Es folgen hier die im Artikel besprochenen Textstellen aus der Gesamtausgabe Rudolf Steiners zum Thema Volksgeister und Sprachen. Dies sind hier nur Auszüge zur leichteren Orientierung für Studierende. Auf jeden Fall empfiehlt es sich dringendst, jeweils den ganzen Vortrag im Original zu lesen, da sonst manche aus dem gesamten Kontext herausgenommene Stellen immer wieder zu Mißdeutungen und Mißverständnissen führen können. Die hier hervorgehobenen Begriffe dienen nur zur Orientierung bei der gezielten Suche nach einem bestimmten Thema. Sie sind im Originaltext natürlich nicht vorhanden. Manche Themen wurden in mehreren Vorträgen mehr oder weniger ähnlich behandelt, obwohl der Gedankengang des Redners und die Art, wie ein bestimmtes Thema in einem Ganzen eingebettet wird, oft verschieden und daher als lesenswert erscheinen mögen.

 

 

aus dem Zyklus GA 64, Vortrag II (Der Zyklus wurde zwischen 1914 und 1915 gehalten)

…Ich habe mir im letzten Vortrage erlaubt, darauf aufmerksam zu machen, daß man sich in anderer Weise zum Deutschtum bekennt und rechnet, als die Angehörigen der andern Nationen sich zu ihrem Volkstum verhalten: man ist Russe, man ist Franzose, man ist Engländer, aber man wird immerfort Deutscher; das heißt, man sucht nach einem Ideal, das noch erhöhbar ist; man sucht etwas Höheres, als was in den gewöhnlichen Menschen lebt…

Emerson, der große Amerikaner, sprach über das Wesen des deutschen Volkes in der nach-Schillerschen, nach-Fichteschen Zeit die folgenden Worte…,indem er dasjenige sagte, was er über Goethe zu sagen hatte: «Eine Erscheinung vornehmlich, die Goethe mit seiner ganzen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des französischen wie des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten Erscheinung, …daß sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert. In England und Amerika respektiert man das Talent, allein man ist zufriedengestellt, wenn es für oder gegen eine Partei seiner Überzeugung nach tätig ist. In Frankreich ist man schon entzückt, wenn man brillante Gedanken sieht, einerlei, wohin sie wollen. In all diesen Ländern aber schreiben begabte Männer, soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie hervorbringen, den verständigen Leser an und enthält es nichts, was gegen den guten Ton anstößt, so wird es genügend angesehen. Soviel Spalten, soviel angenehme und nützlich verbrachte Stunden. Der deutsche Geist besitzt weder die französische Lebhaftigkeit noch das für das Praktische zugespitzte Verständnis der Engländer noch endlich die amerikanische Abenteuerlichkeit; allein, was er besitzt, ist eine gewisse Probität, die niemals beim äußerlichen Schein der Dinge stehenbleibt, sondern immer wieder auf die Hauptfrage zurückkommt: Wo will das hin? Das deutsche Publikum verlangt von einem Schriftsteller, daß er über den Dingen stehe und sich einfach darüber ausspreche.

Geistige Regsamkeit ist vorhanden: wohlan: wofür tritt sie auf? Was ist des Mannes Meinung? – Woher? — woher hat er alle diese Gedanken?»

…«Die Engländer sehen nur das Einzelne und wissen die Menschheit nicht nach höheren Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen … Die Deutschen denken für Europa.»

«… Die Engländer ermessen die Tiefe des deutschen Genius nicht.»

«Aus diesem Grunde sind die in der höheren Konversation gebräuchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen Ursprunges. Während die ihres Scharfsinns und ihrer Gelehrsamkeit wegen mit Auszeichnung genannten Engländer und Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewissen Oberflächlichkeit ansehen und ihr persönlicher Charakter mit dem, was sie ergriffen haben, und mit der Art, wie sie sich darüber ausdrücken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange steht, spricht Goethe,»

– Emerson spricht hier in Anknüpfung an die deutsche Nation, wenn er auch über Goethe spricht — «das Haupt und der Inhalt der deutschen Nation, nicht weil er Talent hat; sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen in seiner Seele und leuchtet aus ihr heraus. Er ist weise im höchsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, was er sagt, er hat etwas im Auge dabei, das noch besser ist… Er hat jene furchterweckende Unabhängigkeit, welche aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt.»

 

aus GA 64, Vortrag IV

…Der Geistesforscher erlebt bewußt dieses Untertauchen in den physischen Leib. Wie er es dahin bringt, dasjenige in sich bewußt zu erleben, was im Schlafe unbewußt ist, so erlebt er auch die Art, wie die Seele, wenn sie wieder in den Leib untergetaucht ist, in diesem Leib lebt. Und er weiß: wie die Seele im Schlafe in ihrem Bewußtsein getrübt ist, so ist sie, wenn sie untergetaucht ist in den Leib und in diesem lebt, man könnte sagen, wacher, als sie durch ihre eigenen Kräfte sein kann. Wie sie im Schlafe in ihrem Bewußtsein dumpfer ist, als sie durch ihre eigenen Kräfte sein könnte, wegen der in ihr vorhandenen Begierde, so ist sie während des Tageslebens wacher, heller, durchleuchteter, als sie es durch eigene Kraft sein könnte. Durch ihr Untertauchen in den Leib kann sie teilnehmen an dem, was sie im Leibe erleben kann; aber es gibt dieses Untertauchen ein wacheres Erleben als durch die Kraft, welche sich die Seele selbst mitbringt.

Da zeigt sich dann dem Geistesforscher die Wahrheit des Satzes, daß alles, was uns in der äußeren Welt als bloß physisch entgegentritt, vom Geistigen durchdrungen ist, daß in allem Physischen im Grunde genommen Geistiges lebt. Und wie der Mensch in sein inneres Seelenlicht eindringt, so taucht er unter in seinen Leib und weiß, daß er nicht bloß Leib ist, sondern daß er durchgeistigt und durchseelt ist; und in dem Seelenhaften, das er wahrnimmt, indem er in seinen Leib untertaucht, ist das, was ein wirkliches — nicht nur persönliches, sondern was ein überpersönliches Geistesleben führt, was wir nicht antreffen, wenn wir in demjenigen aufleben, was wir zwischen Einschlafen und Aufwachen durchleben, in welchem wir aber aufleben, wenn wir in den Leib untertauchen. Wir treffen in unserem Leib unter vielem andern Geistigen dasjenige an, was Volksseele genannt werden kann. Diese Volksseele durchgeistigt, durchseelt unsern Leib. Mit unserm Leib ist uns nicht nur körperliche Materialität gegeben; sondern mit unserm Leib, den wir zwischen Geburt und Tod als unser Werkzeug benutzen, ist uns auch das gegeben, was unsern Leib durchseelt, und was nicht einerlei ist mit unserer eigenen persönlichen Seele. Was sich mit unserer eigenen persönlichen Seele vereinigt, indem wir in den Leib untertauchen, das ist das, was Volksgeist, Volksseele ist. Wir verlassen gewissermaßen jedesmal mit dem Einschlafen auch die Wohnstätte der Volksseele, der wir angehören. …

Nur sind die Volksseelen in anderer Art von Bewußtsein durchdrungen als die einzelnen Menschenseelen;  und damit wir uns eine Vorstellung machen können, wie andersartig diese Volksseele ist, sei in folgender Weise darauf aufmerksam gemacht. Der Mensch steht, indem er sich der äußeren Wirklichkeit gegenübersieht, ihr so gegenüber, daß er je nach seiner ganzen Charakteranlage, je nach der ganzen Nuancierung seines Seelenlebens sich entweder in der Beobachtung der Dinge gleichsam hingegeben hat an das Gegenständliche der Außenwelt, oder er lebt so, daß er wenig Neigung hat, den Blick über den Horizont der Außenwelt zu lenken, daß er mehr mit dem, was in der eigenen Seele lebt, was dort auf- und abwogt, zusammenleben will. Dieser Gegensatz tritt uns ja entgegen, wenn wir unsern Blick auf Goethe und Schiller richten. Goethes Denken, das man ein «gegenständliches» mit Recht genannt hat, ruht auf den Dingen, verbreitet sich über die Dinge; das lebt so, daß Goethe mit den Dingen lebt und gleichsam ihre Geistigkeit einatmet, wie eine geistige Atemluft. Schillers Blick war so, daß er weniger auf den Umkreis der Dinge gerichtet, sondern mehr der Seele selbst zugekehrt war, dem, was da innerlich pulst, auf- und abwogt. Das, was durch die Geschichte hinlebt als Volksseele, das ist so geartet, daß für diese Volksseele nicht die Außenwelt da ist, die für die einzelne Menschenseele da ist. Wie für uns die Dinge in der Natur ringsherum da sind, so sind wir selber für die Volksseele da. Unsere Seelen, die immer beim Aufwachen in die Leiber einziehen, sind gleichsam die Beobachtungsobjekte der in uns einziehenden Volksseele, wie die Gegenstände der Natur unsere Beobachtungsobjekte sind. Indem wir in den Leib untertauchen, werden wir – man kann nicht sagen – erblickt, aber willensmäßig durchpulst von der Kraft und Tätigkeit der Volksseele. Die Volksseele richtet sich auf uns.

Aber nun kann der Unterschied eintreten, daß sich die Volksseele mehr auf das richtet, was in den Leib einzieht als in die individuelle Menschenseele. Es kann gleichsam – wie ich es an dem Beispiel der individuellen Menschenseele bei Goethe klargemacht habe in bezug auf die Natur — der Willensimpuls der Volksseele in uns mehr die Einzelseele ergreifen, kann mehr sich hingeben der Einzelseele; oder es kann die Volksseele mehr in sich leben, wie ich es an Schiller erläutert habe, kann mehr dem leben, was sie als ihr eigenes Gut mit Hilfe der menschlichen Leiblichkeit erleben kann. So sehen wir ein Persönlichkeitsbewußtsein in der Volksseele, für das gleichsam unsere Seelen das sind, was die Natur für uns ist. -Noch manches andere könnte in Anlehnung an gewisse Eigentümlichkeiten der menschlichen Seele über die Volksseelen und ihre Eigenartigkeiten gesagt werden. Aber man wird begreifen: so wie die einzelnen menschlichen Seelen mannigfaltig verschieden sind, sich mannigfaltig verschieden zur Welt verhalten, je nachdem mehr oder weniger der Blick nach innen oder nach außen der Seele eingeprägt ist, so werden sich auch die Volksseelen in verschiedener Weise zu den Menschenseelen, die sie in den Völkern umfassen, verhalten können. Und die Art und Weise, wie sich die Volksseelen zu den einzelnen Menschenseelen verhalten, das gibt den Verlauf der Geschichte, gibt den Verlauf dessen, was eigentlich geschieht. So nuancieren sich die Volksseelen, so leben sie unsichtbar in dem, was wir menschliche Geschichte nennen. Und ich möchte nun – wenigstens für einige wirklich reale Volksseelen — darzustellen versuchen, was die Geistesforschung über das Wesen der Volksseelen zu sagen hat. Diejenigen der Zuhörer, welche die für engere Kreise berechneten Vorträge gehört haben, werden wissen, daß eine solche Darstellung nicht erst durch den großen Moment der Zeit herausgefordert ist, sondern daß ich diese Dinge immer in der gleichen Weise als Ergebnis der Geistesforschung über die Volksseelen vorgebracht habe — viele Jahre hindurch, bevor die Impulse der gegenwärtigen Zeit die Seelen neuerdings hinlenken, das, was in den Völkern lebt, genauer ins Auge zu fassen.

Wenn wir die Volksseelen betrachten, wie sie sich in der Geschichte ausleben, so könnten wir weit in der Menschheits-entwickelung zurückgehen, so wie diese Menschheitsentwickelung durch die Geistesforschung enthüllt wird. Wir wollen nur bis zu dem Punkte in der Weltentwickelung der Menschheit zurückgehen, der gewissermaßen das, was uns heute am meisten interessieren wird, für die Gegenwart noch aufzuhellen geeignet ist. Eine besondere Art der Volksseele können wir verfolgen, wenn wir bis in das alte ägyptische Leben zurückgehen, das verwandt war mit dem alten chaldäisch-babylonisch-assyrischen Leben, zu jenem Leben, welches dem griechischen, dem römischen Leben in der Menschheitsentwickelung vorangegangen ist. Der Geistesforscher spricht nun von wirklichen Volksseelen, die sich in dem, was ägyptisch-chaldäisch-assyrisch-babylonisches Leben war, so auslebten, wie sich im menschlichen Körper die individuelle Seele auslebt. Nicht nur symbolisch spricht man davon, daß diese Volksseelen Organismus und Persönlichkeit haben; sondern so wahr im einzelnen menschlichen Leibe eine persönliche, selbstbewußte Seele sich auslebt, so wahr lebt sich in dem, was sich geschichtlich in den Ereignissen innerhalb der Völker vollzieht, eine im Übersinnlichen erfaßbare, wirklich selbstbewußte Volksseele aus in der Art, wie es angegeben ist; so daß man bewußt in diese Volksseelen untertaucht, wenn man die Seele für die Bewußtheit vorbereitet, so wie es gestern angegeben worden ist.

Das Eigenartige nun der Volksseelen, die dem ägyptischen, dem babylonisch-assyrisch-chaldäischen Leben zugrunde lagen, ist, daß diese Seelen in hohem Maße – wie es höchstens nur noch annähernd im asiatischen, afrikanischen Volksleben vorhanden ist – ein eigenes Leben führten, so daß man sagen kann, daß sich die Volksseelen wenig den individuellen Einzelseelen der Menschen hingaben. Die individuelle Einzelseele der Menschen, indem sie ihr Leibesleben führte, identifizierte sich in einer gewissen Auslöschung der Individualität mit dem, was die Volksseele war. Die Volksseele lebte sich viel mehr aus in dem, was die Menschen vollbrachten, als sich die einzelnen Menschen ausleben konnten. Und das bedingt das Eigenartige der ägyptischen und der chaldäisch-babylonisch-assyrischen Kultur.

Von den Volksseelen zeigt die Geisteswissenschaft, daß sie, weil sie im Unsichtbaren leben, verwandt sind mit aller Geistigkeit, die alle Materialität durchzieht. Indem sich der Mensch in der neueren Zeit mehr in seine Seele zurückgezogen hat, ist ihm die Natur erst der andere Pol dazu geworden, das, was wie «entseelt» dasteht, was sich ihm nicht überall als von Geist und Seele durchzogen zeigt. Wenn der alte Ägypter, wenn der alte Chaldäer die Welt ansah, dann sah er noch in einem viel höheren Maße, als das später der Fall sein konnte, in dem Gang der Gestirne, in der Bewegung der Himmelskörper, auch in den Bewegungen, die sich in Wolken und Wasser abspielen, in dem Entstehen des Landes aus dem wäßrigen Elemente heraus – überall sah er den Ausdruck für das Geistige im Materiellen. So wie der Mensch, wenn er einem andern ins Gesicht blickt, in den Bewegungen und Veränderungen des Gesichtes den Ausdruck der Seele sieht, so sah der in der geschilderten Weise mit seiner Volksseele vereinigte Ägypter und Chaldäer in dem, was man heute «astrologisches» Ansehen der Welt nennt, ein Ergebnis davon, wie aus allem Äußeren, aus allem Materiellen die Physiognomie des Innern, des Geistigen spricht. So wurde der Himmel, so wurde die ganze Welt durchseelt; oder vielmehr, indem die Volksseele noch in dem Menschen sprach, sah dieser durch alle Gesten der Natur, durch alle äußere Physiognomie der Natur hindurch ein Geistiges.

Darin gerade bestand nun der innere Fortschritt der Menschheit, daß im Laufe der Zeit an Stelle des Wirkens der ägyptischen und der chaldäischen Volksseele die griechische und die römische Volksseele traten. Die griechische, die römische Volksseele unterscheiden sich von der ägyptischen und chaldäischen dadurch, daß sie weniger mit sich selbst beschäftigt sind, daß sie sich liebevoll hingeben der menschlichen Individualität. So dämmert zum ersten Male in dem Griechentum das auf, was man charakterisieren kann als eine Bewahrung der menschlichen Individualität, auch wenn diese in den Schoß der Volksseele untertaucht; und ein Ergebnis dieser besonderen Beziehung der Einzelseele zur Volksseele ist alles das, was an Größe in der Kunst, in der Dichtung, in der Philosophie die griechische Volksseele hervorgebracht hat.

Ich muß nun, damit diese Betrachtung völlig verständlich sein kann, kurz einen Blick einschalten auf die einzelne menschliche Seele. Die Geisteswissenschaft ist schon einmal nicht in der Lage, sich diese menschliche Seele so primitiv, so einfach vorzustellen, wie dies die äußere Wissenschaft tut. Für den Geistesforscher ist die menschliche Seele zwar eine lebendige Einheit, die sich im Ich-Leben auslebt. Aber so wahr wie das Licht durch das Prisma sich gleichsam in verschiedene Farben gliedert — vom Rot, Gelb durch das Grün zum Blau, Violett hin -, so gliedert sich im Menschen durch das Zusammenleben mit der äußeren Wirklichkeit, die gleichsam das «Prisma» der Menschenseele ist, das einheitliche Seelenleben der Menschen in drei – man möchte sagen – hauptsächlichste Äußerungen. Diese bezeichnet man in der Geisteswissenschaft als Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und als Bewußtseinsseele. Es ist leicht, kinderleicht, über solche Gliederung der Menschenseele zu spotten, vom System jener Wissenschaft her zu spotten, die da glaubt, auf dem wahren Boden echter Wissenschaftlichkeit zu stehen. Aber ebenso wahr wie man zur Erkenntnis des Lichtes nicht kommen kann, ohne das Licht im Verhältnis zur Materie des Prismas zu betrachten und es sich spalten zu sehen in die ganze Skala der Regenbogenfarben, ebensowenig kommt man zur Erkenntnis der einzelnen Seele, wenn man nicht das Seelenlicht sich spalten sieht im Verkehr mit der Außenwelt in die einzelnen Strahlen des Seelenlichtes: in den Strahl der Empfindungsseele, in denjenigen der Verstandes- oder Gemütsseele und in den der Bewußtseinsseele. Schauen wir auf die Empfindungsseele, so müssen wir sagen: die Seele entwickelt sich als Empfindungsseele, wenn sie mehr in ihrem Innern lebt, wenn gleichsam ihre eigenen Seelenkräfte, auch wenn sie im Leibe leben, sich von der Außenwelt loszulösen versuchen. Wie bei dem durch das Prisma zerlegten Licht das stärkere Licht im Gelb-Roten lebt, so lebt die Seele in der Empfindungsseele ein stärkeres Seelenleben aus. Die Bewußtseinsseele dagegen lebt sich so aus, wie sich das Licht auslebt da, wo es am meisten geschwächt wird, wo es der Finsternis ähnlich wird: im Blau-Violett. So lebt sich die Bewußtseinsseele in den Erlebnissen aus, welche mehr sich loslösen von dem seelischen Innenleben, welche mehr dasjenige erleben, was ihnen der Körper durch seine Kräfte und Eigentümlichkeiten geben kann. Und zwischen beiden, zwischen der Bewußtseinsseele und der Empfindungsseele, die eigentlich das seelische Leben mit seinen Trieben, Instinkten, Leidenschaften und Impulsen in sich hat, unberührt von der Bewußtseinsseele, die ganz und gar waltet in ihrer Gebundenheit an den Leib -, zwischen beiden lebt die Verstandes- oder Gemütsseele, lebt ein Leben, welches sich zum gesamten Seelenleben etwa so verhält, wie sich das zwischen dem Rot und Violett stehende Grün verhält auf der einen Seite zu dem Rot-Gelben und zu dem Blau-Violetten auf der andern Seite. Wie der Physiker nicht hinter die Natur des Lichtes kommen kann, ohne das Licht in seine Farben auseinanderzulegen, so kann der geisteswissenschaftliche Forscher nicht zur Erkenntnis des menschlichen Seelenlebens kommen, wenn er es nicht in die einzelnen prismatischen Strahlen der Empfindungsseele, der Verstandesoder Gemütsseele und der Bewußtseinsseele auseinanderlegt.

Dieses Auseinanderlegen des Seelenlebens in die einzelnen Strahlen lebt sich aber nicht überall, an allen Orten, in der gleichen Weise aus. Und hier muß wieder darauf aufmerksam gemacht werden, daß der Mensch nicht überall über die Erde hin in gleicher Weise von Leben zu Leben geht. Es ist schon öfter hier gesagt worden, daß die Seelen, welche heute erschienen sind, auch in ihren früheren Leben durchgemacht haben zum Beispiel die ägyptisch-chaldäisch-babylonische Zeit und die griechisch-römische Zeit, und so Gelegenheit gehabt haben, die verschiedenen früheren Kulturen zu durchleben. Aber innerhalb des geschichtlichen Werdens lebt sich die Menschenseele nicht überall in der gleichen Weise aus. Sondern man muß sagen: das Ausleben der Seele hängt davon ab, wie die Seele, wenn sie in den Leib untertaucht, zu den Ansprüchen stehen kann, wie sie zum Beispiel die Volksseele macht. Eine solche Volksseele, wie sie zum Beispiel im alten Agyptertum, im alten Chaldäertum vorhanden war, die ist besonders günstig der Entwickelung der menschlichen Empfindungsseele; so daß wir eigentlich das kraftvollste Ausleben der Empfindungsseele bei den menschlichen Individualitäten innerhalb der alten ägyptischen, der alten chaldäisch-babylonischen Zeit haben. Die besondere Art, wie diese Volksseelen in sich beharrten und den Leib zubereiteten, war so, daß sie den Leib durchdrangen mit ihrer Wesenheit, so daß bei jenen Völkern durch die Rassenkonstitution des Leibes die Seele nach der Nuance der Empfindungsseele sich ausleben konnte. So sehen wir, wie das kräftigste, das intensivste Ausleben der menschlichen Individualität in der Empfindungsseele unter dem Einfluß der ägyptischen, der chaldäischen Volksseele geschieht.

Wenn wir in der geschichtlichen Entwickelung nun heraufsteigen zur griechischen und dann zur römischen Kulturentwickelung, die einander in gewisser Beziehung ähnlich sind, obwohl sie in anderer Weise Gegensätze sind, so finden wir, daß sie der einzelnen Menschenseele gestatten, insbesondere das zur Ausbildung zu bringen, was man die Verstandes- oder Gemütsseele nennt. Das Leben der Verstandes- oder Gemütsseele lebt sich dar in der griechischen Kunst und Dichtung, lebt sich dar im römischen Rechtsleben als in dem, was nicht von der einzelnen Individualität abhängig ist, sondern von dem Hereinleben der Volksseele in die griechischen und römischen Leiber zustande gekommen ist. So haben wir im Grunde genommen in historischer Zeit drei, durch die Volksseelen scharf voneinander getrennte Entwickelungsgebiete der Geschichte: wir haben die Arbeit der ägyptischen, der chaldäischen Volksseele so, daß die Menschenseelen, welche damals von neuem in Leibern erschienen, besondere Gelegenheit hatten, ihre Empfindungsseelen auszubilden; im griechischen und römischen Leben sind die Volksseelen so geartet, daß die einzelnen menschlichen Individualitäten ihre Verstandes- oder Gemütsseele zum Ausleben bringen konnten; und jetzt leben wir in einer Zeit — aus der Geistesforschung ergibt sich als der Beginn dieser Zeit das fünfzehnte, sechzehnte Jahrhundert —, in welcher die Menschheitsentwickelung Gelegenheit hat, besonders die Bewußtseinsseele auszuleben. Das Ausleben dieser Bewußtseinsseele wird durch die Volksseelen der Gegenwart besonders begünstigt. Aber diese Zeit, welche die unsrige ist, muß uns besonders interessieren. Denn im allgemeinen hat unser Zeitalter die Aufgabe, die Bewußtseinsseele auszubilden. Das heißt, die Volksseelen stellen sich die Aufgabe, die Leiber so zu durchdringen, daß die Seele, indem sie in dem Leib lebt, durch diesen die Möglichkeit hat, sich an den Leib zu binden, daß sie den Leib möglichst als ein der Seele dienendes Werkzeug benutzt. Daher ist unsere Zeit diejenige, welche die äußere Wissenschaft, die äußere Beobachtung ausbilden konnte. Weil in dem Zeitalter der Ausbildung der Bewußtseinsseele in viel höherem Maße, als es früher der Fall war, die Seele an den Leib gebunden ist, entstand in unserem Zeitalter der Drang und die Neigung, die äußere Sinneswirklichkeit zu beobachten, mit welcher der Leib durch die Sinne zusammenhängt; es entstand der Drang, Wissenschaften, Kulturströmungen zu begründen, die vorzugsweise auf das Zusammenleben der Seele mit dem Leibe abzielen. Man durchschaut als Geistesforscher als ein Berechtigtes der neueren Zeit die Entwickelung der Bewußtseinsseele, das Heraufkommen des Materialismus, das Hinausschauen durch den Leib in die Welt der Sinnesdinge und der Sinnestatsachen. Wiederum aber ist das, was so, ich möchte sagen, als die Hauptfarbe ausgegossen ist über das Leben der modernen Völker, nuanciert. Und die Nuancen werden dargestellt durch das Leben der einzelnen Volksseelen dieser neueren Zeit. Hier ist es nun interessant, vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus wenigstens einige dieser Volksseelen einmal vor den Seelenblick hinzustellen.

Da haben wir, wenn wir ein Beispiel wählen wollen, die Volksseelen der südlichen Völker: die italienische, die spanische Volksseele. Indem der Geistesforscher sich in das zu versenken versucht, was das Wesen der italienischen, der spanischen Volksseele ist, dieser wirklichen, lebendigen Wesenheiten, ist er gezwungen, Rücksicht zu nehmen auf ein Gesetz der Weltentwickelung, das in der äußeren Wissenschaft wenig bekannt ist und wenig geschätzt wird. Gestern aber ist auf dieses Gesetz von einem andern Gesichtspunkte aus schon hingewiesen worden. Es ist gesagt worden: wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist, also im Grunde genommen in die übersinnliche Welt eingetreten ist, und in den höheren Wesenheiten auflebt, dann steht er in bezug auf das, was er im Leibe erlebt hat, zu diesen übermächtigen Wesenheiten so, wie er hier zu seinen Erinnerungen gestanden ist. Er blickt zurück zu seiner leiblichen Verkörperung, und das gibt ihm «Selbstbewußtsein», wie ihm im Leibesleben morgens beim Aufwachen das Untertauchen in den physischen Leib Selbstbewußtsein gibt. So sehen wir, wenn wir in die geistige Welt aufsteigen, wie für den Zeitenlauf ein ähnliches Verhältnis eintritt, wie es zwischen Seele und Leib für die Raumeswelt vorhanden ist. Mit unserm Leib sind wir räumlich verbunden: für unsere Seele stellt sich ein Verhältnis heraus, das zeitlich ist. Wir leben, wenn wir geistig geworden sind, nachdem wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, mit unseren Erinnerungen zusammen. Dieses Zusammenleben mit den Erinnerungen im Geistigen ist dasselbe wie das Zusammenleben des Leiblichen mit dem Seelischen im Physischen. Das führt uns zu dem Gesetz der Periodizität im Geistigen. Was wir selbst durchmachen, indem wir uns zum Geistigen erheben, ist Gesetz für die geistigen Welten. Die geistigen Wesenheiten erleben nicht nur jene Aufeinanderfolge im rhythmischen Verlauf, die wir erleben zwischen Schlafen und Wachen, sondern sie erleben verschiedene Bewußtseinszustände innerer Erlebnisse in der Periodizität der Zeiten. Dann nur versteht man das Walten der Volksseelen, wenn man auf. dieses Gesetz wirklich in entsprechender Weise reflektieren kann. Studiert der Geistesforscher zum Beispiel die italienische Volksseele – bei der spanischen ist es ähnlich -, dann erscheint ihm da etwas, was mit seinem Bewußtsein zurückblickt in die alte ägyptisch-chaldäische Zeit. Wie der Mensch sein Bewußtsein, sein Selbstbewußtsein im physischen Dasein angefacht erhält durch das Untertauchen in den Leib, wie er sein Selbstbewußtsein nach dem Tode durch den Rückblick auf seine Erdenerlebnisse erhält, so besteht ein Wechselverhältnis zwischen dem, was als Volksseelentum im italienischen Volke auftaucht, mit dem ägyptisch-chaldäischen Volksgeist. Der italienische Volksgeist blickt zurück auf seine Erlebnisse als ägyptisch-chaldäischer Volksgeist; er taucht mit seiner Seelenwesenheit unter in den ägyptisch-chaldäischen Volksgeist, wie wir beim Aufwachen in den Leib untertauchen, wenn wir unser Selbstbewußtsein erhalten. Das Gesetz der Periodizität herrscht, rhythmisch abgestuft, in der Folge zwischen dem, was im alten ägyptisch-chaldäischen Leben der Volksgeist bewirkte, und was der Volksgeist im Italienertum auslebt, bis in unsere Gegenwart herein. Was die Geisteswissenschaft, rein aus der Geistesforschung heraus, auf diese Weise ableitet, das bewahrheitet sich — man möchte sagen — bis in alle Einzelheiten, wenn man den Blick auf die Art richtet, wie sich der Volksgeist auslebt, in den jede einzelne Menschenseele eingebettet ist. Aber die Zeit ist fortgeschritten. Der Volksgeist hat nicht die Eigentümlichkeiten behalten, wie er sie im alten ägyptisch-chaldäischen Leben hatte. Im Laufe der Entwickelung – darauf ist schon aufmerksam gemacht worden – hat sich die Seele verinnerlicht; daher tritt ihr die Natur jetzt als etwas entgegen, was ihr nicht mehr in derselben Weise durchgeistigt erscheint wie in der ägyptisch-chaldäischen Zeit. Was die Seele im alten Ägyptertum, im alten Chaldäertum unter dem Einfluß der Volksseele erleben konnte, das erlebt wie in einem Wiederaufleben desselben Volksgeistes die italienische Volksseele — aber verinnerlicht. Und wie könnte uns das klarer zutage treten, als wenn wir hinblicken auf eine der größten Schöpfungen des italienischen Geisteslebens? Müssen wir nicht vermuten, daß eine solche Schöpfung, wie sie sich im Ägypter-tume herausstellt als die Anschauung der Himmelskörper draußen in der Welt, uns im italienischen Leben wieder entgegentritt, nur mehr verinnerlicht, mehr seelisch, mehr hereingenommen in die menschliche Individualität? Das müssen wir vermuten in der Geisteswissenschaft; die Wirklichkeit bietet es uns dar in Dantes «Göttlicher Komödie». Was der Ägypter als Durchgeistigung der ganzen Welt geschaut hat, Dante schafft es wieder, aber jetzt verinnerlicht. Das alte Volksseelen-tum lebt wieder auf, erlebt eine Erinnerung an frühere Zeiten. In dem Zusammenwirken seelischer Wesenheiten im ägyptisch-chaldäischen Volksgeist und im italienischen Volksgeist sehen wir, wie sich abspielt das innerliche Überpersönlichkeitsbewußtsein der Volksseele. Ein Wiederaufleben, eine Art rhythmischer Wiederholung des alten ägyptischen Volksgeistes ist die italienische Volksseele. Und dieses Aufleben ist nun wieder, wenn auch in verinnerlichter Weise, besonders günstig der Empfindungsseele der einzelnen menschlichen Individualität, die im Schöße dieser Volksseele lebt. Wie während der ägyptisch-chaldäischen Zeit die Empfindungsseele sich besonders unter der Gunst der Volksseele entwickeln konnte, so erlebt sich erneut als Empfindungsseele, aber jetzt verinnerlicht mit einer neuen Farbennuance, die Seele in der italienischen Volksseele. Und so sehen wir die Volksseele darlebend, daß sie bei denjenigen Menschenindividualitäten, auf die sie gerichtet ist, wie die Menschenseele auf die Natur gerichtet ist, hervorruft alle Kräfte der Empfindungsseele. Man wird alles, was Italien an großartigen Schöpfungen hervorgebracht hat, die in der menschlichen Empfindungsseele wurzeln, begreifen, wenn man weiß, wie die Volksseele in dem italienischen Leibe wirkt. Man wird bis in die Einzelheiten hinab das Wirken Raffaels, das Wirken Michelangelos begreifen, insofern ihr Wirken aus dem Wirken der Volksseele heraus ist, wenn man weiß, welche Nuance die einzelne menschliche Seele einnehmen muß unter dem Einfluß der Volksseele. Empfindungsseelenkultur ist die italienische Kultur unter dem Einfluß der Volksseele.

So hat jede Volksseelenkultur ihre besondere Mission; so wird ihr auferlegt, gleichsam mit besonderer Intensität, mit besonderer Durchkräftigung eine besondere Nuance des Seelenlebens zum Ausleben zu bringen. Das hat nichts zu tun mit der Entwickelung der einzelnen individuellen Seele. Aber die Volksqualität, in die sich die einzelne Seele zu einer gewissen Zeit einlebt, stellt sich so dar, daß sie mit besonderer Intensität eine besondere Farbe des Seelenlebens zur Entwickelung bringt.

Ebenso wie – ich bitte das, was ich auseinanderzusetzen habe, ganz ohne die Gefühle von Sympathie und Antipathie, rein als wissenschaftliche Darstellungen anzusehen —, ebenso wie in der italienischen Volksseele die alte agyptisch-chaldäische Volksseele auflebt und ausprägt, was sie früher schon ausgeprägt hat, nämlich den Empfindungsseelencharakter, so lebt sich in der französischen Volksseele das alte Griechentum aus, nuanciert durch das Römertum. Nur lebt sich das Griechentum in einer solchen Form aus, daß die Seele, welche im Schöße des französischen Volkes als individuelle Seele lebt, weniger das Leibliche durchdringt, sich freier von dem Leiblichen macht, als es während der griechischen Zeit der Fall war. Und wie die griechische Volksseele besonders günstig war dem Ausleben der Verstandes- oder Gemütsseele, so wird beim Wiederaufleben des Griechentums in der französischen Volksseele wieder besonders die Verstandes- oder Gemütsseele gepflegt. Nun aber ist es so, daß der innere Bewußtseinszustand dieser Volksseele darauf beruht, daß eine Art Erinnerung im Bewußtsein der französischen Volksseele sich abspielt, die zurückblickt auf das, was in der griechischen, in der römischen Volksseele durchgemacht worden ist. Es ist schwierig, aber wirklich für den wahren Verlauf der Geschichte von unendlicher Wichtigkeit, in dieser Weise auf die innere Struktur und die Eigentümlichkeit dessen hinzublicken, was sich im Volksseelengemüt, im Volksseelenbewußtsein abspielt. Verstandes- oder Gemütsseele — das ist dasjenige, was insbesondere der französischen Volksseele eigen ist. Im Griechentum hat sie in der Losgerissenheit vom Leibe diesen noch als äußere Schönheit geformt, als Seelisches, was uns noch im Körperlichen erscheint. Bei der Verinnerlichung im Franzosentum erscheint diese Volksseele uns in anderer Form. Nicht mehr geht dasjenige, was Volkstum ist, unmittelbar über in Leibesform, in Raumesform, wie beim Griechen in seiner Plastik, sondern es lebt sich aus in einem ätherisierten Leibe, der ein Gedankenleib nur bleibt, der nur innerlich vorgestellt wird. Darauf beruht im Grunde genommen der ganze Grundcharakter der französischen Volksseele. Sie nimmt die menschlichen individuellen Seelen so in ihren Schoß auf, daß sich diese gezwungen fühlen, ihre inneren Kräfte so zu entwickeln, daß sich diese in der Außenwelt kräftig vorstellen. Wie stellt man sich in der Außenwelt kräftig vor? Wenn der Volksgeist nicht, wie es im Griechentum der Fall war, plastisch ausleben kann, was vom Geist in den Leib übergeht, dann kommt es zum bloßen Bilde dessen, was der Mensch in seiner Phantasie ausgestaltet von dem, was als Geist im Leibe ist. Daher kann die französische Volksseele sich nur ein innerliches Bild vom Menschen machen, ist geeignet, auf dasjenige am meisten zu geben, was man von sich ausmalt in der Welt, als was man sich vorstellt, was man sein will in der Welt: das, was man immer genannt hat seine Gloire, was man von sich selber in seiner Phantasie trägt.

Das ist der Grundcharakter des Franzosentums aus seiner Volksseele heraus. Daher kommt es diesem Franzosentum darauf an, diese Vorstellung der Welt aufzudrängen, was die Volksseele in der Phantasie des einzelnen Geistes geschaffen hat. So arbeitet die Verstandes- oder Gemütsseele in Bildern, die sie sich in der einzelnen Individualität macht. Wir dürfen daher vermuten, daß die besondere Größe dessen, was die Einzelseele unter dem Einfluß der Volksseele sein kann, sich in demjenigen zeigt, wo die Volksseele ganz besonders in der Verstandes- oder Gemütsseele zur Entwickelung kommen kann.

Sie lebt sich ganz besonders aus in den Schöpfungen der einzelnen menschlichen Seelen, die für sie die Werkzeuge sind, wo das von dem Verstände belebte Gemüt sich in die Erscheinungen der Welt vertieft. Das vom Verstände belebte Gemüt hat die Tendenz, die Eigentümlichkeit, sich frei zu machen und frei zu schalten. Das wird sich besonders zeigen auf dem Gebiete, wo man frei schaltet mit dem Verstände, mit dem Gemüt. Daher erscheint die französische Kultur auf ihrer Höhe, wo dies besonders der Fall sein kann: auf der einen Seite in Molière, auf der anderen Seite in Voltaire — in Voltaire der von dem Gemüt durchsetzte trockene Verstand, in Moliere das von dem Verstand getragene Gemüt. Da erscheint uns eine Volksseele in ihrer besonderen Charakteristik, wo wir hin-blicken auf Äußerungen dieser Volksseele, die ihr unmittelbar so entsprechen, daß sie das geben, was die einzelne individuelle Seele als ihre Farbe herausentwickeln kann. Und wie bei alledem die ganze französische Kultur etwas ist wie eine Rückerinnerung an das Griechentum, das kann derjenige hinlänglich studieren, der sich ein wenig einläßt auf den inneren Verlauf der französischen Kultur.

Sehen wir uns in dieser Beziehung die französischen Dichter an als die Nuancierung der französischen Volksseele, so finden wir überall, daß die Volksseele – nicht der einzelne Franzose — zurückblickt auf das Griechentum. In dem, was der einzelne Franzose tut und dichtet und denkt, kommt dieses Zurücksehen auf das Griechentum zum Ausdruck. So sehen sie zurück, daß immer gefragt wird: Was haben die Griechen getan, um ein richtiges Drama zustande zu bringen? Was hat Aristoteles darüber gesagt, wie ein richtiges Drama beschaffen sein muß? Da entstehen die Diskussionen über die Einheitlichkeit des Dramas in Ort und Zeit. Das wirkt sogar noch auf Lessing zurück. Das Drama will man so machen, daß es dem Ideale des griechischen Dramas entspricht. – Und man möchte sagen: was die Geistesforschung wirklich erfühlt, das zeigt sich bis in die einzelnsten Nuancen hinein. Der Grieche sprach von dem Griechen – wenn er also von sich sprach -eigentlich so, daß er vollbewußt sich selber eigentlich als den Repräsentanten der Menschheit hinstellte. Alle andern waren (für den Griechen «Barbaren». Das hatte für den Griechen eine besondere Berechtigung, weil er im idealen Sinne die Durchdringungen des Geistes in der äußeren Form hatte. Aber das lebt nun auf in der Rückerinnerung in der französischen Volksseele. Da taucht es wieder auf; aber weil es eine «Erinnerung» ist, und nicht jede Erinnerung ihre Berechtigung hat – denn es taucht auch manche Erinnerung auf, die nicht mehr ihre volle Berechtigung hat -, so wirkt es jetzt deplaciert. Bis zu dem Scheltworte «Barbaren», das jetzt in aller Welt Munde ist, sehen wir so das Wiederaufleben des Griechentums in der französischen Volksseele.

Wie nun die französische Volksseele besonders die Pflege der Verstandes- oder Gemütsseelenkultur begünstigt, so ist es die britische Volksseele, der in der neueren Zeit die besondere Aufgabe übertragen ist, die Bewußtseinsseele als solche zu pflegen. Die Ausbildung der Bewußtseinsseele tritt in der Menschheitsentwickelung als etwas ein, was keine Wiederholung ist. Der italienische Volksgeist wiederholt, in anderer Art, die Erlebnisse des ägyptisch-chaldäischen Volksgeistes; der französische Volksgeist wiederholt ebenso den griechisch-römischen. Der britische Volksgeist dagegen tritt als etwas Junges, als etwas Neues in die neuzeitliche Entwickelung ein, und er ist im schärfsten Maße der Ausdruck der neueren Zeit, insofern dieselbe zeigt, wie die Seele auch einmal jenes Stadium durchmachen muß, wo sie sich innig durchdringt mit dem Leibesleben. Der britische Volksgeist ist so geartet, daß er das Zusammensein mit dem Leibe am allermeisten begünstigt; daher begünstigt er auch das, was durch den Leib vermittelt wird und was insbesondere durch den Leib in die Seele hereinkommen kann. Und mit dieser Mission der Pflege der Bewußtseinsseele hängt zusammen die Mission des Materialismus, die einmal in die Menschheitsentwickelung hereintreten mußte. Man kann sagen, daß dem britischen Volksgeist übertragen ist, den Materialismus besonders zum Ausdruck zu bringen. Die einzelne Menschenseele ist davon mehr oder weniger unabhängig, aber Volksseelencharakter ist es. Wir werden gleich noch auf die Eigentümlichkeit der britischen Volksseele zurückkommen; wir müssen aber, um zu beleuchten, was zu den Aufgaben der Volksseelen gehört, einen Blick werfen auf diejenige Volksseele, die in Mitteleuropa waltet, die man die deutsche Volksseele nennt. — Es ist vielleicht nützlich, hervorzuheben: was ich jetzt sage, das sage ich nicht erst jetzt, wo es vielleicht unter dem Einfluß der kriegerischen Ereignisse entstanden sein kann, sondern was ich jetzt sagen will, das habe ich schon immer gesagt.

Die deutsche Volksseele, der deutsche Volksgeist ist besonders geeignet, nun weder die Empfindungsseele noch die Verstandes- oder Gemütsseele noch die Bewußtseinsseele in der einzelnen Nuancierung herauszuheben; sondern die deutsche Volksseele ist besonders geeignet, dasjenige zum Ausdruck zu bringen, was man nennen könnte die Einheit der Seele, die in allen drei Seelengliedern lebt. Ich sage das wahrhaftig nicht, um irgendeinem Volke ein Lob zu erteilen; sondern ich sage es ohne Sympathie und Antipathie, in aller Objektivität, weil es die geisteswissenschaftliche Forschung so ergibt – wie es das Experiment mit dem Prisma ergibt, wenn sich das Licht im Roten oder Grünen offenbart. Es ist eine objektive Tatsache: wie die italienische Volksseele die Empfindungsseele, die französische Volksseele die Verstandes- oder Gemütsseele, die britische Volksseele die Bewußtseinsseele begünstigt, so begünstigt die deutsche Volksseele das Ich des Menschen, das heißt dasjenige, was sich als der individuelle Seelenkern des Menschen in seinem Erdenleben auslebt, was sich vereinigt und liebevoll untertaucht in den Leib beim Aufwachen, und was sich wieder losmacht von dem Leibesleben mit dem Einschlafen; was sein will Freund und Pfleger dessen, was uns in der äußeren Welt entgegentritt, was aber auch sein will Freund und Pfleger dessen, was sich zum Geiste erhebt. Daher konnte ich im ersten Vortrage sagen: Die deutsche Volksseele ist das, was dem einzelnen Individuum, der einzelnen Seele am meisten die Möglichkeit gibt, unterzutauchen in alle Tiefen des Ich, wo man suchen kann, was Menschenherzen bewegt, was Menschenherzen schmerzt oder in Seligkeiten führt. Damit hängt zusammen, wie diese deutsche Volksseele leicht mißverstanden werden kann; damit hängt das zusammen, was eigentlich begreiflich sein kann: daß man in der Gegenwart überall ein solches Mißverständnis demjenigen entgegenbringt, was diese deutsche Volksseele eigentlich ist, die nicht – wie die britische Volksseele – sich auslebt in dem äußeren Leibe, die nicht unmittelbar sich der Mission des Materialismus hingibt, weil das gar nicht ihrer Natur entsprechen kann; sondern die auf der einen Seite ebenso in die Betrachtung der äußeren materiellen Welt hineingeht, der sie sich nicht entzieht, wie sie sich auf der anderen Seite der Betrachtung des Geistes hingibt, um aus jenen Tiefen heraus zu schöpfen, aus denen der Meister Eckhart, Jakob Böhme, Goethe, Fichte geschöpft haben — was aus der geistigen Welt heraus geschöpft werden kann wie im Zwiegespräch, mit derselben, wenn man abgewandt ist von der äußeren Welt und mit sich allein ist. Daher kann gesagt werden: Wenn auch die individuellen Seelen, die in die anderen Volksseelen eingebettet sind, wenn sie von dem Volksseelentum abgewandt sind, in dasjenige eintauchen können, was der Geist ist, so ist schon durch sein Volksseelentum der deutsche Geist immerzu fähig, in die geistigen Regionen erhoben zu werden.

Herauswachsen müssen erst die Seelen der anderen Völker aus dem Volksseelentum, wenn sie sich zur Zwiesprache mit der geistigen Welt erheben wollen; das Volksseelentum selber aber enthält die Töne des Geistes, kündet vom Geiste, indem es spricht mit der individuellen Einzelseele der mitteleuropäischen Bevölkerung. Und weil sich Volksseelen in charakteristischen Erscheinungen äußern, weil sie uns entgegentreten da, wo sie Menschen durchdringen, Menschen sich zu Werkzeugen ausersehen, um etwas Charakteristisches hervorzubringen, so können wir daran das Wesen des Volksseelentums besonders studieren. Gleichsam wie Bestätigungen erscheint uns, wenn wir den Fortgang des Volksseelentums verfolgen, dasjenige, worin sich als in charakteristischen Symptomen die Kräfte der Volksseelen äußern. Und man kann gewiß das Charakteristische der Volksseelen dann studieren, wenn man die einzelnen Volksseelen auf ihrer Höhe betrachtet.

Nun besteht wohl kaum ein Zweifel, daß uns für die britische Volksseele als eine charakteristische Äußerung, als eine ihrer größten Erscheinungen das eigenartige Werk Shakespeares, der «Hamlet», vorliegt; und daß uns für die deutsche Volksseele als das Ergebnis der intimsten Zwiesprache eines Deutschen mit dem deutschen Volksgeist Goethes «Faust» vorliegt. Welch ein charakteristischer Unterschied zwischen Shakespeares «Hamlet» und Goethes «Faust»! Gewiß, über die Größe von Shakespeare und Shakespeares Hamlet brauche ich nicht zu reden; die wird von vornherein zugegeben, und keiner würde wohl Shakespeares Hamlet höher stellen als ich selbst. Aber über das Hervorgehen des Hamlet aus dem britischen Volksgeiste möchte ich das folgende sagen.

Wie tritt uns der Hamlet entgegen?

Wir haben gesagt, es sei die Mission des britischen Volksgeistes, die Bewußtseinsseele, die gebunden ist an die äußere Leiblichkeit, in die äußere geschichtliche Entwicklung einzu-

führen. In der letzten Zeit sind von mir erschienen «Die Rätsel der Philosophie» als zweite Auflage meiner «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert». Vor vierzehn, fünfzehn Jahren sind diese letzteren schon erschienen; jetzt sind sie wesentlich erweitert über die ganze abendländische Philosophie hin. Damals, beim ersten Erscheinen, versuchte ich, als ich die englische Philosophie darstellte, einen charakteristischen Ausdruck zu finden, ein Wort, welches die englische Philosophie ganz besonders charakterisiert; und es ergab sich mir damals als ein charakteristischer Ausdruck für die englische Philosophie der, daß sie eine Zuschauerphilosophie ist. Zuschauer wird man — besonders bei John Stuart Mill ist das auseinandergesetzt — dadurch, daß man mit seiner Seele sich in den Leib hineinsenkt, und von dem Leibe aus die Welt sich abspielen läßt. Man vergleiche damit die Fichtesche Philosophie: sie ist keine Zuschauerphilosophie; sie ist eine «Lebensphilosophie», etwas was nicht dem Leben zuschaut, sondern sich Eins macht mit dem Leben. Das ist der kolossale Unterschied der deutschen von der englischen Philosophie; und das ganze Wirken der britischen Volksseele ist so, daß sie den Menschen zum Zuschauer macht, weil sie ihn insbesondere in der Ausbildung der Bewußtseinsseele, zum Zuschauen, begünstigt. Der Mensch ist da, indem er die Bewußtseinsseele besonders ausgebildet hat, außerhalb der Erscheinungen; er schaut sie an, wie man durch den Leib die Erscheinungen anschauen kann. – Darin ist nun Shakespeare besonders groß, daß er — fern, wie der objektive Beobachter dem Leben gegenübersteht – so den Erscheinungen des Lebens gegenübersteht und das Leben so schildert, daß wir sehen: er schildert es als Zuschauer und beschreibt das, was er mit dem objektiven Blick von außen erlebt. «Zuschauerweltanschauung», aus der Volksseele heraus! Wahr ist es: wenn der individuelle menschliche Geist – dieser Bewußtseinsseelen-Geist – mit dieser besonderen Eigentümlichkeit, die er aus der Volksseele erhält, an das menschliche Innere herangeht, dann sieht er das Äußere, wie es sich abspielt. An das Innere kommt er nicht heran! Besonders charakteristisch muß es sein, daß er nicht herankommt an das Innere. Er ist groß in der Darstellung dessen, wo sich das äußere Leben abspielt, und gigantisch groß ist darin Shakespeare. Aber wo es darauf ankommt, durch die äußere Physiognomie auf das Innere zu schauen, da kommt das heraus, was der Zuschauerstandpunkt gibt Da sehen wir denn, wie – aus dem britischen Volksgeiste heraus in künstlerischer Größe dargestellt — dieser Zuschauerstandpunkt gegenüber dem Inneren so dasteht, wie der Zweifler an dem Geist, der Skeptiker dasteht. Daher ist es keine Herabwürdigung Shakespeares, wenn man sagt, daß der Geist dasteht wie etwas Gespensterhaftes. Da sehen wir, wie das Geistige erscheint im Äußeren: gespensterhaft. Man beachte, wie der Geist von Hamlets Vater erscheint: er erscheint eigentlich nicht wie ein Geist, sondern wie ein Gespenst. Der Gespenstergläubige ist ja im Grunde genommen ein spiritueller Materialist; er möchte den Geist so sehen wie der Materialist, welcher von dem Geist verlangt, er müsse vor ihm irgendwie in dünner Materie auftreten. So sehen wir im Hamlet den Geist von Hamlets Vater in solcher Gespenster-haftigkeit auftreten. Das kommt in der Verwirrung über das Auftreten des Geistes zum Ausdruck. Aber wie der materialistische Geist nur bis zum Gespenst sich erheben kann, so kommt ihm überhaupt die ganze Geisterlehre in Verwirrung. Daher sehen wir, daß, während vorher alle den Geist gesehen haben, zum Beispiel im Gespräch mit der Mutter, Hamlet allein den Geist sieht. Einmal ist der Geist eine objektive Erscheinung, dann wieder ist er ein bloß subjektives Gespenst. Und nun blickt dieser Zuschauermensch hin auf das, was innerlich sein soll, – Hamlet soll ja ein Charakter sein, der auf das hinblickt, was in der äußeren Welt vorgeht, – und wir empfangen nun von Hamlet jenen großen klassischen Monolog, in welchem an die Geisteswelt die Frage gestellt wird: Sein oder Nichtsein? was folgt da nach dem Tode? Erst Wachen, dann Schlafen, Bilder, Träume; dann wieder der Zweifel: es ist noch kein Wanderer zurückgekehrt aus diesem Lande, in das wir mit dem Tode gehen — alles ganz in der Art, wie der materialistische Geist vorgeht, wenn er sich vertiefen will in die Geisterwelt — und es nicht kann. Deshalb ist es, daß alle die, welche, idealistisch oder sonstwie geartet, nicht recht heranwollen an den Geist, eine innere Verwandtschaft mit der Hamletnatur fühlen. Herman Grimm sagt daher einmal – für viele ganz mit Recht -, daß die Menschen, wenn sie sich zu tief in die Fragen über ihren eigenen geistigen Zustand versenken, sich wie am Rande eines Abgrundes fühlen und verspüren, daß sie, wie Hamlet, sich in den Abgrund hinunterstürzen müßten. – So antwortet der, welcher wie Shakespeare von der Volksseele inspiriert ist, aber mit seiner Seele so aus ihr herauswächst, daß er die Vergeistigtheit der Volksseele darstellen will; so antwortet er aus der Volksseele heraus, daß er den Charakter des Hamlet so vor uns hinstellt, daß die Brücke zur geistigen Welt doch abgebrochen ist und daß der Abgrund zwischen Hamlet und der geistigen Welt erfüllt ist durch Ungewißheit über Ungewißheit. Selbst da, wo in einer hohen künstlerischen Vollendung, die in ihrer Art von ihr selbst sonst nie erreicht ist, die britische Volksseele zu uns spricht, zeigt sie ihre Mission, das Äußere zu beobachten und stehenzubleiben vor dem Abgrund des Übersinnlichen.

Und wir schreiten herüber, um an einer einzelnen Erscheinung das Hervorstechende der Vertiefung der deutschen Volksseele zu charakterisieren, die insbesondere dem Leben des Ich, der Einheit der Seele günstig ist – wir schreiten herüber zu Goethes Faust. Fühlt sich da die Seele auch am Rande des Abgrundes, in den sie hineinstürzen müßte? Nein! Da tritt uns entgegen Faust, für den gar kein Zweifel ist an der geistigen Welt, sondern der, sich heraussehnend aus aller sinnlichen und geschichtlichen Wirklichkeit, die er durchgemacht hat, geistig – Auge in Auge – dem Geiste gegenübersteht, dem der Geist erscheint, und für den gar kein Zweifel ist, daß der Mensch, der sich in die Rätselfragen des Daseins versenkt, nicht zugrunde gehen kann, sondern über den Abgrund hinüber die Vereinigung mit dem Geist finden muß. Und nun vergleiche man das ganze Schwanken, das Stehen Hamlets am Abgrunde, wie es sich ausdrückt in dem großen Monolog «Sein oder Nichtsein» mit der Frage an die Geisterweit «schlafen, träumen?» – man vergleiche es mit dem, wozu Faust im ersten Teile der Dichtung kommt, wo er dem Geiste gegenübersteht: Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst Dein Angesicht im Feuer zugewendet, und dann: Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust Geheime, tiefe Wunder öffnen sich.

Das ist Vereinigung mit dem Geist! In solcher Vereinigung, in solcher Anschauung des Geistes hat die Frage: ob Schlafen oder Träumen? keinen Platz, sondern allein, was im zweiten Teile der Dichtung heraustritt, das völlige geisterfüllte Hineindringen des Faust in die geistige Welt, und die Sicherheit, die zu gewinnen ist, daß der menschliche Geist, wenn er durch die Todespforte schreitet, sich mit der geistigen Welt vereinigt. Da besteht nicht die ungewisse Frage über Sein oder Nichtsein; da ist die Sicherheit, daß die Seele in dieser Welt hier schon Bürger der geistigen Welt ist, und daß sie, wenn sie durch die Pforte des Todes geht, Seelenauge in Seelenauge gegenübersteht dem erhabenen Geist, der uns, wenn wir uns im Leben genügend in ihn vertiefen, alles gibt, worum wir ihn bitten. Da ist aber auch keine gespensterhafte Anschauung der Geisterwelt, denn an der Szene in der Hexenküche sehen wir, wie das Gespensterwesen mit Humor, mit der nötigen Ironie behandelt wird. Da ist der Geist, der dem Faust gegenübertritt, Mephistopheles, nicht gespensterhaft, sondern so gedacht, daß man ihn nicht anders darstellen kann, als indem man ihm menschliche Gestalt gibt. Wie unsinnig wäre es, wenn der Geist, wie bei Hamlets Vater, nur für den Einen sichtbar wäre oder einmal zu sehen wäre und dann wieder nicht! Das rührt davon her, daß wir im Faust auf sicherem Boden stehen.

Solche Gestalten wie diejenige des Faust, sie leben sich aus dem Volksgeist, aus der Volksseele heraus. Der Mensch hat ja im Goetheschen Faust nur ein Abbild von dem, was eigentlich geschehen ist. Aber indem Goethe seinen Faust geschaffen hat, war die ganze Volksseele tätig; sie schuf sich in dem Buche, schuf nicht nur etwas, was in Goethe lebte, sondern was lebendig ist im Geistigen. Und Goethes Faust ist nur ein Abbild von einem Geschöpfe der deutschen Volksseele, die im Geistigen schwebt, und die nur erst im Anfange ihres Wirkens ist, wovon Goethe sehr wohl wußte. Es ist uns Faust das, wovon wir wissen, daß es ein Abbild ist einer unversieglichen Kraft und Wesenheit, die der Zukunft entgegenlebt. Und so wahr Goethe den Faust als einen Keim geschaffen hat, so wahr ruht in der deutschen Volksseele Kraft, Keimeskraft, die immer weiter wirkt und werden muß, wie auch Faust uns erscheint als einer, der immer streben muß, bei dem alles Streben erst ein Anfang ist.

Um auf das Charakteristische des deutschen Volksgeistes hinzuweisen,   sei   noch  eine  Eigentümlichkeit  desselben erwähnt. Ich sagte: wenn wir den französischen Volksgeist betrachten, so sehen wir, wie er eine Rückerinnerung an das alte Griechentum ist. Diese Rückerinnerung ist etwas, was man gleichsam wie auf jeder Seite der französischen Kultur sehen könnte, aber was unter der Schwelle des Bewußtseins tätig ist, was nicht ins Bewußtsein hereindringt. Der französische Volksgeist formt die einzelne Seele so, wie sie sein muß unter dem Einfluß dieser Rückerinnerung; aber das kommt nicht ins Bewußtsein herein. Wirkt er auf die einzelne Menschenseele so, daß das Ich den Ich-Charakter trägt, dann muß — da man nur mit dem Ich Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele zusammenfassen kann — dasjenige, was sich als Zusammenklang der einzelnen Seelenglieder auslebt, ins Bewußtsein hereintreten, während das Wesen der Erinnerung ein solches ist, daß es den Volksgeist mit früheren Kulturzeiten zusammenbindet. Wir sehen, wie in einer ganz anderen Weise als beim Franzosentum, in einer sehr merkwürdigen Weise das Griechentum in den deutschen Volksgeist hereintritt. Will die Griechenheit da, wo eine besonders charakteristische Stelle ist, in den deutschen Volksgeist hineintreten, und soll durch das Hereintreten das einzelne Individuum beeinflußt werden, dann muß sich das bewußt abspielen, was sich im Franzosentum nur unterbewußt vollziehen kann und dort nur als eine künstlerische Diskussion zutage tritt; beim deutschen Geist, der ein Spiegel dessen ist, was eigentlich das tief Historische ist, muß es ins Bewußtsein des Menschen hereintreten, der sich insbesondere von der Volksseele inspirieren läßt. Und nun sehe man, wie im zweiten Teile des Faust, in der Verbindung des Faust mit Helena, auf dem physischen Plane — im Bewußtsein — die Vereinigung mit dem Griechentum auftritt! Das ist nicht ein bloßes Hereintreten in die Verstandes- oder Gemütsseele; das ist ein Hereintreten in das Ich. Faust wird mit seinem ganzen Menschentum dem Griechentum gegenübergestellt. Bewußt feiert er den Zusammenklang mit einer früheren Zeit. — Ich kann selbstverständlich nur einzelne Hindeutungen geben. Aber die ganze Geschichte empfängt Licht, wenn wir in dieser Weise das Walten der Volksseelen betrachten, die so die Menschengeschichte in ihrem Austauschen durchfluten und durchwellen. Wenn wir noch einmal die deutsche und die britische Volksseele zusammenstellen, so könnten wir mancherlei Erscheinungen anführen, welche den Ich-Charakter der deutschen Volksseele auf der einen Seite und den Bewußtseinsseelen-Charakter der britischen Volksseele auf der anderen Seite zeigen würden. Das hat sogar vieles bewirkt von den Eigentümlichkeiten der neueren Kulturentwickelung. Es hat zu meinen eigenen Aufgaben gehört, zu zeigen, wie bei Goethe aus den Tiefen der Menschenseele heraus eine Evolutionslehre geboren wird, wie er versuchte, die ganze Reihenfolge der Organismen in ihrem Hervorgehen von den einfachsten bis zu den vollkommensten darzustellen aus den Tiefen des Ich heraus. Wie Goethe das hinstellt, wie eine wirkliche Naturwissenschaft aus Goethes Seele hervorgeht, das entspringt ebenso dem — man darf sagen — «Gespräch Goethes mit der deutschen Volksseele», wie ein anderes einem Wechselgespräch mit der britischen Volksseele entspringt. Weil Goethe so tief in das Wesen der Dinge hinuntersteigt, um eine Entwickelungslehre aus der menschlichen Seele heraufzuholen, deshalb bleibt die aus der Ich-Kultur herausgeborene Goethesche Form der Entwickelungslehre für viele so unverständlich; sie konnte sich nicht so rasch verbreiten. Da erfaßt im neunzehnten Jahrhundert der britische Volksgeist die Entwickelungslehre, und er gab das, was Goethe aus der Tiefe des Ich hervorgeholt hatte, nun hervorgehend aus der Bewußtseinsseele als den äußerlichen «Kampf ums Dasein» im Darwinismus. Was Goethe hinstellte, innerlich sich entwickelnd, das stellt der Darwinismus äußerlich dar; und weil wir schon einmal im Zeitalter des Materiaiismus leben, so hat die gesamte Kulturmenschheit weniger gern die aus der Tiefe der Ich-Kultur heraufgeholte Entwickelungs-lehre Goethes angenommen, sondern lieber diejenige Form, welche Darwin aus der britischen Volksseele herausgebracht hat. – In einem gewissen Punkte stehen wir heute noch mitten drinnen in dieser Ablehnung der Ich-Kultur, nämlich in bezug auf das, worüber heute noch alle schimpfen, die Fachmänner auf diesem Gebiete zu sein glauben. Denn Goethe hat auch eine «Farbenlehre» geschaffen, die nur der versteht, welcher sie aus dem menschlichen Ich-Charakter heraus einsehen kann. Die Menschheit aber hat diese aus der Tiefe der Ich-Kultur stammende Farbenlehre Goethes zurückgewiesen und hat die vom britischen Volksgeist aus der Bewußtseinsseele heraus inspirierte, mehr materialistische Farbenlehre Newtons angenommen. Doch die Zeiten werden kommen, wo die Menschen erkennen lernen werden, daß in Goethe vieles liegt, was die Menschen noch werden annehmen müssen. Und nur in Parenthese erlauben Sie mir zu sagen: Es mag ja Einzelnen gelungen sein, Orden und Ehrenzeichen zurückzuschicken; aber dann erst wird die richtige Würde getroffen sein, wenn nicht nur Orden und Ehrenzeichen, sondern wenn auch die materialistische Form der Entwickelungslehre und die materialistische Form der Farbenlehre der britischen Volksseele zurückgeschickt sein wird.

Derjenige, dessen Volksseele so inspiriert, daß seine Inspiration wie ein Zwiegespräch der Volksseele mit dem menschlichen Ich selber ist, er lebt so, daß er sich in den wichtigsten Momenten seines Lebens bewußt ist, für einen Inhalt zu wirken, im äußeren Leben einen Inhalt zu bekräftigen. So hat Goethe einen Inhalt bekräftigt, der ihm in seiner Intuition in der Seele aufging, indem er seine Entwickelungslehre begründete. Wer aber nicht von den Tiefen des Ich aus, sondern von der Bewußtseinsseele aus — äußerlich – auf die Welt hinblickt, der sieht in dem äußeren Verlauf nur den Kampf ums Dasein. Ein jeder sieht eben seine innere Natur in das Äußere hinein. Es kann sich jetzt jeder ausmalen, was die gegenwärtigen Ereignisse sein können für diejenigen, die vom deutschen Volksgeist inspiriert sein können, und für die, welche vom britischen Volksgeist inspiriert sind. Dieser letztere Volksgeist redet vom Kampf ums Dasein. Und während der deutsche Volksgeist so inspiriert, daß man im Gegner den «Feind» sieht, dem man als gleich und gleich, wie im Duell, gegenübersteht, so sieht man vom Standpunkte jenes Volksgeistes, der den Kampf ums Dasein auch wissenschaftlich inspiriert, auch den Kampf auf dem äußeren Felde in dieser Weise an: alles wird zum «Konkurrenzkampf».

Nun habe ich schon in dem ersten Vortrage wenigstens mit einigen Worten auf das hinzuweisen versucht, was uns etwa in der russischen Volksseele entgegentreten kann…das sehr Merkwürdige dieser Volksseele soll aber doch hervorgehoben werden. Bei ihr ist das Eigentümliche, was sogleich in die Augen fällt, daß sie im Grunde genommen am allerwenigsten zu dem geeignet ist, was sie jetzt tut: zu dem äußeren Kampf, zu dem äußeren Krieg. Es gibt ein charakteristisches Buch, «Der Anmarsch des Pöbels», von dem hier schon erwähnten Mereschkowski. Am Schlüsse dieses Buches ist die Rede von dem Eindruck, den er von der Hagia Sophia, der gewaltigen Konstantinopeler Kirche, bekommen hat. In der Schilderung dieses Eindruckes allerdings ist die Stimmung enthalten, welche die russische Volksseele haben muß, wenn sie sich selbst versteht; und Mereschkowski schließt damit, daß er, als er sich ganz dem Eindruck dieser Sophien-Moschee überließ, die Stimmung zum Gebet bekam, daß er versucht wurde, für sein Volk zu beten:

«Die Hagia Sophia — hell, traurig und durchflutet vom bernsteinklaren Lichte des letzten Geheimnisses – hob meine gefallene, erschreckte Seele. Ich blickte auf zum Gewölbe, das dem Himmelsdome gleicht, und dachte: da steht sie, von Menschenhand erschaffen, sie – die Annäherung der Menschen an den dreieinigen Gott auf Erden. Diese Annäherung hat bestanden, und mehr noch, wird dereinst kommen. Wie sollten, die an den Sohn glauben, nicht zum Vater kommen, der die Welt bedeutet? Wie sollten die nicht zum Sohne kommen, die die Welt lieben, welche auch der Vater also liebte, daß er seinen Sohn für sie hingab? Denn sie geben ihre Seele hin für ihn und ihre Freunde; sie haben den Sohn, weil sie die Liebe haben, nur den Namen kennen sie nicht.

Und es trieb mich, für sie alle zu beten, in diesem zur Stunde heidnischen, aber einzigen Tempel der Zukunft zu beten um die Verleihung jener wahren, sieghaften Kraft an mein Volk: um den bewußten Glauben an den dreieinigen Gott.»

So wie wir auf den deutschen Volksgeist, vermittelt in seinem Repräsentanten, dem Faust, hinblicken als auf einen, der mitten im Werden ist, so erblicken wir die russische Volksseele als etwas, was noch hinwartet auf das, was kommen soll. Die ganze Stimmung kann da nur die des Aufblickens in die Zukunft sein, des Noch-nicht-gefunden-Habens in der Gegenwart. Dann aber, wenn sich diese russische Volksseele bewußt ist, was in ihr lebt, und was noch in den Tiefen ihrer Natur ruht und noch heraufgeholt werden kann, dann wird sie wissen, daß sie mit der Innenentwickelung ihre Mission erfüllt, daß sie im Grunde genommen ihre Mission am besten dann erfüllt, wenn sie ihre stärkste Eroberung im Innern macht, indem sie herausholt, was in ihren Tiefen ist, und was allerdings einmal großen Wert haben wird für die Menschheitskultur. Nicht ohne weiteres barbarisch kann man sie nennen, aber eine Volksseele, die erst später werden wird, was sie werden muß, und die jetzt erst in einem kindlichen Alter ist. Ich weiß, wie unvollkommen diese Charakteristik der russischen Volksseele ist, weil ich sie wegen der Kürze der Zeit nur mit ein paar Worten schildern konnte. Aber man muß sagen: gerade wenn die russische Volksseele dasjenige äußerlich zum Ausdruck bringt, was sie jetzt ist, wenn sie nicht die erwartungsvolle Stimmung – was Mereschkowski darstellt als die Gebet-Stimmung, die in den Tiefen der Volksseele ruht -zum Ausdruck bringt, dann ist sie so, daß sie nur zu einem Störer der Entwicklung der Geisteskultur und der Menschheitskultur überhaupt wird. Wenn sie sich nach außen wendet, dann erscheint sie so, als ob sie das Entgegengesetzte von dem täte, was ihr eigentlich zukommt.

Daher die Empfindung, die wir haben können, wenn wir nach Westen blicken: so furchtbar auch die gegenwärtigen Ereignisse sind — sie gingen mit Notwendigkeit aus den Impulsen dieser westlichen Volksseelen hervor. Gegenüber der russischen Volksseele haben wir dagegen die Empfindung, daß es diesem Volke, dieser Volksseele, ganz und gar am wenigsten ansteht, sich gegen die westlichen Volksseelen zu wenden, die eigentlich ihre Lehrmeister sein müssen, wenn sie sich richtig versteht. Nur weil man in. den letzten Jahren wenig verstanden hat, um was es sich hierbei handelt, hat man manches überschätzt, was von dieser Seite gekommen ist.

Man könnte in der Charakteristik der Volksseelen noch viel weiter gehen. So könnte man sagen: die menschliche Seele, die sich im Ich erfaßt, steht in einem innigen Verbände zu den drei Seelengliedern Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele; bald lehnt sie sich auf, die individuelle Seele, gegen die Einflüsse der drei Seelenglieder, bald lehnen sich die drei Seelenglieder gegen sie auf. Wie uns die einzelne individuelle Seele darstellt die Beziehungen zwischen den drei Seelengliedern und dem menschlichen Ich, so stellen sich uns dar die Ausdrücke, die Beziehungen der einzelnen europäischen Seelen zur gesamten europäischen Seele. Die äußeren Ereignisse sind nur die Projektionen dessen, was sich auch in der Menschenseele an Kämpfen der Seelenglieder gegen das Ich finden kann. Aber dieses Ich, es versenkt sich in die einzelnen Seelenglieder, es stellt sich in ein Verhältnis zu denselben, und auch da könnten wir durch die äußeren Tatsachen eine Bestätigung dessen finden, was uns die Geisteswissenschaft durch innere Erforschung darstellt.

Zur Empfindungsseele neigt das Ich so hin, daß es sich sehnt nach Befruchtung, nach Durchsaftung mit den Erlebnissen der Empfindungsseele. So sehen wir aus Europens Mitte die deutsche Volksseele untertauchen in die italienische Empfindungsseele. Das können wir verfolgen durch die ganze Geschichte hindurch; gehen wir bis zu Dürer und zu anderen Künstlern zurück, so sehen wir, wie sie sich in die italienische Volksseele versenken. Weiter können wir beobachten, wie Goethe nicht eher glücklich ist, als bis sich seine Sehnsucht nach Italien erfüllt hat. Das ist einerseits der Austausch des Ich mit der Empfindungsseele, andererseits der Austausch der deutschen Volksseele mit dem italienischen Volksgeist. Verfolgen wir die Geschichte weiter, so finden wir, wie sich das einzelne Ich auch mit der Verstandes- oder Gemütsseele auseinandersetzen muß. Sehen wir doch, wie bis weit in die neuere Zeit herein die Auseinandersetzungen der deutschen Volksseele mit der französischen Volksseele stattfinden; sehen wir doch, wie Leibniz, der deutscheste Philosoph, seine Werke noch in französischer Sprache schreibt und wie der Begründer von Preußens Größe, Friedrich der Große, fast ausschließlich in französischer Kultur lebte. Das kann uns zeigen, wie der deutsche Geist wirklich geneigt ist, international zu sein, sich in allen  einzelnen Nationalitäten auszuleben. Und wie dies sein Grundcharakter ist: sich in allem auszuleben, so sehen wir ihn auch sich mit der britischen Volksseele auseinandersetzen, indem er bis heute die Goethesche Entwickelungslehre nicht angenommen hat, sondern die Darwinsche, und ebenso nicht die Goethesche Farbenlehre, sondern die Newtonsche. Daran kann man sehen, wie tief der deutsche Volksgeist mit dem britischen verbunden ist. Wenn dagegen heute die britischen Stimmen auf das deutsche Wesen besonders erbost sind, so kann dem im Grunde genommen aus der Tiefe der deutschen Volksseele heraus nicht mit dem gleichen Hasse erwidert werden, den er, der britische Volksgeist, der deutschen Volksseele entgegenbringt; er haßt aus dem bloßen Materialismus heraus. Auf diesem Standpunkte wird die deutsche Volksseele nicht stehenbleiben können; sie wird sich mit dem Materialismus auseinandersetzen müssen. In der Gegenwart wird sie sich mit ihm auseinandersetzen durch äußere Waffengewalt in den Kämpfen, die ihr aufgedrängt worden sind, und sie wird sich in der Zukunft mit ihm auseinandersetzen durch die Befreiung des Spirituellen, des Geistigen, innerhalb der Epoche des Materialismus. So blicken wir von den äußeren Zeitereignissen aus auf das hin, was sich von Europens Mitte heraus offenbart.

 

aus GA 64, Vortrag XI

es zeigt die Geisteswissenschaft, daß dasjenige, was auf der einen Seite des Seelenspektrums als die Empfindungsseele anerkannt werden muß, vorzugsweise diejenigen Kräfte der Seele offenbart, welche aus den Willens- und Gefühlsimpulsen herausströmen und in einer gewissen Weise triebartig sich vom Menschen aus äußern; zu gleicher Zeit aber zeigt sie, und das ist das Merkwürdige, daß gerade in diesem Triebartigen der Seele, in dieser Empfindungsnuance der menschlichen Seele, dasjenige enthalten ist, von dem wir morgen zeigen werden, daß es durch Geburten und Tode als das Ewige der Menschenseele hindurchgeht. Vorzugsweise in diesem Teil der menschlichen Seele ist der ewige Wesenskern der Seele enthalten.

Dann haben wir gleichsam die mittlere Farbennuance der menschlichen Seele, die Verstandesseele. In dieser sind zu gleichen Teilen ewige und auf das Sinnlich-Wirkliche, das Vergängliche gerichtete Seelenäußerungen zu suchen; Triebartiges und solches, welches sich darüber erhebt und hinschaut auf die Sinne, um geistig die Welt der Sinne zu begreifen.

Als Drittes haben wir die Bewußtseinsseele, die dasjenige überschaut, was im gegenwärtigen Stadium der Menschheitsentwickelung den Menschen zu seinem Selbstbewußtsein erhebt, welches möglich macht, daß der Mensch in seiner Seele so dasteht, daß er sagen kann: In mir wohnt auch innerhalb meiner Leiblichkeit zwischen Geburt und Tod ein Ich. Aber es ist zugleich dasjenige, was in diesen Kräften ist, das, was für die gegenwärtige Menschheitsentwickelung die Empfindungen des menschlichen Seelenlebens enthält, welche dem Vergänglichen, der äußeren, augenfälligen Wirklichkeit zugewendet sind. Wie das Licht in den verschiedenen Farbennuancen sich offenbart, so offenbart sich das, was das Einheitliche der menschlichen Seele ist, in diesen verschiedenen Gliedern der menschlichen Seele. Und man kann sagen: wie das Licht lebt im Rot, im Grün, im Blau, so lebt das menschliche Ich in allen drei Gliedern des menschlichen Seelenlebens.

Dasjenige nun, was als Volksseele anzusehen ist, es ist für die Geisteswissenschaft eine wirkliche übersinnliche Wesenheit, nicht bloß das, was eine mehr materialistische Weltanschauung sieht, eine Gesamtheit von Eigenschaften, die durch Klima, durch Erziehung oder sonstwie einem Volke eigen sind, sondern für die Geisteswissenschaft ist die Volksseele eine geistige Wesenheit, die aus den übersinnlichen Welten hereinwirkt in das, was Verrichtungen der menschlichen Seele sind.

Und nun kann nach der Art, wie die Volksseele hereinwirkt in das, was Verrichtung der menschlichen Seele ist, erschaut werden der Grundcharakter des Volksseelenlebens durch verschiedene europäische Völker…

Wir haben es zu tun, …wenn wir die Volksseele des italienischen Volkes betrachten, mit einem Zusammenwirken dieser Volksseele mit den einzelnen Menschen so, daß dasjenige, was die Volksseele verrichtet, was sie in einem Zwiegespräch mit der einzelnen Seele zu vollbringen hat, unmittelbar hineinströmt in die Empfindungsseele. So daß man sagen kann: Insofern der Angehörige des italienischen Volkes ein Italiener ist, spricht er sich aus dem Charakter seines Volkes heraus so aus, daß die Kräfte seines Volksgeistes nachzittern, nachwirken in seiner Empfindungsseele. Mit dieser Empfindungsseele hält der Volksgeist, die Volksseele ihre Zwiesprache. Selbstverständlich muß immer betont werden, daß sich die einzelne, individuelle Seele erheben und den allgemeinmenschlichen Charakter annehmen kann in jeder Nation. Was hier von den Beziehungen der Volksseele zur Nationalität gesprochen wird, gilt eben insoweit, als der Einzelne in seinen Lebensäußerungen mit der Volksseele verbunden ist. Und alles dasjenige, was die italienische Volksseele in der einzelnen Empfindungsseele des Italieners erregt, das ist im Grunde genommen die italienische Kultur. Daher das unmittelbar aus den Passionen, aus den Leidenschaften Herauskommende der italienischen Kultur, das man verfolgen kann von den einzelnen Volksimpulsen bis hinauf zu dem gewaltigen Gemälde, das Dante von der Welt entworfen hat. Daher wurde auch von Italien her in die Kultur Europas das eingeprägt, was man Humanismus nennt…Ähnlich und verwandt damit ist die spanische Kultur.

Wenn wir die französische Volkskultur ins Auge fassen, müssen wir sagen: Sie ist das Ergebnis eines unmittelbaren Zusammenwirkens der Volksseele mit dem, was man die Verstandesseele nennt. Daher das Eigentümliche des französischen Volkscharakters, daß er versucht, alles in eine gewisse Systematik, wenn es auch die Systematik des Gefühls und der Kunst ist, hineinzubringen. Ein gewisser mathematischer Charakter ist allem eigen, was dieser Kultur zugehört. Man braucht nur sich hinzugeben dem Versfluß einer französischen Dichtung oder dem Gang eines französischen Dramas, überall ist dieses Ergebnis der Beziehungen zwischen der Volksseele und der Verstandesseele durchzufühlen. Wenn man geisteswissenschaftlich die Sache betrachtet, wird gerade diese mathematische Anlage des französischen Charakters in hohem Maße erklärlich.

Und wiederum, wenn man den englischen Volkscharakter betrachtet, da muß man ins Auge fassen jene Beziehungen, welche sich entwickeln zwischen der Volksseele und der Bewußtseinsseele. Das heißt, der englische Volkscharakter wird vorzugsweise so geformt: Es richtet sich der englische Volkscharakter durch die Bewußtseinsseele hinaus auf die Kämpfe und Kongruenzen der physischen Wirklichkeit, auf das, was das Vergängliche im Leben ist. Daher der empirische Charakter, der auf das Äußerliche gerichtete Charakter der englischen Kultur, der sich bis in Shakespeare hinein verfolgen läßt, trotz aller Größe Shakespeares.

Und gehen wir dann in die Mitte Europas, vorzugsweise zu der deutschen Kultur, so müssen wir auf eine Beziehung hinweisen zur Volksseele, eine Beziehung des einzelnen Menschen zur Volksseele, die sich unmittelbar so ausdrücken läßt, wie ein Zusammenwirken der Volksseele nun nicht wie mit einem einzelnen Seelenglied, sondern unmittelbar mit dem Selbst, mit dem Ich. Daher strömt dasjenige, was die Volksseele anzuregen hat, an Impulsen einströmen zu lassen hat in den einzelnen Deutschen, unmittelbar in das Ich ein. Und es kann sich dann äußern, indem das Ich darum ringt, sich nun nicht nur nach der einen Seite hin zu offenbaren, sondern nach den verschiedenen Gliedern des Seelenlebens, abwechselnd oder zusammenhängend. Daher dasjenige, was ich heute vor acht Tagen über die tragenden Kräfte des deutschen Geistes, das unmittelbare Hereinwirken der geistigen Welt in die einzelne menschliche Individualität sagen mußte. Daher das Ringen nicht der menschlichen Passionen, der menschlichen Leidenschaften mit irgendeinem Übersinnlichen, nicht das Ringen der Ratio, des Verstandes mit dem Übersinnlichen, nicht das Betätigen der Bewußtseinsseele, sondern immer das unmittelbare Gegenüberstellen des einzelnen Menschen mit seiner Gottheit, des einzelnen Menschen mit den Geistern der übersinnlichen Welt. Das aber ruft das Eigentümliche in der ganzen deutschen Entwicklung hervor, daß der einzelne Deutsche immer wiederum anknüpfen muß an die höchsten Impulse des geistigen Lebens. Wir haben eine deutsche Entwicklung, in der wir einzelne große Charaktere auftreten sehen. Immer wieder und wiederum muß der einzelne große Charakter, ohne daß er — radikal gesprochen — an das, was historisch gegeben ist, anknüpfen kann, gleichsam von neuem anfangen, weil er dasjenige, was ihm die Volksseele zu geben hat, in seinem tiefsten Innern aufleuchten lassen muß.

Damit aber hängt eines zusammen: Indem so der Deutsche in die Notwendigkeit versetzt ist, sich eigentlich immer wiederum in unmittelbare, in elementare Beziehung zur Volksseele zu setzen, muß diese Volksseele daher auch mit ihrer Urgewalt immer wieder auf ihn wirken, und er fühlt sich immer wiederum gedrängt anzuknüpfen an die reinsten Quellen des volkstümlichen Lebens; und er fühlt sich gestärkt und erfrischt, wenn er seinen Zusammenhang mit diesem volkstümlichen Leben erspüren kann.

Das ist es, was sich der Deutsche gedrängt fühlt auszusprechen, wenn er sein Verhältnis zur übersinnlichen Welt ins Auge fassen will. Das ist es auch, was den besonderen Zauber des deutschen Weltgedichtes, des «Faust», ausmacht. Da sehen wir den Faust, wie er in der sozusagen alt gewordenen Kultur darinnen lebt; wie er die einzelnen Äußerungen dieser Kultur in sich hat wirken lassen, und wie er nun danach strebt, um unmittelbar hinzugelangen an die Quellen aller Erkenntnis, sich mit einzelnen Geistern, mit dem Geist der Erde, dem Weltgeist, in Beziehung zu setzen. Wir sehen, wie er strebt, das zu erreichen, was man nennen könnte eine Verjüngung der ganzen Menschenseele. Man hat sogar gespottet, wenigstens verächtlich geredet über dasjenige, was wie eine Art Verjüngungs-Szene am Eingang des zweiten Teiles des «Faust» steht, wo Faust in einer Art von Schlafzustand ist, und die Geister des Kosmos ihn durchdringen, epochenweise, so wie die Nacht verläuft, mit dem, was sie ihm zu geben haben.

Aber derjenige, der weiß, daß solche Dinge nur dargestellt werden können im Bilde, der wird sich einem solchen Mißverständnis nicht hingeben können. Nachdem Faust zuerst versucht hat, im Sinnenleben und in der Welt der äußeren Wissenschaft zu verjüngen, was in ihm alt geworden ist, stellt sich in ihm eine Beziehung her zwischen den Urkräften seines seelischen Lebens und der übersinnlichen Welt, und durch diese wird er verjüngt, so daß er alles dasjenige dann vollführen kann, was uns dargestellt wird im zweiten Teil des «Faust»: daß er eintreten kann in die große Welt, um in ihr zu wirken als tätige Kraft; daß er antreten kann den Gang zu den Müttern, wo er zu entdecken hat die Urkräfte des Seins in jener Sphäre, wovon der Materialist immer sagen wird, sie sei ein Nichts, von dem derjenige, der vom Geiste etwas weiß, immer Fausts Worte gebrauchen muß: «In Deinem Nichts hoff ich das All zu finden.»

Aber wir sehen auch gerade an Faust, wie die verjüngenden Kräfte des geistigen Lebens dadurch in ihm wirken, daß er eben als ein deutscher Geist dargestellt wird. Diese verjüngenden Kräfte wirken so in ihm, daß zuletzt bei seiner Erblindung alles abstirbt, was man nennen könnte: seinen Zusammenhang mit der physisch-sinnlichen Welt. Und indem es finster um ihn wird, leuchtet ihm im Innern helles Licht. Das heißt: Er ist zu den Kräften gekommen, die Goethe wirklich aus dem Wesen der deutschen Volksseele hergeholt hat und die in seinem Innern so auferweckt werden, daß er in der äußeren altgewordenen Kultur die verjüngende Kraft des wahrhaftigen deutschen Lebens gespürt hat. Diese verjüngenden Kräfte wirken so in der Seele, wie ihr Wirken im Sinne der deutschen Volkheit gesehen wird, daß der Mensch, wie wir das auch darstellen konnten, als wir von der mittelalterlichen Mystik sprachen, in seinem Innern das, was seine Seele denkt und fühlt und tut, unmittelbar ansieht als Gedanken, Gefühl und Wille der göttlich-geistigen Wesenheiten selbst und sich verbunden fühlt mit der geistigen Welt selbst, die in ihm als verjüngende Kraft wirkt, die nicht alt werden läßt das, was seine Kultur ist; die ihn immer hoffen läßt darauf, daß, wenn irgendein Zweig der Kultur gleichsam seelisch trocken geworden ist, die verjüngenden Kräfte einen neuen Keim bewirken können. Dieses unmittelbare Beisammensein des Volksgeistes mit der einzelnen Seele des Menschen, das unterscheidet wiederum die Seele des Mitteleuropäers von der Seele des Osteuropäers.

In einer merkwürdigen Weise stellt sich vor die Geisteswissenschaft das russische Slawentum hin. Der Russe hat seinen Volksgeist wie ein über sich Waltendes, so daß dieser Volksgeist nicht, wie etwa beim Italiener, unmittelbar in die Empfindungsseele oder wie beim Franzosen in die Verstandesseele oder wie beim Briten in die Bewußtseinsseele hineinwirkt noch daß er hineintaucht in das Ich; sondern daß die Volksseele als ein Geistiges über dem Einzelnen schwebt, zu dem aufgeschaut wird wie zu einer Wolke, während unten mit ihren seelischen Kräften die einzelnen wirken, in deren seelische Kräfte die Volksseele nicht hineingelangt. Daher sehen wir so etwas bei diesen Menschen des Ostens, daß die einzelnen Seelenkräfte, die noch nicht begriffen sind im Entwickelungs-stadium, wie anarchisch durcheinanderwirken. Weil nicht das Volksseelentum ihre innere Harmonie bewirkt, wirken diese drei Seelenkräfte wie anarchisch durcheinander; sie finden nicht die Möglichkeit, in Harmonie zueinander zu stehen. Das ist das Eigentümliche, das den Westeuropäer befremdend anmutet, wenn er sich gerade zu der Geistkultur des Ostens hinwendet. Dieses Nichtbeisammensein der Volksseele gegenüber dem Beisammensein der Volksseele mit der einzelnen menschlichen Seele, das ist das Unterscheidende des deutschen Menschen vom russischen Menschen. Und dieses Unterscheidende tritt uns gerade dann entgegen, wenn wir auf die eigentlichen Kräfte der deutschen Volksseele unser geistiges Augenmerk lenken.

Wie tritt die deutsche Kulturentwickelung in die ganze Weltenentwickelung ein? Nachdem die Germanen ihre Zusammenstöße mit den Römern, den südlichen Völkern gehabt hatten, stellt die deutsche Kultur Menschen hin, die von der Kraft des Menschlichen unmittelbar in ihrer hier in der Welt daseienden Wesenheit ergriffen werden. Wir sehen, um nur eine Gestalt zu erwähnen, Siegfried vor uns; wir sehen die anderen Gestalten der Nibelungen vor uns. Sie tragen die Kräfte, durch die sie in der Welt zu wirken berufen sind, unmittelbar in ihrer Seele, und sie fühlen das, was sie da in ihrer Seele haben, als dasjenige, was die Welt überhaupt leitet, regiert und erhält. Dasjenige, was sich im Volksmund, im Geistesleben von diesem beseelten Verhältnis der Volksseele zu der einzelnen Seele erhalten hat, wie es uns schon entgegentritt im Anfang der mitteleuropäischen Kultur, das, was sich da erhalten hat, wir können es charakteristisch finden in einer ähnlichen Weise, wie uns vertieft die Beziehung zur geistigen Welt in der Mystik entgegentritt. Das, was den Mystiker durchpulst, empfindet er als dasjenige, was auch den ganzen Kosmos durchpulst. Er fühlt sich in dem, was er das Göttliche, das Geistige nennt. Man braucht nur das, was etwa Siegfried oder die anderen Gestalten durchpulst, die Nachklänge des ältesten Zusammenlebens der deutschen Volksseele mit der Einzelseele sind, zu vergleichen mit der Gestalt, welche innerhalb des russischen Volkslebens sich mit großer Popularität erhalten hat, der Gestalt des Ilja Muromez. Da sehen wir, wie er als Mensch das Göttlich-Geistige in der Ferne fühlt, wie er zu ihm aufschaut, wie es ihm etwas ist, was nicht unmittelbar in seiner Seele ist, wofür er sich höchstens hinopfert und als Streiter hingeben kann. Der Mut, die Kraft in der Siegfried-Natur, die Demut, die unmittelbare Hinopferung in der Muromez-Natur.

Und wir können sagen: Dasjenige, was uns so in der ersten Zeit der deutschen Blüte entgegentritt, es ist wie etwas, was dann in den Wirren der späteren Zeit wie verschwindet, fremden Einflüssen unterliegt. Und dann sehen wir in einer wunderbaren Weise vom zwölften, besonders vom dreizehnten Jahrhundert ab ein erneutes Sichbemühen des deutschen Geistes durch eben die verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele aufleuchten.

Nehmen wir solche Gestalten wie Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach. Wir sehen, wie da allerdings Gestalten und dichterische Vorwürfe aus dem Westen genommen werden, aber wie das, was aus dem Westen genommen wird, nur wie das Gerüst ist und wie eine unmittelbare Verbindung mit den elementarsten Kräften der übersinnlichen Welt zum Beispiel Wolfram von Eschenbach dazu anfeuert, aus seinem Parzifal denjenigen zu machen, der durch die eigenen Kräfte seiner Seele seinen Weltenwandel zum Gral durchmacht; indem er in der Außenwelt sucht, will er mit jedem Schritt zugleich seine seelischen Kräfte erweitern und im gleichen Maße in seine Seele eine Vergeistigung hereinbekommen. Eine Vertiefung, und zu gleicher Zeit eine Verjüngung des deutschen Wesens tritt uns in dieser Zeit, der Wolfram von Eschenbach angehört, unmittelbar entgegen.

Und dann sehen wir wiederum, wie sich nach und nach fremdländische Einflüsse geltend machen; wie gleichsam das deutsche Wesen altert. Aber wir sehen wirksam durch alles Altern hindurch die verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele. Und wir sehen dann diese verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele in einer merkwürdigen Weise hervortreten, nachdem Deutschland von den Feinden ringsumher im Dreißigjährigen Kriege wie  zu einer  Kulturwüste gemacht worden ist; wir sehen diese Kräfte aufglimmen, sehen ein Sichherausarbeiten der Volkskräfte, die wiederum eine vollständige Verjüngung durchmachen. Woher kommen diese verjüngenden Kräfte? Da muß man auf Lessing hinweisen, der in seinen Werken, in dem, was sein geistiges Testament ist, auf das Unsterbliche, das Ewige in der Menschennatur hingewiesen hat, – in jenem Testament allerdings, an das die ganz Gescheiten nicht glauben wollen. Aber er hat auch am Ende seines Testamentes darauf aufmerksam gemacht, wie er eine Erkenntnis sucht, die nicht eine Erkenntnis der Gelehrten, der auf der Spitze der Bildung sich Dünkenden ist, sondern die eine Erkenntnis der einfachsten, elementarsten Volkskräfte in der Urzeit war. Eine Verjüngung, eine Erfrischung des Wissens meint Lessing, als er sagt: Muß denn jeder einzelne Mensch eben die Bahn, auf welcher das Geschlecht zu seiner Vollkommenheit gelangt, in ein und demselben Leben durchlaufen haben? Warum könnte jeder einzelne Mensch nicht mehr als einmal auf dieser Welt vorhanden gewesen sein? Ist diese Hypothese darum lächerlich, weil sie die älteste ist? Weil der menschliche Verstand, ehe ihn die Sophisterei der Schule zerstreut und geschwächt hatte, sogleich darauf verfiel?

Da haben Sie dieses bewußte Untertauchen in das Volkstümliche, um zu einer höchsten Weisheit zu kommen. Derjenige, der seinen Zusammenhang mit der deutschen Entwicklung ins Auge faßt, kann nur sagen: Es ist ein Einströmen der verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele in Lessing zu sehen.

Und wiederum sehen wir in Herder, in Goethe, wie sie, der eine unterstützt von dem anderen, sich vertiefen in das deutsche Volkslied, in das deutsche Altertum, und wie sie, angeregt durch die verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele, eine Erhöhung der in ihnen befindlichen dichterischen Anlage und Erkenntnisanlage gewinnen. Und sehen wir, wie Goethe seinen «Faust» aus demjenigen herausgeschaffen hat, was mitten im Volk entstanden ist, – die Faustfigur, die er ja zunächst nur durch das Puppenspiel gekannt hat, das heißt durch dasjenige, was innerhalb des Volkes lebte. Eine Verjüngung ihres Lebens erfuhren Goethe und Herder durch ihr Eindringen in die Impulse der Volksseele. Es war Lessing, der auch das Faustproblem in die Zeit hineinstellte, der darauf aufmerksam machte, daß das, was an Dramatik in seiner Zeit elementar vorhanden war — solche Gestalten, wie sie in alten Stücken im Volke lebten — wiederum auf die Bühne gebracht werden müßte. Und er gab eine Szene, die sich an eine alte Volkstradition anlehnt, die sich anlehnt an den Verkehr mit der geistigen Welt.

Und stellen wir vor unser Auge die Strömung der Romantiker, die durch die Vertiefung in deutsches Volkstum, in die Mystik eine Verbindung mit dem Geiste anstreben; wir sehen, wie zum Beispiel in Novalis ein tiefer Einbruch auftritt in die Sphäre der geistigen Welt hinein.

Wenn man alle diese Verhältnisse betrachtet, so kann manches erklärlich werden, was ja gewiß schon hervorgehoben worden ist, was wie eben etwas durch Beobachtung Erkanntes hingenommen worden ist, was aber nicht in seinem Zusammenhang durchschaut worden ist. Der außerordentlich geistvolle Karl Hillebrand hat in einer wunderschönen Weise die westlichen Volkscharaktere mit den mittleren zusammengestellt. Das, was er in seiner sehr schönen Abhandlung über abendländische Weltanschauung zu sagen hat, findet eine vollständige Bestätigung, aber auch eine Durchleuchtung durch das, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat. Hebt doch Hillebrand hervor, daß die Italier die europäische Bildung gebracht haben, die Spanier den Mathematismus, die Engländer den Empirismus. Und nun denkt er nach: Was ist es denn eigentlich, was in den allgemeinen geistigen Prozeß der Menschheit der deutsche Geist einzuführen hat? Und er kommt wirklich in seiner Antwort zu einer ausgezeichneten, präzisen Charakterisierung desjenigen, was der deutsche Geist der Menschheit zu bringen hat: «Der deutsche Geist hat im Grunde erst die Idee des Organismus gefunden.» Für den, der durchaus nur britisch denkt, existiert der Organismus nicht. Das Wesen wird äußerlich angeschaut, aber es tritt nicht vor das Auge das unmittelbare organische Leben und Weben. Der Rationalist des Westens, er sucht durch historische Ideen zu begreifen, was Wirklichkeit ist; aber untertauchen in das Wirkliche, so daß das Leben im Wirklichen ergriffen wird, — von dem weiß auch Hillebrand, daß es des deutschen Geistes Eigentümlichkeit ist. Und so wird gerade durch Geisteswissenschaft dasjenige, was an Mißverständnissen gegenüber dem Deutschtum unter den europäischen Nationen waltet, immer mehr und mehr zutage treten.

Man muß wirklich sagen: Es ist begreiflich, wie der deutsche Geist in seinem Ringen nach einem inneren elementaren, unmittelbaren Zusammenhang mit der Volksseele so unendlich schwer verstanden werden kann. Das, was ihn charakterisiert, was in seinem eigenen Wesen aber auch ist, und das, was innerhalb seines Wesens besteht, das ist für ihn etwas, was mit dem Geiste organisch zusammenhängt, was er unmittelbar in dem objektiven Zusammenhang mit seiner Seele erleben muß, was zum Beispiel von demjenigen Geiste, der in seinem Seelenleben die Volksseele nur mit der Bewußtseinsseele erfaßt, so schwierig zu begreifen ist…

Weil mir das doch recht charakteristisch erscheint, möchte ich drei Sätze mitteilen, die gewissermaßen herausgeboren sind aus den tiefsten, intimsten Eigentümlichkeiten der deutschen Entwickelung; diese Sätze sind so geformt, als ob der Deutsche darin das Wesen seiner Seele, so wie er es seinem Volksgeist abgelauscht hat, ausdrücken wollte.

Der erste Satz: «In dem Gemüte lebt das Fünklein, in dem sich in der Menschenseele die Weitseele offenbart.» Diesen Satz hat Eckhart ausgesprochen, der deutsche Mystiker. Man darf wohl sagen, daß er so recht aus dem Wesen des Zusammenwirkens der Volksseele mit der einzelnen Seele heraus gesprochen ist. Nun versuche man einmal, diesen Satz in irgendeine westeuropäische Sprache so zu übersetzen, daß er wirklich übersetzt ist. Man wird es nicht können, weil aus einer anderen Sprache heraus der Volksgeist das nicht hergibt, was die Übersetzung dieses Satzes wäre, was so richtig im Sinne der deutschen Mystik den Inhalt des Satzes zum Ausdruck bringt.

Der zweite Satz: «Der Deutsche will nicht im abgeschlossenen Sein verharren, er will immer werden.» Der Deutsche betrachtet also sein Volkstum als etwas, was er als ein Ideal ansieht, dem man nachstrebt. Fichte sagt: Man ist Italier, man ist Franzose, aber man wird Deutscher, indem man sein Deutschtum in sich wirksam und intensiv verspürt; so wie Faust dasjenige verspürt, wonach er «immer strebend sich bemüht». «Der Deutsche wird, er will nicht im abgeschlossenen Sein verharren.» Man versuche wieder, das zu übersetzen, so daß es diesen intimen Sinn wiedergibt. Man wird sehen, daß man es nicht kann.

Der dritte Satz; es ist ein Satz, wodurch Hegel etwas hat ausdrücken können, was ihm als Verbindung des Übersinnlichen mit der einzelnen Menschenseele erscheint. Hegel sagt, in dem Übergang vom Sein ins Nichtsein, vom Nichtsein ins Sein liegt das lebendige Werden, in dem auch Fichte das Wesen des Menschen im Ich ergriffen hat. Nicht im starren Sein, sondern in dem, was sich immer erschafft, was immer vom Nichtsein in sich hat, vom Sein in Nichtsein immer schöpferisch übergeht. So ist dieser dritte Satz ein eminent deutscher Satz: «Sein und Nichtsein vereinigen sich zu höherer Einheit im Werden.» Versuchen Sie, auch diesen Satz zu übersetzen in eine westeuropäische Sprache, man wird es nicht können.

 

aus GA 64, Vortrag XII

Derjenige Geist, der uns bei der – ich möchte sagen – Neugestaltung des Weltanschauungsbildes der neueren Zeit als besonders charakteristisch erscheinen kann, ist der im Jahre 1600 verbrannte Giordano Bruno. Indem wir auf Giordano Bruno hinweisen, müssen wir auf den Anteil hinweisen, welchen italienische Kultur, italienisches Denken, italienisches Weltanschauungsstreben an der allgemeinen Weltkultur hat. -Ich habe in früheren Vorträgen darauf aufmerksam gemacht, daß des Menschen Seelenleben und Seelenstreben von einer wirklichen Geisteswissenschaft in drei Äußerungsformen gesehen werden kann: als Empfindungsseele, als Verstandes- oder Gemütsseele und als Bewußtseinsseele, und daß in diesem Gewoge des inneren Erlebens, das unter dem Einfluß der Kräfte der Empfindungsseele, der Kräfte der Verstandes- oder Gemütsseele und der Kräfte der Bewußtseinsseele zustande kommt, das eigentliche Ich des Menschen als das alles Verbindende wirkt… Ich habe auch darauf aufmerksam gemacht, daß das Wesentliche der nationalen Impulse, insofern sie die Menschenseele ergreifen, ~ beim italienischen Volke zum Beispiel darin besteht, daß die Impulse, die von der italienischen Volksseele in die Seele des einzelnen Italieners hereinspielen, bei diesem die Empfindungsseele ergreifen, aber nicht in dem Sinne ergreifen, daß er als Einzelner in Betracht kommt, sondern als Angehöriger seines Volkes; so daß ein Mensch, welcher innerhalb der italienischen Kultur nach einer Weltanschauung strebt, dies tun wird als durchpulst von der Kraft, die durch seine Empfindungsseele wirkt. Und sehen wir nicht — wir könnten da auf Campanella, auf Vanini und andere Geister im neueren Zeitalter der italienischen Kultur hinweisen, aber Giordano Bruno ist derjenige Geist, der diese Seite am anschaulichsten zum Ausdruck bringt — sehen wir nicht, wie Giordano Bruno in der Morgenröte der neueren Zeit mit den Kräften, von denen wir sagen, es sind die Kräfte der Empfindungsseele, dasjenige ergreift, was Kopernikus als ein Raumes-Weltbild heraufgeholt hat?

Nehmen wir die mittelalterliche Weltanschauung. Es war der Raum, den der Mensch überschauen konnte, begrenzt von dem Himmelsgewölbe, in welches die Sterne eingefügt waren: von dem sogenannten Kristallhimmel. Dann gab es die Sphären der einzelnen Planeten mit den Sphären von Sonne und Mond. Ein solches Weltbild entsprach der sinnlichen Anschauung. Es war aber nur vereinbar mit derjenigen Anschauung über die Raumeswelt, welche dem Kopernikanismus vorangegangen ist. Indem der Kopernikanismus sich — ich möchte sagen — in die unendliche Begeisterungsfähigkeit der mit allen Tiefen der Empfindung die Welt erkennenden Seele des Giordano Bruno hineinsenkte, entstand in ihm diese Ansicht: Was da oben das Himmelsgewölbe genannt wurde, das ist gar nicht da oben; das ist nicht eine wirkliche Grenze, sondern das ist nur eine Grenze, bis zu welcher die menschliche Raumesansicht kommt. Ins Unendliche hinaus geht die Welt! Und eingebettet in die Unendlichkeit sind unzählige Welten, und beherrschend diese unzähligen Welten ist die Weltenseele, welche für Giordano Bruno dieses also empfundene All durchdringt, wie die einzelne Menschenseele die einzelnen menschlichen Elemente durchdringt, die unseren Organismus zusammensetzen. Man braucht nur eine Seite irgendeiner Schrift von Giordano Bruno zu lesen, und man wird sich klar werden, daß die Begeisterung, die in seiner Seele durch den Kopernikanismus entfacht worden ist, ihn dazu geführt hat, seine Hymnen – denn Hymnen sind es, was in seinen Schriften zur Offenbarung kommt — auf das unendliche, von der Weltenseele durchdrungene Weltgebäude zu richten. Und so die anderen, die, wie er, aus seiner Volkskultur zu ihrem Streben angeregt worden sind. Daher sehen wir, wie uns in Giordano Bruno ein Weltbild entgegentritt, welches allüberall nicht bloß das Materiell-Räumliche in der Welt sieht, sondern alles Materiell-Räumliche zugleich durchgeistigt, durchseelt sieht; wie die einzelne Menschenseele ihm nur ein Abbild des gesamten Weltenorganismus ist, der von der Weltenseele so durchdrungen wird, wie unser einzelner Organismus von unserer Seele durchdrungen wird.

Dieses Weltbild des Giordano Bruno steht vor uns – ich möchte sagen — aus derselben Empfindungsgrundlage heraus gebildet wie das ältere Weltbild des Dante; nur daß jenes Weltbild des Dante eben in das dichterische Schaffen heraufgenommen hat, was auch von früher überkommen war und in Unendliches hinausgeführt hat, aber in unendliches Übersinnliches. – Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, wie man gerade an Giordano Bruno lernen könnte, was gegenüber der neueren Geisteswissenschaft so notwendig ist zu lernen. Denn erstens wird dieser neueren Geisteswissenschaft gegenüber immer eingewendet, daß sie etwas geltend mache, was den «fünf Sinnen» des Menschen widerspricht. Nun, nichts widersprach den fünf Sinnen des Menschen mehr als das Weltbild des Kopernikus, das auf Giordano Bruno den eben charakterisierten Eindruck gemacht hat; trotzdem ist das Weltbild des Kopernikus, wenn auch nach und nach, in die Denkgewohnheiten der Menschheit hineingegangen. Aber auch anderes ist in die Denkgewohnheiten der Menschen übergegangen. Wie Giordano Bruno seinen Zeitgenossen zugerufen hat: «Ihr täuscht euch den Raum vor, begrenzt von dem blauen Himmelsgewölbe; dieses blaue Himmelsgewölbe ist aber nicht vorhanden, denn das ist nur die Grenze eurer Anschauung», so muß die neuere Geisteswissenschaft sprechen gegenüber dem, was das ältere Weltbild in Geburt und Tod zur Begrenzung des Weltbildes sieht. Denn was da in Geburt und Tod als Grenzen des Zeitlichen erscheint, das ist außer der menschlichen Anschauung ebensowenig wirklich da, wie für die Raumesanschauung das blaue Himmelsgewölbe außer der menschlichen Anschauung wirklich vorhanden ist. Sondern nur deshalb, weil die menschliche Raumesansicht nur bis dahin reicht, wo das blaue Himmelsgewölbe erscheint, wird ein solches als Grenze des Räumlichen angenommen. Und weil in bezug auf das Zeitliche die menschliche Anschauung nur bis zu Geburt und Tod reicht, werden Geburt und Tod als Grenzen für das Zeitliche angenommen; und wir stehen heute mit der Geisteswissenschaft in bezug auf Geburt und Tod an derselben Stelle, wo Giordano Bruno für seine Zeit gestanden hat. Ich möchte sagen: um das, was sich als sein Weltbild ergab, wirksam der Zeitkultur einzuprägen, dazu gehörten die aus der Empfindungsseele hervorgehenden Regungen, welche Giordano Bruno diesem Weltbilde gegeben hat. Wie wenn es nicht im geringsten seinen Verstand in Anspruch nähme, seine Vernunft irgendwie behelligte, was er über die Welt zu sagen hat — man braucht nur eine Seite bei ihm zu lesen, und man wird es bestätigt finden —, sondern wie wenn alles sich ihm ergäbe aus der unmittelbarsten Empfindung heraus, so spricht Giordano Bruno. So wurde beim Ausgang der neueren Zeit das ergriffen, was ergriffen werden mußte, weil es so tief bedeutsam für den menschlichen Fortschritt war: das kopernikanische äußere Weltbild. Und so können wir sagen: es ist die «Empfindungsnuance» des Seelenlebens deutlich ausgeprägt in dem Weltbilde des Giordano Bruno und auch derjenigen, die mit ihm aus der italienischen Volksseele heraus ihre bedeutsamsten Impulse bekommen hatten. Denn das ist gerade das Bedeutsame, das bis in die neuesten Zeiten von dieser Seite her gekommen ist: daß alles Philosophieren, alles Zusammentragen von Gedanken zu einer Weltanschauung aus diesem unmittelbarsten Empfindungsleben herausgeflossen ist. Was die Weltanschauung innerlich erwärmt als Kraft, das kommt von dieser Seite her. Daher dürfen wir sagen: insofern der einzelne Italiener sich in sein Volkstum hineinstellt, spricht aus ihm die begeisterungsfähige Seele, wenn er ein Weltbild sich erarbeiten will.

Wenn wir nun zu einer anderen Strömung hinblicken -einer derjenigen Strömungen, die dann zu dem modernen Weltbilde geführt haben: zu der französischen Strömung, so finden wir auch dort einen ausgezeichneten Geist am Ausgangspunkt der neueren Weltanschauungsströmung stehen; aber wenn wir genau hinsehen, so sehen wir ihn unter ganz anderen Voraussetzungen als Giordano Bruno der Weltanschauungsentstehung gegenüberstehen: Descartes (Cartesius). Er ist ebenfalls ein Geist, der, wie Giordano Bruno, der Wende des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts angehört, aber er geht von ganz anderen Voraussetzungen aus. Betrachten wir einmal diese Voraussetzungen, wie sie sich in diesem hervorragenden Geiste darstellen. Was ist das, wovon er ausgeht, im Gegensatze zu Giordano Bruno? An Giordano Bruno sehen wir, wie er ergriffen wird von einer sich immer steigernden Begeisterung für das, was ihm die Grundlagen des modernen Weltbildes gibt. Bei Descartes sehen wir das Gegenteil: wir sehen, wie er von dem Zweifel ausgeht, wie er sich klar macht, daß man an allem, was sich von der Außenwelt oder vom Innern der Seele her dem Menschen als ein Wissen, als eine Erkenntnis, als Erfahrung ergibt, zweifeln könne, ob es eine Wirklichkeit sei, ob es ein Berechtigtes sei, ob es mehr Berechtigung habe als ein vorübergehendes Traumbild. Descartes kommt dazu, an allem zu zweifeln; aber nach Wissen, mit inneren Kräften zu wissen, sucht er. Da sucht er zunächst nach den Kennzeichen, welche das Wissen haben muß, damit es für die Seele gelten könne; und dieses Kennzeichen ist für ihn Klarheit und Deutlichkeit. Was am klarsten, am überschaulichsten sich vor die Seele hinstellen kann, das trägt das Kennzeichen der Gewißheit. Ich möchte sagen: in dem Meer des Zweifels, auf dem er sich zunächst befindet, geht ihm auf, daß er etwas suchen müsse, was sich ihm mit Klarheit und Deutlichkeit, mit Durchschaubarkeit hinstellt; denn nur das kann ihm als eine Gewißheit gelten. Also nicht ist es die ursprüngliche Begeisterung, die ihn treibt, sondern das Streben nach Klarheit, nach Deutlichkeit und Überschaubarkeit. Daraus geht dann hervor, daß er sich sagt: Und zweifle ich auch an allem, wäre auch alles, was ich in der äußeren und inneren Welt wahrnehmen könnte, nur ein Traumbild: daran kann ich nicht zweifeln, daß – ob es Traum sei oder nicht – ich dieses denke; und wenn alles nicht ist, was sich da in dem Meer der Erlebnisse abspielt, und worüber ich zweifeln kann – das stellt sich mit Klarheit über alles hin: ich denke – dann bin ich auch! Und aus dieser Klarheit und Deutlichkeit sprießt ihm der Gedanke auf: alles was sich so klar und deutlich wie dieses Musterbild der Klarheit und Deutlichkeit vor die Seele hinstellt, das hat Berechtigung; so darf man über die Welt denken, wie man überschauen muß dieses: ich denke, dann bin ich auch. – Und nun sehen wir von diesem Ausgangspunkte aus bei Descartes und seinen Nachfolgern, wie ein Weltbild entsteht, das nach Klarheit und Deutlichkeit dürstet. Diese Klarheit und Deutlichkeit war in Descartes Seele dadurch vorgebildet, daß er ein großer Mathematiker, vor allem ein besonderer Denker auf dem Boden der Geometrie war. Mathematische Klarheit fordert er für alles, was diesem Weltbilde angehören sollte. Er und seine Nachfolger kamen dann dazu zu sagen: Über die Raumeswelt und über alles, was sich im Räume bewegt, kann man Klarheit und Deutlichkeit gewinnen, kann man sich ein Bild machen, das innerlich so klar und deutlich ist, wie nur die Mathematik selber klar und deutlich ist. Aber ich möchte sagen, es entschlüpfte diesem Weltbilde das eigentlich Seelische. Nicht als ob Descartes das Seelische leugnete, sondern indem er die Gewißheit nahm: ich denke, also bin ich auch —, nahm er dieselbe nicht so, daß man den Eindruck bekäme, er vertiefte sich in das Seelische so, wie er sich in die äußere Raumeswelt vertiefte, in das, was äußerlich geschieht. Was äußerlich im Räume geschieht, das gibt ihm die Möglichkeit, die Einzelheiten zu überschauen, gibt ihm auch die Möglichkeit, den Zusammenhang der Einzelheiten zu überschauen; mehr oder weniger dunkel bleibt aber das Innere. Er sagte sich: Klar und deutlich sind doch gewisse Ideen, welche in der Seele auftauchen; das sind «angeborene» Ideen; indem sie klar und deutlich auftauchen, gliedern, organisieren sie innerlich die Seele. Aber ein Zusammenhang zwischen dem Innerlich-Seelischen und dem Äußerlich-Räumlichen ergab sich ihm nicht; die standen wie zwei Welten nebeneinander. Daher konnte er auch nicht — so wie Giordano Bruno, der alles von der Weltenseele durchseelt denkt und diese Weltenseele ihre seelischen Impulse in alles hineingießend denkt — dazu kommen, auch in alles Räumliche das Seelische hineinzudenken. Er sagte sich: Schaue ich ein Tier an, so bietet sich mir ein Raumesgebilde dar; das kann ich anschauen wie ein anderes Raumesgebilde; etwas anderes aber als die Raumesgebilde zeigt es nicht; daher erscheint es wie ein bewegter Automat. Dasjenige, was das Tier bewegt, fand er bei den Tieren nicht. Nur in sich fand er das. Daher schrieb er auch nur den Menschen, nicht den Tieren eine Seele zu. Die Tiere nannte er «lebendige Automaten» — und damit haben wir den Anfang zu einer mechanischen Weltanschauung. Man war nicht so kühn — Descartes nicht und nicht seine Schüler – um das, was aus der alten Überlieferung als religiöse Tradition vorhanden war, dieses Innerlich-Seelische, hinwegzuleugnen, aber man suchte es nur als dem Menschen angehörig zu betrachten; und bei den Tieren betrachtete man es so, daß es in der Weise seine Gebilde vor die Seele hinstellt, wie die mathematischen Gebilde sich vor die Seele hinstellen…

Und wenn wir nun zu einer dritten Strömung gehen, die auch auf unsere geistige Kultur, auf unser geistiges Weltbild der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts einen denkbar größten Einfluß genommen hat, wenn wir zu der britischen Kultur gehen, so finden wir als tonangebenden Geist, in dessen Fußstapfen noch alle anderen führenden Geister Englands stehen, Bacon, Baco von Verulam. Und wie macht er das geltend, was er anzuführen hat? Er sagte sich: Die Menschheit hat allzulange in bloßen Idealen gelebt, hat sich allzulange mit bloßen Idealen und bloßen Worten beschäftigt, und sie müßte jetzt den Blick auf die äußeren Dinge richten, auf die Dinge selbst, das heißt auf diejenigen Dinge, welche sich der äußeren Beobachtung darbieten; man könnte nur zu einem wirklichen Weltbilde kommen, wenn man die Augen und die anderen Sinne hinausrichtet auf das, was sich in der äußeren Welt vollzieht, und die «Gedanken» nur insofern gelten läßt, als sie das, was sich draußen abspielt, in einen Zusammenhang bringen, Bacon wurde der Philosoph der Erfahrung, des Weltbildes der Erfahrung, jenes Weltbildes, das dazu dient, um das, was sich äußerlich abspielt, zusammenzufassen. Daher sehen wir, wie im Fortgange dieser Geistesströmung ein hervorragender Geist wie etwa Locke die Möglichkeit ableugnet, daß die Seele irgendeine Erkenntnis aus sich selbst heraus gewinnen könne; alles, was sie tun könne, ist nur, sich hinzustellen und den Lauf der Welt zu beobachten; dann wird das, was sie beobachten kann, auf die leere Tafel der Seele sich schreiben. Die Seele selbst ist in diesem Sinne eine leere Tafel, eine Tabula rasa; nicht wie bei Descartes steigen angeborene Ideen auf, welche mit dem Wesen des Seelischen zusammenhängen. Locke streicht alle angeborenen Ideen aus. Das Weltbild entsteht ihm nur dadurch, daß sich die Menschenseele auf die Umgebung hinausrichtet, daß sie analysiert, synthesiert und sich Gedanken macht über das, was draußen vorgeht. Bis hinauf in die neuere Zeit geht diese Strömung. Menschen wie John Stuart Mill, Herbert Spencer und andere stehen unter dem Einfluß eines solchen Impulses, wie er eben angedeutet worden ist. Man möchte sagen: abgelehnt wird mit einem solchen Weltbilde alles, was die Seele dadurch erringen könnte, daß sie sich innerlich entwickelt und das heraufholt, was sie noch nicht hat, wenn sie auf naturgemäße Weise hineingestellt ist in die Welt; so daß sie stehenbleiben muß bei alledem, was sich äußerlich darbietet, und alle Seelenkraft dazu verwendet, um das zusammenzufassen, was sich von außen darbietet.

Als ich zum ersten Male vor jetzt etwa fünfzehn Jahren einen Begriff, eine Vorstellung für diese Art der englischen Philosophie suchte, besonders für John Stuart Mill — dargestellt ist das in meinen «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert» —, da habe ich, um das Weltbild John Stuart Mills zu charakterisieren, nach einem bezeichnenden Ausdruck gerungen; und ich mußte schon damals dieses Weltbild so charakterisieren, daß ich sagte: Dieser Standpunkt ist der des «Zuschauers der Welt», ist nicht der Standpunkt einer Seele, die innerlich an sich arbeitet mit dem Glauben, der voraussetzt, durch dieses innerliche Arbeiten weiterzukommen in der Erkenntnis der inneren Zusammenhänge der Dinge. Auf diesem Zuschauerstandpunkt steht auch John Stuart Mill, denn einer der Nachfolger Lockes und Bacons war auch Mill, und er steht so der Welt gegenüber, daß er vor dem steht, was sich äußerlich den Sinnen darbietet, und was man in Gedanken zusammengliedern kann, wie sich auch Gedanken im alltäglichen Leben zusammengliedern und lösen.

Nun sehen wir, wie wieder in einer andern Weise, als Giordano Bruno, Cartesius, Bacon in der charakterisierten Art an dem Zustandekommen eines Weltbildes arbeiten, in der deutschen, mitteleuropäischen Geisteskultur an dem Heraufdringen eines Weltbildes gearbeitet wird; wir sehen, wie in Einsamkeit ein deutscher tiefer Geist aus der tiefsten Natur der Volksseele heraus ein Weltbild gewinnen will. Man kann diesen Denker, der zu den höchsten Erkenntnissen strebt, die dem Menschen möglich sind, selbstverständlich verkennen, kann ihn leicht verspotten; aber es muß auf diesen Einen aufmerksam gemacht werden, wenn von dem deutschen Geistesleben gesprochen wird: auf Jakob Böhme, der dem Ende des sechzehnten und dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts angehört. Gewiß, er kann leicht verkannt werden, der einfache Görlitzer Schuster; denn er sprach nicht so wie Kopernikus oder wie Giordano Bruno, der aus seinem elementaren Empfinden heraus ein Weltbild entworfen hat; er sprach auch nicht aus einem Streben nach Klarheit und Deutlichkeit, wie wir es bei Descartes finden, und er sprach noch weniger wie Bacon, der zusammenfassen wollte, was sich äußerlich vor den Sinnen darstellt. Sondern er sprach so, daß, wenn er in seine Seele sich vertiefte oder mit der Natur zusammen war, etwas da war, was früher nicht da war; er sprach davon, wie ein innerlicher Weg durchgemacht wird, der in die innersten Geheimnisse des Daseins führt. Von dem sprach er, was sich in ihm entzündet hat, wie er einmal als Hirtenjunge auf den Gipfel eines Berges in ein Erdloch hineingesehen hat und sich ihm in der Vertiefung ein Metallgefäß mit Gold dargeboten hat, und wie durch dieses Erlebnis etwas sich in ihm entzündet hat, wovon er sagen wollte: In meiner Seele ist ein Funke aufgegangen, der angezündet ist von dem in der Welt webenden Geist; ich fühlte mich verbunden mit dem in der Welt lebenden Geist. Und er erzählt uns weiter, wie er diesem Erlebnis in seiner Seele nachging und sieben Tage hindurch auch in einem der Alltäglichkeit entfremdeten Seelenzustande lebte, wie er durchgegangen war durch ein «Paradies und Freudenreich», wie er sich nicht verbunden fühlte durch seine Sinne mit der Wirklichkeit, nicht durch seinen Verstand mit dem, was die Sinne darbieten, sondern wie er sich verbunden fühlte durch seine Seele mit dem, was übersinnlich, unsichtbar in den Dingen waltet. Doch als er dies seinem Lehrherrn erzählte, bei dem er damals in der Lehre war, da sagte ihm dieser, er solle sich aus dem Staube machen, denn er könne keine jungen Hauspropheten brauchen! Und so wie dieser Lehrherr sprechen heute noch viele; in dieser Beziehung sind die Menschen nicht verständiger geworden.

Aber wenn wir uns in Jakob Böhme vertiefen, so sehen wir, wie er seine Seele anknüpfen will an das, was die Seele geistig-seelisch durchpulst. Während Giordano Bruno die Seele nach außen gerichtet hat, um überall die «Weltenseele» zu schauen, die er angenommen hat, ist es bei Jakob Böhme so, daß er seine Seele nur innerlich formen und gestalten will, daß er nicht die Weltenseele äußerlich anschauen will, sondern sich hineinversenkt in sie, so daß er mitmacht das Leben dieser Weltenseele. Mitmacht, sagte ich. Dadurch ist ein Ausgangspunkt für Weltanschauungen gegeben, aus einem dunklen Drange heraus zu schaffen; denn Jakob Böhme arbeitet ohne äußere Gelehrsamkeit, nur aus seiner Seele heraus. Es ist der Anfang gemacht für das Streben einer Seele, die ihre Impulse aus den Impulsen der deutschen Volksseele hat: dieses Darin-nenstehen in dem, was sonst nur angeschaut wird oder was in Klarheit und Deutlichkeit dargestellt wird. Jakob Böhme hätte nicht verstanden, was Cartesius anstrebte; denn ihm handelte es sich nicht um Klarheit und Deutlichkeit, sondern darum, daß man die Seele mitleben läßt das Leben der großen Weltenseele. Und wenn er das konnte, dann kam es ihm nicht darauf an, ob es klar und deutlich ist, denn «es ist eben erlebt!» Und dieses «es ist erlebt» ist wie ein Einschlag, wie ein Ferment innerhalb des Strebens des deutschen Volksgeistes geblieben. Jene Geister, die ich im Vortrage vor acht Tagen besprochen habe, sind doch die Fortsetzer jenes ersten Keimes, der in Jakob Böhme veranlagt ist; man kann es bei ihnen noch sehen, wie sie nur mit Deutlichkeit nach dem streben wollen, was schon in Jakob Böhmes Streben gelegen war, was man damit ausdrücken kann, daß man sagt: Er wollte eben die Geheimnisse der Welt erleben — nicht bloß anschauen!

Nun müssen wir uns allerdings einen zweiten Ausgangspunkt für das neuere Weltanschauungsstreben ansehen, wenn wir alle die Kräfte erkennen wollen, welche in diesem neueren Weltanschauungsstreben drinnen sind. Dieser andere Ausgangspunkt wird heute gerade von Menschen, die nach Weltanschauung streben, oft mehr bewundert als der Ausgangspunkt Jakob Böhmes; es ist derjenige, den man auch bei einem deutschen Geist findet, und wieder bei einem eminent kosmopolitischen Geist, nämlich bei Leibniz. Seine Weltanschauung ist ähnlich der von Giordano Bruno, aber umgesetzt in deutsche Weltanschauungsnuance. Wenn wir die italienische Weltanschauung charakterisieren wollen, müssen wir sagen: sie ist aus der Empfindungsseele herausgeboren. In demselben Sinne ist die französische Weltanschauung aus der Verstandes- oder Gemütsseele herausgeboren; gerade wenn man Cartesius studiert, merkt man das in einem ganz besonderen Maße. Die britische Weltanschauung ist ganz aus der Bewußtseinsseele herausgeboren, aus jener Bewußtseinsseele, die besonders in dem Zuschauerstadium dazu befähigt ist, den Blick auf das zu richten, was äußerlich ist, und was sich der Verstand daraus zum Bewußtsein bringen kann. Deutsche Weltanschauung geht aus dem Ich selber, aus dem intimsten inneren Seelenwirken hervor. Und wie das Licht sowohl im Rot-Gelben wie im Grünen und Blau-Violetten anwesend ist, so ist das Ich anwesend in der Empfindungsseele, in der Verstandes- oder Gemütsseele und auch in der Bewußtseinsseele in alles hineinspielend, aber deshalb auch ein fortwährend Hin-und-her-Strebendes, bald nach der Empfindungsseele Strebendes, wie bei Jakob Böhme, bald mehr nach der Verstandesseele hintendierend wie bei Leibniz. Was Jakob Böhme innerlich erstrebt als das Sicheinleben in die Weltenseele, das erstrebt Leibniz durch den Verstand, aber nicht, wie es bei Descartes der Fall ist, nicht wie ein mathematischer Geist, sondern wie eine Seele, die ein klares Bewußtsein davon hat: der Mensch ist in seiner Wesenheit ein Stück der ganzen Welt. Und so sagte sich Leibniz: Was ich als Seele bin, ein vorstellendes Wesen, das ist im Grunde genommen überall, in aller Welt das Zugrundeliegende. Was wir im Räume sehen, ist nicht ein bloß räumlich Aufgebautes, sondern die Wirklichkeit ist, daß alles, was draußen Realität ist, gleicher Art ist wie das, was in mir selber ist; nur kommt meine Seele gleichsam zu einem wachen Bewußtsein. In den Wesen draußen, die nicht Menschen sind, leben auch solche Grundbestandteile, wie sie im Menschen vorhanden sind. Leibniz nennt sie «Monaden». Was «wirklich» in ihnen ist, das ist das Bewußtsein. Nur haben die Monaden des Mineralreiches und des Pflanzenreiches etwas wie ein Schlafbewußtsein; dann werden sie immer bewußter und bewußter, um endlich im Menschenreiche zum Selbstbewußtsein zu kommen.

Die Welt ist für Leibniz ganz und gar aus Monaden zusammengesetzt, und wenn man die Welt nicht als Monaden sieht, so kommt das davon her, daß man sie undeutlich sieht -wie es bei einem Mückenschwarm ist, der, von ferne gesehen, undeutlich erscheint und wie eine Wolke ausschaut, die sich aber in die einzelnen Mücken auflöst, sobald man näher herankommt. So besteht zum Beispiel der Tisch hier vor mir aus Monaden, aber diese Monaden werden so zusammengeschoben gesehen wie die einzelnen Mücken eines Mückenschwarmes. So besteht für Leibniz die gesamte Welt aus einzelnen Monaden, und wie sich die einzelnen Monaden in der Gesamtwelt spiegeln, so sind sie ein Mikrokosmos in dem Makrokosmos. Man muß sich vorstellen, daß die gesamte Welt sich in jeder einzelnen Monade spiegelt, und über das Ganze breitet sich eine von der Urmonade eingepflanzte Harmonie aus.

Wenn man das Hervorstechende an dieser Leibnizschen Weltanschauung charakterisieren will, so muß man sagen: Das Hervorstechende an ihr ist ihre Abstraktheit, ihre Gedanken-haftigkeit; und dies Abstrakt-Gedankenhafte sieht man ja auch sofort, wenn man näher auf sie eingeht. Denn was würde es taugen, wenn man, wie es Leibniz in bezug auf die einzelnen Monaden tut, nur auf eine Uhr einginge und sagen würde: das einzelne Glied, das einzelne Rädchen schlüge in Wirksamkeit mit der ganzen Uhr, wäre also ein «Ührchen», und alle Wirkungen der Uhr kämen in ihm zum Ausdruck? Gewiß, wer eine Kenntnis von der Zusammensetzung der Uhr hat, kann sagen, wie ihre einzelnen Teile zusammenhängen. Aber was würde es ausmachen, wenn man sagen würde: das eigentliche Charakteristische der Uhr ist ihre Harmonie? Man umfaßt es mit einem abstrakten Begriff. Heute allerdings sind die Menschen meist froh, wenn sie für etwas einen abstrakten Begriff hinstellen können; aber schon eine Uhr kann man nicht begreifen durch den bloßen Begriff der Harmonie. Daran kann man den Gegensatz empfinden zwischen einer verstandesmäßigen, abstrakten Weltanschauung, wie sie uns Leibniz bietet, und einem immer mehr sich mit Demut Hineinleben in das Wirken und Weben des Weltengeistes, wie es uns bei Jakob Böhme zuerst, wenn auch mehr ahnungsvoll, entgegentritt.

In ähnlicher Weise, wie Descartes die Möglichkeit der mathematischen Unterordnung der Gedanken in das Weltbild suchte, so strebte Spinoza auch nach einem Weltbilde, das wie ein mathematisches System überschaubar ist; aber er will es zugleich so gestalten, daß sich, wenn man von Begriff zu Begriff aufsteigt, ein immer höheres und höheres Erleben der Menschenseele ergibt. Charakteristisch nennt er sein mathematisches Weltbild «Ethik», weil immer, indem er Begriff an Begriff reiht, jeder folgende die Seele immer weiter hineinbringt in die Geheimnisse des Daseins, bis die Seele, indem sie also

in die von Mathematik zu Mathematik gehenden Begriffe sich immer mehr vertieft, sich eins fühlen kann mit der einheitlichen Weltensubstanz, mit dem einheitlichen Weltenallgeist. Es ist ein innerliches Vorschreiten, ein Sichentwickeln bei Spinoza. Daher steht Spinoza mit seinem Streben nach Weltanschauung auch vereinzelt da. Er hat den Einschlag, den er von Descartes bekommen konnte; aber er hat ihn durch das, was gerade er haben konnte, vertieft in sein Weltbild hineingebracht.

 

aus GA 65,  XIV (1916)

…Wenn wir solche Vorgänge studieren wollen, wie ich sie vorhin beschrieben habe, das Wirken einer späteren Lebenszeit in einer früheren, sagen wir, der seelischen Zustände vom achtundzwanzigsten bis zum fünfunddreißigsten Jahre in dem Knabenleib bis zum siebenten Jahre, dann müssen wir uns dieses Wirken des späteren Seelischen in dem früheren Leiblichen auch von der Art denken, wie immer Geistig-Seelisches unterbewusst in uns wirkt, immer unterbewusst in uns arbeitet durch das ganze Leben hindurch. Da unten geht Geistig-Seelisches vor sich, wirklich Geistig-Seelisches, nicht bloß feiner Leibliches. Da unten im menschlichen Organismus, in dem, was sich vollzieht, ohne dass das Bewusstsein, das den menschlichen Organismus mit seinem Wissen, mit seinem Erkennen begleitet, etwas davon weiß, in diesen untergestellten Partien des menschlichen Organismus, da lebt dann ein Teil des Geistig-Seelischen, ein Glied des Geistig-Seelischen während des wachen Tageslebens mit dem Geistigen der Umgebung so, wie unsere Lunge mit der Luft lebt, mit dem Geistigen der Umgebung, nur nicht der räumlichen Umgebung…

Da entwickelt sich wirklich ein Leben geistig-seelischer Art zwischen einer geistigen Welt und dem menschlichen Gesamtwesen, das ebenso wirklich, ebenso real ist, wie die Wechselwirkung zwischen der Luft und der Lunge.

Und unter dem, das sich da durch das ganze menschliche Leben hindurch abspielt, liegen die Einflüsse desjenigen, was wir Volksseele, Volksgeist und dergleichen nennen. So wie während der Zeit der individuellen menschlichen Entwickelung bis zum Zahnwechsel hin beim Mädchen oder beim Knaben dasjenige wirkt, was sich in der angedeuteten Weise später seelisch ausdrückt, so wirkt durch unser ganzes Leben hindurch ein vorhandenes Geistig-Seelisches, das ein höheres Geistig-Seelisches ist als das menschlich Geistig-Seelische, oder wenigstens ein Übergeordnetes. Das wirkt da herein, wirkt zusammen mit unserem eigenen, im Schlafe herausgezogenen Unterbewussten. Und es ist ein fortwährendes Zusammenwirken des Volksseelenhaften mit dem, was in uns auf die angedeutete Weise individuell ist, wie ein fortwährendes Wirken ist zwischen der menschlichen Lunge und der Luft. Nicht in der Sprache als solcher, nicht in dem, was sich als Kunst, als Dichtung eines Volkes, als Mythen eines Volkes zunächst auslebt – das alles sind die Wirkungen eines Über-, oder man könnte auch sagen Unter- sinnlichen -, sondern in einem viel Tieferliegenden gehen die geheimnisvollen Wechselwirkungen vor sich, die da bestehen zwischen dem Menschen mit Bezug auf ein gewisses Inneres, das ich eben charakterisiert habe in seinem Wesen, und dem, was wir Volksseele nennen…

Wenn man sich in das Wesen der italienischen Volksseele geisteswissenschaftlich vertieft, so findet man: Eine solche Volksseele wirkt nun nicht, wie ich es angedeutet habe, wie es im individuellen Menschenleben ist, so, dass ein späterer Zeitraum in einen früheren hinein seine Eigentümlichkeit prägt; sondern eine solche Volksseele wirkt aus gewissen Tiefen des Geisteswesens heraus das ganze Leben auf den Menschen ein. Selbstverständlich auszuschließendes das nicht sein. Der Mensch kann das eine Volk verlassen, in das andere aufgenommen werden. Aber die Wirkungen sind trotzdem so, wenn sie sich dadurch auch modifizieren. Aber die Volksseele ist da, und das, was ich zu schildern habe, ist gewissermaßen eine Begegnung mit der Volksseele. Wer während seines ganzen Lebens in seinem Volke stehenbleibt, hat eben diese Wirkung sein ganzes Leben hindurch. Wer von einem Volk in das andere geht, wird eben zuerst die Wirkung der einen Volksseele, nachher auch die der anderen Volksseele haben….

Durch das ganze menschliche Leben hindurch kann also das, was von der Volksseele herkommt, auf dieselbe Art wirken, wie früher auf das individuelle Leben in den angegebenen Zeiträumen das, was von den Lebensstufen herkommt. Und betrachtet man die italienische Volksseele, betrachtet man sie in ihren Eigentümlichkeiten so, wie sie den Menschen ergreift, wenn sie dasjenige, was sie als Stimmungsgehalt zu geben hat, in die Seele hineinprägt, in den ganzen Menschen hineinprägt, so findet man nun ganz merkwürdigerweise, dass eine gewisse starke Verwandtschaft besteht zwischen den Kräften dieser italienischen Volksseele und den individuellen Kräften, die der Mensch entwickelt eben vom Anfang der zwanziger Jahre bis zum siebenundzwanzigsten, achtundzwanzigsten, neunundzwanzigsten Jahre. Man muß nur wiederum hinzunehmen – aber so, dass dieses zweite Element nur anklingt – dasjenige, was so vom fünfunddreißigsten bis zum zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten, vierundvierzigsten Jahre in der Seele sich auslebt. Aber das stärkere Element der italienischen Volksseele ist dasjenige, was verwandt ist mit den ersten zwanziger Jahren. Es ist nur schattiert durch dasjenige, was sich eben in den späteren Jahren, wie ich angedeutet habe, auslebt.Es ergreift die Kraft der italienischen Volksseele das einzelne Individuum, den einzelnen Menschen, der sich in sie hineinstellt und sich in der Seele den Volksseelen-Stimmungsgehalt einprägen lässt, es ergreift ihn das so, wie am stärksten, am intensivsten ergriffen werden können seelisch-geistig überhaupt die Jahre zwischen dem zwanzigsten bis siebenundzwanzigsten, achtundzwanzigsten Jahre…

Nimmt man die französische Volksseele, so prägt sie in derselben Art etwas in den Menschen herein, was ungefähr mit dem Seelenleben zwischen dem achtundzwanzigsten und fünfunddreißigsten Jahre verwandt ist. Nimmt man die britische Volksseele, dann prägt diese in den Menschen etwas herein, das heißt, gießt einen Stimmungsgehalt über das ganze menschliche Wesen aus von der Kindheit an, etwas, das dann mit den anderen Stimmungsgehalten zusammenwirkt, das verwandt ist mit der menschlichen Seele in ihrer Entwickelung zwischen dem fünfunddreißigsten, sechsunddreißigsten Jahre und dem zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten, vierundvierzigsten Jahre, aber abschattiert durch dasjenige, was vom Anfang der zwanziger Jahre in der Seele ist…

“Worte, die verwandt sind, die in der Entwickelung sind, haben im Griechischen zum Beispiel ein «t», und dasselbe Wort, indem es sich bis zum Germanischen herauf entwickelt, an derselben Stelle ein «th» oder ein «z»; wenn es sich bis zum Neuhochdeut- schen herauf entwickelt hat, ein «d». Diese Gesetze der Lautver- schiebung zeigen, wie in der Aufeinanderfolge der Zeit Gesetzmäßigkeit waltet überall da, wo Seelisches mit ins Spiel kommt…

Werfen wir noch einen Blick auf die russische Volksseele. Da stellt sich nun gar das Eigentümliche heraus, dass sich die Volksseeleneigentümlichkeit, der Volksseelen-Charakter, verwandt erweist mit einer Art von Mischung zwischen dem, was im einzelnen menschlichen Organismus von der Geschlechtsreife bis zu dem Anfang der zwanziger Jahre vor sich geht; und das ist abschattiert durch das, was vom zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten Jahre bis zum neunundvierzigsten, fünfzigsten Jahre vor sich geht. Wenn Sie sich diese zwei Seelencharaktere durcheinander kraftend denken, dasjenige also, was sozusagen von der Geschlechtsreife bis in die ersten zwanziger Jahre im Organismus wirkt, ihn noch durchtränkend, was aber auch im Seelischen wirkt, wenn Sie sich das überschattet, durchorganisiert denken von dem, was in einer so späten Zeit wirkt, dann bekommen Sie gewissermaßen – lassen Sie mich das grobe Wort für diese feine Sache aussprechen – ein arithmetisches Mittel heraus, das zeigt, welches gerade die Eigentümlichkeiten der russischen Volksseele sind. Denn mit den Kräften, die den eben charakterisierten Kräften im menschlichen Organismus ähnlich sind, wirkt die russische Volksseele….

so findet man, dass sie nun den Menschen durchtränkt, durchwirkt, ihm einen gewissen Stimmungsgehalt gibt, so dass die Kräfte, die in dieser Volksseele sind, verwandt sind mit all dem, was im Menschen seelisch ist vom Anfang der zwanziger Jahre bis in den Anfang der vierziger Jahre, bis zum zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten, fünfundvierzigsten Jahre. Das ist das Merkwürdige der deutschen Volksseele. Wenn das die anderen Nationen unbehaglich berühren sollte, dann brauchen sie sich ja nur damit zu trösten, dass dasjenige, was beim Menschen gewissermaßen ausgegossen ist über drei Lebensabschnitte, eben mit einer schwächeren Kraft wirkt, gewissermaßen verdünnt wirkt, während das, was die anderen Volksorganismen angeht, eben mit einer stärkeren Kraft wirkt, stärker den Menschen durchdringt….

wie die deutsche Volksseele sich entwickelt, wenn sie sich so hineinschiebt in andere Volksseelen-Gebiete, hineinschiebt in das tschechische Volksseelengebiet, in Ost-, in Westungarn, wo ja unter dem schönen Namen Heanzen Deutsche leben bis nach dem Wiesenburger Komitat herauf. Dann kommen wir in die Gegenden unterhalb der Karpaten, wo die Zipser Deutschen leben; dann kommen wir nach Siebenbürgen, wo die Siebenbürgener Sachsen leben; dann in das Banat, wo die Schwaben leben. Alle diese Völkerschaften werden ja nach und nach – darüber sollen keine Werturteile und soll keine Kritik geltend gemacht werden -, von dem magyarischen Element vollständig aufgesogen.

Da kann man eine merkwürdige Eigentümlichkeit studieren. Man darf sie doch wohl aussprechen: wie leicht gerade der Deutsche seine Nationalität verliert, allmählich abstreift, wenn er sich so in andere Nationalitäten hineinschiebt. Das hängt mit dieser Eigentümlichkeit der deutschen Volksseele zusammen, von der Ich eben gesprochen habe. Sie ergreift den Menschen, ich möchte sagen, in leichterer, feinerer Art mit den Kräften, die in der Individual-Entwickelung des Menschen zwischen den zwanziger und fünfundvierziger Jahren liegen. Aber indem sie ihn seelisch labiler charakterisiert, macht sie es ihm möglich, leichter sein Seelisches abzustreifen, sich zu entnationalisieren und sich hineinzunationalisieren in andere Nationen. Er ist nicht so stark, so innig durchtränkt von diesem deutschen Wesen, das aus der Volksseele kommt…

Eine andere Eigentümlichkeit, die aus dieser Tatsache des deutschen Seelenwesens folgt, ist diese, dass das deutsche Seelenwesen den gemüthaften Anschluss an Heimatliches, Gleichartiges, das Zusammenleben mit Heimatlichem, Gleichartigem, braucht, um immer wieder und wiederum die Frische dieses Heimatlichen, Gleichartigen zu fühlen. Der Deutsche ist nicht imstande, sich mit starker innerer Kraft, die ihn unverändert lässt, wie etwa der Engländer, in fremdes Volkstum hineinzuschieben. Er braucht, wenn er sein Volkstum so recht innerlich lebendig haben will, den unmittelbaren Zusammenhang mit der ganzen Aura, mit der ganzen Atmosphäre des Volkstums. Daher entwickelt sich auch innerhalb dieser Aura, dieser Atmosphäre des Volkstums etwas, was im Umkreise so schwer verstanden wird, was so schwer hineingeht in die fester konfigurierten Volksseelen, die gleich alles in ihre Kategorien hineinzwängen wollen und es dadurch verzerren; während in dem labilen, in dem leichten Gleichgewicht, in dem alles schwebt in der deutschen Volksseele, alles unmittelbar erfahren und erlebt sein will im lebendigen Zusammenhang mit dem Volksseelenelement selbst….wie das deutsche Seelentum dieses unmittelbare, immer fortwährend gegenwärtige Befruchtetwerden der Gemüter braucht, und wie es nur da gedeihen kann. Da spricht er sehr schon aus, wie dasjenige, was der Deutsche formt, was der Deutsche bildet, eigentlich nur von dieser, in der eben angedeuteten Weise zu charakterisierenden deutschen Seele selbst wieder nur ganz voll verstanden werden kann, und wie dasjenige, was aus dieser Seele heraus erfasst werden soll durch fremdes Volkstum, eben aus dem angedeuteten Grund verzerrt, karrikiert wird, weil auf die Feinheiten nicht eingegangen werden kann, die dadurch da sind, dass sich das deutsche Wesen ausbreitet über die Eigentümlichkeiten der Menschenseele vom zwanzigsten bis zum fünfundvierzigsten Jahre, wie ich es angedeutet habe…

 

aus GA 157, II (1914-1915)

…Nehmen wir einzelne Äußerungen der nationalen Charaktere.

Der italienische, der spanische Charakter ist bestimmt durch die Empfindungsseele. Bis in die Einzelheiten können wir das im Leben verfolgen. Wir finden überall – das bezieht sich natürlich nicht auf das Leben im höheren Selbst – die Empfindungsseele. Sobald sich der Mensch dieser Länder im Nationalen auslebt, lebt er sich aus in der Empfindungsseele. Diese ist insbesondere anhänglich an alles, was Heimat ist, und empfindet als einen Gegensatz dazu die Fremde. Suchen Sie nun zu verstehen, was zum Beispiel alles im italienischen Nationalen lebt, so werden Sie finden, dass der Italiener den anderen, der Nicht-Italiener ist, als den Fremden empfindet, der in der Fremde lebt. Und alle Kämpfe, welche im neunzehnten Jahrhundert in Italien geführt worden sind, wurden im ausgesprochensten Maße um die Heimat geführt. Das ist die Wiederholung der ägyptisch-chaldäischen Kultur.

Sehen wir jetzt auf den Bewohner Westeuropas, des französischen Gebietes…Er wiederholt die griechische Kultur. Er wird daher den Auswärtigen auch so empfinden, wie ihn der Grieche empfunden hat: er nennt ihn Barbar. – Eine Wiederholung des Griechentums!…Und es ist immer etwas von der Nuance da- bei, wie man im alten Griechenland von der nichtgriechischen Menschheit gesprochen hat.

Dem englischen Volke ist besonders übertragen die Pflege der Bewusstseinsseele, die sich auslebt im Materialismus…Die Pflege des Materialismus bringt hervor, was die Menschen einfach im Räume nebeneinander hinstellt. Darin zeigt sich etwas, was in den Zeiten vorher gar nicht in dieser Weise empfunden wurde: man empfindet den Konkurrenten. Die Bewusstseinsseele empfindet den anderen als Konkurrenten im physischen Dasein.

Wie ist es bei den Bewohnern Mitteleuropas, bis zu den Skandinaviern?…Was empfindet der Deutsche, wo er dem anderen gegenübersteht, da, wo der Italiener den Fremden, der Franzose den Barbaren, der Engländer den Konkurrenten empfindet?…der Deutsche hat den Feind, dem man gegenübersteht, zum Beispiel auch im Duell, wobei gar nichts damit verbunden zu sein braucht von irgendeiner Antipathie sogar, sondern wo man kämpft um die Existenz oder um etwas, was mit der Existenz zusammenhängt. Der Feind braucht nicht in der geringsten Weise herabgemindert zu sein.

…Was hat denn das russische Volk bis jetzt im Grunde genommen anderes getan als empfangen?…Italien, Spanien ist die Wiederholung der dritten nachatlantischen Kulturepoche, das französische Volk die Wiederholung der Kultur des alten Griechenland. Der Brite zeigt das, was neu hinzugekommen ist, aber was man ganz gewiß auf dem physischen Plan erwirbt. In Mitteleuropa ist es das Ich, das aus sich herausarbeiten muss. In Rußland haben wir das Empfangende. Empfangen worden ist zunächst das byzantinische Christentum, das sich wie eine Wolke niedergelassen hat und sich dann ausbreitete; und empfangen worden ist schon unter Peter dem Ersten die westeuropäische Kultur. Erst das Material, möchte man sagen, ist da zum Empfangen. Das, was da ist, ist Spiegelung des Westeuropäischen, und die Arbeit der Seele ist Vorbereitung zum Empfangen. Erst dann wird das Russentum in seinem rechten Elemente sein, wenn es so weit ist, dass es erkennt: es muss das, was in Westeuropa ist, empfangen werden, wie etwa die Germanen das Christentum empfangen haben, oder wie die Germanen in Goethe das Griechentum in sich aufgenommen haben. Das wird noch eine Weile dauern. Und weil sich gegen das, was der Mensch im Osten aufnehmen muss, sein Physisches sträubt, so sträubt sich noch der Osten gegen das, was zu ihm kommen muss. Das Geistselbst muss her- unterkommen. Nun ist das, was da von dem Westen herüberkommt, zwar nicht das Geistselbst. Aber die Seele verhält sich so dazu, bereitet sich gleichsam schon vor, um zu empfangen. Als was sieht daher der Russe den anderen an? Als den, der «gegenübersteht», als den auf sein Bewusstsein Herabschwebenden. Daher ist der andere… dort der Ketzer. Daher hatte bis jetzt der Russe im Grunde genommen nur Religionskriege!…Alle Völker sollten be- freit werden oder zum Christentum gebracht werden, die Balkanvölker und so weiter. Und jetzt auch empfindet der russische Bauer den anderen als das «Böse»…

Der Mensch ist gewissermaßen, wie er im physischen Leben dasteht, ungerecht gegen sein eigenes höheres Selbst. Wer in der Verstandes- oder Gemütsseele lebt, bei dem sich insbesondere die Phantasie ausbildet, der «hat» die Gedanken, dem stellt sich das, als was er sich selber vorkommen muss, insofern er ein Nationaler ist, hin vor sein höheres Selbst. Das empfindet er als seine Glorie, als das, was gleichsam ein drittes Selbst ist, ein na- tionales Selbst, das sich zwischen ihn, wie er als höheres Selbst ist und als nationaler Mensch, hineinstellt. Aus dem heraus kämpft er. Und nach dem Tode hat er zunächst dies zu über- winden, wenn er es nicht schon vorher durch die Geisteswissenschaft überwunden hat. Er muss durch das hindurch, was sich ihm zunächst vor die Seele stellt wie die Inspiration desjenigen, als was er sich selber vorstellt.

Und der, welcher als Nationaler in der Bewusstseinsseele lebt? Er hat vor allem den Hang zu dem, was sich die Bewusstseinsseele in der physischen Welt aneignet. Das steht da wie eine wehtuende Erinnerung in der Welt, die sich ausbreitet im Leben zwischen Tod und neuer Geburt.

Der Bewohner Mitteleuropas sucht. Das tritt sogar zutage, wo er von den Gegnern abfällig besprochen wird, wenn gesagt wird, er sei nur dazu da, den Acker zu pflügen und in den Wolken zu suchen. Mag er immer wie weit gekommen sein: er sucht schon hier das geistige Selbst. Daher sucht er in gewissem Sinne schon in seinem Streben während der Erdenlaufbahn das hinwegzuschaffen, was immer hinweggeschafft werden muss, wenn man durch die Pforte des Todes eintritt in die geistige Welt.

Wer seine letzte Inkarnation in einem Russenleibe durchgemacht hat, hat zunächst, wenn er die Pforte des Todes durchschreitet, das Bewusstsein eines Angelos anzunehmen, wie in den Schoß eines Angelos einzugehen – wenn er sich nicht durch Geisteswissenschaft anders vorbereitet hat -, hat in das sich einzuleben, was von den nächsten Stufen der höheren Hierarchien herunterkommt….

Ich habe versucht, das was man bei den einzelnen Völkern gegenüber dem Kriege empfinden kann, auf die prägnante Formel zu bringen, und habe gesagt: Der Russe glaubt Krieg zu führen um die Religion, der Engländer um die Konkurrenz, der Franzose um die Glorie, der Italiener und Spanier um die Heimat, der Deutsche führt den Kampf um die Existenz. Und wir werden nun sagen können: Italien will die Heimat bewahren; Frank- reich empfängt seine eigene [Glorie-]Vorstellung als das nationale Ideal; der Engländer handelt; der Deutsche strebt; der Russe betet – und das ist natürlich. Ich meine nicht das äußere Ge- bet, sondern die Herzensstimmung….

 

aus GA 157, III

…Insbesondere lebt die Volksseele im Ätherleibe des Menschen, in dem wir sind in der Zeit vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Beim Aufwachen tauchen wir mit unserem Untertauchen in den Leib zugleich in die Volksseele ein. Schlafend sind wir nicht in der Volksseele, sondern nur vom Aufwachen bis zum Einschlafen….Wenn man in den physischen Leib untertaucht, taucht man damit in die Volksseele unter. Kommt man aus seinem physischen Leib heraus und erlebt bewusst außerhalb desselben, dann taucht man ebenso – unter all den anderen Erlebnissen, die man durchmacht -jetzt nicht in die eigene, sondern in die anderen Volksseelen unter, mit Ausnahme der eigenen, in der man während des Tageslebens im physischen Leibe lebt….dass wir mit dem Einschlafen also nicht in eine einzelne Volksseele untertauchen, sondern dass wir untertauchen in das Zusammenwirken, gleichsam in den Reigen der anderen Volksseelen, nur dass in dieses Reigenspiel nicht diejenige Volksseele hineinspielt, in die wir untertauchen, wenn wir in den physischen Leib kommen….

Das Gewöhnliche ist das, dass der Mensch vom Ein- schlafen bis zum Aufwachen in dem Zusammenspiel der Volksseelen lebt, der anderen als derjenigen, die seine Volksseele gerade ist. Das ist das Gewöhnliche. Aber es gibt auch ein Mittel, um gewissermaßen in Einseitigkeit in der einen oder in der an- deren Volksseele zu leben. Es gibt ein Mittel, dass man gezwungen wird, in dem Zustande zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen nicht mit dem ganzen Zusammenspiel, nicht mit dem ganzen Reigentanz gleichsam der anderen Volksseelen zu leben, sondern mehr oder weniger gebannt zu sein, mit einer oder mit mehreren anderen Volksseelen zusammenzuleben, die herausgehoben werden aus dem ganzen Zusammensein aller Volksseelen. Ein solches Mittel gibt es, und es besteht darin, dass wir eine oder mehrere Volksseelen – Völker – besonders hassen. Dieser Haß nämlich, den wir aufbringen, gibt die besondere Kraft, in unserem Schlafzustande mit denjenigen Volksseelen leben zu müssen, die wir am meisten hassen oder die wir überhaupt hassen. Man kann sich also nicht besser dazu vorbereiten, in dem unbewussten Zustande zwischen Einschlafen und Aufwachen völlig in eine Volksseele aufzugehen und mit ihr so leben zu müssen wie mit der, mit welcher man im physischen Leibe lebt, als dadurch, dass man sie haßt, aber ehrlich haßt, mit dem Gefühl haßt, und sich nicht bloß einredet, sie zu hassen…

wenn wir also beim Untertauchen in den physischen Leib und Ätherleib das Miterleben mit dem haben, was man im gewöhnlichen Sinne den Volksgeist, die Volksseele nennt, so gehört dieses Miterleben der Schicksale des einzelnen Volksgeistes zu den Erlebnissen nach dem Tode, die wir nach und nach abstreifen….Der Volksgeist wirkt im Fortschritt der Erdenentwickelung, er wirkt in dem, wie sich von Generation zu Generation die Menschheit auf der Erde fortentwickelt. Nach dem Tode, zwischen Tod und neuer Geburt, müssen wir uns, wie wir aus anderem uns herausentwickeln, so auch aus dem Volksgeist herauslösen….Wir müssen in eine Region hineinkommen, wo wir nicht mit dem einzelnen Volksgeiste als solchem leben. Allerdings ist es dann nicht so, dass wir unmittelbar in andere Volksgeister übergehen können. Das ist zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen der Fall. Wir müssen überhaupt frei werden von dem, was bloß irdisch ist, und müssen eingehen in das Leben, das sich loslöst von dem, was die Entwickelung der Menschheit auf der Erde ausmacht. Also loslösen müssen wir uns auch von alledem, was uns mit den Volksgeistern verbindet….Nun ist es – das können Sie schon aus der gestrigen Charakteristik der einzelnen Volksgeister entnehmen – im Bewusstsein dieser Volksgeister gelegen, dass der eine mehr hinneigt zu der Individualität des Menschen, zu dem, was der Mensch als Individualität ist, der andere neigt weniger dazu hin. Ich habe es da- mit verglichen, dass der eine Mensch mehr in sein Inneres hineinschaut, der andere mehr mit der Außenwelt lebt. Bei den Volksgeistern ist es so, dass der eine sich mehr, der andere sich weniger mit den einzelnen Menschenindividuen beschäftigt. Das bedingt wieder, indem wir dem einen oder dem andern Volksgeist angehören, wie wir mit dem zusammenhängen, was der Volksgeist besonders in unserem Ätherleibe stiftet, was er dort zubereitet. Daher gibt es gewisse Unterschiede in dem Ab- streifen, in dem nach und nach sich Herausstreifen aus dem, was der Volksgeist mit uns macht, nach dem Tode.

Da haben wir zum Beispiel den französischen Volksgeist. Es ist ein Volksgeist, dessen Inspirationen mit einer hochentwickelten Kultur zusammenhängen, mit einer Kultur, die nur dadurch denkbar ist, dass dieser Volksgeist zurücksieht auf das alte Griechentum, wie ich es auch schon auseinandergesetzt habe. Dieser Volksgeist arbeitet nun so an den Menschen, die dem betreffen- den Volke angehören – das ist gerade die Natur derjenigen Volksgeister, die hochentwickelten Kulturen entsprechen -, dass tiefe Eindrücke im menschlichen Ätherleib entstehen, dass sich die Signatur des Volksgeistes scharf einprägt in den Ätherleib. Das hängt mit dem zusammen, worauf ich gestern aufmerksam gemacht habe, dass der Franzose an dem Bilde hängt, das er sich von sich selber macht. Denn dass solche von den Einwirkungen des Volksgeistes in den Ätherleib herrührende Eindrücke geschehen, das hat wieder zur Folge, dass, wenn die Seele den Leib im Tode verläßt, scharfe Ausprägungen im Ätherleibe und auch noch im astralischen Leibe des Menschen vorhanden sind. Ge- rade wenn man einem solchen Volke angehört wie dem französischen, kommt die Seele mit scharf ausgeprägtem astralischem Leib aus dem physischen Dasein heraus. Die Folge davon ist, dass man viel zu tun hat im Abstreifen desjenigen, was vom Volksgeiste nach dem Tode bleibt.

Vergleichen wir nun ein solches Abstreifen der Natur des Volksgeistes, wie es durch das französische Volk bedingt wird, mit dem, was zum Beispiel durch die russische Volksseele bedingt wird, so haben wir bei der letzteren eigentlich das Entgegengesetzte. Die russische Volksseele ist gleichsam jung, und sie beschäftigt sich noch weniger mit den Menschenindividuen, die ihr anvertraut sind.

Daher sind die Menschenindividuen, wenn sie durch die Pforte des Todes gehen, in bezug auf den ätherischen und astralischen Leib durch die russische Volksseele wenig geprägt. Wenn wir nun die ganze Situation ansehen in der geistigen Welt, so finden wir, wenn wir auf die Seelen hinblicken, die durch die Todespforte gegangen sind, dass wir die Seelen des französischen Volkes mit scharf ausgeprägten Ätherleibern wie auch mit scharf ausgeprägten astralischen Leibern antreffen, dass wir dagegen die russischen Seelen mit durch den Volksgeist wenig ausge- prägten Äther- und astralischen Leibern wiederfinden. Die Folge davon ist, dass diese verschiedenen Seelen von den leitenden Geistern, welche die Menschheitsevolution vorwärtsbringen müssen, zu Verschiedenem gebraucht werden können….

Es muss Spirituelles hereinkommen in die Welt. Dieses Spirituelle, das in die Menschheitsentwickelung hereinkommt, erkämpfen zuerst die Geister in der übersinnlichen Sphäre; und in dieser übersinnlichen Sphäre kämpfen für das Her-eindringen der spirituellen Strömung in die Menschheitsentwickelung höhere Geister, Geister höherer Hierarchien. Aber sie bedienen sich bei ihrem Kampfe als mitspielender Kräfte derjenigen, welche von den Menschen kommen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind. Der Mensch im Leben zwischen Tod und neuer Geburt arbeitet und wirkt ja immer mit an dem, was in der Welt geschieht. Und da er in verschiedener Weise gestaltet ist, so wirkt er ganz verschieden mit, je nachdem er zum Beispiel aus einem französischen oder aus einem russischen Leibe kommt. Daher können sich die Geister der verschiedenen höheren Hierarchien dieser Seelen in verschiedener Weise bedienen.

Was in der Menschheitsentwickelung bevorsteht, das hängt allerdings damit zusammen, dass gegenwärtig in der geistigen Welt ein mächtiger Kampf stattfindet. Nur bedeutet Kampf in der geistigen Welt etwas anderes als Kampf in der physischen Welt. Ein Kampf in der geistigen Welt bedeutet ein Zusammenwirken zur Ausgestaltung eines Fruchtbaren. Es ist dieser Kampf etwas, was für die Menschheitsentwickelung notwendig ist; kurz, es ist ein Kampf, der zu etwas führt. Ihn kämpfen gewisse Geister der höheren Hierarchien aus. Und sie kämpfen ihn so aus, dass sie sich gewisser junger, aus dem östlichen Kultur- gebiete kommender Seelen und gewisser aus den westlichen Kulturen herauskommender Seelen bedienen. Es ist ein Kampf, der noch lange dauern wird, ein Kampf der russischen Seelen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind, und der französischen Seelen, die durch den Tod gegangen sind; ein Krieg des geistigen Rußland gegen das geistige Frankreich. Es ist ein furchtbarer Krieg, wenn wir die Worte des physischen Planes gebrauchen. Wer heute den Blick in die geistige Welt richtet, der erblickt diesen Kampf des geistigen Rußland gegen das geistige Frankreich, und voll ist die geistige Welt davon. Es ist ein erschütternder Kampf!

Und nun erblicken wir, wenn wir dieses voraussetzen, das, was auf dem physischen Plan vor sieht geht: da wird ein Bündnis geschlossen. Das ist das Spiegelbild des Kampfes in der geistigen Welt…

 

aus GA 157, X (1914-1915)

…Indem wir so mit der geistigen Welt in Beziehung stehen, stehen wir mit den mannigfaltigsten Geistern der höheren Hierarchien in Beziehung. Dazu gehören diejenigen Geister, zu denen wir nur eine Beziehung haben als menschliche Individualität, die nicht für irgendeine Weltfunktion bestimmte Wesen sind. Aber wir gehören auch zu den Wesenheiten, die irgendeine Weltfunktion haben; es gehört jeder zu einem Volksgeiste zum Beispiel. Wie wir in unserem ganz sinnlichen Prozess mit der sinnlichen Natur zusammenhängen, so hängen wir nach oben zusammen mit all diesen Geistern, die übersinnlich herunterlangen in die physisch-sinnliche Welt. Und wie wir hier zu den äußeren Dingen stehen und uns Gedanken und Vorstellungen machen, so machen sich die Wesenheiten der höheren Hierarchien ihre Gedanken und ihre Vorstellungen dadurch, dass wir für sie die Objekte sind. Wir sind die Objekte für die Wesenheiten der höheren Hierarchien, wir sind ihr Reich, über das sie sich Gedanken machen. Diese Gedanken sind mehr willenshaft.

Durch die Art, wie diese höheren Hierarchien zu uns stehen, unterscheiden sich diese Wesenheiten, und ein wichtiger Unterschied kann uns klar werden, wenn wir beachten, wie die Entwickelung solcher Wesenheiten der höheren Hierarchien, zum Beispiel der Volksgeister, geschieht. Wir machen hier zwischen Geburt und Tod auch eine Entwickelung durch, indem unser Ich immer reifer und reifer wird, immer mehr von der Welt erfahren hat. Ein Mensch, der noch jung ist, kann nicht soviel erfahren haben wie der, der älter geworden ist. So ist es auch bei den Wesenheiten der höheren Hierarchien, nur ist der Gang ihrer Entwickelung etwas anders als unser Entwickelungsgang.

Wir können ein Wesen der höheren Hierarchien ansprechen, wenn wir sprechen von dem italienischen Volksgeist. Dieser italienische Volksgeist macht seine Entwickelung durch, und wir können wirklich genau einen Zeitpunkt angeben, in dem dieser Volksgeist eine wichtige Etappe überschritten hat. Wir wissen ja, dass der Zusammenhang zwischen dem italienischen Volksgeist und dem einzelnen Italiener so ist, dass der italienische Volksgeist durch die Empfindungsseele des Italieners wirkt. Nun ist aber dieses Wirken durch die Empfindungsseele zuerst so, dass der Volksgeist gleichsam nur auf das Seelische wirkt, und dann erst später, in seiner weiteren Entwickelung, greift dieser Volksgeist mit seinem Willen immer mehr und mehr ein in das, wie die Seele sich auslebt auch durch das Leiblich-Physische. Wenn Sie die italienische Geschichte verfolgen, so finden Sie ein wichtiges Jahr, etwa 1530. Dieses Jahr ist dasjenige, wo der italienische Volksgeist so mächtig wird, dass er jetzt anfängt, auch auf das Leibliche zu wirken, und von da anfängt, den Nationalcharakter ganz spezifiziert zu entwickeln. Okkult stellt sich das so dar, dass der Volksgeist einen mächtigeren Willen bekommt; er fängt an, seine Eingravierungen auch in das Leibliche zu machen und bis in das Leibliche hinein den Volkscharakter auszubilden. Während unser Ich immer unabhängiger vom Leibe wird, macht der Volksgeist die entgegengesetzte Entwickelung durch. Wenn er auf das Seelische eine Zeit lang gewirkt hat, fängt er an, bis in das Leibliche hinein zu wirken.

Bei dem französischen Volksgeiste finden wir dasselbe, wenn wir etwa in das Jahr 1600 gehen, und beim englischen Volksgeiste ungefähr um das Jahr 1650. Während vorher der Volksgeist mehr nur das Seelische ergriffen hat, greift er von da ab ins Leibliche über. Sein Wille wird mächtiger, und die Seele kann weniger Widerstand leisten einer Konfiguration ins Nationale hinein. Daher beginnt um diese Zeiten der Nationalcharakter sich scharf auszuprägen. Das rührt davon her, weil der Volksgeist heruntersteigt. Er ist höher gelagert, wenn er mehr ins Seelische hinein wirkt; er steigt herunter, wenn er mehr ins Leibliche hineinwirkt…Shakespeare hat gewirkt, bevor der Volksgeist diese Etappe durchgemacht hat. Das ist das Bedeutsame. Daher dieser eigentümliche Bruch, der in bezug auf die Auffassung der Engländer gegenüber Shakespeare Platz gegriffen hat und der zur Folge hatte, dass gerade innerhalb Deutschlands Shakespeare mehr gepflegt wird als in Eng- land selber…

Wenn wir nun auf die Entwickelung des deutschen Volksgeistes sehen, so nehmen wir etwas Ähnliches wahr in der Zeit ungefähr zwischen den Jahren 1750 bis 1850. Aber wir müssen hier kurioserweise sagen: dieser Volksgeist steigt da herunter, aber er steigt wieder hinauf. Und das ist das Bedeutsame. Einen Prozess, der sich abgespielt hat bei den westlichen Völkern, können wir nur so verfolgen, dass wir die Volksgeister sich senken und die Völker ergreifen sehen. Beim deutschen Volke sehen wir, wie der Volksgeist sich auch senkt um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, wie aber dieser Volksgeist in der Mitte des neun- zehnten Jahrhunderts wieder hinaufsteigt, so dass hier ein ganz anderes Verhältnis da ist. Es wird nur ein Anlauf genommen, den deutschen Charakter zu einem eminenten Volkscharakter auszubilden, aber das wird nur eine Weile gemacht. Nachdem einiges hierin getan ist, steigt der Volksgeist wiederum zurück, hinauf, um wiederum bloß auf das Seelische zu wirken.

Die Blütezeit des deutschen Geisteslebens fällt in die Zeit, wo der Volksgeist am tiefsten heruntergestiegen war. Selbstverständlich bleibt der Volksgeist seinem Volke. Aber er hält sich jetzt wieder in geistigen Höhen auf. Das ist das Eigentümliche des deutschen Volksgeistes. Auch früher ist er schon heruntergestiegen, hat aber dann wieder abgelassen von einem zu starken Nationalisieren. Ein solches Kristallisieren in der Nationalität, wie bei den westlichen Völkern, kann beim deutschen Volke durch die Eigentümlichkeit des deutschen Volksgeistes gar nicht eintreten. Daher muß das deutsche Wesen immer universeller bleiben als andere Volkswesen…Würde man in der Zeit Goethes den deutschen Volksgeist gesucht haben, würde man ihn etwa auf demselben Niveau gefunden haben, wo man den englischen oder französischen oder italienischen Volksgeist gefunden hätte. Sucht man ihn heute, dann muß man höher hinaufsteigen. Es werden wieder Zeiten kommen, wo er heruntersteigt, es werden wieder Zeiten kommen, wo er hinaufsteigt. Das Hin- und Herschwingen ist das Eigentümliche des deutschen Volksgeistes.

Beim russischen Volksgeist ist es so, dass er überhaupt nicht heruntersteigt, um das Volk durchzukristallisieren, sondern immer etwas bleibt wie eine über dem Volkstum schwebende Wolke, so dass man ihn immer wird oben zu suchen haben, und daher kann dieses Volk erst dann eine geistige Entwickelung durchmachen, wenn es sich bequemen wird, das, was erarbeitet wird im Westen, mit seinem eigenen Wesen zu vereinigen, um im Zusammenhange mit dem Westen eine Kultur zu begründen, weil es aus sich selbst niemals eine Kultur entfalten kann.

Alles das muß auf diese Weise verstanden werden. Und die ganze Beweglichkeit des deutschen Wesens rührt davon her, dass der Deutsche mit seinem Volksgeist nicht so zusammengewachsen ist, wie das im Westen von Europa der Fall ist. Daher auch die ungeheure Schwierigkeit, deutsches Wesen wirklich zu verstehen. Man kann es nur dann verstehen, wenn man zuzugeben in der Lage ist, dass es ein Volkswesen geben kann, dessen Volksgeist eigentlich immer nur sporadisch in die Entwickelung des Volkes eingreift…

 

aus GA 173,  VII (1916)

…Bedenken Sie nur, wie schwierig es zum Beispiel ist, das Folgende zu erkennen – was damit gemeint ist, ist keine trockene Theorie, sondern liegt dem Leben zugrunde -: Es gibt ein gewisses Verhältnis in der Seele zwischen der Vorstellung und dem Worte…Nehmen wir an, im Seelengefüge läge das Wort gewissermaßen auf diesem Felde, der Gedanke auf diesem:

(Bild: Leider konnte die Abbildung Rudolf Steiners hier nicht wiedergegeben werden. Sie ist Im Internet oder in der Buchausgabe zu finden)

Die Sache ist nun so, daß das französische Volkstum die Tendenz hat, den Gedanken bis zum Worte herunterzudrängen, das heißt, indem gesprochen wird, in das Gesprochene den Gedanken hineinzudrücken. Daher so leicht gerade auf diesem Felde das Sich-Berauschen am Worte, das Sich-Berauschen an der Phrase geschieht, wobei ich Phrase durchaus im guten Sinne meine:

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Das englische Volkstum nun drückt den Gedanken unter das Wort herunter, so daß der Gedanke das Wort durchsetzt und jenseits des Wortes Realität sucht:

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Das Deutsche hat die Eigentümlichkeit, nicht bis zum Worte zu gehen mit dem Gedanken. Und nur durch diese Tatsache sind Philosophen, die sonst nirgends in der Welt möglich gewesen wären, wie Fichte, Schelling, Hegel, möglich geworden, daß das Deutsche nicht bis zum Worte den Gedanken trägt, sondern den Gedanken im Gedanken erhält. Dadurch aber werden sich die Menschen sehr leicht mißverstehen können. Denn ein wirklich richtiges Übersetzen ist ja nicht möglich, ist immer nur Surrogat. Es gibt keine Möglichkeit, das, was Hegel gesagt hat, auch auf englisch zu sagen oder auf französisch. …Eine Verständnismöglichkeit ist nur dadurch vorhanden, daß gewisse romanische Grundelemente noch durchgängig sind, denn ob man sagt «association», französisch, oder «association», englisch, ist gleich, das geht alles zurück auf das Romanische. In solchen Dingen werden Brücken gebaut. Aber jedes Volkstum hat seine besondere Mission, und man kann ihm nur beikommen aus der Sehnsucht heraus, zu einem solchen Verständnis zu gelangen.

Das slawische Volkstum stößt den Gedanken in das Innere zurück und hat ihn hier:

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Dort Hegt das Wort dem Gedanken ganz fern, es schwebt wie abgesondert von ihm.

Die stärkste Koinzidenz zwischen Gedanke und Wort, so daß der Gedanke verschwindet gegenüber dem Worte, ist im Französischen. Das stärkste Selbstausleben des Gedankens ist im Deutschen, weshalb auch nur im Deutschen das Wort einen Sinn hat, das Hegel und Hegelianer geprägt haben: «Das Selbstbewußtsein des Gedankens.» Was für den Nichtdeutschen ein Abstraktum ist, ist für den Deutschen das größte Erlebnis, das er haben kann, wenn er es im lebendigen Sinne versteht. Das Deutsche geht darauf aus, die Ehe zu begründen zwischen dem Spirituellen an sich und dem Spirituellen des Gedankens. Nirgends in der Welt, in keinem Volkstum kann das erreicht werden außer im deutschen…

Das deutsche Element hat schon seine bestimmte Aufgabe gerade durch die besondere Stellung des Gedankens. Daher wird es niemals möglich sein, daß ohne das Mittun dieses in sich selbst lebenden Gedankens jene geistige Evolution sich vollzieht, die sich vollziehen muß….Das englische Volkstum macht notwendig, daß gewissermaßen das Spirituelle etwas materialisiert wird. Damit ist ja nichts gegen das englische Volkstum gesagt, sondern einzig und allein eine Tatsache charakterisiert… Daher wird man dort immer mehr Verständnis haben für das, was nur aus dem Volkstum, nicht aus dem allgemeinen Menschenwesen herausstrebt: für Mediales, Mediumähnliches oder sonst irgendwie Altüberliefertes. Gerade dort ist immer der Ursprung des Alten: die alten Rosenkreuzer, die alten Inder und so weiter. Das muß dort immer in einer gewissen Weise geheiligt sein,- wie die Sprache selber ja auch auf der Stufe des Gotischen zurückgeblieben ist, wobei «zurückbleiben» kein moralisches oder durch Sympathie und Antipathie eingegebenes Urteil darstellt, sondern nur eben auf der Einteilungslinie die andere Lokalität bezeichnen soll. Es ist eine Frage der Systematik, nicht etwa ein Zurückgebliebensein in der Entwickelung.

… Da man in England besonders entwickelte Intellektualität hat, so kann man es systematisieren, kann es auch organisieren. Ein Geist wie Jakob Böhme wäre zum Beispiel in Frankreich unmöglich; aber nachdem Jakob Böhme so ganz herausgeboren war aus dem spirituellen Denken Mitteleuropas, hat er seine große Anhängerschaft erhalten durch Saint- Martin, den sogenannten Philosophe inconnu, den Unbekannten Philosophen, der Anhänger Jakob Böhmes war…

ich könnte mir denken, daß einmal eine Zeit kommt, wo selbst ein

in allen patriotischen Dingen so passionelles Volk wie die Franzosen auch begreifen lernen könnte, den Gedanken der Zugehörigkeit zum Volkstum mehr karmisch zu fassen. Und ich könnte mir sogar denken, daß bei der großen Veranlagung des englischen Volkes für Spiritualität es einmal gerade bei diesem Volke aus einer gewissen spirituellen Wissenschaft heraus dahin kommen könnte, daß man gewahr wird, daß es auch andere Völker gibt, bei denen man ein bißchen an Gleichberechtigung denken kann, wofür man jetzt noch nicht das allergeringste Verständnis hat…

Übertroffen wird dies noch von den Amerikanern. Bei denen ist dieses Ganzunbewußt-Sein dessen, daß der andere auch die Absicht hat, sich gewissermaßen nach seiner Eigenheit zu entwickeln, noch paradoxer; – selbstverständlich nur für den, der eben nicht auf demselben Standpunkt steht.

Bei der großen Anlage, die gerade das englische Volkstum für Spiritualität hat, kann schon manches, gerade auf dem Umwege der Spiritualität, in dieses Volkstum hineinkommen, besonders wenn wir dazu in Betracht ziehen, daß dort aus dem Volkstum heraus die allergrößte Anlage vorhanden ist für rein logisches, das heißt unspirituelles Denken und zugleich für Systematisieren. So gibt es zum Beispiel nichts, worin ein solches Organisationstalent zum Ausdruck kommt wie in Herbert Spencers Schriften. In bezug auf alles, was wissenschaftlich ist, hat das englische Volkstum das größte Organisationstalent, daher systematisiert es auch alles über die ganze Welt hin mit der größten Begabung. Und nur der, welcher wiederum die Phrase liebt und nicht die Wirklichkeit, kann sagen, daß die Deutschen ein besonderes Organisationstalent haben, ungeachtet dessen, daß dieses Talent dem eigentlichen deutschen Wesen am allerfernsten liegt…

Es ist zum Beispiel sehr merkwürdig, sobald man die Sache objektiv betrachtet, wie insbesondere mancher Angehörige des französischen Volkes gar nicht in der Lage ist, an sich selber die Dinge zu sehen, die er so furchtbar scharf tadelt, wenn sie ihm bei einem andern, der sie unter französischem Einfluß angenommen hat, entgegentreten. Es ist ja vielleicht auch nicht schön, wenn es einem imitiert entgegentritt…

 

aus GA 173, VII (1916)

…Es ist tatsächlich so, daß jedes Volk, auch als Volk, in der Gesamtevolution der Menschheit seine Mission, seine Sendung hat, und daß diese verschiedenen Missionen, diese verschiedenen Sendungen zusammen ein Ganzes bilden: eben die Evolution der Menschheit. Aber es ist ebenso wahr, daß sich einzelne Menschen, insbesondere solche, welche mit der Mission der Menschheit bekanntwerden, anmaßen, in einem beschränkten Gruppeninteresse dies oder jenes zu inszenieren und dazu dasjenige, was in der Menschheit ist, zu gebrauchen.

Nehmen wir das englische Volk. Wenn sich das realisiert, was sich im fünften nachatlantischen Zeitraum notwendigerweise gerade durch das englische Volk realisieren muß, dann kann durch die Eigentümlichkeit dieses englischen Volkstums gerade von England niemals ein Krieg in Szene gesetzt werden. Denn das eigentliche Wesen des englischen Volkstums, in seiner welthistorischen Bedeutung für die Menschheitsevolution, steht im Gegensatz zu jedem kriegerischen Impuls. Das englische Volkstum macht sein Volk zu dem unkriegerischsten, das es überhaupt geben kann. Und dennoch sind vielleicht seit Jahrhunderten niemals zehn Jahre hintereinander vergangen, in denen England nicht Kriege geführt hätte. Wir leben eben im Reiche der Maja. Aber deshalb ist die Wahrheit doch Wahrheit. Im Wesen des englischen Volkstums liegt das Ausschließen von jeglichem Kriege, so wie es durch Jahrhunderte im Wesen des französischen Volkstums gelegen hat – jetzt nicht mehr, jetzt muß es künstlich angestachelt werden -, immer wieder Kriege zu führen. Im Wesen des englischen Volkstums liegt es aber nicht, Kriege zu führen, und zwar gerade aus dem Grunde, weil die spezifische Konfiguration des englischen völkischen Geistes dahingeht, dasjenige auszubilden, was der Bewußtseinsseele der fünften nach- atlantischen Zeit einverleibt werden soll. Das aber wird errungen durch alle diejenigen Verbindungen unter Menschen, die hervorgehen auf der einen Seite aus logisch-wissenschaftlichem Denken, und auf der andern Seite aus kommerziell-industriellem Denken. Und als jener Brooks Adams die Ideen, die ich Ihnen angeführt habe, in die Welt setzte, da war das von Amerika aus ein Vorstoß, um darauf hinzuweisen, worin durch sein tieferes Volkswesen, in welchem nichts von Imagination und Kriegerischem, wie es zum Beispiel im russischen Volkswesen vorhanden ist, liegt, das englische Volkstum als solches seine Weltmission zu erblicken hat.

Nun wird es davon abhängen, ob einmal dieses Wesen des englischen Volkes auch im tieferen, geisteswissenschaftlichen Sinne durchschaut wird. In äußerer Weise haben es einzelne Menschen durchschaut, und wer Herbert Spencer und John Stuart Mill gut kennt, weiß, daß die erleuchtetsten Geister Englands dies – aber noch nicht vom geistes- wissenschaftlichen, sondern von ihrem mehr materialistischen Standpunkt aus – schon voll durchschaut haben. Ich rate Ihnen daher, lesen Sie mit einer gewissen Inbrunst die politischen Aufsätze gerade von Herbert Spencer oder von John Stuart Mill; Sie können außerordentlich viel daraus lernen. Und dieser Geist des Friedens, der insbesondere auch zu einem gewissen politischen Denken befähigt, wie ich bereits

ausgeführt habe, der ist tatsächlich von England aus auf Europa übergeflossen. Wer in dem europäischen Leben von so verschiedenen Gesichtspunkten aus drinnen gestanden hat, wie ich es wirklich von mir sagen darf, der weiß, daß zum Beispiel alle politischen Wissenschaften Mitteleuropas durchaus von England her influenziert worden sind. Und es ist kein Zufall, daß die Begründer des deutschen Sozialismus, Marx, Engels, von England her den deutschen Sozialismus begründet haben.

Es geschieht ja überhaupt sehr leicht, daß mitteleuropäisches Wesen mißverstanden wird. Wirkliches mitteleuropäisches Wesen wird jetzt noch in Westeuropa fast immer mißverstanden. Wie sollte das auch anders sein? Die Bildung Mitteleuropas war so sehr vom französischen Elemente durchdrungen, daß eines der größten, bedeutendsten Werke, die den Ton angegeben haben in der größten deutschen Zeit, Lessings «Laokoon», sogar das Schicksal gehabt hat, daß Lessing sich überlegte, ob er das Buch französisch oder deutsch schreiben solle. Die gebildetsten Leute des 18. Jahrhunderts in Mitteleuropa haben schlecht deutsch und gut französisch geschrieben. Das muß man nicht vergessen. Und im 19.Jahrhundert stand Mitteleuropa vor der großen Gefahr, ganz zu verengländern, ganz durchdrungen zu werden von englischem Wesen. Es ist kein Wunder, wenn man dieses mitteleuropäische Wesen so schlecht kennt, da es ja immerfort von allen Seiten her überflutet wird, auch in geistiger Beziehung. Bedenken Sie nur, was Goethe als Evolutionstheorie der Tiere und Pflanzen geliefert hat. Das ist wirklich um eine Stufe höher als der materialistische Darwinismus, so wie gemäß dem Lautverschiebungsgesetz das Deutsche um eine Stufe höher liegt als das Gotisch-Englische. Aber in Deutschland selber ist der materialistische Darwinismus vom Glücke begünstigt gewesen, nicht das eigentlich deutsche Goethesche. Es ist also gar nicht zu verwundern, daß man das deutsche Wesen schlecht versteht und daß man sich keine Mühe gibt, dieses deutsche Wesen auch wirklich so zu verstehen, wie es verstanden werden muß, wenn man ihm gerecht werden will.

Nun, wie gesagt, namentlich in politischen Wissenschaften war alles beeinflußt von englischer Gedankenrichtung. Aber was dringend not- wendig wird, ist eine gewisse Selbsterkenntnis der Volkstümer. Und ehe es nicht zu dieser Selbsterkenntnis kommt, zu der nun nicht Herbert Spencer und John Stuart Mill ausreichen, sondern der Geisteswissenschaft zugrunde liegen muß, und das Empfinden dessen, was durch die Geisteswissenschaft gegeben ist, eher kann kein Heil entstehen..

 

GA 174a II (1914-1918)

…Wie wirkt die Volksseele des Volkes, dem ein Mensch angehört, auf die individuelle Seele des Menschen?

Sie wirkt eigentlich nur in der Zeit, in welcher der Mensch in den physischen Leib untertaucht vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Der Mensch ist da untergetaucht in die Kräfte des physischen und Ätherleibes, und in diese Kräfte ist auch untergetaucht mit gewissen, ich möchte sagen, Fangarmen das, was die Volksseele ist, die Seele desjenigen Volkes, dem der Mensch eben in einer Inkarnation besonders angehört. Und wir tauchen nicht nur in unseren physischen Leib unter, wir tauchen auch in einen gewissen Teil unserer Volksseele unter, leben vom Aufwachen bis zum Einschlafen, während wir in unserem physischen Leibe sind, mit dem, was im physischen Leibe vorgeht, innerhalb der Volksseele. Wir erfahren das, was wir in Gemeinschaft mit der Volksseele erfahren, während unseres Wachzustandes, nur daß die Volksseele nicht unmittelbar in das hereinspricht, was uns vollbewußt ist im Ich, daß sie vom Äther leib aus mehr in das Unterbewußte des astralischen Leibes hineinspricht, daß sie uns tingiert, nuanciert, unserem Gefühl und Temperament eine gewisse Richtung gibt…

Dieses Zusammensein mit der Volksseele, sagte ich, tingiert uns, nuanciert uns; wir nehmen das, was die Volksseele als Impuls in unserem seelisch-geistigen Wesen erregt, in die geistige Welt mit, wenn wir durch die Pforte des Todes schreiten, und müssen es nach und nach als solches abstreifen. Wenn wir dieses bedenken, so wird uns ohne weiteres erklärlich sein, daß es von der Art und Weise, wie der Mensch mit seiner Volksseele zusammen lebt, abhängt, wie er unmittelbar nach dem Tode noch in den Nachwirkungen zu dieser Volksseele steht…

Die Volksseelen stehen verschieden zu den einzelnen Individuen, die dem Volke angehören. Indem sie den Blick nach außen richten, ist das mehr ein Willensblick, ein Blick, der Impulse hineinschickt in die einzelnen Angehörigen des Volkes. Da also wirken sie objektiv nach außen, wenn sie sich nach den einzelnen Individuen hin richten. – Oder sie können mehr in ihrem Inneren leben. Solche Volksseelen, die mehr, man möchte sagen, nicht einem Volksseelen-Realismus, der sich verbreitet über die Individuen, sondern einem Volksseelen-Idealismus huldigen, der mehr in sich lebt, zu solchen gehört insbesondere die französische Volksseele. Diese französische Volksseele hat so, wie sie heute das französische Volk durchdringt, einen gewissen Halt des Bewußtseins dadurch, daß sie zurückblickt in eine frühere Zeit….

Nach dem Tode haben wir unser Bewußtsein dadurch, daß wir zurückschauen in der Zeit auf unser früheres Leben. Da ahnen wir schon das Charakteristische eines höheren Bewußtseins, das sich nicht im Räume, sondern in der Zeit entfaltet, und da wird es uns auch nicht mehr schwer sein, ein wenig zu verstehen, was die französische Volksseele für ein Bewußtsein hat. Sie entzündet ihr Selbst, indem sie zurückblickt ins alte Griechenland, denn sie ist im wesentlichen eine Art Wiederholung, Wiedererweckung des alten Griechentums. Dieses alte Griechentum lebt wieder auf in der französischen Volksseele, geradeso wie das Ägypter-Chaldäertum der dritten nachatlantischen Kulturperiode in der italienischen Volksseele auflebt. Daher hat die italienische Volksseele mehr die Möglichkeit, in den einzelnen menschlichen Individuen, die dem Volke angehören, die Empfindungsseele anzuregen. Die eigentliche Natur der französischen Volksseele regt die Verstandes- oder die Gemütsseele der einzelnen Individualität an….

Was war das Eigenartige der ägyptischen Volksseele? Damals gab es noch eine unmittelbar auf die Seele wirkende Astrologie. Die Volksseele schaute hinaus auf die Bewegungen der Himmelskörper, sah nicht, wie die heutigen Menschen, in dem, was im Kosmos geschah, nur materielle Vorgänge, sondern nahm wirklich hinter dem, was draußen vorgeht, die wirkenden geistigen Wesenheiten wahr. Sie verhielt sich so zum ganzen Kosmos, wie sich der Mensch zum anderen Menschen verhält, indem er beim anderen Menschen weiß, daß ihn durch die ganze Physiognomie eine Seele anblickt. So war alles Physiognomie beim alten Ägypter, und er nahm das Seelische in der Natur wahr. Der Sinn der Fortentwickelung zur neuen Zeit liegt darin, daß das, was früher gleichsam elementare Fähigkeit war, unmittelbar sich entzündete im Leiblichen des Menschen, daß das seine Innerlichkeit wurde in der neueren Zeit, in unserem fünften nachatlantischen Zeitalter. Und so wie es mehr elementar war, was der Ägypter durchmachte, so macht der Italiener das, was er wiederholt, was er in seiner Empfindungsseele durchmacht, mehr im Innerlichen durch, dadurch, daß er in der Empfindungsseele dieses Geistig-Kosmische erlebt, aber jetzt mehr ver-innerlicht. Was könnte mehr verinnerlicht sein als die ägyptische Astrologie in Dantes «Göttlicher Komödie»: die richtige Wiederauferstehung der altägyptischen Astrologie, aber verinnerlicht!

Und ebenso könnten wir nachweisen, nicht im Bewußtsein des einzelnen Franzosen, aber im Wirken der Volksseelenimpulse, das Aufleuchten des alten Griechentums. Bis zu der neuesten Erfindung und bis in die Einzelheiten hinein läßt sich das verfolgen; nur bringt man solchen Forschungen nicht den nötigen Ernst entgegen. Griechenland und, wie es die anderen Völker nannte, «die Barbaren», selbst das lebt wieder auf. So könnte man nachweisen, daß in der ganzen französischen Literatur und Kunst – ich meine nicht bewußt, aber in den tieferen Impulsen – das alte Griechentum so auflebt, wie es aufleben muß in unserer Zeit. Wir haben also eine Volksseele vor uns, die alles verarbeitet hat, was im Griechentum war, eine Volksseele, die deshalb außerordentlich stark wirkt auf die einzelnen menschlichen Individuen, die die Individuen durchsetzt und ergreift. Die Folge davon ist, daß, wenn die französische Einzelseele in den physischen und Ätherleib untertaucht, sie in das Weben und Wesen scharf ausgeprägter Tätigkeit der Volksseele untertaucht. Sie findet die Impulse dieser Volksseele scharf ausgeprägt. Daher kommt es, daß der Franzose, indem er in seinem physischen Leibe dieses scharfe, prägnante Leben und Weben der Volksseele aufnimmt, mehr in diesem lebt als in seinem elementaren Selbstgefühl, daß er mehr in dem Bilde lebt, in der Vorstellung, die er sich von dem Franzosen macht, die da heraufflutet von der Volksseele. Von dem Bilde des Franzosen lebt er. Und mit diesem Bilde hängt alles zusammen, was für ihn von großer Bedeutung ist: «Gloire» und so weiter. Der Franzose lebt im eigenen Bilde, das aus dem Ätherleib heraufkommt. Das ist stark geprägt, dieses Phantasiebild, das verwebt sich zusammen mit der geistig-seelischen Wesenheit des einzelnen, und das nimmt er als ein stark im Ätherleib bewegtes Bild auch mit, indem er nach dem Tode in die geistige Welt geht. Das bekommt er sehr schlecht los. Er bekommt sehr schwer sein Ätherbild los. Die Vorstellung, die er von sich selbst gemacht hat, die hängt ihm an, sie ist fest mit ihm verbunden.

Ganz anders ist das Verhalten der Volksseele des russischen Volkes zu der einzelnen Individualität. Diese russische Volksseele hat nicht in demselben Sinn irgendeine der nachatlantischen Kulturen zu wiederholen wie das französische Volk; sie ist eine jugendliche Volksseele, sie prägt wenig in den Ätherleib ein. Daher trifft das einzelne Individuum, das dieser russischen Volksseele angehört, wenn es in seinen physischen Leib untertaucht, wenig Prägnantes, nimmt daher auch, wenn es in die geistige Welt geht, wenig Prägnantes mit, wenig gleichsam ätherisch gewobene Phantasiebilder mit.

So unterscheiden sich die Seelen in bezug auf das Verhältnis zu ihren Volksseelen nach dem Tode. Auf der einen Seite haben wir das Heer solcher einzelner Seelen, die durch den Tod gegangen sind, die in die geistige Welt scharf gewobene Bilder ihrer eigenen Wesenheit hinauftragen, und auf der anderen Seite, im Osten, sehen wir junge Seelen hinaufziehen, einer jungen Volksseele angehörig, wenig hinaufbringend von scharf gewobenen, im Ätherleib flutenden Menschenbildern.

Nun stehen wir ja, wie ich oftmals auseinandergesetzt habe, vor dem großen Ereignis der kommenden Zeit: dem Auftreten des Christus in einer ganz besonderen Weise. Ich brauche das heute nicht auseinanderzusetzen. Ihm aber geht voran, seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, als Kämpfer für die entsprechende Vorbereitung der Menschen zu dem Christus-Ereignis, derjenige Geist, den wir als den Geist Michael bezeichnen, als den Vorkämpfer des Sonnengeistes. Nun liegt alles daran, daß in der geistigen Welt dieses Ereignis, das geistig eben über die Menschheit hereinbrechen soll, in entsprechender Weise vorbereitet werde. Das kann aber nur geschehen, indem in der geistigen Welt gearbeitet wird gleichsam an der reinen Herausbildung des künftig ätherisch erscheinenden Christus, der ja dem Menschen als ätherische Gestalt erscheinen soll. Dazu aber ist notwendig, daß derjenige, der da vor dem Sonnengeist einherzieht, daß Michael einen Kampf ausficht in der geistigen Welt. Zu diesem Kampf braucht er die Hilfe der Seelen, die durch ihre Leiber eben hinaufgezogen sind in die geistige Welt, derjenigen Seelen, die in die geistige Welt wenig heraufbringen von scharf ausgeprägten Phantasiebildern. Und so sehen wir den Geist Michael und in seinem Gefolge eine Anzahl russischer Seelen für die Reinheit des geistigen Horizontes kämpfend und in hartem Kampfe mit den Seelen, die aus dem Westen gekommen sind, die scharf ausgeprägte Phantasiebilder hinaufbringen. Die müssen zerstreut, aufgelöst werden. Wir sehen diesen Kampf zwischen Osten und Westen vorbereitet schon seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, einen scharfen Kampf, der dem Fortschritt der Menschheit dienen soll, und der darin besteht, daß geistig der europäische Osten kämpft gegen den europäischen Westen, daß das geistige Rußland einen scharfen geistigen Kampf führt gegen das geistige Frankreich. Das, meine lieben Freunde, gehört zu dem Erschütterndsten der Ereignisse der Gegenwart, zu sehen, wie in demselben Maße, in dem sich hier unten im Felde der großen Täuschung das physische Bündnis zwischen Westen und Osten vollzieht, droben in der geistigen Welt der scharfe Kampf des europäischen Ostens, Rußlands, gegen den europäischen Westen, Frankreich, sich richtet….

 

aus GA 174a, III

Die Volksseelen machen, wie die Menschen, eine Entwickelung durch. In den Jahren 1530 bis 1550 geschieht etwas Besonderes mit der italienischen Volksseele. Vorher ist diese Kultur noch nicht so abgeschlossen vom übrigen Europa wie nachher. Vor diesem Zeitpunkt wirkt die Volksseele in der Seele, nachher greift sie über das Seelische hinaus, gestaltet das Physische zum Nationalen hin. Der Mensch schreitet fort zum Unabhängigwerden vom Physischen. Umgekehrt die Volksseele. Sie wirkt erst auf die Seele, dann auf den Leib, so daß die italienische Volksseele vor dem 16. Jahrhundert bloß auf die Seele wirkte, später hingegen greift sie über das bloß Seelische in das Körperliche über, formt das Nervensystem, formt den Ätherleib, so daß der Mensch bestimmt, identifiziert wird auch in bezug auf das Leibliche. Der Mensch wird starrer, schließt sich mehr ab für die übrigen Kulturen.

Für die französische Volksseele tritt ein solcher Zeitpunkt ein in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Da fängt die Volksseele an, vom Seelischen auf das Leibliche überzugreifen, macht die Nation starr. Für die Briten geschieht das erst von der Mitte des 17. Jahrhunderts an, und Shakespeare gehört noch nicht einem Zeitalter an, wo die Volksseele auf den Leib übergriff, daher verstehen die Deutschen ihn besser als die Briten. In der Zeit zwischen 1750 und 1850 findet eine Art Übergreifen der deutschen Volksseele vom Seelischen zum Leiblichen statt, sie zieht sich aber wieder davon zurück. Bei westlichen Völkern schwebt die Volksseele höher vorher, senkt sich dann in das Leibliche. Die, die früher in das Leibliche sich senkte, stieg dann wieder ins Geistige. Der Hinunterstieg war zwischen Mitte des 17. und 18. Jahrhunderts. Die deutsche Volksseele bleibt dadurch beweglicher. Sie bleibt nicht dauernd drunten, sie geht hinauf und herab, ergreift den Menschen und läßt ihn wieder frei.

 

aus GA 174a, XI (1914-1918)

Die führenden Wesenheiten aus den höheren Hierarchien gegenüber den Völkern – Sie wissen das aus dem Zyklus über die Völkerseelen – sind die Wesen der Erzengelhierarchie, die Archangeloi. Aber wie wirken sie? Damit ist natürlich zunächst nur die Abstraktion gesagt, daß man irgendeinen Erzengel als den Dirigenten dieses oder jenes Volkes ansieht. Da hat man nicht mehr, als wenn man von der menschlichen Seele redet, die zwischen Geburt und Tod nur dadurch da sein kann, daß sie an einem Materiellen, nämlich in unserem Leib sich herausentwickelt. So ist auch der Erzengel, indem er ein Volk leitet, an das äußere Materielle gebunden. Die Brücke zwischen dem rein geistigen Wesen des Erzengels und dem Volkswesen ist eine materielle, wenn auch nicht eine so festumrissene, scharf konturierte wie unser Leib. Wir fragen zum Beispiel: Wie ist das bei dem Volk, das die apenninische Halbinsel bewohnt, wie ist das bei dem Volk, das früher die Römer waren, das heute die italienisch gewordenen Germanen sind? Denn im Grunde genommen ist dort die Mehrzahl der Bewohner von heute nur umgewandeltes Germanenvolk, aber ihre Konfiguration, ihre Volksbestimmtheit bekommen sie durch etwas anderes, bekommen sie dadurch, daß in ihrem Atmungsprozeß, in die Luft ihres Atmungsprozesses, der Erzengel sich hinein, man kann nicht sagen, inkarniert, aber sich hinein, nun, sagen wir, verluftet. Und indem sie mit der Luft atmen, stehen die Bewohner der italienischen Halbinsel mit ihrem Erzengel in Verbindung. Und wer richtig studieren will, so daß er wirklich etwas erkennt von dem, was da eigentlich wirkt, der muß den eigentümlichen Zusammenhang der Bewohner dieser Halbinsel – auch der spanischen Halbinsel, aber da schon weniger – mit der Atmung, mit der Luft studieren. Er muß wissen, wie die Luft und der besondere Atmungsprozeß sich hineinleben in das menschliche Innenwesen.

Anders ist das bei denjenigen, die das heutige Frankreich bevölkern. Da schlägt der Erzengel eine andere Brücke, da wirkt er auf den Menschen durch alles dasjenige, was in des Menschen Naturentwickelung flüssig ist. Die Franzosen trinken vielfach ihren Volkscharakter mit ihren Weinen, aber auch noch mit anderem, was in dem Organismus als flüssiges Element figuriert. Sie sehen, auf diesem Wege kommt man nicht bloß zu abstrakten Schilderungen des Zusammenhanges der geistigen Welt mit der physischen. Es ist da ein Schildern, das gleichsam den Erzengel nur andeutet, und unten wimmeln die Völker, die Menschen, und der Erzengel führt die Menschen. Durch wahre Geisteswissenschaft kann man den Prozeß in seiner ganzen Konkretheit begreifen.

Die Bewohner der britischen Insel, sie empfangen mit dem im Leibe sich entwickelnden Festen dasjenige, was ihnen der Erzengel zu geben hat. Sie nehmen es auf, indem sich die festen Bestandteile in ihrem Leibe bilden, mit der festen Organisation. Es ist natürlich nur auf einem Gebiet, wo es sich radikal ausdrückt, aber es ist trotzdem nicht bloß eine bissige Wahrheit, sondern eine geisteswissenschaftliche Wahrheit: Indem der Engländer sein Beefsteak ißt, wirkt der Erzengel an ihm. Natürlich kann das nicht – denn die einzelne Individualität sondert sich davon aus – in chauvinistischem Sinn ausgedeutet werden. Der Mensch gehört ja nur mit einem Teil seines Wesens dieser Sache an, aber insofern der Mensch dem Volk angehört, ist das in ihm wirksam. Man lernt sich über die Erde nur dadurch auskennen, daß man sich in der Zukunft nicht scheuen wird, auf diese Dinge einzugehen. ..Gehen wir hinüber nach Amerika: schon äußerlich, in der äußerlichen Konfiguration, zeigt sich ja da, wie abhängig die Menschen werden von dem, was aus dem Boden ausstrahlt! In Italien aus der Luft, in Frankreich aus dem Wasser, in England aus dem, was bestimmt ist, als feste Ingredienzien in den Leib hineinzugehen, oder in ihm fest zu werden. In Amerika ist das noch anders.

Sie werden überhaupt sehen, daß die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, an der Wirklichkeit gemessen, überall ihre Bestätigung finden. Man sucht nur heute diese Bestätigung noch nicht. Ich habe in früheren Jahren einmal angeführt, daß die Entwickelung der Bewußtseinsseele, die die Egoität des Menschen besonders heraushebt, äußerlich materiell durch den Zucker gehoben wird. Ich habe damals darauf hingewiesen, wie unendlich größer der Zuckergenuß auf den britischen Inseln ist als zum Beispiel bei dem selbstlosen russischen Volk, wo der Zuckergenuß unendlich viel geringer ist. Aber wenn man schildert, daß erst mit dem 15. Jahrhundert die Bewußtseinsseele heraufkommt, um sich zu entwickeln, so sehe man nur in der Geschichte der Zuckerproduktion nach: Sie beginnt erst mit dem 15. Jahrhundert. Woher stammt denn eigentlich unsere Zuckerproduktion? Die Menschen fangen erst mit dem 15. Jahrhundert an, auf den Zucker angewiesen zu werden. Alles, was geisteswissenschaftlich wirklich aus den geistigen Welten hervorgerufen wird, wird voll bekräftigt gerade dann, wenn es so stark geistig sich entwickelt, daß es untertauchen kann in das Materielle, wo es lebt und deshalb erkannt werden muß.

Sobald man hinübergeht nach Amerika, findet man nicht bloß äußerlich, daß die Europäer, die nach Amerika hinüberkommen, nach und nach andere Arme und Hände bekommen: es nähert sich die Arm- und Handbildung derjenigen der alten Indianer an, des alten Indianervolks, das in Amerika ausgerottet worden ist. Und das gilt auch von der Konfiguration der Gesichtsbildung, wenn es auch leise und erst in der dritten, vierten Generation auftritt, und natürlich darf man sich das nicht so vorstellen, daß da in der dritten, vierten Generation ein biederer britischer Spießer nun gleich ein Indianer werden könnte, sondern es zeigt sich nur in den feineren Gesichtszügen; aber es tritt schon hervor. Diesen Dingen muß man ins Gesicht sehen, denn nur dadurch wird es möglich sein, durch die Erkenntnis richtige Liebe über die Erde hin zu entwickeln. Liebe läßt sich nur dadurch entwickeln, daß man sich wirklich in die anderen Menschen hineinfindet. Dazu ist aber notwendig, daß man sie kennenlernt. Der Volksgeist wirkt auf das amerikanische Volk durch die Untergründe von der Erde herauf, durch die in der Erde schlummernden magnetischen und elektrischen Kräfte. Das Unterirdische ist es, das da heraufstrahlt und das da in Amerika das Medium abgibt, durch das der Volksgeist das Volk dirigiert.

Und gehen wir nach Mitteleuropa; da ist es gut, die Menschen selbst nachdenken zu lassen. Aber einiges kann doch gesagt werden: Da ist eigentlich etwas stark Labiles, etwas sehr stark Intimes, was mit der materiellen Ausgestaltung des Volksgeistes, mit der materiellen Auswirkung des Volksgeistes zusammenhängt. Da ist es im wesentlichen die Wirkung von Wärme auf Wärme. Die Wärmedifferenzen, die auftreten zwischen äußerem Warmsein und innerem Warmsein, Wärme des Winters, des Frühlings, des Sommers, kurz alles, was sich in den Wärmeverhältnissen ausdrückt, das ist das Medium, durch das der Volksgeist in Mitteleuropa wirkt. Alles das, was aus“ den Wärmeverhältnissen heraus auf die Blutzirkulation und die Atmung wirkt, das ist der Umweg, durch den der Volksgeist hier wirkt. Sie können das auch im Seelischen verfolgen. Wir haben noch die Möglichkeit — wenn wir nicht gerade Fritz Mauthner sind -, im Element der Sprache etwas von der Nachwirkung, ich möchte sagen, des Durchwärmtseins zu fühlen. Wenn man nicht von allen guten Geistern der Sprache verlassen ist, so ist man ßoch im Deutschen zum Beispiel imstande, in die Sprache sich hineinzufühlen, nicht bloß beim abstrakten Element stehenzubleiben, sondern sich hineinzufühlen in den Geist der Sprache, weil Wärme in Wärme physisch verwandt dem Seelischen ist. Nichts ist physisch so verwandt mit dem Seelischen als die Seelenwärme und Seelenkälte mit der physischen Wärme und physischen Kälte. Dasjenige, was in der Empfindungsseele lebt, ist schon viel fremder der Luft; dasjenige, was in der Verstandes- oder Gemütsseele lebt, ist viel fremder dem Element des Wassers, und gar dasjenige, was in der Bewußtseinsseele lebt, ist fremd dem Beefsteak, will sagen der Erde. Und gar furchtbar fremd ist, was in der menschlichen Seele zum Ausdruck kommt, demjenigen, was an magnetischen und elektrischen Kräften vom Unterirdischen hereinstrahlt in die menschliche Entwickelung im amerikanischen Volkscharakter. Daher ist so vieles da, was im amerikanischen Volkscharakter so aussieht, als ob der Amerikaner von dem, was er treibt, besessen ist, im Gegensatz zum Mitteleuropäer, der bei allem, was er treibt, mit dem Seelischen dabei sein muß, der daher auch mystische Wärme entwickeln kann, während der Amerikaner so leicht spiritistische Gesinnung entwickeln, besessen sein kann von irgendeinem Geistigen, wie man auch besessen wird von dem, was nicht mehr unmittelbar in den Menschen hereinströmt, wie Luft, Wasser, Erde, sondern nur vom Unterirdischen der Erde aus heraufwirkt, um die Volksstrukturen zu bilden.

Im russischen Volkscharakter, in dem, was sich im Osten vorbereitet – wir werden über solche Dinge noch übermorgen weiterreden -, da wirkt der Volksgeist, der aber erst berufen ist in der Zukunft, durch sein Volk eine besondere Rolle zu spielen, da wirkt der Volksgeist durch das Licht, und zwar so durch das Licht, daß er nicht durch das unmittelbar von der Sonne herstrahlende Licht wirkt, sondern durch das Licht, das sich erst einsaugt in die Vegetation und in die Erde selbst und wieder zurückstrahlt. Die von der Erde, namentlich von der Vegetation zurückgestrahlte Sonnenkraft, die vom Boden aus wirkende Sonnenkraft ist dasjenige, was der russische Volksgeist benützt als sein Medium, um die Volksstruktur, die Volksorganisation zu bewirken.

 

aus GA 181b, I (1918)

…Der Mensch atmet. Dadurch steht er in einem fortwährenden Zusammenhange mit der ihn umgebenden Luft. Er atmet sie ein, er atmet sie aus. Und wenn in einem besonderen Falle der

Volksgeist durch die Konfiguration der Erde und durch Verhältnisse verschiedenster Art gerade den Umweg über die Atmung wählt und damit durch die Atmung die besondere Konfiguration, die Charakterisierung des betreffenden Volkes hervorruft, so kann man sagen: Der Volksgeist wirkt durch die Luft auf das betreffende Volk. – Das ist in der Tat namentlich in besonders hervorragendem Maße der Fall bei denjenigen Völkerschaften, die jemals die italienische Halbinsel bewohnt haben. Auf der italienischen Halbinsel ist die Luft der Vermittler für die Wirkungen des Volksgeistes auf den Menschen. Man kann sagen, die Luft Italiens ist dasjenige Mittel, dasjenige Medium, durch das der Volksgeist seine Wirkungen in den Menschen ausprägt, welche die italienische Halbinsel bewohnen, um ihnen

die besondere Konfiguration zu geben, durch welche sie eben das italienische Volk sind, das alte römische Volk gewesen sind und so weiter. Man kann also gerade das, was scheinbar materielle Wirkungen sind, in seinen geistigen Untergründen erforschen, wenn man die geisteswissenschaftlichen Wege geht…

Bei den Völkern, die das heutige Frankreich bewohnt haben oder es heute bewohnen, wirkt der Volksgeist auf dem Umwege durch das flüssige Element, durch alles, was nicht nur als Flüssigkeit in unseren Körper hineinkommt, sondern auch als Flüssigkeit in ihm wirkt. Also durch die Art dessen, was als Flüssigkeit den Organismus kontingiert und auf ihn wirkt, vibriert und webt der Volksgeist und bestimmt dadurch den betreffenden Volkscharakter….

Der Mensch ist ein zwiespältiges Wesen; das Haupt und der übrige Organismus wirken für sich. -Eigentlich geschieht die Wirkung, von der ich jetzt mit Bezug auf das italienische und das französische Volk gesprochen habe, nur auf den übrigen Organismus, außerhalb des Hauptes, und von dem Haupte aus geht eine andere Wirkung. Und erst durch das Zusammengehen der Wirkung, die vom Haupte ausgeht, und jener, die vom übrigen Organismus kommt, entsteht in vollständiger Weise das, was sich dann im Volkscharakter ausprägt. Es wird die Wirkung, die vom Haupte ausgeht, sozusagen neutralisiert durch die vom übrigen Organismus ausgehende Wirkung. Daher könnte man sagen: Mit dem, was der Bewohner Italiens durch die Luft einatmet, was überhaupt für den übrigen Organismus, außerhalb des Hauptes, bestimmend ist in der Atmung, mit dem wirkt bei ihm zusammen vom Haupte aus die Konfiguration des Nervensystems des Kopfes, wie es geistig differenziert ist, also insofern der

Mensch Nervenmensch des Hauptes ist. In Frankreich ist es anders. Was im Organismus als Rhythmus lebt, ist ein besonderer Rhythmus für den ganzen Organismus und ein besonderer für den Kopf; der Kopf hat seinen eigenen Rhythmus. Während es in Italien die Nerventätigkeit des Kopfes ist, die zusammenwirkt mit dem, was die Luft am Menschen bewirkt, ist es in Frankreich der Rhythmus, die rhythmische Bewegung des Kopfes, das

Vibrieren des Rhythmus im Kopfe mit dem, was durch die Flüssigkeit im Organismus bewirkt wird. So baut sich durch das besondere Zusammenwirken des individuellen Menschen im Haupte, mit dem, was der Volksgeist aus der Umgebung heraus bewirkt, der Volkscharakter auf…

So geht der Volksgeist des britischen Wesens durch alles Erdige, hauptsächlich durch das Salz und seine Verbindungen im Organismus. Das Feste ist das Hauptsächlichste. Während das flüssige Element im französischen Volkscharakter wirkt, haben wir im britischen Wesen

wirksam das verfestigende, das salzige Element durch alles, was

durch die Luft und die Ernährung in den Organismus hineinkommt. Das bewirkt die eigentümliche Konfiguration des britischen Volkscharakters. Aber auch hier wirkt vom Kopfe aus wieder etwas neutralisierend auf das aus der Umgebung Kommende. Geradeso wie Rhythmus im übrigen Organismus und im Haupte ist, so ist auch Verdauung, Stoffwechsel im übrigen Organismus und im Haupte. Wie der Organismus des Kopfes seinen Stoffwechsel vollführt, wirkt die Art und Weise dieses Austausches der Stoffe zusammen mit dem salzigen Element im Organismus, und das bewirkt den britischen Volkscharakter. Also das Erdige im Zusammenhang mit dem Stoffwechsel des Hauptes macht den britischen Volkscharakter aus. Und man kann sagen: Indem die Volksseele durch das salzige Element wirkt, schlägt ihr entgegen vom Haupte her die Eigentümlichkeit des Stoffwechsels des Hauptes….

Beim Amerikanertum ist es wieder anders, da wirkt ein unterirdisches Element. Während wir es also beim britischen Wesen zu tun haben mit dem Erdigen, mit dem Salzigen, ist beim amerikanischen Volkscharakter ein untererdiges Element wirksam, etwas, was unter der Erde vibriert. Das hat da einen vorzüglichen Einfluß auf den Organismus. Besonders durch die unterirdischen magnetischen und elektrischen Strömungen wirkt beim Volkscharakter des amerikanischen Volkes der Volksgeist herauf. Und dem strömt wieder vom Haupte her etwas entgegen, was den Einfluß der unterirdischen magnetischen und elektrischen Strömungen neutralisiert: dem strahlt entgegen, was nun wirklich menschlicher Wille ist. Das ist das Eigentümliche des amerikanischen Volkscharakters. Während wir beim britischen Volkscharakter sagen müssen, er hängt im wesentlichen ab von dem erdigen Element, insofern es der Mensch in seinen Organismus aufnimmt, und das dann in Wechselbeziehung kommt mit dem Stoffwechsel des Hauptes, so wirkt der Wille, insofern er sich beim Volke ausprägt, beim Amerikaner zusammen mit etwas, was vom Unterirdischen heraufkommt, und dies prägt den amerikanischen Volkscharakter. Mit dem hängt auch das zusammen, was ich sogar im öffentlichen Vortrage vorgebracht habe. Der Mensch kann nur mit seiner ganzen freien Persönlichkeit in Zusammenhang stehen mit dem Element über der Erde und noch bis zur Erde hin. Wenn er von unterirdischem Volksseelenhaftem beeinflußt ist, dann bildet er seine Volksseele nicht in Freiheit aus, sondern er ist dann sozusagen von der Volksseele besessen. Und ich habe im öffentlichen Vortrage gezeigt, wie der Amerikaner sogar dasselbe sagen kann, was der Mitteleuropäer Herman Grimm auch sagt, und es ist doch nicht dasselbe. Während man bei Herman Grimm merkt, wie alles menschlich erobert ist, ist es bei Woodrow Wilson so, daß er davon menschlich besessen ist….

Wenn heute zwei, drei Menschen dasselbe sagen, so betrachtet man es rein inhaltlich, man betrachtet es abstrakt. Aber es können zwei Menschen ganz dasselbe inhaltlich sagen, der Satz kann bei dem einen genau so lauten wie beim andern. Der eine kann in seiner

Seele erkämpfte, errungene Sachen haben, und der andere kann sie haben, indem er sie durch Besessenheit angenommen hat. Der Inhalt macht oft gar nicht das Wesentliche aus, sondern der Grad, in welchem das, was der Betreffende sagt, Eigenerarbeitetes der Seele ist, oder ob er es vielleicht durch Besessenheit bekommen hat. Das ist wichtig. Heute hat man nur einen Sinn für das Abstrakte. Man kann bei Herman Grimm sehen, daß er nur das gesagt hat, was er zehnmal in der Seele hin- und hergekehrt hat, und man kann Sätze aus Wilsons Sachen nehmen und Herman Grimm darüber schreiben und umgekehrt, aber darauf kommt es nicht an. Herman Grimm hat etwas Erarbeitetes, Woodrow Wilson hat etwas Besessenes, von unterirdischen Wesenheiten in ihn Hereinkommendes….

Wenn wir das östliche Wesen betrachten, das erst nach und nach sich aus dem Chaos erhebend, in seiner ureigenen Gestalt aufleuchten wird, so tritt einem dort etwas Eigentümliches entgegen. Wie der Volksgeist beim Italienertum durch die Luft wirkt, wie er beim französischen Volke durch das Wasser, beim Engländer durch das Erdige und beim Amerikaner durch ein unterirdisches Element wirkt, so wirkt der Volksgeist beim russischen,

slawischen Element durch das Licht. In der Tat wirkt im vibrierenden Licht der Volksgeist, auf den es im Osten ankommt. Und wenn sich einmal aus den embryonischen Hüllen losgelöst haben wird, was im Osten nach der Zukunft wachsen wird, dann wird sich zeigen, daß auch die Wirkungsweise des Volksgeistes im europäischen Osten etwas ganz anderes ist als die Wirkungsweise des Volksgeistes im Westen. Denn, wenn ich auch sagen muß: Es wirkt der Volksgeist durch das Licht -, so ist das Kuriose doch das, daß er nicht durch das hinvibrierende Licht unmittelbar wirkt, sondern er wirkt, indem das Licht sich zuerst in den Boden senkt und vom Boden zurückgeworfen wird. Und dieses vom Boden zurück aufsteigende Licht ist es, dessen sich der Volksgeist beim Russen bedient, um auf ihn zu wirken. Aber das wirkt nicht auf den Organismus, sondern das wirkt gerade auf das Haupt, auf die Denkungsgesinnung, auf die Art der Ausbildung der Vorstellungen, der Empfindungen und so weiter.

Hier ist also die Wirkungsweise des Volksgeistes gerade entgegengesetzt derjenigen im Westen, wo er aus dem übrigen Organismus wirkt und ihm vom Haupte etwas entgegenschlägt. Im Osten wirkt er durch das Licht. Das aus dem Boden zurückströmende Licht ist das Mittel für den Volksgeist, und das wirkt vorzugsweise auf das Haupt. Und was da nun zurückwirkt, das kommt jetzt vom übrigen Organismus, besonders vom Herzensorganismus her. Was da zurückkommt, schlägt jetzt umgekehrt nach dem Kopfe hin und ändert die von dort ausgehende Wirkung. Es ist heute noch im Chaos, noch in embryonischen Hüllen. Es ist der Atmungsrhythmus, der da zum Kopfe schlägt und das neutralisiert, was auf dem Umwege durch das Licht vom Volksgeist kommt. Was im nächsten Osten so herauskommt, das ist in einem höheren Maße noch vorhanden, wenn wir weiter nach Osten gehen. Das ist überhaupt das Eigentümliche des asiatischen Ostens, daß der Volksgeist zum Teil auch noch durch das Licht wirkt, das vom Boden aufgenommen und zurückgestrahlt wird und das auf das Haupt wirkt. Oder der Volksgeist wirkt auch durch das, was nicht mehr Licht ist, was aber überhaupt nicht sichtbarlich ist: die Sphärenharmonie, die ja auch alles durchvibriert und die für eine geistige Menschheit des asiatischen Ostens gleichkommt einer Volksgeist-Wirkung,

indem der Volksgeist direkt durch die Sphärenharmonie wirkt, die aber von der Erde zurückgestrahlt wird und auf das Haupt wirkt. Und dem wirkt entgegen der Atmungsrhythmus. Und darin liegt das Geheimnis, das darin besteht, daß die Geistsucher des Orients immer in einer besonderen Ausbildung des Atmens gesucht haben mit dem Geist in Zusammenhang zu kommen.

Wenn Sie Joga studieren, werden Sie sehen, es macht Ansprüche, die Atmung in einer besonderen Weise auszubilden. Das beruht darauf, daß der einzelne als Glied der ganzen Menschheit, nicht als einzelner, durch den Volksgeist die Geistigkeit zu finden sucht; er sucht sie auf die Weise, wie es wirklich innerhalb seines Volkscharakters gegründet ist. Je weiter wir also nach dem Osten kommen, desto mehr finden wir dies….

Die Eigentümlichkeit des in Mitteleuropa wirkenden Volksseelentums ist es, daß – wie ich für andere Gebiete auseinandergesetzt habe, daß durch Luft, Wasser, durch das Salzige und so weiter gewirkt wird – in unmittelbarer Weise durch die Wärme gewirkt wird. Der Volksgeist wählt in Mitteleuropa den Umweg, das Medium der Wärme. Und zwar ist das nun nicht ganz unmittelbar fest bestimmt, es kann individualisiert werden. Es kann Menschen geben in Mitteleuropa, bei denen diese Wirkung des Volksgeistes verschieden sein kann, einmal aus dem übrigen Organismus und einmal auf das Haupt; auch je nachdem direkt die äußere Luft wärmt, oder indem durch die Speisen oder durch das Atmen gewärmt wird. Das alles ist Medium für den Volksgeist. Und was nun hier dieser Wirksamkeit entgegenwirkt, ist wieder die Wärme, so daß in Mitteleuropa die Wärme, insofern sie äußere Wirkungen hat, Medium für den Volksgeist ist. Und was ihr entgegenkommt, ist wieder die von innen kommende, selbsterzeugte Eigenwärme. Daher kann man sagen: Was im Organismus durch den Volksgeist als Wärme wirkt, dem kommt entgegen die Eigenwärme des Hauptes. Wirkt die Wärme des Volksgeistes durch das Haupt, so strömt ihr da die Wärme des übrigen Organismus entgegen. Wärme wirkt zu Wärme, und sie wirkt namentlich so, daß sie vorzugs- weise von der größeren oder geringeren Lebendigkeit der Sinneswirksamkeit, geradezu der Wahrnehmungsfähigkeit abhängt. Ein Mensch, der regeren Geistes ist, der mit Liebe die Dinge um sich herum ansieht, entwickelt größere Eigenwärme.

Ein Mensch, der flüchtig, oberflächlich ist, der nicht viel empfindet, der über alles hinweggeht, entwickelt weniger Eigenwärme. Dieses Mitleben mit der Umgebung, indem der Mensch ein Herz oder ein offenes Auge für die Umgebung hat, das ist es, was der Wärme, die durch den Volksgeist wirkt, entgegenschlägt, so daß da Wärme an Wärme schlägt. Das ist das Eigentümliche der Wirkungsweise des Volksgeistes in Mitteleuropa, und darauf beruht vieles im Wesen des Volkscharakters, weil Wärme zu Wärme so innig verwandt ist. Die andern Wirkungsweisen sind alle nicht so verwandt: der Wille ist mit dem Elektrischen nicht in derselben Weise verwandt, das Salzige ist mit dem Verdauungselement des Kopfes nicht so verwandt und die andern angeführten Wirkungen ebenfalls nicht. Aber Wärme bewirkt den [mittel]europäischen Charakter, der sich auch darin ausspricht, mehr oder weniger in alles aufgehen zu können… Wärme an Wärme: biegsam macht das, plastisch, in alles sich hineinfindend, auch in fremde Volkscharaktere….

An dem heute Auseinandergesetzten wird auch im eminentesten Maße der große Gegensatz zwischen dem asiatischen Orient und dem amerikanischen Okzident ersichtlich. Man möchte sagen: Das Licht, und sogar noch was über dem Licht im Ätherischen liegt, ist es, dessen sich die Volksseele im Osten bedient, um an den Menschen heranzukommen, wenn es auch rück- strahlend ist von der Erde. Das unterirdische Element, was unter der Erde ist, ist es im Westen. – Das kann uns tief hineinführen in das organisch-seelische Leben des ganzen Erdenorganismus in seinem Zusammensein mit der Menschheit…

Auf der einen Seite das nach dem Geistigen hingerichtete Fluten im Orient, nach unten zu Schwere entwickelnd, den Menschen an die Erde fesselnd, ist mehr das Wesen nach dem Westen hin. Ob das mit dem amerikanischen Volkscharakter mehr oder weniger übereinstimmt, überlasse ich jedem selbst zu beurteilen. Eine aufsteigende Flut, möchte ich sagen, im Osten; ein Abebben, ein In-die-Erde-Hineinwirken im Westen. So ist das Leben. Natürlich nicht auf einmal, aber im Laufe des Lebens, im Verlaufe von Generationen wird der Mensch den Erdenverhältnissen ähnlich, paßt sich an. Wenn also auch ein Europäer nach dem Orient kommt, dort Kinder hat und die Kinder wieder Kinder haben, so fordern es die waltenden Umstände, daß diese Verhältnisse sich ausbilden. Das wirkt im Menschen. Es ist tatsächlich so: Wie in unserem physischen Organismus an der Schulter nie eine Nase, sondern immer ein Arm herauswachsen wird, so werden in Amerika nie gute Jogis entstehen. Es kann einmal verpflanzt werden, aber man kann auch in Glashäusern alle möglichen Pflanzen aufziehen, darauf jedoch kommt es nicht an, sondern was im naturgemäßen Zusammenhang von der Entwickelung selbst gemeint ist.