Betrachtungen zu Rudolf Steiners Völker- und Volksgeisterkunde aus den Kriegsjahren 1914-1918

Welche formgestaltenden Kräfte liegen den Sprachen der Welt zugrunde? Worin liegen ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten?

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Die Sprachverwirrung von Gustave Doré

Gerade das Wesen einer lebendigen Sprache scheint sich dem Bewußtsein des Sprechenden sehr leicht zu entziehen: Ist man als Muttersprachler oder nach längerem Erlernen mit einer Sprache verbunden, wird man kaum imstande sein, objektive Qualitäten dieser Sprache bewusst zu erleben oder gar zu benennen. Kein Deutscher wird z.B. gemerkt haben, daß seine Sprache durch die langen Vokale und die kräftig angeschlagenen Konsonante zu der am meisten Luft verbrauchenden Sprachen Europas zählt, wodurch beim Sprechen eine ausgesprochene Wärmeentwicklung stattfindet, worauf das deutsche Wesen sogar beruht (siehe später). Wiederum wird kein Franzose wissen, daß in gerade entgegengesetzter Richtung zum Deutschen seine Sprache den Luftverbrauch geradezu vermeidet, wodurch Verstandeskräfte in höherem Maß zur Kopfgegend hingeleitet werden können.

Höchstens bei der ersten Berührung mit einer neuen Fremdsprache können die besondere Klangwelt, die Eigentümlichkeit der Satzbildung oder die Verbindungen mancher Wörter zu unerwarteten Begriffsebenen zuerst unbefangene Ohr und Verstand in Erstaunen versetzen. Mit dem fortschreitenden Eintauchen in dieser Sprache verblassen aber diese frischen Eindrücke der mehr künstlerisch-lebendigen Ebene. Und mit dem Aneignen eines praktischen Wortschatzes, wo Wort für Wort aus der eigenen Muttersprache erst recht „über-setzt“ wird, setzt statt ein bewusstes Erleben der Sprachwelt ein routinierter, intellektueller Verstand ein. Man verschmilzt allmählich mit der erlernten Sprache und kann sie erst dadurch überhaupt praktisch anwenden aber man kann kaum noch über sie „staunen“. Warum das so sein muß, kann uns die ganzheitliche Menschenkunde verständlich machen.

Sprache, Kultur und nationales Empfinden sind unzertrennliche, definierende Elemente für die Begriffe:  „Volksgemeinschaft“ oder „Nation“. Andere Völker als das eigene mögen dementsprechend als kurios, fremd oder exotisch empfunden werden. Bis hin zum Hass kann sich das gegenseitige Unverständnis zwischen Völkern steigern, deren konträre Interessen z.B. im Zuge historischer Begebenheiten aufeinanderprallen. Dies war der Fall im ersten Weltkrieg und Rudolf Steiner fühlte sich anhand dessen dazu veranlasst, in Vorträgen aufklärerisch zu wirken.

Seine Kernaussage: Die Unterschiede zwischen den am Konflikt beteiligten europäischen Nationen liegen an ihren verschiedenen, aus der geistigen Welt geordneten Mission in der Weltgeschichte. Gegen die Hass-Propaganda aus den verschiedenen Lagern, die sich bis in den Beteiligtenkreis am Bau des ersten Goetheanums in Dornach um 1913 bemerkbar machte, stellt er objektive Tatsachen aus seiner Geistesforschung zur öffentlichen Wahrnehmung hin. Er erweitert damit gesundend den Denkhorizont seiner Zeitgenossen.

Diese Mitteilungen über die impulsierenden Kräfte der hinter jedem Volk stehenden „Volksgeister“ befinden sich zerstreut in mehreren Vorträgen aus den Jahren 1914 bis 1918. Hier eine Auswahl für das weitere Studium der Quellen:

GA 64, Vorträge II, IV, XI, XII

GA 65, XIV

GA 157, II, III, X

GA 173, VII

GA 174a, II, III, XI

GA 181b, I

Auf dieser Webseite finden Sie diese Originaltexte: Bitte klicken Sie oben in der Leiste auf den Namen „Auszüge aus dem Werk Rudolf Steiners“ als Unterkategorie von „Das Wesen der Sprachen“ (Eine direkte Verlinkung ist wegen der zu großen Datei leider nicht möglich).

In den Vorträgen werden in der Regel allgemeine Volkseigenschaften mit ihrem jeweilgen Niederschlag in Sprache und Kultur beschrieben. Manche Angaben beziehen sich direkt auf Sprachqualitäten. Rudolf Steiner behandelt in diesen Zyklen die wirkenden Gestaltungskräfte der Volksgeister in Verbindung mit brennend aktuellen politischen Fragen und zeigt dadurch, wie aus der Geistesforschung gewonnene Erkenntnisse mit einem konkreten Urteilen politischer Verhältnisse korrespondieren können. Anthroposophie soll ja keine schöne Theorie sein, sondern zum praktischen Handeln in der Welt animieren.

Es folgt nun eine allgemeine Betrachtung über die Ebenen, wo sich die Wirksamkeit der Volksgeister überhaupt entfaltet.

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Wo sind die Volksgeister zu finden?

Wenn wir versuchen, uns das Wesen der Zeit vorzustellen, sehen wir in der Regel eine Uhr vor uns, die regelmäßige „Zeitscheiben“ mit ihren Anzeigern durchläuft. Dies hat aber weniger mit „Zeit“ als eigentlich mit „Raum“ zu tun: Die räumlich-sichtbare Bewegung des Uhrzeigers informiert uns darüber, wie spät es ist¹. Ein zuerst räumlich bedingtes Sehen führt uns in ein Vorstellen eines an sich abstrakten (weil bezifferbaren) Inhaltes über. Unser Gefühl ist daran nicht beteiligt, kann z.B. keine relative „Längen“ und „Kürzen“ innerlich abschätzen. Auch unser Ich wird nicht angesprochen, das über die Qualität der inneren Beteiligung am zeiltlichen Geschehen – als Langeweile bei geringer Anteilnahme oder Staunen bei intensiver – urteilen könnte (das sogenannte „subjektive Zeitempfinden“). Nur das Gehirn ist tätig und zählt.

Wie verhält es sich aber beim Erleben eines Kunstwerkes, das sich ausschließlich entlang der Zeitachse entfaltet, also bei einem Musikstück? Gerade das Zeitempfinden verschwindet beim Zuhören aus unserem wachen Bewusstsein, wenn wir in die Musik innerlich einsteigen. Man ist in anderen Sphären versetzt und verliert eigentlich sowohl Raum- als auch Zeitbewußtsein. Das Hören versetzt uns also in einen inneren Raum ohne Grenzen, der sich, wenn man ihn als körperbezogene räumliche zone zu situieren versuchen würde, hinter uns als Zuhörer befindet, während der Sehraum naturgemäß vor uns liegt.

Ein Musikstück kann erst beim Erklingen des Schußakkordes als abgeschlossenes Ganzes von unserem Bewusstsein erfasst werden³. Erst dann können die einzelnen wahrgenommenen Momente des Stückes im Nachhinein ihren organischen Platz im Werk bekommen. Unser Bewusstsein arbeitet in diesem Fall als Erinnerung an ein schon Geschehenes in Bezug auf ein rückwirkend später Erlebtes: Wir haben also eine rückwärts verlaufende – man könnte auch sagen: eine uns entgegenkommende – Bewußtseinstätigkeit. Und das ist es, was wir eigentlich „Zeit“ nennen können. Die Zeitbewegung läuft also nach rückwärts, von der Zukunft in die Vergangenheit hinein. Die Ursachen wirken aus dem noch nicht gehörten Ende des Musikstückes in die Details des gegenwärtig (und Stück für Stück bald wieder vergangen gewordenen) wahrgenommenen Werkes⁴.

Anders bei einem gesehenen Werk der Malerei oder der Architektur: Das Ganze erschließt sich unserem Bewußtsein sofort als Zusammensetzung einzelner Teile, die nach und nach im Detail bewusst studiert werden können. Das Sehen fördert das additive, materiell-gebundene Denken, das Hören das organische, dividierende Bewusstsein. Erst auf dieser Ebene des Hörens offenbart das geistige Wesen der Zeit seine Eigenschaften.

In der Betrachtung der Menschheitsgeschichte lassen sich beide Strömungen feststellen: die vorwärts-additive durch räumlich äußere Zeugnisse wie Bauten oder erhaltene Schriften und die rückwärts-dividierende, durch welche geistige Wesenheiten in ihrem gestaltenden, vorausschauenden Willen erlebbar werden.

 

Raum

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Zeit

 

Beobachten wir z.B. die Entstehungsgeschichte Frankreichs, können wir verschiedene Ereignisse und Strömungen feststellen, die nach und nach im Laufe der „Zeit“ (was wir nun berichtigen können und richtiger bezeichnen können als den „Raum“) das Gebiet des heutigen Frankreichs berühren: Gallische, römische, keltische und germanische Einflüsse können beobachtet werden, wie sie Kultur und Sprache umformen. Das vorwärts-materiell gerichtete Denken verfährt dabei so, daß Ursachen aus der Vergangenheit in ihren Wirkungen in die Zukunft beobachtet werden. So lässt sich auch die Gestalt der heutigen französischen Sprache anhand vergangener, mehr oder weniger zufällig eingetretenen Erscheinungen erklären. Warum die Dinge so geschahen, wie sie es taten, kann diese Beobachtungsart nicht erklären: Sie kann bloß vermutete Gründe für spätere Entwicklungen nennen, die in einer dunklen Vergangenheit liegen und muß letztendlich, um nicht ins Bodenlose zu versinken und in Widerspruch mit sich selbst zu fallen, von einer Art ausgedachtem Uranfang aller Dinge ausgehen: dem Ur-Knall.

Diese äußere Geschichtsbetrachtung kann keinen Sinn und Richtung für die Weltentwicklung finden. Aber keine Nation der Welt wird sich als Zufallskind der Evolution zufrieden geben können und wird als Rechtfertigung ihres jetzigen Daseins nach einer gewissen Notwendigkeit ihrer Existenz und nach beweisbaren Vorformen suchen. Bis in die Karikatur kann diese Sehnsucht nach Beweisen der Volkszugehörigkeit führen, wie im berühmten, auch problemlos in afrikanischen Kolonien propagierten: „nos ancêtres les Gaulois“… Missbrauch diskreditierte oft diese Art von Bestrebung der Nationen als „erfundene Mythologie“. Ist die Sehnsucht nach dem eigenen Ursprung aber nur illusionär oder können wir aus dieser Gebärde der Völker eine ernstzunehmende geistige Gesetzmäßigkeit ablesen? Im Sinne der Anthroposophie sehen wir da die sogenannten „Volksgeister“ am Werken.

Eine gewisse Offenheit wird vom Studierenden abverlangt, wenn in der geisteswissenschaftlichen Forschungsmethode Steiners von real existierenden „Volksseelen“ oder „Volksgeistern“ die Rede ist, die jeweils die Geschicke eines ihnen zugeteilten Volks in verschiedener Weise handhaben sollten. Die konkrete Wirkung ihres Tuns kann aber studiert werden. Ihr wesen lebt aber nicht im vorwärtigen, materiellen „Zeit“-Raumstrom, sondern in dem rückwärtigen, spirituellen Zeitstrom. Sich auf diesen erstmal unsichtbaren Strom einzulassen, erfordert natürlich Studium aber auch letztendlich den guten Willen, sich auf diese Art von Denken und Empfinden einzulassen, die die Voraussetzung für die Bildung der geeigneten Wahrnehmungsorgane innerhalb der Seele des Forschenden für diese Ebene bilden. Der spirituelle Forscher forscht eben mit seinem ganzen Innenleben, das sich im Laufe der Forschung ändern muß. Wer diesen Weg nicht mitgehen kann oder will, kann trotzdem von den Ergebnissen dieser Forschungsart profitieren.

Die aus der geistigen Welt gewollte Realisierung eines Volkszusammenhanges auf der Erde bedarf, so die Ergebnisse der Volksgeisterforschung Steiners, einer langen Vorbereitung, damit bestimmte äußere Bedingungen erfüllt werden, die das Entstehen einer mehr oder weniger in sich abgeschlossenen Schicksalsgemeinschaft oder Nation unter einer bestimmten Form ermöglichen. In dieser Zeit kann von einem allmählichen Herannahen eines Volksgeistes zum entsprechenden Volk, das die irdische „Inkarnation“ dieses Geistes realisiert. Es erfolgt dann eine sprachliche, kulturelle und politische Blütezeit dieser Nation, bevor sich eine Volksseele sich von ihr wieder löst, um zu neuen Aufgaben in höheren Welten aufzusteigen. Eine Art äußere Dekadenz mag dann die Folge für das betreffende Volk sein, das an überlieferten, nicht mehr von kreativem Leben durchpulsten Formen festhält und vielleicht andere, stärkere Impulse in verschiedener Weise aufnehmen wird oder durch sie überspült werden wird.

Die Inkarnation eines Volksgeistes in einem bestimmten Volk gleicht also der Inkarnation einer einzelnen Seele, die ihrem Karma entsprechend ihren irdischen Weg vorbereiten, durchführen und wieder verlassen muß.

Die Art der Wirksamkeit geistiger Entitäten kann also nicht im materiellen, vorwärts verlaufenden Raumstrom der Weltgeschichte gefunden werden, sondern entfaltet sich im „Hör-Raum“ der rückwärts verlaufenden Zeitsubstanz, wo „Ursachen“ aus der Zukunft in die Gegenwart hineinwirken. Wie wirken aber Volksgeister konkret auf ihr Volk und wie gestalten sie seine Eigenschaften? Das ist wiederum von Volk zu Volk und von Geist zu Geist verschieden, wie Rudolf Steiner erläutert.

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Die Daseinsebenen eines Volkes

Wir könnten nun fragen: Was macht ein Volk, eine eigenständige Nation aus?
Verschiedene Ebenen können erwähnt werden, wo das Dasein einer Volksgemeinschaft sich auslebt:

– die physische Geografie: also ein konkretes Land mit natürlichen oder „ausgedachten“ Grenzen.

– die Sprache als das eher unbeobachtete Element des Volkslebens, das zugleich die Wort- und Grammatikstruktur für seine spezifische Denkungsart liefert. In diesem dauernd fließenden und daher kaum er-fassbaren und doch strukturgebenden Strom des Ätherischen finden die Volksgeister ihr hauptsächliches Wirkungsfeld. Und so wie jeder Mensch sein eigenes Denken nur schwer und selten beobachten kann, stellt die eigene Sprache mit ihren Qualitäten für ein Volk wie einen Blindfleck dar. Im Ätherischen sind auch die vom wachen (weil astralbezogenen) Bewusstsein nicht erfassbaren Gewohnheiten begründet, wozu die Sprache gehört.

– die Kultur: Dies isr der Ort, wo auf vielfältiger Weise sich das Gefühl eines Volkes für sich selbst und die Welt äußert. Die ererbten, gemeinschaftsbildenden Traditionen gehören dabei mehr im ätherischen Bereich des unbewußten Gewohnten, während neuere Kulturschöpfungen einem bewussteren astralischen Impuls der Seelenkräfte entspringen (wie ein Volk wahrnimmt, denkt, fühlt, will und tut – nehmen wir z.B. das unnachahmbare Phänomen der französischen Chanson, die das spezielle Verhältnis der Verstandes- und Gemütsseele beim Franzosentum hervorbrachte) oder von einem Anschluß an einem mehr michaelischen, allgemeinmenschlichen Weltbewußtsein zeugen (da könnte man z.B. die impressionistische Bewegung nennen, die aus dem über-nationalen Geist der Bewußtseinsseele entsprang).

– die Staatsform: Die (bestenfalls) selbstgegebene Verwaltungsstruktur repräsentiert das Ich-Element der Nation, das einerseits als „niederes Ich“ die egoistischen Interessen auf der politischen Weltbühne selbstbewusst vertritt, andererseits als „höheres Ich“ die Kommunion zu den anderen Völkern im bunten Chor der Weltnationen sucht und ggf. den Impuls der Zeit aus einem fremden Volk schrankenlos in sich aufnimmt.

Anhand der Angaben Rudolf Steiners zu den verschiedenen Elementarreichen, wo die Volksgeister jeweils ihre Wirksamkeit entfalten, können wir uns an einer schematischen, zusammenfassenden Tabelle versuchen, die die gerade beschriebene Vierwesensgliederung jedes Volkswesens mit dem Prinzip der vier Elemente kombiniert, wo es jeweils seine Schwerpunkte setzt. Die für diese Tabelle infrage kommenden Völker sind die, auf deren Eigenschaften Rudolf Steiner in seinen Vorträgen der Kriegsjahre eingeht.

 

Völker:                          englisch                             französisch                      italienisch                         deutsch
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Wärme            Ich-Ebene: Staatswesen                   Kultur                             Sprache                             Land
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Luft-Licht      Astralebene: Kulturleben                Sprache                              Land                        Staatswesen
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Flüssiges          Ätherebene: Sprache                          Land                         Staatswesen                        Kultur
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Festes               physische Ebene: Land               Staatswesen                        Kultur                            Sprache

 

Der Stand der Nationen im Weltentwicklungsstrom sei kurz erwähnt, wie Rudolf Steiner ihn in seinem Werk schildert: Italien und Frankreich wiederholen auf verinnerlichter Weise jeweils die Kulturstufen der altägyptischen Empfindungsseele und der altgriechisch-römischen Verstandes- und Gemütsseele. England steht als Kultur der Bewußtsseinsseele für sich als die impulsierende Kultur der Gegenwart mit ihrem Nachläufer in der durch die besondere Bodenbeschaffenheit etwas anders nuancierten amerikanischen Kultur. Russland als eine Kultur, die eigentlich noch nicht geboren wurde, paßt in die Tabelle nicht so richtig hinein. Deutschland (für Mitteleuropa) zeigt die Ich-Kulturstufe des sich selbst im Gemüt durch die starken Konsonanten und tiefen Vokalen ergreifende Ich.

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Ausdruck für das sich selbst erfassende Ich als Bewußtsseinszentrum: Santa Maria delle Salute in Venedig

Zur Erläuterung der hier vorgeschlagenen, als Versuch einer gedanklichen Weiterführung der angegebenen Zuordnung der Volkswesenwirksamkeit durch Steiner verstandenen Tabelle nehmen wir zuerst das Beispiel Italiens:

Rudolf Steiner ordnet das Wirkungsfeld der italienischen Volksseele dem Element der Luft zu. Das ausgesprochen vokalisch-singende Italienische nimmt in der Tat das extravertierte, mit dem Element der Luft verwandte, astralbetonte Lebensgefühl in die Weiten der lichtdurchdrungenen Südluft in sich mit.

Von diesem Hinweis ausgehend füllen wir nun die Tabelle weiter⁵: Unterhalb der Sprachebene finden wir die geografische: das Land, das hier also dem Element des Wassers zugeordnet wäre. Italien ist ja ein langgezogenes, verhältnismäßig dünnes Land, das weit in das Meer hineinragt und den Austausch zum ganzen Mittelmeer sucht. Auch der Fluß Po im Norden bestimmt die nördliche Landschaft (sowie auch der Nil Ägyptens Schicksal bestimmte, das auch als Land zum weiten Meer hin offen steht. Italien ist ja die verinnerlichte Wiederholung Ägyptens, seine sozusagen „Reinkarnation“). Die italienischen Großmächte (Rom, Genua, Venedig) wären ohne das Element des Wassers nicht denkbar. Auch finden wir im stark geprägten Föderalismus oder in dem nie überwundenen Gegensatz zwischen Norden und Süden ein an sich fließendes, nie festgehaltenes Element der Grenzziehung, eine gewisse Bodenschwankung. Das Wasser als natürliche Grenze nach allen Seiten begünstigte wiederum das erste keimhafte Einheitsstaatsbewußtsein der Geschichte in Sizilien.

Die Kulturimpulse fänden sich unserer Tabelle nach mit dem Element der Wärme verbunden: So stellt die Renaissance eine Bewegung dar, die zugleich das individuelle Ich des Menschen, das in der Wärme lebt, zum aufwachen rüttelt und allgemein nach außen wie selbstverständlich über Europa hinausstahlt. Wie eine glühende Sonne des Enthusiasmus mag uns der Schöpferdrang von Kunstwerken in der Renaissance-Zeit vorkommen, der in einer allgemeine Empfindung für geordnete Schönheit zu baden scheint.

Die Staatsform im Element der Erde wiederum fänden wir durch den römischen Impuls einer wie ein Uhrwerk durchorganisierten Imperiumsverwaltung bestätigt, die einerseits im Sinne eines abstrakten Rechts alle Menschen vor dem Staat gleich machte und sie dadurch von den alten am Blutselement gebundenen Geisteskräften befreite, andererseits aus ihnen zum Erhalt rein praktischer, irdischer Interessen funktionsfähige Beamte züchtete.

Wir gehen zu Frankreich über:

Das zentralistischst empfundene Staatswesen mit seinem ersten Welthöhepunkt unter dem „Sonnenkönig“ Louis XIV, das als Vorbild für alle Weltnationen galt, gepaart mit dem selbstbewussten Auftreten der Franzosen als Grande Nation lassen das Sonne-Wärmewesen Frankreichs deutlich erkennen. Auch trägt jeder Franzose seine strahlende Gloire im Grunde wie eine Art „Heiligenschein“ des Denkens um sich herum, das heißt die klare Vorstellung von sich selbst und der Welt, die er gerne dieser Welt aufprägen möchte. Nicht umsonst wurden als Nationalembleme der Löwe als das Bild für die sonnenhaft strahlenden Kräfte des Herzens, der warmen in sich abgeschlossenen Mitte, oder der Hahn mit seiner besonderen Beziehung zum Sonnenwesen, das er jeden Morgen als erstes Tier des Hofes laut krähend begrüßen darf, gewählt.

Insofern können wir die Empfindungen der Franzosen, wie sie sich im Kulturschaffen ausdrücken, im hellen Luftelement getaucht sehen, als dieses Kulturleben im steten Ringen um den klaren Verstand immer stark geprägte Formkräfte aufweist, die nicht wie im Englischen in einen schweren, oft strengen puritanen Pomp führen können, sondern trotz aller selbstverständlichen Kodifizierung leicht und sinnlich bejahend wirken.

Das fließende Element finden wir in der leichtfüßigen, schnell ans Ende des Satzes dahineilenden französischen Sprache vertreten. Das Verwischen der Grenzen zwischen einzelnen Wörtern, wie es in den liaisons erscheint – ein Hinweis auf keltische Ursprünge – sowie die Tendenz zur Verschnellerung im Laufe des Satzes – ein als entraînement bezeichneter Willensstau – zeugen von den Wirkungen des flüssigen Elements. Die kleinen platzenden „ö“ zieren dann den französischen Satz wie spritzende Wassertropen um eine rollende Welle. Auch inhaltlich eignet sich das Französische für die besondere Pflege der „fließenden“ Denkungsart, also der Logik, durch welche ein Gedanke sich immer aus dem vorigen ergeben soll. So ist das Gefühl für Rhetorik die hauptsächliche Eigenschaft, die die Schüler aus dem Französischunterricht gewinnen können, so Rudolf Steiner. Und wirklich: Man genieße z.B. folgende perfekt aufgebaute Rede aus „L´École des Femmes“ von Molière, in der die nach innerer Harmonie Strebende Haltung des „honnête homme“ gegenüber dem Problem des cocuage wie ein mathematischer Beweis elegant aber streng durchgeführt wird! Darin äußert sich auch eine charakteristische, nie gestillte Sorge der Verstandesseele: Die Kontrolle der Vernunft (der Männer) über das Liebesleben (der Frauen)…

Die hervorgehobenen Wörter im französischen Text sind die Ausdrücke, die den logischen Aufbau des Gedankenganges stützen. Im deutschen Text wurden die Ausdrücke fett geschrieben, die das Fundament der französischen Verstandeskultur bilden, wie sie bei aller thematischen Frivolität hier nicht fehlen! Ihre Frau betrügt sie? Machen Sie doch das Beste daraus:

CHRYSALDE.

C’est un étrange fait, qu‚avec tant de lumières,
Vous vous effarouchiez toujours sur ces matières,
Qu’en cela vous mettiez le souverain bonheur,
Et ne conceviez point au monde d’autre honneur.
Être avarbrutal, fourbe, méchant et lâche,
N’est rien, à votre avis, auprès de cette tache ;
Et, de quelque façon qu’on puisse avoir vécu,
On est homme d’honneur quand on n’est point cocu.
À le bien prendre au fond, pourquoi voulez-vous croire
Que de ce cas fortuit dépende notre gloire,
Et qu’une âme bien née ait à se reprocher
L’injustice d’un mal qu’on ne peut empêcher ?
… Mettez-vous dans l’esprit qu‚on peut du cocuage
Se faire en galand homme une plus douce image,
Que des coups du hasard aucun n’étant garant,
Cet accident de soi doit être indifférent,
Et qu’enfin tout le mal, quoi que le monde glose,
N’est que dans la façon de recevoir la chose ;
Car, pour se bien conduire en ces difficultés,
Il y faut, comme en tout, fuir les extrémités,
N’imiter pas ces gens un peu trop débonnaires
Qui tirent vanité de ces sortes d’affaires,
De leurs femmes toujours vont citant les galans,
En font partout l’éloge, et prônent leurs talens,
Témoignent avec eux d’étroites sympathies,
Sont de tous leurs cadeaux, de toutes leurs parties,
Et font qu’avec raison les gens sont étonnés
De voir leur hardiesse à montrer là leur nez.
Ce procédé, sans doute, est tout à fait blâmable ;
Mais l’autre extrémité n’est pas moins condamnable.
Si je n’approuve pas ces amis des galans,
Je ne suis pas aussi pour ces gens turbulens
Dont l’imprudent chagrin, qui tempête et qui gronde,
Attire au bruit qu’il fait les yeux de tout le monde,
Et qui, par cet éclat, semblent ne pas vouloir
Qu’aucun puisse ignorer ce qu’ils peuvent avoir.
Entre ces deux partis il en est un honnête,
dans l’occasion l’homme prudent s’arrête ;
Et quand on le sait prendre, on n’a point à rougir
Du pis dont une femme avec nous puisse agir.
Quoi qu‘on en puisse dire enfin, le cocuage
Sous des traits moins affreux aisément s’envisage ;
Et, comme je vous dis, toute l’habileté
Ne va qu’à le savoir tourner du bon côté.
… Si le sort l’a réglé, vos soins sont superflus,
Et l’on ne prendra pas votre avis là-dessus.

ARNOLPHE.

Moi, je serois cocu ?

CHRYSALDE.

Vous voilà bien malade !
Mille gens le sont bien, sans vous faire bravade…

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Chrysald.

Seltsam, daß Sie mit solchen Geistesgaben
Bei dieser Frage sich so wild gebärden,
Als wäre dies das einz’ge Glück auf Erden
Und keine andre Ehre sonst zu haben.
Für geizig, boshaft, feig und niedrig gelten
Scheint Ihnen nichts; der eine Makel schlägt
Die andern all; wie jemand sonst zu schelten,
Er bleibt ein Ehrenmann, wenn er nicht Hörner trägt.
Kommt’s wirklich nur auf solchen Zufall an,
Um unsern guten Namen zu entscheiden?
Soll Tugend sich ein unverdientes Leiden
Vorwerfen, das sie nicht verhindern kann?
… Nein, glauben Sie: man bleibt genau so redlich,
Faßt man ein solches Schicksal milder auf:
Da niemand lenken kann des Zufalls Lauf,
Ist dieser Schlag an sich nicht schädlich.
Bei jedem Übel, was die Welt auch sage,
Kommt’s nur drauf an, wie schwer wir selbst es nehmen;
Drum soll in dieser, wie in jeder Lage
Man streng sich hüten vor Extremen.
Die Männer, die mit zu geduld’ger Seele
Noch mit dergleichen prahlen, weithin schnattern,
Wie viele Schwärmer ihre Frau umflattern,
Anpreisen ihr Verdienst mit lauter Kehle,
Ihr Einverständnis zeigen und zusammen
Mit ihnen sind bei Landpartien und Schmaus,
Sie fordern alle Welt heraus,
Mit Recht ihr schamlos Treiben zu verdammen.
Doch seien sie auch noch so tadelnswert,
Ihr Gegensatz ist ebenso verkehrt,
Und minder nicht als dieses Vorschubleisten
Muß ich den ungestümen Poltrer hassen,
Der sich mit sinnlos lärmendem Erdreisten
Zudringlich breit macht auf den Gassen,
Als könnt‘ er nicht beruhigt schlafen gehn,
Bevor ein jeder weiß, was ihm geschehn.
Dem redlichen und klugen Mann genügt
Der goldne Mittelweg in solchen Nöten;
Wer den gewählt, der braucht nicht zu erröten,
Wenn ihm sein Weib was Böses zugefügt.
Mit einem Wort, die Hahnreischaft
Verdient es nicht, daß wir uns ernstlich grämen,
Und wie gesagt, mit etwas Geisteskraft
Läßt sie sich auf die leichte Achsel nehmen.

Soll’s einmal sein, dann gibt’s kein Federlesen,
Und wenig hilft dann Ihr Geschrei.

Arnolph.

Zum Hahnrei werden – ich!

Chrysald.

Was ist dabei?
Ja, nichts für ungut, viele sind’s gewesen…

Daß schließlich das Bewusstsein der eigenen Landesgrenzen auf konkreten, irdischen und nicht ideellen Tatsachen (wie etwa die Ideale der französischen Revolution) beruht, erinnert uns an die Tendenz der Franzosen, alles ins Politische übersetzen zu wollen, wie der Historiker Karl Heyer betont. Der Rousseausche Impuls der Allliebe zum Menschen, weil er von Grund auf „gut“ sei, inspirierte die politischen Umwälzungen Frankreichs in der Revolution aber blieben ganz apolitisch (von der Episode der Frankfurter Paulskirche abgesehen) als Bewegung des Sturm- und Dranges im Umkreis Goethes. Das heutige Frankreich erlebt sich als ein Gebilde, das historisch von einem königlichen Zentrum in eine immer weiter werdende Peripherie hinauswuchs: Der Verdienst der verschiedenen verehrungswürdigen  Könige liegt im allmählichen Annektieren äußerer Regionen, das mit der Abgrenzung Frankreichs gegenüber England durch Jeanne d´Arc anfing. Das Franzosentum definiert sich stark anhand von solchen Grenzen: Wer innerhalb derselben geboren wird, gilt als Franzose. Auch weite, ehemalige Kolonien wurden als regelrechte départements behandelt und ihre Einwohner als gleichberechtigte französische Bürger (Man sieht den altrömischen Impuls hier noch am Werk). Der alles mathematisierende Franzose konnte auch nicht umhin, das abstrakte Element des in sich perfekt ruhenden hexagone mit der Form seines Landes zusammenzubringen.

Wir gehen zum britischen Wesen über:

Nirgends auf der Welt findet sich eine Staatsform, in dem so früh in der Geschichte dem einzelnen Bürger so viele Rechte gegenüber der Staatsgewalt eingeräumt wurden, wie in Großbritannien. Es folgte dann Amerika. Ein lichtvolles, aufgeklärt-zukünftiges Element scheint aus dieser Disposition der Bewußtseinsseele auf die ganze Welt ausgestrahlt zu haben und begeisterte schon vor der französischen Revolution Montesquieu (der aus ihm das fundamentale Prinzip der Gewaltentrennung als Garant für ein funktionierendes, demokratisches System ableitete) oder Voltaire (durch welchen die englische Gedankenverfassung im restlichen Europa bekannt wurde).

Das wässerige Element finden wir im Kulturellen insofern vertreten, als z.B. die Eroberung der Kontinente über die Meere geschah: Immer kriegerisch unterwegs will der Engländer im Sinne der Bewußtseinsseele ein Imperium gründen und verwalten. Die dadurch entstandene Abhängigkeit von den wechselnden, unvorsehbaren Wetterverhältnissen inspirierte seine „Barden“ wiederum zu geschmeidigen Melodien, die sofort Weltruhm erlangten. Im natürlichen Gegenzug zur wirtschaftlichen, militärisch untermauerten Weltoffenheit mußten aber die ständigen Reisenden zu hause strenge Lebensformen einrichten, die die Neigung zum von den Lebensfreuden abgekehrten Protestantismus begünstigten. Aber wiederum gleiten auffällig die voneinander streng getrennten, kastenähnlichen Gesellschaftsschichten Englands in geheimer Einverständnis fließend aneinander vorbei. Und der oft erlebbare spontanfreundliche Umgang der Menschen untereinander lässt immer wieder etwas Leichtes und Fließendes trotz der sittlichen Kontrollstrenge durchscheinen.

Elemente der Zugehörigkeit zum Irdisch-Festen finden wir in der ansonsten betont flüssigen englischen Sprache in ihrer innewohnenden Tendenz zur Vereinfachung. Ein Engländer benützt täglich weniger Wörter als Bürger anderer Nationen: Einfache Begriffe wie „to get“ können durch Hinzufügung von Partikeln in allen Lebenssituationen praktische Anwendung finden. Auch erhebt der Engländer seit Francis Bacon (1561-1626) als grundsätzlicher Empiriker keinen anderen Anspruch an der Welt, als möglichst Gedanken-leer nah am konkreten Lauf der Dinge beobachtend und handelnd zu stehen. Er ist grundsätzlich praktisch veranlagt und die Wörter der Sprache sind nun abstrakte, ausgemachte Hilfen („4U“ als: for you, „2B“ als: to be, usw. in der Computer-Schnellsprache), die von vorne herein am Wesentlichen der Dinge vorbei gehen müssen, wie der ständig wiederholte Ausdruck „you know“ verrät: Allen ist klar, daß man über etwas redet, dessen Wesen wo anders liegt.

Eine besondere Eigenschaft Englands und auch gewissermaßen Nordamerikas ist die Neigung, ständig über die eigenen Landesgrenzen hinausziehen zu wollen. Von Frankreich durch Jeanne d´Arc ausgewiesen, suchte das Königreich die Weiten und kolonisierte die ganze Welt. Wie eine selbstverständlich wärmende und hinausstrahlende Sonne schuf England das größte Reich der Welt „zum gegenseiten Wohl aller“ im Sinne des Commonwealth.

Wir betrachten nun die deutschen Verhältnisse:

Das deutsche Wesen entspricht der Ich-Kulturebene, insofern dieses individuelle Ich sich über das warme Gemüt , das in der Brustgegend zwischen Herz und Lunge seinen Sitz hat, sich selbst ergreifen kann. Daher die tiefen Vokale und kräftigen konsonanten der deutschen Sprache, deren Erzeugung viel Luft bei größter Wärmeerzeugung verbraucht. Die Goethezeit bildet einen Höhepunkt, währenddessen eine reichhaltige Gemütskultur in der Folge Rousseaus gedeihen konnte. Man spreche z.B. ein von den vielen Gemütsintensiven Elegien Hölderlins einmal wandernd im Daktylus-Rythmus durch den Raum! Bald nach dem Tod der großen Schöpfer dieser Zeit versiegte aber dieser Impuls schnell und wurde durch die empirische Vorstellungswelt aus England mit Darwin und Newton überlagert.

Interessant ist von diesem Standpunkt die Betrachtung über die zwölfjährige nationalsozialistische Herrschaft, die genau das ahrimanische Gegenbild zum Ich triumphieren ließ und entsprechend ihres Wesens Chaos und Verwüstung hinterließ sowie letztendlich die Teilung Europas, das dadurch seine ausgleichende Ost-West-Weltmission verfehlen mußte.

Die deutsche Sprache bittet die ätherische Grundlage, wo die Wärmeentwicklung eine starke Ich-Betätigung erfordert. Die Verankerung des Ich im Ätherischen wird durch z.B. den heileurythmischen Laut E gefördert, der ja auch der häufigste Vokal im Deutschen ist. Wiederum sehnt sich das Ich danach, irdische Verhältnisse durchzudringen, was man die Liebe nennen kann. Diese gewünschte Bindung an die Erde ergibt eine gewisse Schwere und gemütsbedingte Langsamkeit, ja eine gewisse Verunsicherung im Zwischenmenschlichen, und wiederum eine hohe Geschicklichkeit auf technischem Gebiet. Das Kürzel „O.K.!“ bedeutet nichts anderes als „Otto Kaiser“, einen deutschen Maschinenhersteller, dessen Produkte in Amerika Synonym für Zuverlässigkeit und Leistung wurden: Was gut funktioniert, ist „O.K.“! Die deutsche Gründlichkeit können wir diesen erdgebundenen Qualitäten hinzurechnen, die dazu führt, daß im Ausland hervorgebrachte Ideen und Systeme auf deutschem Boden bis zur Perfektion weiterentwickelt werden⁶.

Das wässerige Elemente aus der Tabelle könnten wir für die Staatsform in der Neigung zum Föderalismus wiederfinden, die dem festeren, zentralistischen Einheitsstaatsgedanken aus dem Westen fremd bleibt. Dementsprechend verliefen wiederum konkrete Ländergrenzen innerhalb Mitteleuropas geschichtlich vielfältig zwischen Hunderten von eigenständigen kleinen Gebieten mit eigener Verwaltungsmacht. Diese vielfältig-leichte, zerklüftete obwohl nicht chaotische Strukturierung ist aber typisch für das Element der Luft und des Lichts.

Es sei nun allgemein gemerkt, daß die eurythmische Umsetzung der Laute und des generellen Duktus der jeweiligen Sprachen (Rudolf Steiner gab Angaben hauptsächlich für Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch) offenbar bei der astralischen, Gefühlsbetonten Stufe des Volkswesens und nicht, wie man vielleicht erwarten würde, bei der plastisch-ätherischen ansetzt. So betont vor allem die italienische Eurythmie das klare Lichtelement, die französische das klare Luftige mit den vielen gesprungenen „ö“, die englische das fließende Wässerige und die deutsche das irdische Plastische.

Mit den Nationen Italien, Frankreich und England sehen wir eine Art der Wirksamkeit der Volksgeister am Werk, die aus einer einmaligen Berührung mit dem jeweilgen Volk besteht, nämlich nacheinander jeweils um ca. 1430, 1500 und 1550 nach den Forschungsergebnissen Rudolf Steiners. Diese Nationen pflegen seitdem das Erbe ihres durch die geistige Welt einmalig impulsierten kulturellen und politischen Höhepunkts. Nacheinander konnten auf diese Weise die Empfindungs-, dann die Verstandesseele durch das italienische und das französische Volk, die die Kulturen Altägyptens und Altgriechenlands auf verinnerlichter Weise wiederholten, moderne Wirkungsfelder finden. Wiederum stammte die engliche Kultur aus dem Geist der zum ersten Male in der Weltgeschichte auftretenden Bewußtseinsseele.

Den deutschen Volksgeist verbinden noch andere Gesetzmäßigkeiten mit seinem zugehörigen Volk: Eine Begegnung, die nicht tief genug auf die Leiber der Menschen einwirkt, um wie bei den drei vorigen Nationen ein starkes Nationalbewußtsein und das Bedürfnis, sich vom „Aus-Land“ abzugrenzen, hervorzurufen, findet immer wieder in regelmäßigen Abständen in Mitteleuropa statt. Die letzte dieser Berührungen des Geistigen mit dem Irdischen impulsierte die Goethezeit, die weniger zur Begründung einer Nationalidentität als zum Besingen allgemeinmenschlicher Auffassungen beitrug. Rousseaus Gedanke eines an sich guten Menschen förderte das mehr vom Kopf aus gelenkte revolutionäre Bewußtsein im alles politisierenden Frankreich und blieb in Deutschland literarisch, ergriff also dort die Herzen, die Gemüter in der Sturm-und-Drang-Bewegung, die z.B. die Figur des jungen Werther hervorbrachte.

Noch anders stehen die Verhältnisse bei den Russen, dessen Volksgeist sich eigentlich noch nicht in seinem eigenen Volk inkarnierte und sich noch vorbereitend in typischer, asiatischen Manier im besonderen Elements des von der Erdenoberfläche zurückgestrahlten Lichts auf die Menschen einwirkt (Man denke z.B. an die weiten verschneiten Wälder Rußlands, an die weißen Nächte).

Bei Amerika noch anders: Die Wirkungen des Volksgeistes kommen aus den Tiefen der Erde und ergreifen das Seelenleben der Menschen so, daß sie, wie es Rudolf Steiner erstaunlicherweise ausdrückt, von ihm „besessen“ seien.

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Sprachbeispiele
Können wir die Wirkungsart der besprochenen Volksgeister auf den vier Ebenen, die wir in unserer Tabelle differenziert haben, in den jeweiligen Sprachen wiederfinden? Wir wollen dies zum Abschluß am Beispiel des Französischen erforschen und gehen dabei jeder Zeile der Tabelle nach. Interessierte LeserInnen mögen für andere Sprachen dies auch versuchen.

1. Ichebene-Staatsform: Wärme
Zum ausgesprochen selbstbewußten Auftreten der Franzosen paßt natürlich der sonnenhaft ausstrahlende, explosionsartige Laut oi sehr schön, der übrigens das Umgekehrte vom hineinstrahlenden deutschen au darstellt. Das Ich erlebt sich im Franzosentum selbstverständlich lichthaft. Es überstrahlt seine ganze Umgebung, eher als daß es einen Austausch mit dem anderen anhand von selbstlosen Wahrnehmungen suchen würde: moi. Louis XIVs Ausspruch „L´État, c´est moi!“ setzt dann rigoros die egozentrisch geprägte Selbstwahrnehmung in konsequent zentralistisch geführte Staatsverwaltung um. Alles, was nicht hineinpaßt (Hugenotten, Albigenser usw.) muß vernichtet werden. Auch trägt der Franzose als Bild seines Selbstes und seiner Umgebung seine gloire⁷ als vorausgedachtes System wie einen Spiegel mit sich. Der Ausdruck je m´appelle stellt schon ein miroir des Selbstempfindens dar. Nicht umsonst steht der Spiegelsaal programmatisch an zentralster Stelle des Schlosses Versailles.

2. Empfindungsleben-Kultur: Licht
Im ö, dem häufigsten Vokal des Französischen, der unter verschiedenen klanglichen Varianten zu finden ist, finden wir ein prägnantes Bild von Licht und Leichte: Das an sich hüllebildendes, im ö zum Platzen gebrachte o entspricht aber auch einem Verneinen der Umgebung, einem Rückzug auf sich selbst, einem Aufsteigen der Kraft in den Kopf hinein, in das Gehirn. So neigt der Franzose dazu, sich gerne vom Rest der Welt abzukapseln, seine Eigenheiten zu pflegen und wenig Interesse für fremde Sprachen und Sitten zu zeigen.

3. Ätherische Ebene-Sprache: Flüssiges
Das Flüssige der Sprache finden wir mit dem Aspekt verbunden, daß der Franzose so wenig Luft wie möglich in die Sprache hineinlegt⁷. Die Silben plätschern vor sich hin mit wenig Lautstärkenunterschied und eilen zum Ende des Satzes. Ein Element des Lichts schimmert durch dieses durchsichtige Wässerige hindurch. Diese flüssig-lichtvolle Grundlage ermöglicht ebenso „flüssige Inhalte“, also die Logik der ineinander übergehenden Gedanken. Französisch ist die Sprache der Rhetorik, in der eine Sache vor allen Dingen möglichst „schön“ ausgedrückt werden muß, um zu stimmen: „Ce qui se conçoit bien s´énonce clairement“, wie dieser perfekte Alexandriner belegt. Da waltet der Kopf als unerbittliche Instanz zur Prüfung der Gedankenformen, der durch die vielfältig klingenden Nasalen in dieser überwachenden Funktion ständig angeregt wird: Die entstehenden Vibrationen in der Nähe der Nasenwurzel bringen dabei das Gehirnwasser und des Gehirn zu einem leichten Schwingen.

4. Physische Ebene-Geographie: Festes
Der Willensstoß des entraînement, der in einem Eilen zum Ende des Satzes wie bei anderen Verstandessprachen wie Dänisch oder Neugriechisch besteht, entspricht dem dezidierten, konkreten Handeln der französischen Nation, wenn es sich um das Aufprägen eigener Interessen in irdischen Angelegenheiten: Nicht Venus-umhüllter Charme sondern wohl Aggessionspotenzial des Mars françois wird in der französischen Politik immer wieder eklatant sichtbar. Steht nicht am zentralster Platz in Paris der Champs de Mars? Man denke z.B. an Louis XIV, der als erster Monarch seiner Zeit eine dauerhafte Armee unterhielt und so ganz Europa zur allgemeinen Militarisierung zwang, oder auch an seine religiöse Intoleranz, die zur für Deutschland bedeutungsvollen Unterdrückung der Hugenotten führte.

Alain Brun-Cosme
letzter Eintrag am 6.7.2014 
Anmerkungen:

1. Auch bei einer Sonnenuhr verhält es sich nicht anders.

2. Die Körperhaltung eines zuhörenden Menschen ist immer die Neigung nach vorne. Im Konzert sieht der Zuhörer immer wieder nach oben oder nach unten hin, anstatt ständig auf die Musizierenden zu starren. Erst in dieser Haltung hört er auch richtig hin. Beim Lauschen des „Vater Unser“ oder bei der Evangeliumsvorlesung in der Kirche neigt sich in der Regel der Kopf der Dabeistehenden nach vorne. Kaum wird gerade zum Altar hingeschaut, denn es gibt dabei eben nichts anzuschauen. In Kirchen kommt ja auch die Orgelmusik immer von hinten an die Anwesenden heran. Auch der „Denker“ Rodins ist ein innerlich Lauschender, er erinnert sich an die schon einmal in seinem Leben bewegten oder aufgenommenen Gedanken. Überhaupt ist das Denken eine nach der Vergangenheit rückwärtsgewandte Tätigkeit, während der Wille im Gegenteil aus der Zukunft schöpft und dadurch vom Gedanklichen kaum erfassbar bleibt.

3. Soweit dieser Schluss vorhanden ist. Bei improvisierter, nie endender alten Musik aus dem Orient oder aus Irland, findet dann in diesem Sinne auch kein „Erwachen“ zu sich selbst statt.

4. Wir reden von der wahrgenommenen Seite des musikalischen Prozesses. Der wissende Komponist hat aber durch seine Absicht den Schluss des Werkes schon vorausgedacht und -geschickt, was sich auf einer ganz anderen Tätigkeitsebene abspielt.

5. Die hier vorgestellte Tabelle möge selbstverständlich nur als Inspirationsquelle zur tieferen Empfindung gegenüber dem Wesen verschiedener Volksgeister dienen und nicht als allerletzte Weisheit gelten, die dazu verleiten würde, beobachtete Qualitäten unbedingt in diese Tabelle hineinpressen zu wollen.

6. Ein berühmtes Beispiel dafür sind z.B. die Hugenotten, die aus dem intoleranten Frankreich Ludwigs des XIV. fliehen mußten und in Kassel und Brandenburg ihre Techniken und ihren Fleiß – es waren ja Kalvinisten, also gebildete Ingenieure, Banksleute usw., die ihren Seelenheil im sozialen Erfolg begründet sahen – mitbrachten und z.B. die unterentwickelte, sandige Umgebung Berlins zu einem wichtigen zivilisatorischen Sprung verholfen. Später traf im deutsch-französischen Krieg das französische Wesen auf seinen inzwischen perfektionierten Sproß und… verabscheute ihn!

7. Siehe den Artikel „Si Versailles m´était conté…“ auf dieser Webseite