch in einem tanzenden, wenn auch feierlicheren Dreiertakt (3/4), während die Fuge ein schwer nachzuvollziehendes Thema jenseits von aller Konventionalität zu ungeahnten Hörräumen hinführt [zur Aufnahme].
Außer bei der Ausnahme des „Wohltemperierten Klaviers“, das alle Tonarten (bis auf das unzumutbare Des-Dur, die Lieblingstonart der Romantiker, die durch Cis-Dur dezent ersetzt wird) systematisch zum erklingen bringt, benützte man zu Bachs Zeiten natürlich ungern allzu „hoch“ gelegene Tonarten in der Anordnung, bei der wir gerade verweilen mit C unten und Fis oben. Zu dieser Zeit war ja der Mensch auch unterwegs in die volle Inkarnation nach der noch schwebenden, halb improvisierten Phase der Gregorianik und der taktmäßig unentschiedenen Renaissance und brauchte „bodenständige“ Tonarten um C-Dur herum, also mit möglichst wenigen Vorzeichen. In der frühen Barockzeit vor Bach fällt ja das Wirken Lullys (1632–1687), der das Prinzip des Taktes als willensmäßiges Ergreifen der Leiblichkeit durch das wache, individuelle ich einleitete und seinen Musikern in Versailles aufzwingen mußte. 1
Die gerade besprochene Tonartenaufstellung ermöglicht also das Erleben einer Dualität der Tonartenklangwelt zwischen oben und unten, Licht und Finsternis, Himmel und Erde, C-Dur- und Fis-Dur-Polaritäten. Wir wollen nun eine noch differenziertere Aufstellung zeigen, bei welcher die Erden-Kosmos-Verhältnisse als Gesamtklang des Universums zutage treten: Am linken Horizont steht nun C-Dur, am rechten Fis/Ges-Dur, am Zenit A-Dur und am Nadir Es-Dur. C-Dur hängt somit mit dem Widder-Zeichen zusammen, A-Dur mit dem Krebs, Fis/Ges-Dur mit der Waage und alle restlichen Tonarten auch entsprechend mit einem der zwölf Tierkreiszeichen. Der Gang durch die Tonarten des Quintenzirkels, mit C-Dur z.B. angefangen und weiter mit G-Dur, dann D-Dur usw., verliert somit seine Abstraktheit und entspricht der Position der Sonne am Himmel entlang des Jahreslaufes. Am Frühlingspunkt im Widder (C-Dur) bewegt sich die Sonne am schnellsten nach oben und impulsiert dadurch das mächtige, stoßartige Frühlingserwachen. An seiner höchsten Stellung am Himmel im Juni angekommen, geht die Sonne wieder in den Abwärtsgang des Hochsommers (beim Übergangszeichen des Krebses mit A-Dur), wo die Naturerscheinungen etwas dämmerig-dumpf werden. Zu Michaeli am Herbstanfang (Fis-Dur) bewegt sich die Sonne so schnell wie am Gegenpol des Frühlingsanfanges und bremst diesmal alle Lebensprozesse ab. Das Licht wird dumpfer, die Wärme zieht sich zurück, ein feierlicher Gang durch die Pforten des Todes wird vom Genuß der nun reifen Früchte der Erde begleitet. Zu Weihnachten dann (Es-Dur) sind die Tage am Kürzesten, dafür die Sterne am Nachthimmel am Klarsten wahrzunehmen.
Zu dem Jahreszeiten-Tierkreiszyklus fügen wir noch als zweite Ebene den Tageszyklus des Sonnenganges, also die Tagesstunden: Sonnenaufgang um 6 Uhr, Zenit um Mittag, Abenddämmerung um 18 Uhr und Mitternacht. Wie der ganze Jahresorganismus geht der einzelne Tag durch ähnliche Phasen des Wachsens, Dämmerns und Absterbens durch.
Eine Fülle von anregenden Entsprechungen zwischen den Stimmungen der musikalischen Tonarten und den Tierkreis- oder Tageszeitenqualitäten ergeben sich durch diese Zusammenstellung, die erkennen lassen, warum nun ein Komponist eine bestimmte Tonart für ein Stück unter der theoritischen Fülle der Möglichkeiten wählt. Wir wollen einige charakteristischen Beispiele erwähnen, wobei Bach nur die Tonarten in der Nähe des Erdenpunktes C-Dur anwendet:

C-Dur (Widder, Morgendämmerung) steht für den Anfang aller Dinge. Eine leuchtende, ruhige Kraft (ohne das Quirlige von A-Dur im Hochsommer bzw. um die Mittagsstunde) strahlt aus diesem Tonartenbereich, die jedoch nicht die intensive Farbigkeit anderer Tonarten aufweist: Um 6 Uhr morgens sind die Farben der Welt noch etwas schummerig-gedämpft. Am Deutlichsten ist es beim ersten Präludium des „Wohltemperierten Klaviers“ in C-Dur wahrzunehmen [zur Aufnahme]. Erst gegen 8 Uhr (mit G-Dur voller Freude und Licht wie bei der „Kleinen Nachtmusik“ Mozarts) bekommen Farben und Konturen deutlichere Züge. So finden wir den Bezug von C-Dur zur „schwer-fälligen“, dunklen Erde aus der vorigen Aufstellung wieder. Die Freude eines beschwingten Satzes in C-Dur (z.B. bei der schon erwähnten Kantate BWV 172 “Erschallet ihr Lieder”) ist die eines erdgebundenen, stark auftretenden Tanzschrittes. Die dämmerige Röte aus dem Widder-Hintergrund drückt sich als energischen Willen aus. Wiederum wirkt ein zartes Stück in C-Dur wie etwas schwebend und unentschlossen, da eine gewisse Farbigkeit fehlt, die für die frühe Morgenstimmung gegen 6 Uhr, kurz bevor die Sonne aufgeht, charakteristisch ist, zu einer Zeit da sich wiederum die Vögelgesänge am Intensivsten abspielen. Das schon erwähnte erste Präludium aus dem „Wohltemperierten Klavier I“ in C-Dur ist hierfür charakteristisch. Der noch nicht ganz geborene Tag scheint noch im Keim zu sein und enthält aber in sich schon die Möglichkeiten aller späteren Entwicklungen. Diese Qualität finden wir in der darauffolgenden ersten, feierlichen Fuge in C-Dur aus dem „Wohltemperierten Klavier“, deren Thema, das wie eine Tonleiter vom Anfang eines Geschehens zu kündigen scheint, so oft erklingt, wie die Anzahl der folgenden Stücke der Gesamtkomposition [zur Aufnahme]. a-Moll wirkt dann entsprechend in dynamischen Stücken energisch (wie in Schuberts 7. Sonate op. 164 [zur Aufnahme]) oder in langamen Stücken etwas blaß oder haltlos-melancholisch (wie in Schuberts 5. Sonate op. 143 [zur Aufnahme]).

G-Dur wirkt durch sein einziges Kreuz (erhöhter Ton) zart erhellt. Diese lichte Stimmung „reicht“ schon für die Heiterkeit einer „Kleinen Nachtmusik“. Aus dieser von der liebesspendenden Venus überstrahlten Stier- (oder Kuh-)sphäre holt Bach immer wieder seine hüllenreichen Hirtenmelodien für das „Weihnachtsoratorium“ (zweite Kantate in G-Dur [zur Aufnahme] oder die Alt-Arie „Schlafe mein liebster“ [zur Aufnahme]).

D-Dur gilt dann als die hellste, freudigste Tonart bei Bach (erste Kantate des Weihnachtsoratoriums [zur Aufnahme]). Bei A-Dur am Zenit unserer Aufstellung mit drei Kreuzen hätte man es im Prinzip noch heller, aber es wäre für die Empfindungswelt der Bachzeit schon zuviel, zu hoch, zu sehr aufgelöst. Ein instinktives Empfinden bewahrt die Menschheit zu dieser Zeit von gewissen Extremen in allen Lebensbereichen und so auch beim Erleben von Musik. Zur selben Zeit in Versailles sehnt sich der „Edelmann“ nach Zurückhaltung und Gemütsausgleich in allen Lebenslagen: fuir les extrêmités...  Man kann an der Fuge in A-Dur aus Schostakowitschs Präludien und Fugen op. 87 messen, wie die Leichtigkeit im heiteren Frühlingslicht der  noch-Zwillingsstimmung, da wo die Sonne am Höchsten am Himmel steht, bevor sie sich im Krebszeichen wieder abwärts bewegen wird, fast rauschhaft-überschwenglich wird, und daher aus gutem Grund von der Barockzeit gemieden wird [zur Aufnahme]. Zwischendurch mitten in einer Bach-Kantate darf aber ein Stück schon in A-Dur stehen, insofern die Tonart von den nächststehenden bei den umliegenden Stücken gewissermaßen korrigiert wird und nicht einzeln steht.

Bei E-Dur mit 4 Kreuzen steigert sich merkwürdigerweise nicht noch das Gefühl des Hellen und Lichten, sondern eine gewisse Schwere und Dumpfheit macht sich breit. Im August wurde der ursprüngliche Frühlingsschwung längst gebremst, die vielen Grüntöne der Natur sind einem einheitlichen, dumpferen Grün gewichen. Was früher sich in Helligkeit nach außen auslebte wird nun in sommerliche innere Wärme konzentriert. So strahlen aus dem Löwenzeichen Herzenskräfte der lodernden Begeisterung ruhig in die Welt hinaus. Beethovens zweiter Satz aus der Klaviersonate op. 90 [zur Aufnahme] lebt in dieser Stimmung der ruhigen Kraft.

H-Dur im Zeichen der Jungfrau bringt in der Tat eine gewisse hörbare Ernüchterung mit sich, die charakteristisch für die leise Verunsicherung ist, die der Monat September nach der Fülle des Sommers als Vorahnung für das bevorstehende große Absterben der Natur mit sich bringt. Ein schönes Beispiel ist der dritte Satz in H-Dur aus Skrjabins dritten Klaviersonate, der nach dem saftigen Es-Dur des fast militärischen zweiten Satzes in entkörperten, ätherischen Höhen eine frei fliegende Melodie unter begleitung von fernen, ernsten Glockenklängen in einer Art eigenartiger Nachtodstimmung schweben läßt [zur Aufnahme]. Die Sonate selbst steht durch den ersten und letzten Satz im hellen Fis-Moll, wobei in romantischer Freizügigkeit im Umgang mit den Tonarten der erste Satz im fast brennenden Fis-Dur enden will.

Wir sind mit Fis-Dur an den Punkt des Sonnenunterganges am Tag oder der Tag- und Nachtgleiche im Jahr angelangt: bei diesem speziellen Punkt der blauen Stunde (die Franzosen nennen in „entre chien et loup„, zwischen Hund und Wolf also, sprich: Alles wurde undeutlich, ist nicht mehr klar erkennbar, das Materielle verlor klare Konturen) oder der Michaeli stehen inkarnierte Weltkräfte mit den Geistesmächten, die sie inspiriert haben, in dynamischem Ausgleich im Zeichen der Waage. Eine Umdeutung von Kreuzen in Bs findet hier auch statt: Das Außen-Helle verwandelt sich in ein Innen-Dunkles. Das goethesche Wort „Nichts ist innen, nichts ist außen, sondern das was innen, das ist außen“ entspricht dieser besonderen Umstülpe-Situation. Die inzwischen erschöpften Tages- oder Jahreskräfte müssen sich nun in geheimnisvoller, finsterer Nachtruhe wieder regenerieren. Für diesen Moment der Berührung des Geistes mit der Erde wählte auch Olivier Messiaen Fis-Dur für den schon erwähnten „Regard du Père“, der die Jordantaufe schildert.

Wieder von C-Dur ausgegangen bringt die Tonart B-Dur durch die Hinzufügung eines hüllenden B-Vorzeichens eine prinzipielle Beruhigung mit sich, die exemplarisch in Beethovens pastoralen Symphonie erlebt werden kann, deren ausdrücklich in der Partitur erwähnten Landszenen eine Art paradiesischen Urzustand andeuten [zur Aufnahme]. Die Paralleltonart d-Moll wiederum eignet sich zur Anrufung an die geistige Welt in der Gestalt der Verstorbenen, deren Sphäre ahnungsvoll im Schicksalszeichen der Fische berührt wird oder nachts gegen 4 Uhr kurz vor dem Wachwerden, da manche Träume noch dumpf von der Begegnung mit Ihnen künden. Daher werden Totenmessen prinzipiell immer in d-Moll gehalten. Auch Bachs letztes Werk der Kunst der Fuge wirkt durch diese Tonart der schon überschrittenen Schwelle zur Geisteswelt ernst und streng, ganz in bewußter Michaelsstimmung getaucht [zur Aufnahme].

Weiter am Mitternachtspunkt des so aufgestellten Quintenzirkels steht die satte, klangreiche Tonart Es-Dur, wie sie wunderbar im Orgelpräludium BWV 552-1 von Bach erklingt [zur Aufnahme]. In der Steinbock-Stimmung der „Auseinandersetzung der Gedanken mit der Welt“, wie sie für die Eurythmie angegeben wurde, steht auch Beethovens Eroica [zur Aufnahme] und in der Paralleltonart C-Moll die fünfte Symphonie [zur Aufnahme], da wo durch die dunkelste Umgebung die klarsten Sterne der Erkenntnis wiederum aufleuchten.

Erwähnenswert wäre noch die von Bach im Wohltemperierten Klavier sorgfältig umgangene Tonart Des-Dur, die erst recht bei den Romantikern wegen einer Art Zweideutigkeit der Klangfarbe aus der Skorpionsphäre zur Geltung kam. In Chopins „Regentropfen“-Prélude breitet sich eine merkwürdige zugleich erregte und depressive Stimmung aus [zur Aufnahme]. In Gabriel Faurés Nocturne Nr. 6 (6 als die Zahl des Widersachers) wird die luziferisch übersättigte Sinnlichkeit von Des-Dur erlebbar [zur Aufnahme], die nach dem schweren Kreuztragen des Nocturne Nr. 7 [zur Aufnahme] wie verklärt der objektiven Wahrnehmung der zum Himmel steigender Seele im Nocturne 8 [zur Aufnahme] zu dienen scheint: Der Skorpion konnte sich in einen Adler verwandeln.

Wir wollen nun nach diesen einleitenden Aspekten bei einigen ausgewählten, vorzugsweise Festwochen des Jahres betrachten, wie die Mantren des Seelenkalenders zusammen mit den Perikopentexten und den Kantatenvertonungen Johann Sebastian Bachs einen dreidimensionalen Dreiklang bilden, dessen Wahrnehmung für das innere Bewegen des Zeitphänomens in der Seele anregend sein mag. Das ganzheitliche Bindeglied zwischen diesen gleichzeitigen drei Ebenen bildet nach wie vor das allgegenwärtige (oder ätherische) nach allen Seiten vertiefbare Prinzip des lebendigen Bildes.

eHimmelfahrt

Perikope: Joh 16, 24-33 (der Text der gesamten Perikopen ist oben auf der Leiste neben dem Titel „Der Jahreslauf: drei Erlebniswege“ zu erreichen)
Kantate BWV 128 in G-Dur (1725) [zur Aufnahme][zum gesamten Kantatentext] Tonarten der einzelnen Kantatensätze: G-D-h-G (wie im nebenstehenden Diagramm anschaulich gemacht)
Wochenspruch 6

Nicht das Ereignis der Himmelfahrt selbst aus der Apostelgeschichte wird im kirchlichen Rahmen zu Gehör gebracht, sondern das Bild des mit dem Vater nach seiner bevorstehenden Auferstehung verbundenen Christus, wie es bei den Abschiedsreden in Johannes 16 erscheint:

…es kommt die Stunde, da ich nicht mehr in Bildern zu euch reden werde, sondern euch unmittelbar vom Vater künden werde. An jenem Tage werdet ihr in meinem Namen bitten, und ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch fragen werde; denn der Vater selbst ist euch Freund, weil ihre meine Freunde geworden seid und vertraut habt, daß ich von Gott ausgegangen bin. Aus dem Vater bin ich hervorgegangen und in die Welt gekommen; wiederum verlasse ich die Welt und gehe zum Vater. Da sprechen seine Jünger: Siehe, jetzt redest du unmittelbar im Worte und sprichst nicht in Bildern. Jetzt verstehen wir, daß alle Dinge in deinem Bewußtsein sind und du nicht nötig hast, daß man dir Fragen stellt; darum vertrauen wir, daß du von Gott ausgegangen bist. Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubt ihr? Siehe, es kommt eine Stunde und sie ist gekommen, da werdet ihr auseinandergetrieben, ein jeder in sein Eigensein, und mich laßt ihr allein; und doch bin ich nicht allein, da der Vater mit mir ist. Dieses habe ich zu euch gesprochen, auf daß ihr in mir Frieden habt. In dieser Welt werdet ihr bedrängt; aber seid getrost: Ich habe die Welt überwunden.

Das Himmelfahrtsprinzip hat nicht nur für die Christus-Wesenheit eine Bedeutung: Eine Erhöhung der Bewußtsseinskräfte bei den auf Erden hinterbliebenen Jüngern wird auch erwirkt, wie das Gespräch im Text zukunftsweisend andeutet. Ein Weg vom Sehen (der äußeren Jesus-Individualität) über das Hören (seiner Worte) führt zur eigentlichen Begegnung mit seinem Chistus-Wesen (die erst im Geistigen geschehen kann und auf Erden von den Jüngern nicht hätte vertragen werden können): Bild-Klang-Wesen.

Entsprechend diesem Aufschwung in lichtvolle Sphären steht z.B. die Kantate BWV 128 „Auf Christi Himmelfahrt allein“ im nach oben offenen G-Dur:

Auf Christi Himmelfahrt allein
Ich meine Nachfahrt gründe
Und allen Zweifel, Angst und Pein
Hiermit stets überwinde

heißt es im freudigen, feierlichen Chorsatz des Anfanges. Ein starkes Gefühl, eine unwiderstehliche Sehnsucht nach den Höhen ergreift das Herz:

Ich bin bereit, komm, hole mich!

lautet das Rezitativ, das zu einer heiteren Baßarie im noch gelösteren D-Dur führt:

Auf, auf, mit hellem Schall
Verkündigt überall:
Mein Jesus sitzt zur Rechten!

Doch erfordert der Sinn für Gleichmut, der für Bachs Zeit charakteristisch ist, eine bescheidene Rückbesinnung auf tatsächlichen, hiesigen Verhältnissen:

Sein Allmacht zu ergründen,
Wird sich kein Mensche finden,
Mein Mund verstummt und schweigt.

Dies muß in der Paralleltonart h-Moll geschehen. Der besänftigende Dreiertakt des Alt-Tenor-Duetts fordert  zur Besinnung auf: Das Herz mag damit nach dem extatischen Freudeschwung des Anfangs seine Mitte wiederfinden. So kann der einfach gehaltene Schlußchoral (wo sich trotzdem der Glanz der Trompete als Ton des Herzens noch dazu gesellen darf) in einem verklärten G-Dur die Komposition beschließen.

Die Himmelfahrt Christi, die eigentlich eher eine „Erdenfahrt“ ist, wird im 6. Wochenspruch des Seelenkalenders als Neugeburt des Ich für alle Menschen verallgemeinert und zugänglich gemacht. Das höhere Ich (das „Selbst“) kommt ebenfalls auf die Erde hernieder, willig sich zu inkarnieren, um seine Wirksamkeit durch die begrenzte irdische Hülle entfalten zu können:

Es ist erstanden aus der Eigenheit
Mein Selbst und findet sich
Als Weltenoffenbarung In Zeit- und Raumeskräften.

Das Motiv der in Erdenverhältnissen verstrickten Hülle („Eigenheit“), die bei der geistigen Geburt wie im Sarg hinter sich gelassen werden muß, war schon bei Johannes 16 erklungen:

Jetzt glaubt ihr? Siehe, es kommt eine Stunde und sie ist
gekommen, da werdet ihr auseinandergetrieben, ein jeder
in sein Eigensein, und mich laßt ihr allein.

Die durch Sorge und Gewalt vertriebenen Jünger müssen die Erfahrung der Verzweiflung und des Alleinseins über sich ergehen lassen, was als ein äußeres Bild für das innere Geschehen steht, daß die Hinwendung zum Geistigen in jedem Menschen (also im Grunde genommen jeder Entwicklungsprozeß, der selten ohne Schmerzen geschieht, ob er bewußt mitverfolgt wird oder nicht) bedeutende innere Umwälzungen mit sich bringen, da die alte, nicht mehr taugliche „Hülle“ (des Leibes) wie bei der Häutung der Schlange fallen gelassen, ja verbrannt werden muß. Von irdischen Qualen ist allerdings auch in den Kantatentexten genug die Rede, wie hier im ersten Stück der Kantate:

allen Zweifel, Angst und Pein
Hiermit stets überwinde

oder im ersten Rezitativ:

Hier in der Welt
Ist Jammer, Angst und Pein.

Etwas zu schwarz-weiß mag die Vorstellung der Barockzeit vom Verhältnis zwischen Erde und Himmel erscheinen. Es scheint das eigentliche Bindeglied zwischen beiden zu fehlen: der Mensch. Nur der Begriff der Freiheit des individuellen Menschen (der „ethische Individualismus“ aus der „Philosophie der Freiheit“ Rudolf Steiners) ermöglicht auch, die Bedeutung der inneren Prozesse im Menschen für die ganze Weltentwicklung ernst zu nehmen.

Ein gewisser musikalisch-hymnischer Charakter des Wochenspruches paßt nun gut zum lichtvollen G-Dur der Kantate:

Die Welt, sie zeigt mir überall
Als göttlich Urbild
Des eignen Abbilds Wahrheit.

dzwischen Himmelfahrt und Pfingsten

Perikope wie die vorige
Kantate BWV 183 in a-Moll (1725) (Tonarten der Sätze: a-e-C-a)[zur Aufnahme][zum Text]
Wochenspruch 7

Im gerade besprochenen Perikopentext für Himmelfahrt erklang schon zwischendurch ein ermahnender Ton:

Jetzt glaubt ihr? Siehe, es kommt eine Stunde und sie ist gekommen, da werdet ihr auseinandergetrieben, ein jeder in sein Eigensein, und mich laßt ihr allein.

Damit wurden die Jünger auf bevorstehende Prüfungen hingewiesen, ohne welche sie als einzelne Individuen keinen Anteil an der Himmelfahrt Christi haben könnten. Rudolf Steiner schildert eindrücklich, wie sich die Jünger nach dem Himmelfahrtsereignis wie verlassen fühlten. Die Gegenwart des Erlösers war für ihre hauptsächlich gemütsvollen Seelen (Es waren ja Fischer, Zöllner…) nicht mehr erlebbar wie zuvor, als er sie nach der Auferstehung 40 Tage lang innerlich lehren konnte. Eine hoffnungslose Stimmung, eine gewisse Bedrückung lag während der zehn Tagen zwischen Himmelfahrt und Pfingsten, als in der neuen Gewandung des sprechenden Heiligen Geistes das Göttliche sie wieder erfüllen sollte, auf ihnen. Diese zehn Tage stehen auch im Zeichen des Geburtsprozesses (10 ist die Marienzahl der Schwangerschaft in 10 Mondzyklen), was die im Evangelium nicht erwähnte Anwesenheit der Maria auf allen alten Darstellungen dieser Ereignisse verständlich macht.

So steht bachs Kantate „Sie werden euch in den Bann tun II“ ahnungsvoll im farblosen a-Moll, einer Tonart die, wie oben beschrieben, eher ein Gefühl von Depression und dumpfem Erwarten von irgendetwas als eine deutliche Schmerzempfindung vermittelt. Sorge und Angst (aus dem Anfang von Johannes 16 wie bei der Perikope) werden im kurzen Eingangs-Baßrezitativ thematisiert, ein nüchterner, eher unmusikalischer Anfang für eine Kantate: Wir sehen hier, wie kühn Bach die ihm zur Verfügung stehenden Gestaltungsmittel einsetzt, um den passenden dramatischen Ausdruck zu schaffen:

Sie werden euch in den Bann tun, es kömmt aber die Zeit,
dass, wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott einen Dienst
daran.

Es folgt eine wunderbar innerliche Tenorarie, die im etwas helleren e-Moll doch zum Wachrütteln gegen Widerstände auffordert:

Ich fürchte nicht des Todes Schrecken,
Ich scheue ganz kein Ungemach.
Denn Jesus‘ Schutzarm wird mich decken,
Ich folge gern und willig nach;
Wollt ihr nicht meines Lebens schonen
Und glaubt, Gott einen Dienst zu tun,
Er soll euch selber noch belohnen,
Wohlan, es mag dabei beruhn.

Nach dem Altrezitativ folgt eine wahrlich erlösende Sopranarie im munteren, fast tanzartigen C-Dur, der ja als Tonart eine gewisse Schwere besitzt:

Höchster Tröster, Heilger Geist,
Der du mir die Wege weist,
Darauf ich wandeln soll, (…)
Ich weiß, du sorgest vor mein Wohl!

Nach diesem typischen Kantatenherzstück im Dreiertakt folgt der Schlußchoral im beschwörenden, etwas massiv wirkenden a-Moll. Die Bewegung der ganzen Kantate von der Finsternis in das Licht wird dabei rückschauend aufgegriffen:

Dein Beten wird erhöret,
Dein Singen klinget wohl.
Es steigt zum Himmel an,
Es steigt und lässt nicht abe

Die innerliche Prüfung der Jünger findet ihre Entsprechung im Wochenspruch 7:

Mein Selbst, es drohet zu entfliehen,
Vom Weltenlichte mächtig angezogen.
Nun trete du, mein Ahnen,
In deine Rechte kräftig ein.
Ersetze mir des Denkens Macht,
Das in der Sinne Schein
Sich selbst verlieren will. prüfungskreuz

Die Himmelfahrt Christi mag zuerst als eine Art Weltflucht empfunden werden, die von den Jüngern könnte nachgeahmt werden. Auch zu dieser Jahreszeit nimmt die kräftige Natur die wintermüden Seelen in die verträumte Schönheit des Blühens mit. Eine gewisse luziferische Versuchung liegt also vor, die durch die wache Wahrnehmung der geistigen Zusammenhänge in der Form der individuellen pfingstlichen Offenbarungen wieder in die Mitte gerückt wird. Die neuen „Feuerzungen“ stellen ein neues Denken dar (die Jünger reden plötzlich in ihnen selbst unbekannten Sprachen), das als ein „Ahnen“ gegenüber dem an dem Gehirn gebundenen Denken bezeichnet werden kann und es in Zukunft tatsächlich nach und nach nach einiger Übung der Menschheit ersetzen soll.

Der Wochenspruch 7 gehört zu dem „Prüfungskreuz“ von vier Wochensprüchen, die den Übergang einer bedrohlichen Schwelle genau in der Mitte zwischen den jeweiligen hohen Festzeiten thematisieren. Hier, 7 Wochen nach Ostern und 7 Wochen vor Johanni, wird die Schwelle zum Geistigen durch das „Ahnen“ als neuer Bewußtsseinszustand überschritten.

Pfingsten

34Perikope: Joh 14, 23-31
Kantate BWV 34 in D-Dur (1726) [zur Aufnahme][zum Text]
Wochenspruch 8

Die Perikope zum Pfingstfest beschreibt nicht äußerlich das seltsame Geschehen der „Feuerzungen“, über das Lukas in der Apostelgeschichte berichtet, sondern läßt in Joh 14 den Sinn des noch bevorstehenden Pfingstwunders als neugewonnene Erkenntnisstufe für die Jünger erscheinen:

Dies habe ich zu euch gesprochen, da ich noch bei euch bin.
Doch der Beistand, der heilige Geist, den der Vater in mei-
nem Namen senden wird, der wird euch dies alles verstehen
lehren und in euch die Erinnerung wecken an alles, was ich
euch gesagt habe.

Die neuen Erkenntniskräfte, die jedem einzelnen Jünger, also nach seiner eigenen Weise, im Bild der „Feuerzungen“ zuteil werden, ermöglichen ihm, den zuerst nur im dumpfen Gemüt verfolgten Christusentwicklungsweg mit wacherem Verstand rückschauend ein Stück näher zu erfassen. Jeder Bewußtseinsprozeß vollzieht sich auch so, daß ein Erlebtes zuerst unkritisch wahrgenommen wird, dann einen Moment lang wie innerlich verschwindet und unsichtbar von der Seele irgendwo verarbeitet wird, bevor das Licht des klaren Denkens es in einem Mal neu beleuchtet, d.h. ein passender Begriff sich zum Wahrgenommenen gesellt. Ein Licht der Erkenntnis kann dann erlebt werden, das neue Kräfte in die mehr oder weniger durch die Fragesituation von Schmerz oder Leid erfüllte Innenlandschaft des Suchenden oder Nachdenkenden ausbreitet und nicht nur das Denkleben, sondern das ganze Sein mit neuen Impulsen (z.B. Trost oder Mut) erfüllen mag. Das pfingstliche Erkenntnislicht der Feuerzungen ermöglichte den Jüngern, neue Sprachen zu sprechen, d.h. das Herz fremder Menschen zu ergreifen. Das klare Denken blieb also sozusagen nicht im Kopf stecken, sondern ergriff das Gemüt und wurde so zu einer sozialwirksamen Kraft, die alle Kasten- oder Rangordnungen überwindet. Der zurückliegende Weg der Jünger seit der Auferstehung Christi ging also vom Angehaucht-werden des Geistes (z.B. im Bild des Lautes Ch enthalten) über zur Himmelfahrt (F), nach welcher ein verzweifeltes Gefühl vom Allein-gelassen-werden folgte (mit S, dem Laut der Finsternis), während die Christus-Wesenheit die Weiten des Kosmos und der Erde neu ergriff (Auflösungslaut H), um in Form des aus Höhen geschickten Heiligen Geistes als neue Erkenntniskraft zurückzukommen (T, die Fontanelle berührend), die dann sich ins Herz hineinsank (B). So finden wir den Entwicklungsweg der eurythmischen Evolutionsreihe wieder: Ch-F-S-H-T-B mit dem B als Neuanfang, Geburt eines neuen Zyklus als Kind oder neue Stufe des vorangegangenen.
Durch den Erkenntnisprozeß kommt der Mensch nach der Verunsicherung der noch nicht einzuordnenden Wahrnehmung (nach dem Prinzip der Erkenntnistheorie aus der „Philosophie der Freiheit“) zu sich wieder. Das tun ja auch die Jünger zu Pfingsten und heißt dann: der Friede. Als der Auferstandene am dritten Ostertag zu den ängstlich um ihr Leben versammelten Jüngern  in seiner neuen Leiblichkeit kam, sprach er auch die magische Formel: „Der Friede sei mit euch“. Friede und Erkenntnis können an der Stelle gleichgesetzt werden. Daher erwähnt der Christus vorausschauend den Befriedungsprozeß der bevorstehenden, befreienden Erkenntnis schon in Joh 14:

Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.
Nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz erschrecke
nicht und verzage nicht! Ihr habt gehört, daß ich selbst euch
gesagt habe: Ich gehe hin und komme zu euch. Würdet ihr
mich lieben, so würdet ihr euch freuen, daß ich zum Vater
gehe, denn der Vater ist mächtiger als ich. Und jetzt habe ich
es euch gesagt, ehe es geschieht, damit ihr vertrauen könnt,
wenn es geschieht.

Im Kantatentext wird vor allem die Herzerkenntnis erwähnt. Es heißt im Eingangs-Chorsatz im freudigen D-Dur, die „Geburt“, die Inkarnation des heiligen Geistes durch die Herzen der Jünger wie die Geburt des Jesuskindes im Weihnachtsoratorium feiernd:

O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe,
Entzünde die Herzen und weihe sie ein.
Lass himmlische Flammen durchdringen und wallen

In der Altarie wird diese Inkarnierung des Geistes wohlbefindend in einem ruhigen A-Dur, der hellsten Tonart überhaupt, musikalisch umgesetzt. Glück und Frieden kommen hier eindrücklich zusammen:

Wohl euch, ihr auserwählten Seelen,
Die Gott zur Wohnung ausersehn.
Wer kann ein größer Heil erwählen?
Wer kann des Segens Menge zählen?
Und dieses ist vom Herrn geschehn.

Ein schnelles Stück in A-Dur würde gewiß für die Empfindungen der Bachzeit, wie wir sahen, als zu extatisch erlebt. Aber hier halten sich im windstarken Klang der Flöten Helle und Ruhe günstig die Waage. So kann die Kantate glänzend wieder in D-Dur im farbigen Chor- und Orchestersatz mit den Worten enden:

Ja, sein Segen wirkt mit Macht,
Friede über Israel,
Friede über euch zu senden.

Der 8. Wochenspruch leitet den Eingang in die Sommerzeit ein, bei welcher das klare Denken nicht mehr am Platze ist: Damit die Götter in die menschliche Wesenheit einziehen können und das göttlich inspirierte „Wort“ belebend den Leib erfrischen kann und wiederum an andere Menschen weitergegeben werden kann, muß die menschliche Seele jetzt erstaunlicherweise „träumen“! Erst in dieser Bewußtsseinsdumpfheit kann nämlich das Gemüt zur Geltung kommen und direkt von Herz zu Herz sprechen, wie beim Pfingstwunder geschildert. Das Ätherische vertreibt zuerst die klaren Kräfte des kalten, logischen Verstandes:

Es wächst der Sinne Macht
Im Bunde mit der Götter Schaffen.
Sie drückt des Denkens Kraft
Zur Traumesdumpfheit mir herab.
Wenn göttlich Wesen
Sich meiner Seele einen will,
Muß menschlich Denken
In Traumessein sich still bescheiden.

 

Totensonntag

totenPerikope: ein Wiederkunftsgleichnis, z.B. Mat 25
Kantate BWV 90 in d-Moll (1723). Tonarten der Sätze: d-g-d (Schlußakkord: D) [zur Aufnahme][zum Text]
Wochenspruch 33

Das Kirchenjahr endet mit Totensonntag und nicht etwa mit Silvester am 31. Dezember. In dieser Verschiebung zwischen Kirchen- und Sonnen-Kalenderjahr liegt eine sinngemäße Dynamik: Mitten im Elan der Herbstestätigkeiten, sozusagen mitten im sich mit den immer kürzer werdenden Tagen neu organisierternden Leben, wird plötzlich angehalten und den Toten gedenkt. Auf dieser Weise erscheinen diese viel lebendiger in ihrer Erinnerung. Die sich allmählich zur Ruhe begebende Erde, die nicht mehr bearbeitet wird und ihre verborgenen Schätze bis zum nächsten Frühling aufbewahren wird, arbeitet wie die sogenannten Verstorbenen im Verborgenen weiter. Alles ist in dem Sinne gar nicht so „tot“, wie sich die an der Materie gebundenen Vorstellungen des Gehirns ausmalen möchten. Gerade diese Idee, daß „Verstorbene“ weiter leben mögen, ist für viele Menschen geradezu erschreckend: Die Senkung des Sarges in die Erde ermöglichte ja einen definitiven Schnitt mit ihnen, so daß die Verbliebenen ihr eigenes Leben ohne sie weiter führen konnten. Daß die „Toten“ an der spirituellen Substanz der Erde weiter arbeiten, ercsheint diesen Menschen weniger glaubwürdig als furchterregend. Die Tabuisierung des Todes, die unsere westliche moderne Kultur prägt, indem z.B. Friedhöfe weit von den Stadtzentren verbannt wurden oder indem man in Amerika Verstorbene gerne wieder als jüngere Menschen präpariert und zur Schau stellt, machte den lebendigen Zugang zur Totenwelt unmöglich. So konnte die Angst vor dem scheinbaren Ende des Bewußtseins durch die ahrimanischen Kräfte in eine Sehnsucht nach einem nie sterbenden Bewußtsein umgewandelt werden: Der Mensch muß nun durch perfekte, austauschbare Maschinen ersetzt werden. Das ist der Kult des „neuen Menschen“ oder des „Übermenschen“, der das zwanzigste Jahrhundert in Amerika, Rußland oder Deutschland prägte und in der „Initiative 2045“ unserer Tage weiter lebt.

In Bachs Kantate BWV 90 „Es reißet euch ein schrecklich Ende“ erscheint die Welt des Todes als etwas Furchterregendes. In ernstem d-Moll, der Tonart der Schwelle zur geistigen Welt, wird in einer kräftigen Tenorarie im Dreiertakt streng ermahnt:

Es reißet euch ein schrecklich Ende,
Ihr sündlichen Verächter, hin.
Der Sünden Maß ist voll gemessen,
Doch euer ganz verstockter Sinn
Hat seines Richters ganz vergessen.

Nach einem Altrezitativ steigert sich in einer Baßarie im noch dunkler klingenden g-Moll nochmal die Mahnung:

So löschet im Eifer der rächende Richter
Den Leuchter des Wortes zur Strafe doch aus.
Ihr müsset, o Sünder, durch euer Verschulden
Den Greuel an heiliger Stätte erdulden, I
hr machet aus Tempeln ein mörderisch Haus.

Und obwohl in dem Text des überleitenden Tenorrezitativs und des Schlußchorals, der immerhin im hellen D-Dur endet (das aber in „Quadratur“-Stellung zu d-Moll steht, was einem allergrößten Spannungsverhältnis entspricht, wie immer beim Dur-Moll-Übergang, was die Romantiker gerne ausnutzen werden) ein Hauch Licht und Hoffnung erklingen:

Doch Gottes Auge sieht auf uns als Auserwählte:
Und wenn kein Mensch der Feinde Menge zählte,
So schützt uns doch der Held in Israel…
Leit uns mit deiner rechten Hand
Und segne unser Stadt und Land…

ist die Kantate damit so schnell und abrupt beendet, daß keine große Erlösung Zeit hat, in der Komposition befriedend sich zu entfalten. Wahrlich: Die Zuhörer sollten dadurch in Bedrückung gelassen werden!

Eine mögliche Perikope für diese Zeit zwischen Michaeli und Advent, die zum Thema ein Wiederkunftsgleichnis haben soll, wäre Matthäus 25, wo es auch um die strenge Scheidung der Geister in michaelisch-apokalyptischen Ton geht:

Geht fort von mir, ihr Fluchbeladenen, in das ewige Feuer,
das dem Verführer und seinen Engeln bereitet ist…

…Und diese werden hingehen zu äonenlanger Züchtigung,
doch die Gerechten zu Äonen währendem Leben.

Zuvor hatte dieses 25. Kapitel durch das Gleichnis der klugen und törichten Jungfrauen, dann durch das Gleichnis der in der Erde begrabenen Talente, auf die strafende Hand der „guten“ geistigen Mächte hingewiesen und somit auf die Unerbittlichkeit des Jüngsten Gerichts des Schlußes vorbereitet.

Der Prüfungs-Wochenspruch 33, der von dieser Begegnung mit den Kräften der Finsternis behandelt, galt im Prinzip für die Woche davor, hält man die kalenderzählung streng, aber offensichtlich paßt er in dem jetzigen, strengen Zusammenhang:

So fühl ich erst die Welt,
Die außer meiner Seele Miterleben
An sich nur frostig leeres Leben,
Und ohne Macht sich offenbarend,
In Seelen sich von Neuem schaffend,
In sich den Tod nur finden könnte.

Ohne das wache Bewußtsein der Menschen kann die Welt als real existierende, ernst zu nehmende geistige Substanz nicht gedeihen und auch ohne die Aufmerksamkeit der Lebenden bleiben die Impulse der Götter und der Verstorbene wirkungslos.

1. Advent

61Perikope: Wiederkunftsgleichnisse aus der Apokalypse
Kantate BWV 61 in a-Moll (1714) [zur Aufnahme][zum Text] (Tonarten der Sätze in a-C-(e)-G-G!)
Wochenspruch 34

Die Adventszeit war zur Zeit Bachs noch eine ernste Buß-, Bet- und Fastenzeit als äußerlich-innere Vorbereitung zum Weihnachtsgeschehen. Es erklang in der Kirche in diesen „stillen Wochen“ ähnlich der „stillen Woche“ der Passionszeit keine Musik. So bildet die Kantate BWV 61 „Nun komm der Heiden Heiland“ der feierliche Beginn dieser Besinnungszeit. Der erste Chorsatz als französische Ouvertüre beginnt streng rythmisch, ermahnend im trüben a-Moll und ergreift den Willen mit seinem marschartigen Charakter:

Nun komm, der Heiden Heiland,
Der Jungfrauen Kind erkannt…

Alles andere als lieblich ist die Stimmung, die diese Musik hervorruft. Sie entspricht der Strenge der Apokalypse-Stellen, die als Perikope vorgelesen werden können: Die Begegnung mit dem wesen des Christus in johanneischer Perspektive erfodert Mut und Wachheit. „Fürchte dich nicht“, ruft die für ein menschliches Gemüt kaum ertragende Wesenheit im ersten Kapitel der Apokalypse. So auch in etwas abgemilderten Weise wird der Verkündigungsengel zu Maria sprechen. Die Begegnung mit dem Wesentlichen als letzte Stufe des inneren Schulungsweges Bild-Wort-Wesen, das die drei Teile des neuen wie auch des alten Testaments bildet, geschieht nicht in leicht-freudiger Stimmung, sondern durch die kaum zu ertragenden Leiden und Schmerzen, von denen das allgemeine Leben allerdings immer wieder reich genug ist. Denn die luziferische Versuchung zum Leichten und Schönen ergreift von Natur aus das zum Genuß neigende Menscheninnere und betrübt allmählich den Blick für das Wahrhafte. Wenn die Welt ihr wahres Gesicht wiederum zeigt, nachdem selbst hervorgerufene Katastrophen ahrimanischer Prägung eingetreten sind, kann der Mensch den Blick der Götter ertragen und selbst sich auf ihre Bewußtsseinsstufe erheben. Schmerz ist ja eine bewußtsseinsfördernde Einrichtung, soweit er mit der Wärme der Herzenserkenntnis gepaart ist. Nicht umsonst ist die Adventszeit unserer modernen Zeiten ein sinnlich-berauschter, lauter und unruhiger Jahrmarkt geworden, der durch die Verdrängung der wesentlichen, ernsthaft-wesenhaften Ebene der Existenz den Zugang der Herzen zum Göttlichen erschwert, ja gänzlich überdeckt. Somit werden die Katastrophen der Zukunft, die nur durch ungenügend geschultes Menschenbewußtsein sich ereignen müssen, im Keim vorbereitet. Die a-Moll-Ernsthaftigkeit hier bei Bach entspricht dem Spruch eines Angelus Silesius:

Mensch, werde wesentlich, denn wenn die Welt vergeht,
Da fällt der Zufall weg, das Wesen es besteht.

der fast nur E-Vokale enthält, den Laut des Zu-sich-selbst-Erwachens. Auch die heilig-heilende Sequenz „Hallelujah“, d.h.: „Ich reinige mich im Anblick der Gottheit“ folgt dem selben vierstufigen Weg der inneren Katharsis: Im Laut A wird dem Staunen beim Anblick des Salomonischen Tempels Ausdruck gegeben, im E dem Hören besonderer kultischen Worte durch die auserwählte Priesterschaft im Tempelinneren, im U dem Alleingang des Hohenpriesters zum Allerheiligen bei hohen Festtagen und schließlich im JA, dem Kürzel für den unaussprechlichen Namen Gottes „Jehovah“, der Antwort der lebhaft begegneten Gottheit am Altar. Jedes Ich geht auch diese vier Stufen zur Begegnung mit seinem höheren Selbst durch und gebiert sich nach jeder existentiellen Prüfung neu, wie eindrücklich in den „Interviews mit Verstorbenen“ durch Kübler-Ross geschildert: Nach vier Adventischen Wochen inneren Ringens kann die Geburt des inneren Kindes in jedem Menschen auf einer neuen Stufe erfolgen.

Eine Fuge im 3/4-Takt mit der Bezeichnung „Gai“ bringt etwas Atem in der Strenge des Kantatenanfangs bei den Worten:

Des sich wundert alle Welt,
Gott solch Geburt ihm bestellt.

Der Sinn für Gleichmut der Bachzeit verhindert an dieser Stelle, daß die Ernste des Angenblicks zur inneren Trübe werden möge. Der schwingende Dreiertakt läßt die Sphäre der Herzensmitte erscheinen, in welcher schließlich die Geburt des Kindes in 4 Wochen wird sich ereignen können. Aber zum Schluß des Satzes wird an die Strenge des Anfangs einrahmend wieder erinnert: Damit das zarte Weihnachtsgeschehen sich ereignen kann, muß die Krippe feste, sicher schützende Tore erhalten.

Das Tenorrezitativ fällt auch, wie die meisten Stücke dieser erstaunlichen Kantate, in zwei Teilen auseinander, da ein Arioso beim Text

Du kommst und läßt dein Licht mit vollem Segen scheinen

nicht anders kann, als den dogmatischen Ton der Predigt zu verlassen, um die Wärme des Herzereignisses ausdrücken.
Im 9/8-Takt folgt die Tenorarie im handfesten C-Dur, da im Text das Geistige sich mit der konkreten Erde vermählen soll:

Komm, Jesu, komm zu deiner Kirche
Und gib ein selig neues Jahr!

Ein ungewöhliches Baßrezitativ, eigentlich eine kleine Arie, folgt, in der statt die pbliche unerbittliche Strenge der Apokalypse die warme Milde einer Bitte erklingt:

Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. So jemand meine
Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich
eingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit
mir (Off 3, 20).

Wieder ein Dreiertakt folgt in der Altarie im dazu passenden, hellen G-Dur, die Wärme des Herzens erneut beschwörend:

Öffne dich, mein ganzes Herze,
Jesus kömmt und ziehet ein.

Beim Hören kann man eigentlich nicht erkennen, daß es sich um einen 3/4-Takt handelt. Bachs Kunstgriff schuf eine jenseits vom Metrum (und doch von der Kompositionstechnik her streng mit ihr übereinstimmende) völlig losgelöste Melodie, die eine Entrückung in einem wachen Geisteszustand andeuten mag. Im mittleren Arienteil wiederum begleitet ein 4/4-Takt die Erinnerung an Finsternis und Schwere der menschlichen Existenz:

Bin ich gleich nur Staub und Erde

bevor eine sinnlich wahrnehmbare Welle des Genusses sich bei der Vereinigung mit dem Göttlichen musikalisch ergießen kann:

O wie selig werd ich sein!

Und wie im ersten Satz der Kantate schließt die da capo-Arie mit der Anfangsstimmung im 3/4-Takt.
Für den Schlußchorsatz wird erstaunlicherweise weiter im erlösten G-Dur musiziert, anstatt in das trübe a-Moll zurückzukehren. Die gesamte Komposition stellt eine eindeutige Bewegung zum Licht hin dar: Der letzte Satz ist wie ein offenes Ende vor dem noch zu erwartenden Geburtsereignis der Menschheit, dem die ernste Fstenzeit noch vorangeht:

Amen, amen!
Komm, du schöne Freudenkrone,
bleib nicht lange! Deiner wart ich mit Verlangen.

Im Wochenspruch für den ersten Advent schickt schon der bevorstehende Weihnachtszauber erste Strahlen voraus: Es geht nach dem Prüfungsspruch 33, in dem es um den Tod ging, um Neues und Altes, Leben und Werden, Inneres und Äußeres, Eigenes und Weltmäßiges und das Wahrnehmungsorgan für diese verschiedenen Ebenen einer Schwellensituation ist nach wie vor das Gefühl:

Geheimnisvoll das Alt-Bewahrte
Mit neu erstandenem Eigensinn
Im Innern sich belebend fühlen:
Es soll erweckend Weltenkräfte
In meines Lebens Außenwerk ergießen
Und werdend mich ins Dasein prägen.

(Fortsetzung folgt.)

Alain Brun-Cosme

letzter Antrag am 3.12.2014

Anmerkungen:

1. Sprüche 1, 52, 26 und 27 bilden eine klar zu erkennende Einheit, dann „scherenweise“ durch den ganzen Kalender: Sprüche 2, 51, 25 und 28 usw. Eine ausführliche Literatur z. B. vom Heilpädadogen aus Camphill Karl König liegt zu diesem Thema wie zu anderen Aspekten dieses schier unübersichtlichen „Tempel des Wortes“ des Seelenkalenders vor.

2. Man kann von einem allgemeinen Muster in der Struktur bei Bachs Kantaten reden, obwohl gerade die Abweichung von diesem Muster zu den schönsten Erlebnissen gehört, die dem Zuhörer zuteil werden können. Auch beim Seelenkalender Steiners bilden oft die Ausnahmen die Regel und sorgen so für größte Beweglichkeit beim Lesenden oder Übenden.

3. Die Kantatenaufnahmen stehen in der Regel in der alten Stimmung, also ungefähr um einen halben Ton tiefer als heute. Trotzdem stehen die qualitativen Verhältnisse der Tonarten untereinander ungeändert, obwohl allgemein in einer etwas dumpferen, ruhigeren Stimmung getaucht, die mehr das Gemüt des Zuhörers anspricht als heute eher das wache Bewußtsseinszentrum des Gehirns durch die brilliantere aber nervösere, höhere Stimmung.

4. Heutigen Forschungen zufolge bringt die Erde wie jeder Planet eine Eigenschwingung hervor, deren Frequenz der eines urtiefen C entspricht: Die Erde als kosmisches Instrument ist in C gestimmt, was offenbar ältere Kulturen hellseherisch wahrnehmen konnten, die das C als Urton unseres Tonleitersystems wählten.