Versailles1. Das Schicksal der Laute H und S im Französischen

Eine Auffälligkeit der Entwicklung der französischen Sprache ist das teilweise Verschwinden der Laute H und S im Laufe der Zeit. Warum ausgerechnet diese zwei Laute und was verrät uns diese Gebärde des Sprachgeists über das Wesen des Französischen?

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Das ehem. Tor der Académie française mit dem Spruch: “ à l´immortalité“

H als Anfangslaut eines Wortes wird immer noch geschrieben aber nicht mehr ausgesprochen. Worte wie halle, héros oder haine werden höchstens in der Schauspielkunst mit einem Glottisschlag angesetzt, dem sogenannten h aspiré: Statt ein frei sich entfaltendes H hört man einen durch den Kehlkopfverschluß verhinderten Laut. Der Ausdruck h aspiré bezeichnet richtig den Vorgang, daß die unter den verschlossenen Stimmlippen gestaute Luft in die Lunge zurückgeschickt wird, eine für Sänger gar nicht zu empfehlende Übung… In der Alltagssprache ist das Anfangs-H kaum noch hörbar. Dabei besteht noch die komplizierte Regel, daß das anlautende H nur bei Wörtern griechischen Ursprungs berücksichtigt werden müßte. Man würde also z.B. keine liaison ausführen bei: des hérauts, aber wohl bei des hommes, das lateinischen Ursprungs ist, eine wohl abstrakte Regel für die Lernenden also, die natürlich nicht auf Anhieb wissen können, ob ein Wort griechischen oder lateinischen Ursprungs ist. Das hat man als Muttersprachler zumindest durch das gewohnte Hören, auch ohne das zu wissen, verinnerlicht. So wirkt das Französische erstmal wie eine geheimnisvolle, nur für Eingeweihte erreichbare Welt, in der mysteriöse Zeichen (das H) da sind, aber keine Funktion mehr zu erfüllen scheinen…Im Englischen, das zur Hälfte aus französischen Wörtern besteht, da England im 11. Jahrh. von den Französisch sprechenden Normannen erobert wurde, findet sich auch eine ähnliche Qualität beim Aussprechen bestimmter Namen: Nur der, der sie schon weiß, kann die richtige Aussprache herausfinden, die Schreibweise ist eher irreführend! Das nicht mehr ausgesprochene H verrät uns aber, daß früher die Franzosen in ihren verschiedenen Dialekten und patois wohl das H ausgesprochen haben. Auch deuten die geschriebenen eu oder au auf heute verschwundene Diphthonge. Zugleich tritt eine Tendenz des Französischen zutage, die ererbten alten Formen unter allen Umständen bewahren zu wollen, selbst wenn ihr Inhalt geschwunden ist. Ein starker Drang zur Tradition also, der eine gewisse Verhärtungstendenz aufweist. Die Existenz der berühmten Académie Française seit 1635, die jährlich das offizielle Lexikon herausgibt und dabei Einflüsse aus Fremdsprachen, speziell aus dem Englischen, streng abwehrt, spricht ja für sich. Übrigens besitzt Québec auch eine entsprechende Institution, die scheinbar mit einer Ur-Abwehrgebärde des Französischen gegenüber dem Fremden, dem „Barbaren“ zusammenhängt.

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Die zwölf Tafeln des römischen Gesetzes am Leipziger Landgericht

Das Unterdrücken eines sich frei auslebenden Atemlautes H ist bei allen romanischen Sprachen zu beobachten, während bei den germanischen Sprachen das hingeworfene H eine wesentliche plastisch-wirksame Kraft darstellt. Im elementarischen, stets lebensbedrohlichen Norden hat die Sprache eine Ich-stützende Funktion zum Überleben mitten in einer feindlichen Umwelt. Im Süden ist die Natur zahmer und läßt sich leichter vom Menschen domestizieren. Aus dem römischen Kulturgeist des abstrakten Rechts entspringt offenbar das Bedürfnis nach Form und Zurückhaltung: Daß alle Bürger vor dem Gesetz gleich sind, basiert nicht auf einer materiell feststellbaren Tatsache wie Erblichkeit oder Blutsbanden, sondern entspricht einem höheren, allmenschlichen Ideal. Im Zentrum Roms wurden die Tafeln des Gesetzes aufgestellt: Ihre nüchterne Abstraktheit stand im Kontrast zu den lebendigen Erzählungen der Ilias und der Odyssee, die jeder Grieche auswendig kannte. So nennt der Spanier den Menschen hombre, der Portugiese homem und der Franzose homme und alle lassen das H unausgesprochen wie ein Relikt aus vergessenen Zeiten. Nur ausgerechnet der eigentliche Erbe der Römer, der Italiener, scheint diesen Zug zur Abstraktion nicht zu teilen: Unter der hellen Sonne des Südens zeigt sich doch alles ohne Umwege und so wird aus dem lat. homo der klangfrohe uomo: Der schöpferische Ur-Geisthauch, durch den die Gottheit einst die Welt erschuf und Adam zum bewußten Leben erweckte, der im Bild des kräftigen H weiter lebt, wird in einen, hygienisch gesehen, sinnvollen U-Laut umgewandelt, damit der ursprüngliche Luft-Schöpfungsakt sich weiter der Welt mitteilen kann, allerdings stark kontrolliert und am anderen Ende des Sprechapparats von den empfindungsreichen Lippen geformt, während H direkt ohne Hindernisse der Kehle entströmen kann. Alle romanischen Sprachen tragen in sich einen vollblutigen Impuls der Begeisterung für die Welt, eine Bejahung der Schöpfung durch das Sich-Ausleben der Empfindungsseele. Auch die Süd-Franzosen leben dieses extrovertierte Bedürfnis nach Erfüllung des Raumes mit lauten Vokalen und perkussiven Konsonanten aus. Nur der Nord-Franzose nicht: Seine ganze Sprache ist leiser geworden, er vermeidet kräftige Konsonanten und lange Vokale und somit den allzugroßen Luftausstoß. Der Luftstrom wird nicht nach außen sondern nach „innen“ kanalisiert: Das H wird aspiré (ré-aspiré könnte man sagen) und der Weg durch die natürlich mitklingende Nase, der bei den klaren Vokalen versperrt wird, wird wieder frei und ergibt die reichhaltige, unter den europäischen Sprachen einmalige Klangwelt der Nasalen (an, in, on, un, oin). Auch im Polnischen und gewissermaßen im Portugiesischen befinden sich nasalisierte Vokale aber das Französische bleibt unübertroffen.

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Das obligate Korsett am französischen Barockhofe engt den Atem ein und verhindert das Aussprechen eines kräftigen „H“…

Der Franzose atmet nicht oder zumindest so wenig wie möglich. Diese wesentliche Erkenntnis macht viele Phänomene der französischen Kultur und Politik, die ganze französische Haltung zur Welt erst verständlich. Die Gemütsimpulse aus der Mitte des Menschen, die z.B. das Wesentliche des deutschen Kulturgeistes ausmachen und aus dem empfindlichen Brustraum zwischen Atem und Puls entstehen, werden unterdrückt. Der Franzose verwendet beim Sprechen die Hälfte der Luft, die der Deutsche braucht. Bei der Sprachgestaltungsübung:

„Erfüllung geht
durch Hoffnung
geht durch Sehnen
durch Wollen…“

in der ein Atemzug jeweils in eine Zeile aufgehen soll, werden in der französischen, künstlerisch nachgeahmten Übersetzung jeweils zwei Sätze zusammengefügt, um einen unangessenen Luftstau bei den zu kurzen Sätzen zu verhindern:

„Efforcez-vous – Bouches profuses
de prodiguer – et d´épuiser
un souple souffle – qui fuse…“

Es ergibt so 7- oder 8-silbige Verse, wie man sie in der Poesie vorfinden könnte. Um ein Gefühl der Beklemmung oder der morbiden Leere anzudeuten, benützt wiederum Paul Verlaine, der Klangmaler der modernen Poesie, gerne 5-silbige Verse, die zu einer Verlangsamung beim Sprechen der Zeile führen, um einen Luftstau zu vermeiden:

„Dans l´interminable
Ennui de la plaine,
La neige incertaine
Luit comme du sable…“

Das weggelassene H, das vertiefend auf den Atem und beruhigend auf den Kreislauf einwirken würde, kann nicht mehr durch das Alltagssprechen regulierend eingreifen. Man kennt in der Heileurythmie oder in der Atemtherapie die heilsame Wirkung des H, um bei Schlaflosigkeit die zu starke Verankerung des Astralleibes im Brust- und Kopfbereich zu lösen. Man denke an die heilig-heilende Sequenz Hallelujah mit ihren vielen H: „Ich reinige mich im Angesichte der Gottheit“! Es ergibt sich also bei den Franzosen sprachbedingt die Gefahr einer Deregulierung dieses feinen Gleichgewichts zwischen Herz und Lunge, das die Grundlage der Gesundheit bildet: Und so mag der Franzose, weil er Französisch redet,  in der Tendenz… krank! Daher ist er Weltmeister des pro-Kopf-Medikamentenverbrauchs… Vor allem Anti-Depressiva und Beruhigungsmittel werden verabreicht, was auf eine Disharmonie nach oben oder nach unten des sensiblen Atem-Puls-Verhältnisses hinweist. Kein heutiges französisches Dorf ist ohne mindestens drei Apotheken denkbar…
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Perfekte Ausgewogenheit in Versailles

Das Schwinden des Lautes S geschieht in der Nähe der Vokale. Ein Vergleich mit dem Alt-Französischen oder mit anderen romanischen Sprachen lässt diese spezifisch neu-französische Gebärde klar in Erscheinung treten: Für das Spanische oder das Portugiesische estar kennt der Franzose être, das früher estre hieß. Das S wurde wie vom E aufgesogen, das dafür den accent circonflexe trägt. Die Aussprache verändert sich: Der Vokal wird dicker, länger, tiefer, was ungewohnt ist für das ansonsten leichtfüßige, ans Ende des Satzes schnell eilende Französische (als entraînement bezeichnet, das auch im Dänischen, der Verstandessprache des Nordens, vorhanden ist). Wörter wie âme, bête oder dôme bremsen den schnell dahinfließenden Sprachstrom. Der tiefe Klang deutet auf welcher Ebene auch immer einen tieferen Inhalt an: la bâche erscheint wie mit Schwere belastet, la pâte erfordert viel Kraft, um geknetet zu werden, während unter l´abîme bedrohliche, unergründliche Tiefen rumoren; la cîme wiederum verliert sich in Weiten und la geôle klingt düster aus dunklem, feuchtem Gemäuer nach; Verglichen mit dem flachen mettre ertönt in le maître eine klare Autorität aus einer in ihm ruhenden, verborgenen Kraft. Eine gewisse Übertreibung, ein Herausfallen aus der harmonischen Mitte ist bei diesen Beispielen erlebbar: Man verliert sich in Tiefen, Höhen, Weiten. Aber es scheint immer noch die bessere Lösung zu sein, die der ästhetikbewußte französische Sprachgeist wählt, um die unangenehmen  Klänge -asm, -esm, -ism und dergleichen viele zu vermeiden, denen der Franzose z.B. im Deutschen oft missfallend begegnet. Zu viel Luft beim Sprechen hinauslassen, wirkt unschön: Das H wird zurückgedrängt. Sich reibende Klänge wie bei l´asne oder mesme werden besänftigt: l´âne, même. Man erlebt dabei das feine Formgefühl der französischen Klassik, wie es sich zur Zeit des Louis XIV als der Höhepunkt der Kultur des klaren, geordneten Verstandes, auslebte. Alles in Versailles atmet diesen Geist der tempérance, der ruhigen Ordnung und der Formbeherrschung: Architektur, Musik, Gartenkunst oder die Fabeln von La Fontaine sprechen die selbe geordnete Sprache, in der ein alt-orientalisches Ideal von Gleichmut und Selbstbeherrschung dumpf nachklingt, gepaart aber mit einem modernen, ausgesprochenem Hang zur Sinnlichkeit, zur Schönheit und zum materiellen Lebensgenuss. Warum wurden aber ausgerechnet H und S auf dem Altar der langue raisonnée geopfert? Aus einer Betrachtung der Sprache als eines in sich geschlossenen Organismus wollen wir einige Verständniselemente gewinnen.

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2. H- und S-Qualitäten im Jahreslauf

Rudolf Steiner schildert, wie die Sprache eine Wiederspiegelung auf Erden der kosmischen Weiten und Ordnungen ist. Hinter den sichtbaren Konstellationen des Tierkreises wirken Kräfte, die in den jeweiligen Konsonanten der Weltsprachen ihren Niederschlag gefunden haben. In einer Darstellung für Eurythmisten wurde das H dem Zeichen der Zwillinge, das S dem Skorpion zugeordnet.

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In der Zwillinge-Zeit des Mai-Juni erblüht und gedeiht die ganze Natur, schenkt allen Sinnen ihre Farben, Düfte und Säfte. Lebensfreude und Leichtigkeit umfluten die Seele. Der Mensch vermag sich, eins mit seiner Umwelt zu empfinden und durch den Ein- und Ausatem (also ein ein- oder ausgeatmetes H) sich mit ihr austauschen.

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Die Zwillinge an der Kathedrale in Amiens

Die Zwillinge werden traditionell als Kinder verschiedenen Geschlechts dargestellt: Wie ein leicht-sinniges, nach allen Erscheinungen der Welt neugieriges Kind, das sich zwar ganz mit einer Sache beschäftigt aber nach kurzer Zeit wieder Abwechslung braucht, geht der Mensch in dieser Jahreszeit sanguinisch von Eindruck zu Eindruck und hat wenig Gelegenheit, das Erlebte in Ruhe zu reflektieren. Philosophie, sagt Rudolf Steiner, lässt sich am Besten auf dem kalten Montblanc betreiben… also sicherlich nicht im Mai-Juni! Wie alle Doppelzeichen bewegen sich die Zwillinge im Element des Paradoxen: Man kann dies sein aber auch das oder auch beides zugleich, das schließt sich nicht aus… ein Gräuel für melancholisch tingierte Temperamente! Der H-Buchstabe zeigt schon durch seinen symmetrischen Aufbau das Doppelheitsprinzip. Der helle, befreiende Atemstoß scheint außerdem nach einer Wiederholung in der Art einer Alliteration zu rufen: In deutschen Ausdrücken wie „hin und her“ oder „hüh und hott“ zeigt sich die federnde Tendenz des H wie bei einem Steinchen, das flach auf eine Wasseroberfläche hingeworfen wird und mehrere kleine Sprünge ausführt. Im Französischen finden sich zwar keine Redensarten mit dem sich wiederholenden H aber in einem leidenschaftlichen Sonett der Dichterin Louise Labé aus dem 16. Jahrh. finden wir das schöne Beispiel:

„Puis quand je crois ma joie être certaine
Et être en haut de mon désiré heur…“

H ist der Laut der Auflösung, der grenzenlosen Hingabe an das All. Spreche ich ein H aus, schenke ich die ganze Luft meiner Lunge der Außenwelt und komme dadurch an die Grenze meiner Existenz: Eine ebenso kräftige Einatmung muß folgen, durch die die Umwelt wiederum frei in mich eindringen kann. So auch beim ersten Atemzug des Säuglings und beim letzten Seufzer des Sterbenden, der, wie auf alten Kunstdarstellungen oft zu sehen ist, seine Seele „aushaucht“. Die explosionsartige Kraft des ausgehauchten H führt vom konzentrierten Zustand der Materie in den aufgelöstesten, periphersten Geisteszustand. Man versteht daher, warum die wenig zum Geistigen neigende Verstandeskultur der Franzosen diesen formauflösenden Laut meidet.

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Die Weinlese im Zeichen des Skorpions mit den kräftigen Scheren und den bedrohlichen Todesstachel

Im Gegensatz zur sonnengesättigten Klangsphäre des H stellt das S das kalte Reich des Todes dar. Im November ist alles Leben aus der Natur entflohen. Nur noch graue, leere Hülsen hängen herum und zeugen von vergangener Vitalität. Zu dieser Zeit gedenken Menschen ihren Toten, die jenseits der unüberbrückbaren Grenze der ernstlich verschlossenen Grabstelen ein geheimnisvolles Dasein führen. Kalte, feuchte Winde durchziehen das Land mit bedrohlichen, S-ähnlichen Geräuschen und versuchen, in die warmen Häuser einzudringen. Sowie H der wärmste Konsonant des Sprachorganismus war, so S der kälteste: Eine magische, alles bezwingende Macht entspringt diesem Klang. Ausrufe wie pssst!, pscht!, das lang ausgedehnte schhh! oder das im Französischen umgeschriebene chut! erzwingen die Aufmerksamkeit des anderen und bringen ihn zum Schweigen. Ich dringe durch das S in ein anderes Wesen hinein und bemächtige mich seiner. Der S-verwandte Laut „Sch“, der das Geräusch herumwirbelnder, zu Boden fallender Herbstblätter so bildhaft nachahmt, trägt in sich zusätzlich die Nuance des kraftlosen Absterbens, des sich leblos zum Ende Neigenden. Als letzte Klangstufe im Wort Mensch deutet er auf das Ablegen des Physischen Leibes am Ende des Lebens.
Ein Skorpion ist an sich kein sehr kräftiges Tier aber er übt seine Macht in kluger Weise aus, indem er seine Beute durch seine großen Scheren in die Luft hebt, um ihr erstmal die Möglichkeit zur Verteidigung zu entziehen und sticht dann von hinten mit dem Todesstachel… eine recht listige Strategie, passend zum dunklen, angsterregenden Reich der Erdentiefen, wo S-Tiere (Würmer, Schlangen, serpents, scorpions…) rumoren! Am Liebsten sitzt der Skorpion unter einem dunklen Stein, um vom klaren Sonnenlicht verschont zu werden. Muß er es trotzdem, z.B. in einem Käfig, ertragen, begeht er Selbstmord! Auch Intrigen und Machtsucht können nur im Dunkeln gedeihen: in la force, la puissance oder l´espionnage, la suspicion, le vice, le suspense kommt der kalte S-Klang zur vollen Entfaltung. Die Nähe eines S lässt nie den davor stehenden Vokal unberührt: Er dehnt sich aus wie auf Deutsch bei base, bise, thèse, glose, fuse. So lockt das S den an sich nach oben geöffneten Vokal in die Tiefen, bezirzt ihn, l´ensorcèle, lässt ihn lasziv, dunkler, formloser werden. Auch beim stimmhaften, also beseelten Endlautzusammenhang –ge als Verwandten des Sch geschieht das Phänomen: mage, neige, tige, auge, luge. Während auf Deutsch oder Italienisch das Doppel-S immer zur Verkürzung des davor stehenden Vokals führt (Gasse, baccio), finden sich im Französischen gegenteilige Beispiele: le temps qui passe, la basse, lasse, in denen das S wie einschläfernd auf den Vokal einwirkt. Tut es das nicht, entsteht ein besonders scharfer Klang, der zu negativ empfundenen Inhalten paßt: la crasse, la garce, la farce, la glace, la limace vorace, le vice. Viele Beschimpfungen bedienen sich dieser Klangsphäre… Auch der Deutsche zeigt Abneigung zum Aas, zum Krassen und Blassen. Im Hass verliert das ansonsten so offene A aus der Hingabe-Sphäre der Venus seine Farbe und wird durch das Komprimieren zwischen den zwei extremen Lauten H und S in sein Gegenteil verkehrt. Es ist das Jammer-A der Agonie, bei dem durch den Kehlkopfverschluß keine Luft herausgelassen wird. Sowie der Winter als Teil des organischen Jahreslaufes eine notwendige Zwischenstufe des Naturdaseins darstellt, damit das Leben wie gereinigt neu sprießen kann, so auch die S-Sphäre für die Weltentwicklung: Erst durch das Zurückdrängen der Lebensüppigkeit kann Bewusstsein entstehen.

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Der St-Michaels-Mount an der Westspitze Cornwalls

Im menschlichen Körper finden wir das Urbild des endlosen aber schlafartigen Schöpfungszustandes in der Leber, wo ständig Unmengen Blut durch das nicht innervierte Organ durchströmen (Man kann bekanntlich die eigene Leber nicht spüren). Im Gegenteil am Nervenpol des Bewusstseins, im Gehirn, wird so wenig Blut wie möglich hereingelassen. Daher die im Kopf niedrigere Temperatur als im restlichen Körper. Michaelsheiligtümer z.B. sind immer auf kahlen Felsen errichtet als bildhafter Ausdruck dafür, daß der Schauplatz des Kampfes gegen die Verhärtungskräfte des Drachen-Skorpions eben das Gehirn als das wahrnehmende (und nicht produzierende) Zentrum des Gedankenlebens ist. S ist der Laut des Bewusstseins. Nur dank der lebensfeindlichen Kälte können conscience, connaissance, science, savoir und sogar sagesse aus dem Skorpion-Bereich impulsiert werden, das weisheitsvoll im Oktober-November unmittelbar der michaelisch geprägten Waage der Tag- und Nachtgleiche folgt. Die eurythmische Geste für den Skorpion heißt bezeichnenderweise: „der Verstand“: Gehirn und Todesstachel stehen in direkter Verbindung zusammen.

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An der Tafelrunde bei Friedrich II….

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…sagt der König (ganz rechts) an Voltaire (ganz links), das luftreiche Deutsche sei die Sprache der Pferde…

Im S-Klang wird die Kraft wirksam, die jegliches Träumen, jegliche warme Hingabe zuerst vertreibt und das Dasein unwiderstehlich an einen zentrierten Punkt fesselt. So wie H Materie in Geist explosiv verwandelt, zwingt S wiederum die peripheren Weltkräfte in harte, undurchsichtige Materie hinein. Alle anderen Laute des Sprachorganismus, die in verschiedener Dosierung Aufgelöstheit und Materialisierung mischen, bewegen sich zwischen diesen polaren Gegensätzen und kommen beim Sprechen in einen abwechslungsvollen Reigen miteinander, der je nach dem Willen des jeweiligen Volksgeistes verschiedene Schwerpunkte aufweist. Die französische Formkraft, wie sie uns in der Versailler Barockzeit entgegentritt, meidet aber die Extremen, reduziert das Sprachvolumen bei allen Lauten und radiert die allzu prägnanten Eigenschaften von H und S weg. So wie im Versailler Schlosspark an jedem Ort auf eine exakt gerechte Verteilung der weiblichen und männlichen Plastiken geachtet wird, so möchte der französische Sprachgeist den atemarmen Sprachfluß in einem klaren, geradlinigen Licht ohne Widerstände und Klangreibungen rein halten. Diese Tendenz führte bis heute zur immer konsequenteren Verdrängung des anlautenden H und des hinter dem Vokal stehenden S.

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3. Luzifer und Ahriman

Im Jahreslauf ergänzen sich gegenseitig die Kräfte des Tierkreises in einem harmonischen Organismus: die polar zueinander stehenden warme H– und erstarrende S-Sphären sind dadrin eingebettet. Sie bedingen sich gewissermaßen gegenseitig und lassen den Europäer die vier Jahreszeiten als makrokosmisches Bild seiner inneren Temperamente durchleben. Von diesen Naturerlebnissen Jahr für Jahr bereichert vermag das Gemüt des Mitteleuropäers erst seine weltausgleichende Mission zwischen Ost und West zu erfüllen. Für sich alleine genommen entsprechen aber die auflösenden und verhärtenden Tendenzen einem größeren Weltprinzip. Seit den Zeitenanfängen gliedert sich die Weltentwicklung in zwei großen Abschnitten: Aus der allgemeinen Geistigkeit heraus (dem sog. „Paradies“) verdichtete sich durch göttlichen Opferwille feste Materie nach und nach, die in sich dann kollabiert hätte, hätte nicht ein neuer göttlicher Impuls (der Opfergang zu Golgatha, wie von Rudolf Steiner öfter geschildert) eine Wiedererhellung und allmähliche Zurückführung des Materiellen ins Geistige diesmal unter Einbeziehung der menschlichen Freiheit ermöglicht. Die heutige Erde befindet sich im zweiten, auflösenden Teil ihrer Entwicklung, was den Grund für viele Phänomene der modernen Zeit auf allen Gebieten des Menschenlebens liefert.

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Die Füße des meditierenden Buddha um 500 v.Chr. suchen nicht die Erde sondern die Höhe des Himmels auf

Der erste, sich immer mehr vom Geistigen entfernende Teil der Entwicklung ist insofern „ahrimanischer“ Prägung, also von der Wesenheit geprägt, die für Verhärtung und Materialismus in der Weltordnung zuständig ist. Daher sehnen sich aber die Zivilisationen dieser Periode ausgerechnet nach dem verlorenen Paradieseszustand zurück, leben also tendenziell in einer gewissen „luziferisch“ inspirierten Nostalgie (Die Wesenheit des Luzifers sorgt für Verflüchtigungstendenzen bis hin zur Selbstsucht). Man sieht dabei, wie ahrimanische und luziferische Tendenzen immer Hand in Hand gehen: Die eine ruft automatisch die andere wie selbstkorrigierend auf den Plan¹.
In der Dichtung findet diese allgemeine Sehnsuchtsstimmung nach einer vergangenen goldenen Zeit im Daktylus-Rythmus (Lang-kurz-kurz) des ganzen homerischen Werkes ihren künstlerisch inspirierten Ausdruck: Da wird der allmähliche Rückzug der Götter (Ilias, Troja) aus den Angelegenheiten der Menschen (Odysseus´ Irrfahrten) erzählt. Therapeutisch lässt sich dementsprechend der aus Daktylen pulsierende Hexameter zur Wiederangliederung an die heilsamen Kräfte aus der Peripherie gut anwenden. Und eine Steigerung des sehnsuchtstragenden Daktylus findet sich noch im Adonikus (Lang-kurz-kurz, lang-kurz) mit schönen Beispielen bei Goethe:

„Tage der Wonne
kommt ihr so bald
Schenkt mir die Sonne
Hügel und Wald
…Aber zum Busen
Kehrt er zurück.
Helfet, ihr Musen
Tragen das Glück!“

und mehr therapeutisch:

„Feiger Gedanken,
Bängliches Schwanken…“

Nach Golgatha und der Vereinigung der Logos-Wesenheit mit dem Innern der Erde kehren sich naturgemäß die Verhältnisse um: Die Materie löst sich wieder auf und lässt Geistiges immer mehr durchscheinen. Eine lösend-exkarnierende Stimmung luziferischer Prägung macht sich also breit („Luzifer“ kommt von lat. lux: Licht). An den Menschen nun, das neu entstehende geistige Potenzial zu erkennen oder nicht. Die Gefahr besteht nämlich heute, daß die im Menscheninnern frei werdenden Ätherkräfte durch den ahrimanisch inspirierten Glauben an die Allmacht der Technik sich in ihr Gegenteil umkehren – Drachen, angsterregende Monster, Weltuntergangshysterie… – ohne, daß nach der Art der Faust-Figur eine klare Erkenntnis der geistigen Welt möglich wird.
Ein lösender Rhythmus der Sprache, der diesem zweiten Teil der Menschheitsevolution entspricht, ist z.B. der alt-griechische Anapäst (kurz-kurz-lang) oder auch der Jambus (kurz-lang). Die ganze französische Sprache lebt eigentlich in einer jambischen Stimmung: Der Satz eilt immer kräftiger werdend (entraînement) zum letzten Wort. Im Gegensatz zum deutschen Hoch- und Tiefton ergibt der leichte französische Silbenschritt durch die mehr in der Fläche als in der Tiefe gehaltenen Längen keinen wirklichen Rhythmus. Der Takt ist maßgebend, das heißt die richtige Anzahl der Silben pro Vers: Der französische Sprachgeist ist also ein Mathematiker, der deutsche mehr ein Plastiker. Eine feine Musikalität ergibt sich aber durch die leichten französischen Längen, die sich sofort in Chanson-Melodien umsetzten lassen. Dichter achten in ihren Versen hauptsächlich auf die rechte Verteilung von Jamben und Anapästen entlang einer oder mehrerer Zeilen. Die sich daraus ergebende Struktur bleibt aber zu flüchtig, um ein gültiges Metrum für mehrere Strophen zu werden. Hören z.B. wir den Anfang des berühmten „Le lac“ von Lamartine:

„Ainsi, toujours poussés vers de nouveaux rivages
Dans la nuit éternelle emportés sans retour,
Ne pourrons-nous jamais sur l’océan des âges
Jeter l’ancre un seul jour ?“

Die erste und dritte Zeilen sind durchgehend jambisch, die zweite und vierte anapästisch. Die abgekürzte letzte Zeile lässt wunderbar das Prinzip der Sehnsucht durch die unerwartete Pause erklingen, die sich durch die angestaute, unverbrauchte Luft wie ein unausgesprochener Seufzer anfühlt. In den nächsten Strophen des Gedichtes treten aber andere Versrythmen in Erscheinung.
Victor Hugo dagegen lässt lieber als wacherer Plastiker die Rhythmen innerhalb derselben Zeile wechseln. Hier aus „L´extase“:

„J’étais seul près des flots, par une nuit d´étoiles.
Pas un nuage aux cieux, sur les mers pas de voiles.“

und auch am Ende des Gedichts eine Verskürzung, die diesmal wach macht:

„Les flots des mers, les feux du ciel“.

Im Jambus geschieht eine lösende Bewegung vom Zentrum in die Peripherie, wie sie als ganze, große Ausatmung den zweiten Teil der Weltentwicklung prägt. Daher verfasst auch Rudolf Steiner seine ganzen Sprüche bzw. Mysteriendramen auch durchgehend in Jamben und gibt damit bewusst der Eurythmie und der Anthroposophie als nachchristlicher Bewegung die Aufgabe, von einem warm ergriffenen Herzzentrum in die Welt hinauszustrahlen².

Vor Golgatha waltete also eine mehr ahrimanisch-luziferische Tendenz, danach eine mehr luziferisch-ahrimanische. Steht da der Mensch nur als passives Spielzeug dieser hohen Kräfte? Nicht wenn er die Erkenntniskraft seiner Mitte aktiviert und sich aus eigenem Entschluss auf einen immer neu zu schaffenden Mittelweg begibt, wie im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder einzelne Persönlichkeiten oder Strömungen wie die Rosenkreuzer es vormachten. Aus den „Versuchern“ Ahriman und Luzifer werden dann die herabgefallenen „Brüder Christi“, die eigentlich auf eine Erlösung aus dem „falsche Zeit-falscher Ort“-Prinzip durch den Menschen warten. Zum Begehen dieses schweren   „goldenen Mittelwegs“, la Voie royale, möchte aber auch der Park von Versailles anregen, wie wir sehen werden, was eine erstaunlich präzise Kenntnis dieser Weltprinzipien vermuten läßt.

Durch seinen warmen, lösenden und freimachenden Luftausstoß scheint das H als Eingangstor für die luziferischen Kräfte in der Sprache geradezu prädestiniert. Richtig angewandt kann seine lösende Tendenz aber in „gutem Sinne“ therapeutisch wirken wie im schon erwähnten heileurythmischen H. Daher auch die deutschen Worte: heilend, heilig, die auf den ersten, lösenden Prozess jeder Therapie hinweisen. Eurythmie-Übende kennen gut diese wohltuende Gefühlslösung, die aber auch Sozial-Chaotisches mit sich bringen kann und wiederum durch die Strenge der geometrischen Formen wieder in gruppenharmonisierende Bahn gelenkt werden kann. Eine eigentlich luziferische „Versuchung“ liegt immer erst vor, wenn die Hitze der Gefühle dauerhaft wird, sozusagen an den Kopf steigt und dort illusionäre Gedanken inspiriert. Der Mensch droht da, das feine Gleichgewicht seiner gesunden Mitte zu verlieren. Die zuerst befreiende Leichte wird dann zur Erdflucht, die Illusion führt zur Abkapselung durch Einschläferung des Wahrnehmungsvermögens nämlich auf sozialem Gebiet. Egoismus ist die Folge.

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Alte Tradition im einem modernen Bau in China

Als der in einem Menschenleib inkarnierte Luzifer die alt-chinesische Hochkultur und ihre bewundernswerten Leistungen sozusagen „höchstpersönlich“ impulsierte, wirkte seine Kraft in der noch Götter-nahen Zeit aufbauend: Der Kult der Ahnen, die nach oben geschwungenen Dachsparren oder das Schönheitsideal der immer auf Fußspitzen stehenden  Frauen (wenn uns diese Sitte heute auch grausam erscheinen mag) zeugen von der Sehnsucht nach dem Alten, Hohen, Leichten. Die Gefahr der (wiederum ahrimanisch tingierten) Verhärtung besteht heute erst dann, wenn diese alten Formen von den neueren Sozialforderungen der Zeit von innen nicht umgewandelt werden: Anstatt daß die Wärme des Interesses am anderen Menschen in die Sozialgestaltung einfliesst, ensteht dann eine Tendenz zur Abkapselung, zur Selbstsucht, zum Egoismus.
Auch die französische Kultur mit ihrem Hang zum Erhalt der Traditionen, zum sinnlichkeitsbetonten Schönen, zum rationalen Erfassen der Welt trägt in sich starke luziferische Inspirationen, die einerseits ihren unwiderstehlichen Charme für Ausländer ausmachen, andererseits aber der heute notwendigen Geisterkenntnis im Wege stehen mögen. Im Wesentlichen hat sich Frankreich seit Louis XIV kaum verändert: In jedem, selbst republikanisch gesinnten Franzosen,  lebt ein verborgener Louis XIV, sagt Rudolf Steiner… Die unveränderte, unpraktische Orthografie z.B. lässt bloß auf die Aussprache früherer Zeiten schliessen, wie bei einem Knochen einst lebendige, heute fest gewordene Strömungen noch erlebt werden können aber von keinem Nutzen für die konkrete Funktion dieses Knochens sind. Und so muß der Lernende der französischen Sprache durch die veraltete Schreibweise in eine leicht historisierende Stimmung eintauchen und betritt somit – unbewußt – in seinem Innenleben das Reich Luzifers…

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Ein diskretes Detail auf Louis XIV berühmtes Portrait von Rigault: die roten Schuhe, Zeichen des Luzifers… Doch ist da nicht eine Schlange angedeutet, die der König majestätisch-michaelisch beherrscht?…

So stark der luziferische Impuls bei den Franzosen auch sein mag, um so weniger tritt er selbst im typischen Laut H in Erscheinung³. Einige seltene H-Wörter wie hors de soi, hilare oder hautain lassen luziferische Aspekte zwar erscheinen. Aber das Erleben des Luzifers durch starke behauchte Vokale bleibt ausgerechnet dem Franzosen verwehrt, der doch nach den lichten Höhen des klaren, praktischen Verstandes sucht. Anders im Deutschen, wo die vielen kräftigen, gemütsanregenden H, Ch, S, Sch klangplastisch ertönen und dadurch die Möglichkeit der Erkenntnis der dahinter wirkenden Geistesmächte eher begünstigen.

Was die kalte S-Sphäre betrifft, sahen wir schon in reicher Zahl französische Wortbeispiele, die die scharfe Qualität des Bewusstseins erscheinen lassen.
Schwappt allgemein die Tendenz zur Wachheit über das Maß der kühlen, logischen Gedanken hinüber und ergreift wiederum das Gefühl und den Willen, kann sie zum manipulierenden Terrain des berechnenden Ahrimans werden: Machtsucht und Machenschaften machen sich breit, die den Bemühungen um das Wirken „guter“ (im Sinne der wachsenden Geisterkenntnis für den modernen Menschen) Geisteskräfte auf Erden erschweren. Der Hang zum Materialismus ist die Folge. Da aber der Glaube an die Materie eine Maja, eine Täuschung ist, gesellt sich gleich die (berechtigte) Angst um die Auflösung, um das Ende dieser Materie in Form von Weltuntergangsfantasien hinzu, die ja heute ein wesentliches Thema der filmischen Produktion darstellt.

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Der Heilungsgott Aeskulap mit der Schlange am Stab

Richtig dosiert kann aber S, wie sein Pendant H, auch wohl im Sinne der Gesundheit wirken: Durch die heileurythmische S-Geste z.B. werden die astralischen (tierischen) überbordenden Kräfte im Leib dem ausgleichenden Ich unterstellt. Das ist das Bild der sich entlang eines geraden Stabes windenden Schlange, das als Zeichen des Genesungsprozesses emblematisch an jeder Apotheke steht: Die Schlange, die sich selbst keine Form geben kann, braucht die lichte Aufrichtekraft des Stabes, um sich von der Fesselung an der Erdenschwere zu befreien. Diesen Merkurstab, le caducée, trägt Hermes, der Götterbote, der durch seine Vermittlung zwischen Menschen und Göttern heilungsbringend wirkt, indem dem Kranken Einblick in sein Schicksal gewährt wird⁴.

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Ein altrömischer Merkurstab

Dem ersten Teil des therapeutischen Prozesses entsprach das lösende H, dem zweiten Teil nun das durch neue Wege in den Leib hinein zurückführende S. Diesen wieder inkarnierenden Teil meint der Franzose mit santé, sain und Saint (von lat. sanus, sanctus). In der Tat hängt die Gesundheit vom rechten Verhältnis der Seele zum Leib ab. In der vorchristlichen (luziferisch geprägten) Zeit erschien der an der Materie gebundene, vom Geistigen getrennte Leib deshalb als minderwertig. Seit der Vereinigung der Logos-Wesenheit mit dem Innern der Erde zu Golgatha ist aber eine rechte Inkarnation, auch in heutigen Zeiten sich auflösender Materie, Bedingung zum rechten Verhältnis zum Geistigen. Ein sich auf eine geistige Schulung begehender Mensch muß z.B., betont Rudolf Steiner, unbedingt zuerst leiblich und seelisch gesund sein.

Über Umwege schmiedet sich aber Luzifer trotz des fehlenden H einen passenden französischen Lautklang, um seine Erscheinungen einzukleiden. Und an diesem Prozess können wir die Verhältnisse der Widersachermächte unter sich wunderbar studieren. Da sich Luzifer „seines“ typischen H-Instrumentes nicht bedienen darf, leiht er sich bei seinem Kumpanen Ahriman das an sich vollkommen entgegengesetzte S aus und erhellt es durch das bewußtsseinserregende I: Es ergibt die stimmhaften oder stimmlosen Silben Si oder Is. Und so ergreift uns unwiderstehlich die Sinnlichkeit von les plaisirs, les désirs, les choses exquises, die magische Einwirkungskraft von la Fascination, Circé, le silence, die freiheitsversprechende fantaisie oder die nervöse Denktätigkeit von la précision, l´intuition, la concentration. Auch l´esprit (engl. spirit) zeugt mehr von spitzfindiger lucidité als von göttlich-geistigen Zusammenhängen. Im Französischen „besitzt“ man Geist, wie Rudolf Steiner bemerkt: avoir de l´esprit, faire de l´esprit. Mit dem deutschen Geist hat es wenig zu tun.

Wie schwer das Material der französischen Verstandes- und zugleich Sinnlichkeitsbetonten Sprache die Inhalte der geistigen Tatsachen übermitteln kann, von ästhetischen oder geschmacklichen Standpunkten abgesehen, zeigen z.B. die Bemühungen des aufbrausenden Victor Hugo (1802-1885), eine rein geistige Erfahrung dichterisch umzusetzen. Das Erleben des sich zu seinem geistigen Ursprung erhebenden individuellen Ich wird im oben schon zitierten „L´extase“ zwar in gemeisterten Form in Worte geschmiedet: Je ist das erste, Dieu das letzte Wort des Gedichts. Aber am Begriff Dieu haftet eine allzu dogmatisch-religiöse Vorstellung, die den unbefangenen Zugang zur geistigen Erfahrung beim Leser eher erschwert. Der strenge Aufbau des Gedichts leitet zwar den inneren Blick in perfekt durchgeführter Logik durch verschiedene Weltebenen: Der Himmel, das Meer, die Sterne, die Wogen, so daß der Verstand die Vorstellung der Erhebung zumindest bilden kann. Aber die Materie wird bei Hugo, wie Steiner es betont, nicht wie bei Goethe für das Geistige durchscheinend: Der Franzose bleibt im Banne der Sinnlichkeit gefangen: Der Titel „L´extase“, der an sich auf richtiger Weise einen Exkarnationsprozeß anspricht, vermittelt aber eine allzu persönliche, fast negativ belastete Erfahrungsebene, weil eben luziferischer Prägung. Hier das vollständige Gedicht, für den Rudolf Steiner eine Eurythmie-Form schuf:

„L´extase

J’étais seul près des flots, par une nuit d’étoiles.
Pas un nuage aux cieux, sur les mers pas de voiles.
Mes yeux plongeaient plus loin que le monde réel.
Et les bois, et les monts, et toute la nature,
Semblaient interroger dans un confus murmure
Les flots des mers, les feux du ciel.

Et les étoiles d’or, légions infinies,
A voix haute, à voix basse, avec mille harmonies,
Disaient, en inclinant leurs couronnes de feu;
Et les flots bleus, que rien ne gouverne et n’arrête,
Disaient, en recourbant l’écume de leur crête :
– C’est le Seigneur, le Seigneur Dieu !“

Man vergleiche mit dem Schlüsselgedicht Goethes, das auch das Tor zwischen Sinnlichem und Übersinnlichem aufzeigt aber zugleich die goetheanistische Forschungsmethode begründet. Form und Inhalt decken sich hier ganz:

„Epirrhema

Müsset im Naturbetrachten
Immer eins wie alles achten:
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen;
Denn was innen, das ist außen.
So ergreifet ohne Säumnis
Heilig öffentlich Geheimnis.

Freuet euch des wahren Scheins,
Euch des ernsten Spieles:
Kein Lebendiges ist ein Eins,
Immer ist‘s ein Vieles.“⁵

Das Französische ist ansonsten reich an S-Wörtern mit antipathischem Inhalt: sournois, sordide, sinistre, souci, sornettes, sadique, insensé, assassin… Und die Paarung mit dem anderen Pol des H ergibt noch eine gewisse Steigerung des negativen Effekts durch den entstehenden besonders scharfen Klang. (Wie im Leben: Die Widersacherkräfte wirken auf allen Gebieten auch nie allein, sondern immer Hand in Hand…) wie bei hirsute, hostile, harassant…⁶

Wir kehren zu unserer ursprünglichen Frage zurück: Warum verschwinden in der besprochener Art H und S von der französischen Sprache? Wir können nun erkennen: Es liegt im Wesen der „Widersacher“, unerkannt zu bleiben. Die ahrimanischen oder luziferischen Kräfte können keine Macht am helllichten Tag ausüben. Nur aus dem Dunkeln können sie agieren und verdeckt die Fäden ziehen. Am Liebsten verschwinden sie unter einen Stein und die französische Sprache entpuppt sich als ein gutes Versteck für sie! Luzifer lebt im Element des Lösenden, des Sich-Verflüchtigenden. Daher wird er sich nun auch in der Sprache von seinem Hauptlaut H wegverflüchtigen und eine leere, nicht mehr ausgesprochene (weil leblos gewordene) Hülle hinterlassen. Eine Spur bleibt, ein Fossil der Orthografie. Alle lateinischen Völker halten allerdings am H-Relikt fest. Und Ahriman? Er muß wiederum skorpionartig unter seinem Stein vor dem allzu klaren Erkenntnislicht weichen. Er sucht sich also einen Vokal aus, vermählt sich mit ihm, damit er ihn versteckt und macht ihn dadurch dicker und behäbiger. Als Laut ist er dann nicht mehr selbst zu hören.

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Ahrimans Unterschrift im angebissenen Paradiesapfel: „Du wirst so mächtig sein wie Gott“…

Eine wichtige Gesetzmäßigkeit ist aber, daß Ahriman immer eine Unterschrift hinterlässt.⁷ Überall, wo sich seine Wirksamkeit erstreckt, stehen vor allen Augen bestimmte Zeichen, die nur wache Gemüter wiedererkennen. Der vom S, sagen wir „geschwängerte“ Vokal (Die Analogie mit den Sexualprozessen aus der Skorpionssphäre ist auch einleuchtend) bekommt das kleine Dach des accent circonflexe. Das Haus der Seele ist nun besetzt wie bei den zwei Räubern der Bremer Stadtmusikanten. Der in die Tiefen heruntergezogene Vokal schließt sich vom hellen Erkenntnislicht aus den Höhen durch sein accent ab.

Nun sind Ahriman und Luzifer auf ihrer Weise in der hörbaren Sprache unsichtbar geworden. Aber sie agieren weiter. Wo? Wo sind sie hingegangen, um ihre eigentliche Wirksamkeit zu entfalten? Wo liegt ihr primäres Interesse? Sich des freien Bewusstseins des Menschen zu bemächtigen, das im individuellen Ich begründet ist. Wo befindet sich aber im Körper der Punkt des wachen „Ich bin“-Bewußtseins? Zwischen den zwei Augen bei der zweiblättrigen Lotosblume. Welcher Klang betätigt aber unaufhörlich diesen „Ich bin“-Punkt und gibt speziell den Franzosen diesen Impuls des selbstbewussten, individuellen Auftretens? Die Nasalen. Und zwar wurden früher die nasalen Laute nicht wie heute kompakt und dumpf ausgesprochen, sondern wie man aus älteren Dialekten heraushören kann, auseinander gegliedert: Man sagte also nicht: „Jean“ sondern: „J-e-h-a-an-n“, wie im altertümlichen Namen Jehan oder Jehanne oder im Deutschen noch zu hören ist: Johann, Johannes. Der Vokal durfte also noch frei erklingen mit einem vorangestellten H, das man noch aussprach, und einem freilich schon unter der Decke eines dumpfen Nasalklanges versteckten und verwandelten S hintenran. Mit der Zeit wurden die Nasalen immer kompakter, um den Bewußtseinspunkt des „Ich bin“ stärker zu ergreifen oder, wie wir es von den Widersacherkräften es kennen, zu „besetzen“. Der Franzose als Weltrekordmeister der nasalen Klänge sagt auch als einziger unter den romanischen Völkern die vollkommene und nicht anders auszudrückende Formel: „Je m´appelle“ = Ich nenne mich selbst, ohne den Blick des anderen zu brauchen, wie es in alten Sprachen die Regel war (z.B. im Griechischem: „me lene“, d.h. sie – die „anderen“, die Peripherie – nennen mich). Ohne den Einfluss der „Widersacher“-Kräfte in der Weltentwicklung, hätte ein individuelles, sich selbst ergreifendes Menschen-Ich nicht entstehen können und die französische Kultur bildet von diesem Standpunkt aus einen gewissen Höhepunkt des vollkommen vom geistigen Umkreis abgekapselten oder befreiten, sich selbst stützenden Ich: „Je doute donc je pense, Je pense donc je suis“, sagt Descartes. Die französische Sprache scheint also aus diesem Grund, Ahriman und Luzifer viel „Bewegungsfreiheit“ zu gewähren! Es mag wohl der tiefere Grund sein, warum Rudolf Steiner sie einmal „die Sprache der Lüge“ bezeichnete…? Gewiss etablierte sie sich als die einzige Sprache des übergeformten Hofes und der Diplomatie, da wo es darum geht, Inhalte in einer Weise auszudrücken, daß kein Mensch einen Nachteil davon haben soll.

Könnte man aber auch nicht meinen, daß eine Sprache einer aufgeklärten Zukunft die Weltpolaritäten so zum Ausgleich bringen könnte, daß sie als solche nicht mehr zu erklingen brauchen? Das Französische könnte in dieser Fantasievorstellung wie eine Art Vorstufe für die Sprache der Philadelphia darstellen…? Zwei berühmte Gemälde des Antoine Watteau (1684-1721) können uns jedenfalls Aufschluss über das französische Verhältnis zu den heutigen Widersachermächten (oder Weltpolaritäten) geben und welche Lösung für eine einigermaßen gelungene „cohabitation“ durch den Sprach- und Volksgeist gefunden wurde.

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4. Le „Gilles“ et „l´indifférent“

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Pierrot, dit autrefois Gilles

Beim „Gilles“ schaut rätselhaft verträumt die Pierrot-Gestalt aus der Commedia dell´Arte vor sich hin. Unter ihm im Hintergrund kämpft die restliche Theatertruppe mit einem offenbar stur stehengebliebenen Esel. Geht es dabei nur um eine anekdotische Episode im bewegten Alltagsleben der Komödianten?
Über Watteau ist wenig bekannt. Wie beim ebenfalls sehr diskreten Vermeer ist nicht mal ein Selbstportrait erhalten. Beide Maler scheinen aber einer Strömung anzugehören, die hinter den an dem jeweiligen Zeitgeschmack angepassten Formeln dem aufmerksamen Betrachter einen Einblick in die geistigen Gesetze der Welt gewähren, der sich darauf einlassen mag. Der somnambule Gilles schaut uns an: Wir selbst als Zuschauer sind es also, die mit dieser Figur gemeint sind. Unsere noch in paradiesischer Hülle träumende Seele wird hier dargestellt, wie sie sich anschickt, eine Inkarnation auf der Erde zu bekommen. Weiß, d.h. mit ihrem geistigen Ursprung noch verbunden und nach allen möglichen Schicksalswegen offen (Die Farbe Weiß erhält man durch dynamische Mischung aller anderen Farben), steht sie etwas erhöht in unentschlossenem Schritt. Zwei Prinzipien regieren die Welt unter ihr: Links schaut uns listig ein in Schwarz gekleideter, alter Mann, der auf dem Esel sitzt. Damit ist die Welt der Schwere gemeint, die auf der richtigen Seite des Gilles steht, da wo die Organe im Körper am Größten und Schwersten sind wie die Leber: Die kopflastigen Gedanken (im schweren Eselskopf), die verhärteten leibbildenden Kräfte beim alten Mann, der zaghafte Wille (des sturen Esels) sind der Preis für das wache Bewusstsein, das sogar überwach im scharfen, ironischen Blick des Alten uns begegnet. Und die in die Schwere der Erde gefallene Kreatur verlangt mit verzweifelt bittendem Blick nach Erlösung: Denn durch sein Opfer als zurückgebliebenes Tier in der Weltentwicklung durfte der Mensch dann erst auf seinen beiden Füßen aufrecht stehen. Irgendwann soll aber der weiter Fortgeschrittene den hinter ihm Hinterlassene abholen und auf seine Stufe heben, wie das geistige Gesetz der Weltevolution lautet. Auf diesen Moment scheint das gequält verhinderte Tier im Namen seiner ganzen Gattung zu warten.

Das Pendant zu dieser ahrimanisch tingierten Welt der Verhärtung finden wir in der dynamischen Menschengruppe auf der leichteren, empfindsamen Herzseite links des Gilles (vom Betrachter aus rechts auf dem Bild). In einem Halbkreis aufgestellt, bemüht sie sich, den Esel zum Weiterlaufen zu bringen. Die warmen, rötlichen Töne deuten auf den vielfältigen, luziferischen Glanz, in dem die Frau für sinnliche Schönheit und zugleich für Versuchung stehen mag. Der flammenartige Hut ihres Partners lässt die begeisterten Einfälle des Gedankenlebens erscheinen: avoir de l´esprit⁸.

Auf der mit den Kräften der Verflüchtigung und der Verhärtung verstrickten Erde wird also die noch keusche Seele des Gilles ihren Weg finden müssen. Wie in einer Vorschau (die tatsächlich kurz vor der Inkarnation geschieht) erscheinen ihr jetzt die Gefahren, die auf sie während dieses Lebens warten. Die aufrechte Satyr-Halbgestalt rechts beobachtet mit kaltem Blick das Geschehnis. Eine frappierende Ähnlichkeit besteht da mit Ahrimans Darstellung durch Rudolf Steiner in der sog. plastischen Gruppe am Goetheanum… Und wir sahen ja, welchen Einfluss in der Tat diesem Wesen in der nachchristlicher Zeit durch die Schöpfungsgötter gewährt wird. Steiner schildert noch, wie sich bei jeder Inkarnation ein ahrimanisches Wesen in die Nervenbahnen mitinkarniert und die elektrischen Ströme im Körper zeitlebens verwaltet…

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Die Einschiffung auf Kythera: ein keuscher Einblick in das Geheimnis der Zeugungskräfte

Watteau interessiert sich in seinem Werk scheinbar besonders für das vorgeburtliche Leben: Seine in verschiedenen Varianten geschaffene „Einschiffung auf Kythera“ stellt die sich nach einer Inkarnation sehnenden Seelen als Putten dar, wie sie potenzielle Elternpaare zusammenbringen. Rechts thront die Göttin der Liebe, unter deren Obhut die Szene sich abspielt. Die wolkig-leichte Atmosphäre dieser Kythera-Insel deutet auf ein nicht irdisch gemeintes, sondern ideell geistiges Zwischenreich der Schöpfung.

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Louis XV ebenfalls von Rigault: Der Schritt wirkt unentschlossener, der König schaut unbeteiligt weg, der Hintergrund ist farblos-förmlig geworden

Watteaus höfische Landpartien lassen weniger individuell geformte Persönlichkeiten als vielmehr allgemeine Typen, gerne noch mit dem Rücken zum Zuschauer, auftreten: Es ist die Welt des fließenden, menschenverbindenden Elements des Ätherischen, das in einer Art schwebender Lemniskate (der Grundform der Eurythmie) durch die dargestellte Gruppe hindurchweht. Watteau lebte zur Zeit des Louis XV, einer entspannteren Periode des Hoflebens, wo Vergnügungen die streng geformten Vorgaben des Louis XIV aufweichten. Ein leichter Atem durchpulst seine höfischen Szenerien und die scheinbare Leichtsinnigkeit der Schäferszenen ermöglicht die Darstellung der feinen Luftvibrationen, die den ätherischen Zwischenraum, der die Menschen unsichtbar verbindet, erfüllen.

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Les „Fêtes galantes“: Betonung des zwischenmenschlichen Elements

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L´indifférent

Beim ebenso rätselhaften Gemälde „L´indifférent“ steht wie beim „Gilles“ eine Gestalt in einer ideellen, typisch Watteauschen Naturlandschaft. Aber hier scheint sie gut auf der Erde angekommen zu sein: Mitten im Tanz hat sie ihren Schritt aufgehalten. Sie beherrscht vollkommen die Haltung des Kopfes, der Arme und Beine. In einem komplexen Gleichgewicht stellt sie sich in die drei Richtungen des physischen Raumes hinein (wie die eurythmische I-Figur, die im Schritt steht). Die rötlich-luziferische und die diesmal grünlich-ahrimanische⁹ Qualitäten, die beim „Gilles“ Außenwelt der Seele waren, sind hier im changierenden Kostüm integriert: Im Physischen lassen sich beide Tendenzen eben nicht mehr so gut unterscheiden, sie machen sozusagen eins mit dem Leib, den sie in die eine oder in die andere Richtung lenken möchten. Hier im Gemälde aber spielt der Mensch mit ihnen, sucht eine Art dynamischer Mitte zwischen Ihnen, einen abwägenden michaelischen Weg. Elegant und selbstbewusst mit dem zurückgelehnten Kopf des zweifelnden Verstandes steht so der sinnlich-rationale Franzose in der Mitte der Welt und „spielt“ in der Art des schillerschen Spieles der „Ästhetischen Briefe“ zwischen ahrimanisch tingiertem Stofftrieb und luziferisch inspiriertem Formtrieb¹⁰. Der Mensch ist erst Mensch, wie es dort lautet, wenn er spielt…

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Gersaints Ladenschild: Eine große Lemniskate durchzieht die Komposition. Links: Der vergangene König wird weggepackt. Rechts: Was sagt der Spiegel der Zukunft?

„L´indifferent“, d.h. der in subtilem Gleichgewicht „gleich-gültig“ zwischen allen Richtungen Schwebende, zeigt uns die dreidimensionale Welt des Tanzes, die die Auseinandersetzung mit den Kräften der Schwere und Leichte durch Muskelspannung und Haltung der Gestalt sichtbar macht. Im Gegenteil dazu stand der „Gilles“ spannungslos in einem flachen, zweidimensionalen Vor-Raum (hinter ihm agierten seine Mitspieler wiederum dreidimensional): Das ist der ätherische bildschaffende, farbenreiche Geistesraum der Eurythmie, der im Stande ist, die Realitäten höherer Welten klar darzustellen¹¹.

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5. Der große Kanal in Versailles

Zusammenfassend wollen wir in einem Schema rechts die luziferisch geprägte H-Welt (die in sich die Gefahr der Abkapselung birgt) und links die sich zur ahrimanischen Verhärtung neigende S-Welt platzieren, wie sie bei Watteaus „Gilles“ menschenkundlich auch richtig standen, d.h. mit der Versuchung der Illusion auf der Herz- und Gefühlsseite und der der Verhärtung auf der rechten Willensseite. 169px-Patriarchal_or_Archbishop_Cross.svgEine Art Waage wollen wir dazu zeichnen, die in der Art des „Indifférent“ bemüht ist, beide Polaritäten in Gleichgewicht zu halten. Dies ist die Tätigkeit des freien individualisierten Ich, dem die Möglichkeit gegeben ist, einen Mittelweg zwischen Licht und Finsternis, Verflüchtigung und Verhärtung, himmelhoch jauchzender und zum Tode betrübter Stimmung im alltäglichen Leben zu suchen. Am Fuße dieser Waage wollen wir die geistige Kraft eintragen, die wiederum das heutige Innenleben des Menschen bei dieser ausgleichenden Tätigkeit der Weltgegensätze zur Seite steht: Michael.

Der Drachenüberwinder, der Ahriman nicht tötet oder von der Welt verbannt, sondern ihn sogar auf die Erde hinuntergezwungen hat und ihn einfach durch die ruhige Kraft der Erkenntnis beherrscht, steht immer auf alten Darstellungen in ernster, abwartender Haltung. Nicht wie Gabriel, der in die menschlichen Angelegenheiten z.B. durch Verkündigungen einfach eingreift und ggf. Ungläubige bestraft (Zacharias), kann Michael seinen Auftrag in der Weltentwicklung erst erfüllen, wenn er die Freiheit des Menschen walten lässt. Entscheidet sich der Mensch, einen Weg der Mitte zu gehen, kann er seinerseits den Kampf mit den Widersachermächten beenden. Denn nur eine klare Geisterkenntnis und nicht ein diffuses, ererbtes Gerechtigkeitsgefühl kann die Kultur vor dem Abgrund des Egoismus und des Materialismus bewahren. M als der wärmste, innigste Laut des Alphabets, in dessen Klang das Interesse für ein anderes Wesen seinen besten Ausdruck findet (siehe Maman als das erstgesprochene Wort des Säuglings, oder l´ami,     l´amitié, l´âme…) wollen wir als typisch michaelisch hinzuzeichnen. M steht also als warmer Mittler zwischen dem eisigen S und dem überhitzten H.

So sind z.B. in Rudolf Steiners Heileurythmiekurs die Sequenzen HM und SM die ersten, die als heilsame, mitteschaffende Kräfte behandelt werden, weil sie jeweils die luziferischen und die ahrimanischen Tendenzen im Körper durch das wärmebringende M vermenschlichen und ausgleichen.

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Jeu de l´oie aus dem 19. Jahrh.: Über einige rote Fallen führt der Weg vom Ei Nr. 1 einwickelnd ins Zentrum

1Der Seelenwäger Michael ruft uns zur eigenen Aktivität auf, indem wir anhand der vielfältigen Situationen des Alltags nach der „richtigen Tat“, dem „richtigen Hören“, dem „richtigen Urteil“ usw. innerlich zu horchen suchen, soweit es die als solche geben mag: Bei jeder Begebenheit lässt sich etwas dazulernen, indem auch Fehler begangen werden dürfen. Diese Möglichkeit des schmerzlichen Irrtums, dem der Buddhismus aus dem Weg gehen möchte, ist ja die Bedingung der Freiheit. Entlang dieses schweren, langen Lernweges, der überhaupt die Notwendigkeit der Wiederverkörperung einer jeden Seele erklärt, mögen aber durch den „Frieden auf Erden, den Menschen die eines guten Willens sind“ die erwartenden Götter die Menschen begleiten und inspirierend leiten. Dieses Prinzip eines „geführten Irrweges“ durch ein unbekanntes Schicksal (in lila auf dem linken Schema), der letztendlich doch zu einem sicheren Ziel führt, kennen wir aus dem Chartreser Labyrinth. Auch in den populären Gesellschaftsspielen vom jeu de  l´oie oder vom jeu des petits chevaux finden wir es in die Form der einwickelnden Spirale wie in Chartres hineingeheimnisst. Diesen schneckenförmigen Weg, der die Seele durch verschiedene Erkenntnisstufen und Gefahren hindurch führt, wollen wir unter der geistigen Trinität von Michael-Luzifer-Ahriman in unserem Schema hinzeichnen: Nach und nach nähert sich die stets zwischen Himmel und Erde vermittelnde Menschenseele durch Leid und Erfahrung der klaren Erkenntnis für die geistigen Realitäten.

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Einwickelungsprinzip beim Jeu des petits chevaux: Nach einer Runde führt eine Leiter gradlinig zur Mitte

Und schließlich braucht der drei-gliedrige Mensch, wie wir schon sahen, auch einen gesunden Körper. Diese physisch bedingte Grundlage der Existenz wollen wir schematisch durch angedeutete Beine, Arme und Kopfareal hinzuzeichnen (schwarz auf der Zeichnung).

Das so entstandene Doppelschema stellt den dreigliedrigen Menschen dar:

– Oben steht die geistige Trinität, die die abwägende Urteilsfähigkeit des Menschen bedingt. Michael steht zwischen Luzifer und Ahriman als Inspirator dieser ausgleichenden Kraft. Der „Ständer“ der so im Schema entstandenen Waage bildet ein einfaches, aufrechtes I: der hellste Vokal,  Experimentierfeld der dynamischen, immer neu zu schaffenden Mitte¹². Dort mag die Logos-Wesenheit zu finden sein, die sich einst als vertikale Geisteskraft mit der waagerechten Erde im Golgotha-Kreuz vermählte.

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IHS als das Prinzip der menschlichen Freiheit in einer Nekropole in Glasgow

In diesem Kräftefeld wirkt das I ausgleichend zwischen H und S. In Kirchen ist die Formel IHS auch oft wie ein magisches Emblem anzutreffen. Sie steht zwar für die Initialen des Jesus-Namen auf Griechisch: ΙΗΣΟΥΣ. Darin finden wir aber auch die drei Weltprinzipien hineingeheimnisst, die das freie Handeln des modernen Menschen begründen, der zwischen Verflüchtigung, Verhärtung einem zuerst undefinierbaren Zwischenbereich schaffen muß.

– In der Mitte wird durch die einwickelnde Schnecke, die am Ende zu einer Art Leiter führt, die wiederum nach oben direkt zur geistigen Ebene führt, das seelische Leben des Menschen angedeutet, der sich durch alltägliche Prüfungen in der Art des jeu de l´Oie bemüht, seine Seelekräfte in Harmonie miteinander zu halten: die aufmerksame Wahrnehmung, das klare Denken, das offene Gefühl und das ggf. mutige Handeln.

– Unten schließlich hätten wir den weisheitsvoll aufgebauten Leib, auf dem sich das Innenleben auf der Suche nach den (durch klare Erkenntnis gewonnenen) reinen Höhen des Geistes stützen kann.

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Der große Kanal als Kreuz oder Waage

Dieser so ausgeführte Plan des dreigliedrigen Menschen entspricht genau der Anlage des Versailler Schloßes!

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Louis XIV trägt in der richtungsweisenden Hand die altägyptische Rolle der Eingeweihte, die ihn zum Schweigen verpflichtet

VersaillesWir wollen uns nun auf eine kleine Führung durch die Anlage begeben.

Am Anfang des Vorhofes empfängt Louis XIV von der Höhe seines Roßes den Besucher und weist ihm den Weg zum Schloss hin. Obwohl im Nachhinein hinzugefügt, trägt diese Plastik eine Botschaft, die ganz im Sinne der restlichen Anlage steht. Das Pferd steht nämlich in alten Sagen für die Kraft des freien Denkens. Man denke an das trojanische Pferd, das den Sturz der alten hellseherischen, dekadent gewordenen Priesterkultur Asiens einleitete. In der vor-maschinellen Zivilisation konnten die Menschen am Pferde am Besten die Qualitäten des Denkens nachahmt sehen: Das Pferd vermag pfeilschnell in jeder beliebigen Richtung zu schießen und sein Ziel in Blitzeseile zu erreichen. Sein überdimensionierter Kopf betont an sich schon das an dem Gehirn gebundene Gedankenleben. Ein Pferd muß auch zuerst gezähmt werden, um seinen Reiter heil an sein Ziel so schnell wie möglich zu bringen. So schlägt auch das Denken wild um sich, wenn der strenge Harnisch der Logik ihm nicht auferlegt wird, ohne welchen es letztendlich keine vernünftige, durchstrukturierte Basis für ein reiches Gefühlsleben und ein sinnvolles Handeln werden kann.

Versailles widmet sich also als Ganzes der Kraft des klaren Denkens: Entlang des riesigen Areals, das einen in sich geschlossenen Organismus in der Art der Chartreser Kathedrale bildet, wird der Besucher durch verschiedene Bereiche geführt, die sein Denkvermögen undogmatisch anregen. Durch die reine, sinnliche Beobachtung und das ruhige Erleben der wie kleine Zellen in sich abgeschlossenen Orte wird wie auf einer „interaktiven“ Spielfläche – wie man heute sagen würde – der lichtvolle, gerade Verstand betätigt, wie das auch die ganze französische Sprache und Kultur ihrem Wesen nach tun.

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Schloß und Gärten

Das Schloss bildet um den sich nahenden Besucher einen schützenden Vorhof: Mütterlich wird der Neugierige durch die klaren Formen und Ordnungen der nach Harmonie aller Verhältnisse strebenden Architektur empfangen. Eine mondhaft offene Schale wartet auf den befruchtenden Gedanken eines jeden Einzelnen: ein ausgesprochenes Jungfrau-Prinzip, das durch Formbeherrschung und Eleganz diese kleine Welt durch und durch gestaltet (Louis XIV war selbst Jungfrau-Geborener).

Das Schloss selbst (corps de logis genannt) repräsentiert den physischen Leib eines makrokosmischen Menschen, dessen Wesenheit wir nach und nach werden zu erkunden haben. Oben am „Kopf“ steht richtig das Bewußtseinszentrum dieses Leibes: der Spiegelsaal, in dem jeder stehende Mensch sich in einem einzigen Blick ganz erfassen und erkennen, ja sich selbst nennen kann (je m´appelle…). Durch die äußere Spiegelung (le reflet ) wird ja die innere Tätigkeit des Nachdenkens (la réflexion) angeregt. Die großen, 800px-Galerie_des_Glaces_02stillen Wasserflächen der bassins im Park draußen werden die selbe erweckende Funktion beim Betrachter erfüllen. Das „erkenne dich selbst“, das die europäische Kultur des individuellen Denkens zum ersten Mal im alten Griechenland impulsierte, wird hier auf eleganter, sinnlich-sinnvoller Weise wiederholt.

Direkt neben dem Spiegelsaal schläft der König. Am Zentrum des wachen Verstandes versammelt sich dort jeden Morgen die ausgewählte Hofelite, um das petit lever oder grand lever des Königs beiwohnen zu dürfen: Das Erwachen in den klaren, erdgebundenen Verstand, wie er morgens bei jedem Menschen durch das Zurückkehren des Astralleibes in den physischen Leib durch das Lotosblumentor des Sonnengeflechtes geschieht, wird in altägyptisch anmutender Feierlichkeit und Steifheit ritualisiert.

An der richtigen „Herzseite“ des Leibes (im Sinne der Anordnung beim „Gilles“) steht das Zentrum der Empfindungen: die Kirche als der Ort des dogmatischen Christentums (Roter Punkt im Plan). Nirgendwo sonst begegnen uns in Versailles kirchlich-christliche Symbole. Aber ganz Versailles mag als ein Tempel makrokosmischen Christentums rosenkreuzerischer oder johanneischer Prägung angesehen werden, das wie die Chartreser Kathedrale dem modernen Bewusstsein den Zugang zum unbefangenen Wahrnehmen der Logos-Erscheinung im Ätherischen verschaffen will¹³. In der Kirche ertönt das Wort in der Bildsprache des Evangeliums, das lebenswichtig den Körper gesund hält. In ihrer Nähe befindet sich auch als sinngemäße Ergänzung die Oper (gelber Punkt im Plan), wo die Empfindungen diesmal über das Medium des gesungenes Wortes nach sinnlich-übersinnlichen Höhen streben.

Die rötlichen Ziegel an der Ostfassade des Schlosses, die der von der Stadt kommende Besucher wahrnimmt, spiegeln in feuriger Wärme und dämmen zugleich die ersten Strahlen der Morgensonne. Die Stadt ist ja der Ort des eifrigen Tuns, der täglichen Willensausübung. Auf der anderen Seite zum Park hin trägt aber die Westfassade durchgehend diese besondere dunkelbeige Farbe, die wiederum die Abendsonne in sich aufnimmt und bekräftigt: Der Park ist ein Ort des stillen Nachdenkens, der sich vom quirligen Stadtleben abschirmen muß. Durch die Betätigung des an das Gehirn gebundenen Verstandes waltet hier das für das Abendland eben bezeichnende Todeselement des freien Denkens im Gegenteil zum götterverbundenen Lebenselement der Morgensonne im „Morgen-Land“ (in der japanischen Flagge z.B. klar in den Mittelpunkt gestellt). Die kirchenähnliche Ost-West-Orientierung der Anlage bekommt so ihren vollen Sinn.

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Blick nach Westen

Gerade im Park angekommen wird der Besucher unwiderstehlich von  scheinbar grenzenlosen Fernen angezogen, dort wo die untergehende Sonne sich in den großen Kanal spiegelt. Wie könnte man da nicht anfangen, philosophische Gedanken über Gott und die Welt zu bewegen? Soll man aber jetzt einfach den großen Touristenstrom beim Heruntersteigen der riesigen Treppe folgen? Viele Wege scheinen hier nach allen Richtungen möglich.

Die üblichen Betrachtungen über Versailles betonen den dekorativen und technisch virtuosen Aspekt der Gärten, also den mehr gabrielisch inspirierten Verstandesimpuls, wie er bei der Kultur der Franzosen speziell und der heutigen Zeit allgemein durchaus vorhanden ist. In dieser Perspektive stehen die Hunderten von Skulpturen wie elegante Zeugen einer verklungenen, heute nicht mehr zugänglichen Symbolik. Aber eine mehr ganzheitlich-michaelische Sichtweise spürt im Gegenteil den zeitlosen Atem auf, der die ganze Komposition der Anlage durchpulst. „Nichts ist innen, nichts ist außen, sondern das was innen, das ist außen“: Anhand dieses Goethe-Prinzips kann jedes Detail als Teil eines organischen Ganzes zu neuem Leben erweckt werden. Nicht tote Symbole sondern durch unbefangene Betrachtung gewonnene Bilder füllen die Bewußtseinslücke zwischen Sinn und Sinnlichkeit, die Rudolf Steiner das „Ätherische“ nennt.

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Neptun-Becken zum Schloß hin. Hier beginnt alles im Wasser…

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Louis XIV ist schon hinter dem Spiegel: Er ist ein Wissender…

Beginnen wollen wir unsere Reise durch die Gärten am nördlichsten und somit am kältesten Punkt der Anlage, der insofern der günstigste zum Betätigen des klaren Bewusstseins ist: beim halbmondförmigen Neptunbecken. Hier wird die wässerig-ursprüngliche, noch in dumpfen Nebeln eingehüllte Entwicklungsstufe der Atlantis angedeutet. Aus dem Wasser stammt ja alles Sein, aus der Ur-Vermählung männlicher (Neptun) und weiblicher (Amphitrit) Weltanteile, deren rätselhafte Trennung in der Atlantis-Zeit fällt. Vor einer abgeschlossenen, ernstlich-saturnisch anmutenden Vegetationskulisse steht als erster Denkanstoß für den Besucher die merkwürdige plastische Gruppe der „renommée du roi“: Louis XIV beschäftigte ja einen ganzen Ministerposten mit der Pflege seiner gloire, dieses für das französische Wesen wiederum so grundlegendes Element: Jeder Franzose trägt um sich (genauer gesagt hinter seinem Kehlkopf wie einen Heiligenschein) seine gloire als die Vorstellung von sich selbst, die er versucht, der ganzen Welt aufzuprägen. Louis XIV wird hier im Profil auf der anderen Seite eines Spiegels, diesem immer wiederkehrenden Gestaltungselement in Versailles, dargestellt: Er ist also ein „Wissender“, der uns den Weg hinter den schönen Schein des Spiegels weisen kann. Chronos-Saturn hält dabei das schwerlastende Buch der Zeit, die Akasha-Chronik, auf den Schultern.

Es seien in unserer Betrachtung nur einige charakteristischen Stationen des durch die Gärten geführten Labyrinthes aufgezeigt. Jeder Versailles-Besucher wird ansonsten merken können, wenn er vom Bewußtsein getragen ist, daß kein einziger Stein der Anlage zufällig dort steht, wo er steht, daß immer neue Zusammenhänge zwischen den vielen Details hergestellt und erlebt werden können. Auf dieser Weise wird Versailles weniger „gesehen“ als „ge- oder er-hört“.

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Wer tötet den Drachen?

Sofort nach dem Anfang unseres Spazierganges durch die Gärten am „Nord-Pol“ des klaren Denkens begegnet uns der Widersacher in Gestalt des Drachens. Ohne seine (aus höherer Stelle angeordnete) Einmischung in die Weltentwicklung bliebe der Mensch ja ein göttliches Wesen unter anderen Engelherrscharen, aber unfrei, weil ohne selbsterrungene Geisterkenntnis. Die Tötung und Überwindung des Drachens ist ein eminent apollinisches Element, das zur Entfaltung des in Delphi impulsierten freien Denkens gehört. Wer tötet aber hier in der schönen Brunnenanlage den Drachen? Wir selbst, der Besucher, der nach der Wahrheit Suchende. Somit wird uns das Ziel unserer ganzen Reise durch die Gärten einmal als Vorblick vor Auge geführt: die Überwindung der erkenntnisverdunkelnden Kräfte in uns selbst. Helfen werden uns dabei die auf Delphinen reitenden Kinder, d.h. die ätherischen Kräfte. Die Kinder stellen das Gegenbild des Dämonen dar: Durch ihre spontane Lebendigkeit scheint eine vitale, höhere Welt hindurch, die zugleich die Kraft des reinen Denkens in einem noch nicht inkarnierten Zustand ist ¹⁴.
Immer stehen die Kinder als große, nicht individualisierte Gruppe für das Bild des Ätherischen. Ahriman-Herodes lässt sie aus gutem Grund in Bethlehem ermorden. Sie werden den Besucher von Versailles immer wieder begleiten, um ihn an seinen Auftrag zu erinnern, ein klares Denken in allen Lebenslagen auszubilden¹⁵.
Die ganze Verstandeskultur der Franzosen erzählt im Grunde genommen von diesem Streben nach klarer Erkenntnis gegenüber sich und der Welt: Bei Racine, Corneille, Voltaire oder Molière wird uns der vernünftige Mensch gezeigt, wie er die Extremen meidet und zwischen Leidenschaft und Kalkül eine Handlungsmethode sucht.

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Drei Stufen der Entwicklung: 1. Saturnischer Ernst

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2. Befreiter Tanz

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3. Am Schluß: ein ahrimanischer Rückfall in die Einfachheit

Die Kinder begleiten nun den Besucher weiter entlang einer Brunnenrampe, l´allée d´eau : Rechts und links des Weges werden sieben Wasserschalen jeweils durch drei Kinder getragen. Das Gesetz der siebenstufigen Evolution wird hier anschaulich gemacht: Der ursprünglichen, etwas rohen Einfachheit folgt eine allmähliche Befreiung, die aber doch wieder in eine dekadente Starre zurückfällt. Die anfängliche, langsame Loslösung des Geistigen aus der Materie kann zu unerschwinglichen Höhen führen (Bei den mittleren Schalen tanzen die Kinder mit hoch stehenden, freien Armen) oder, wenn nicht bewusst ergriffen, zum schlimmsten Niedergang (Bei den letzten Schalen sind die Kinder wieder wie bei der ersten Stufe aneinander gekettet, ihr Unterleib ist in schlangenartigen Ketten wieder befangen und ihre unbeherrschte triebhafte Natur hat ihre Gesichtszüge faunhaft-tierisch ergriffen).

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Die Summe alles Wissens am Parterre du nord

Die Erkenntnis über Möglichkeiten und Grenzen der Freiheit musste uns also jetzt vermittelt werden, bevor wir auf das höher gelegene Plateau gelangen, wo die Summe alles irdischen Wissens durch Allegorien der Jahreszeiten, der poetischen Formen, der philosophischen Schulen der Antike und der Weltkontinente dargestellt wird. Hier in dieser konkreten Welt muß der Mensch seine Begabung ausleben, um sie zu beherrschen.

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Flüße Frankreichs

Höher gelegen noch erwarten uns nun am Rande zweier riesigen Wasserspiegel Allegorien der Flüsse Frankreichs. Äußerlich betrachtet werden hier die ländlichen Errungenschaften des Königs gefeiert. Eine Angabe Rudolf Steiners, daß die französische Volksseele hauptsächlich über das Medium des flüssigen Elements formend auf die Individuen einwirkt ¹⁶, eröffnet uns aber hier eine neue, tiefsinnigere Perspektive.

Die Wasserbecken, die das ständig wechselnde Himmelslicht widerspiegeln und es zugleich auf der Erde sichtbar machen, entsprechen hier dem Spiegelsaal, in dessen unmittelbarer Nähe wir uns jetzt befinden. An dieser Stelle, wo der ganze Park überschaut wird, wird uns die Bedeutung der Kräfte der „Reflexion“, des Nachdenkens zwischen den Pokalen des Friedens uns des Krieges vermittelt: Denn was ist wohl am Besten? Der entfesselte Krieg kann zur Barbarei führen, der gut gemeinte Frieden aber zur Faulheit und Feigheit. An uns als Herrscher unseres Selbstes die unsichtbare Mitte zwischen beiden durch Erfahrung und Einsicht zu suchen.

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Verträumte Exotik in der Orangerie

Weiter führt der Weg zur Orangerie am südlichsten Punkt der Anlage: Hier ist es warm, eine gütige Sonne löscht in uns den Drang nach Erkenntnis aus, die orientalischen Palmen laden zum Träumen und sinnlichen Genießen ein… Daß es sich hier aber um eine innere Sackgasse handelt, warnen uns die 16 Eiben (16 als die Doppelt-Oktave, die aus Überperfektion in das Schlechtere sich wandelt, als Zeichen des Todes am Ende einer Entwicklungsmöglichkeit oder auch als Zahl der Versuchung: 1+6, d.h. das Ich mit seinem dämonischen Gegenbild der 6; Und die Eiben stehen als typische Friedhofsbepflanzung mit ihren giftigen Zweigen als Todessymbol) sowie das unüberbrückbare Geländer über der nur von oben zu bewundernden Orangerie und noch in der Weite die Marcus Curtius-Todesszene, der von einem brennenden Erdspalt verschlungen wird. Im sinnlichen, exotisch anmutenden Genuß luziferischer Prägung ist offenbar keine innere Weiterentwicklung möglich. Wir müssen eine neue Richtung verfolgen, diesmal nach der westlich untergehenden Sonne des Nachdenkens.

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Der zweifelnde Hannibal

Unterwegs begegnet uns der schöne, durch einen dichten Bäumevorhang abgeschirmte Kastaniensaal, wo uns nachdenkliche Antlitze erfolgreicher Herrscher begegnen, deren Sieg durch bedenkliche Opfer errungen Wurde: eine Weiterführung des Krieg- und Friedensdilemmas.

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L´île d´amour mit dem Aha dahinter

Wir kommen an den (heute durch einen belanglosen Garten des Königs ersetzten) Spiegelbecken, der den Kräften der Sexualität gewidmet ist: ein hoher, von Muscheln umgebener Wasserstrahl. Dahinter in der Weite zieht eine scheinbar endlose Perspektive unseren Blick gen Westen an, erfüllt uns mit Genugtuung und Machtgefühl über die Welt (Louis XIV selbst wurde in einem Haus oben auf dem Hang von Saint-Germain-en-Laye geboren, von wo aus das ganze Pariser Becken überschaut wird, Zeichen seines zukünftigen Ruhmes): Sind wir schon an das Ziel unseres Weges, an der Höhe der erreichbaren äußeren Macht angelangt? Wer in der modernen Zeit über die Kräftesphäre der Sexualtriebe herrscht, kann endlose Macht erreichen (Wir befinden uns hier richtig auf der Willensseite unserer makrokosmischen Menschengestalt). Doch erweist sich das alles beherrschende Gefühl durch den Blick in den grenzenlosen Horizont als trügerisch: Ein geschickt versteckter Graben öffnet sich plötzlich unter unseren Füßen! Diese optische Illusion einer unbegrenzten Ferne als Gestaltungsmittel barocker Gartenanlagen trägt den lautmalerischen Namen „Aha“, in dem der Prozess der unwiderstehlichen Öffnung und Anziehungskraft beim Besucher („Ah…“), die in einen wachrüttelnden Schreck mündet („Ha!“), plastisch erklingt. Wie didaktisch wird der Wandernde Schritt für Schritt entlang dieses Erlebnisparks geführt! Die Macht, die sich aus der Manipulation der egoistischen Menschentriebe ergibt, scheint zwar unendlich zu sein – Das erlebt ja der wache Mensch des 21. Jahrhunderts tagtäglich. Doch ist da kein Segen für sich und die Welt zu erwarten: Die Verstrickung mit Ahrimans Macht führt zwangsläufig zu Chaos und Verwüstung.

Wir müssen nun weiter nach Norden gehen, wo uns wiederum auf der „Herzseite“ der Anlage die Encelade-eaux-VERSAILLES-8luziferisch inspirierte Verführung des Hochmuts in der Gestalt des abstürzenden Enkelados begegnet: Sein ganz aus dem Gold der Gier gegossener Körper versinkt unter ekelerregende, geschwülstähnliche, drachenhafte Erdschlacken als Folge seines Sturzes aus dem Olymp, dessen Götter er herausgefordert hatte. So begegnen sich luziferischer Größenwahn und ahrimanischer Formzerstörungswut.

Wir lassen einige Zwischenstationen außer Acht und gelangen nun wieder unter der Schloßterrasse mit den Allegorien der Flüsse Frankreichs. Das Ende unseres Schulungsweges naht. Verschiedene Erlebnisse wurden uns entlang des Labyrinths zuteil. Die Auseinandersetzung mit den plastischen Darstellungen, die in altgriechischer Manier Prozesse und keine festen Figuren mit symbolischen Gebärden darstellen, regte unsere Beobachtungsgabe an. In sich durch Wände aus Bäumen abgeschlossene Räume luden zum Verweilen und Besinnen ein. Durch die Kraft der freilassenden Bilder aus der Mythologie wurde der Betrachter in seinem Ätherleib bewegt, da auch wo die Gedanken geschöpft werden. Die weiten Strecken, die dabei äußerlich durch den immensen Park zurückgelegt werden mußten, bewegten auch den physischen Leib, was zur Anregung sowohl der natürlichen Ausscheidungsprozesse als auch der Disposition zum Nachdenken (und Sprechen) beitrug. Bekanntweise verfassen Dichter, Redner oder Komponisten ihre Werke am Liebsten während einer täglichen Wanderung und nicht sitzend am Schreibtisch… So sind wir als Besucher Versailles selbst Künstler, da wir in unserem ganzen Sein angesprochen und zur inneren Tätigkeit angeregt werden. Daher mußte uns der Drache äußerlich gezeigt werden, der eigentlich aus unseren eigenen Tiefen aufsteigt.

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Wir dürfen nun einen gewissen Reifegrad erreicht haben: Die um Zeus´ Gnade flehende Leto schaut mit uns gen Westen in die Ferne der göttlichen Erlösung. Die ungläubigen Dorfbewohner, die sie und ihre Kinder Apoll und Artemis verfolgten, wurden allmählich in grotesk quackende Frösche verwandelt. So lassen wir die für die höhere Weisheit untauglichen, an der Maja des irdischen Scheins gefesselten Materialisten als Frösche hinter uns und dürfen die gerade voie royale in Richtung des großen, kreuzförmigen Becken betreten.

Begleiten wird uns dabei die Sphärenharmonie des Zwölfer-Prinzips durch zwei Reihen von Plastiken rechts und links des Weges, die alle durch subtile Körper-, Kopf- oder Händehaltungen miteinander korrespondieren und uns einen fortschreitenden Entwicklungsweg weisen. Bewundern wir aus der Fülle der köstlichen Details die Darstellung des jungen Achills, den seine Mutter zum Schutz vor der Einberufung in den trojanischen Krieg unter Frauenkleidern auf einer Insel versteckte: Die Szene hält den Augenblick fest, als der noch verträumte Held beim zufälligen Entdecken

tapis_vert-herbst_10seines Schwertes seiner kriegerischen Bestimmung wieder bewußt wird. Sind wir nicht alle wie er während unserer jetzigen Inkarnation in bestimmten, uns zugeteilten sozialen Rollen befangen und sehnen uns in Wahrheit nach unserer, aus der geistigen Welt mitgebrachten Aufgabe, die wir vorerst offenbar vergessen haben? Man beachte die Details der im Stein so fein dargestellten Kommode, aus deren halb geöffneten Schubladen lauter Bänder und Spitzen herabhängen, als hätte Achill gerade noch als Mädchen eifrig darin gewühlt?

Eine eindeutige Grenze erreichen wir nun: In einem Halbkreis stehen die Götter in Halbsäulen wie festgegossen. Sie müssen mit blassen Antlitzen regungslos hier zurückbleiben und können uns mit ihren schönen Mythen nicht weiter begleiten. Die Zeit der alten Götter, die über Bilder erziehend zu den Menschen sprachen ist nun vorbei. Die am eigenen Schicksal entlang des Labyrinths allmählich erwachende und geschulte Seele kann nun in apokalyptischem Sinn das Wesen der geistigen Realitäten direkt erfahren: sie scheint soweit zu sein, sie ertragen zu können.

Versailles_DemiLune_Apollon_Granier_Ino_MelicerteZwei plastische Gruppen stehen an dieser Bewußtseinsschwelle des Seelischen zum Geistigen und schildern die zwei Tätigkeiten, die das Innenleben bei diesem Übergang aufbringen muß: Mut und klare Erkenntnis. Auf der „Willensseite“ vollzieht die weibliche Figur der Ino den mutigen Sprung ins Ungewisse. Von der eifersüchtigen Hera verfolgt, deren Gatte Zeus sich in sie verliebte – als Zeichen des steten Interesses des geistigen Welt daran, die Menschen zu inspirieren – wirft sie sich schwungvoll in die bedrohlichen Wellen (des Ätherischen, d.h. des „wahren Lebens“), wo sie Zeus zu ihrer Rettung in eine Wassergottheit verwandeln wird – als Bild für die Einweihung in die wahren Gesetze des Universums. In altgriechischer Manier wird der dynamische Zwischenmoment des Schwungs in die Wellen für die Darstellung gewählt, der die wunderbare Schleierbewegung hervorruft. Der Mut der an sich von Natur aus willensbegabten Frau tritt erst durch den Kontrast mit der Unsicherheit ihres zögernden Sohnes Melicerte, der aus der Liebe zu Zeus hervorgegangen war, beim Übertritt der Schwelle in Erscheinung: So steht das Geschenk der Götter an die Menschen, die Wissenschaft, als unsicherer Knabe da, der noch nicht soweit ist, um die geistig-ätherischen Prozesse zu nachvollziehen…

Das Thema der Angst behandelt auch die gegenüberstehende, männlich besetzte Gruppe auf der Versailles_DemiLune_Apollon_Slodtz_Aristee_Prothee„Gefühlsseite“ des Halbkreises: Der Hirte Aristeus, der von unzähligen Plagen trotz vieler Tieropfer an die Götter nach alter Sitte heimgesucht wird, will vom Seher Proteus den Grund seines unerlösten Leidens erfahren. Doch verwandelt sich Proteus unaufhörlich (man denke an die wandlungsfähigen, gleichnamigen „Proteine“) in angsterregende Fantasiegestalten. Erst als es Aristeus gelingt, ihn zu fesseln, welcher Moment in der Darstellung festgehalten ist, verrät ihn der Wahrsager, daß der neue Gott nicht mehr  äußerliche Taten wie Tieropfer verlangt, sondern vielmehr im eigenen Innern durch Hingabe zu finden ist. Das Prinzip der aus Interesse impulsierten Lebenserkenntnis, in der Verstand und Liebe vereint sind, wird also hier der für abstrakte Ideen nach „oben“ geöffneten männlichen Gestalt zugeordnet.
An der Schwelle zur geistigen Erkenntnis tritt uns also deren Hüter, d.h. unser eigener Doppelgänger, entgegen, der in Form von Fantasiegebilden unsere Angst schürt¹⁷. Sind wir imstande, Selbsterkenntnis zu betreiben, löst er sich aber in nichts auf und mit ihm der erkenntnistrübende Schleier über geistige Wirklichkeiten.

800px-P1030239_(5015210687)Apoll, die Quadriga leitend, begegnet uns als nächste Gestalt. Als Helios führt er den Sonnenwagen, der dem Franzosen auch die Lumières brachte. Aber steht er nicht in falscher Richtung, da sich die Abendsonne vor uns im Westen senkt und nicht, wie er jetzt steht, uns entgegenkommt? Nicht um Apoll wird es sich daher hier handeln, sondern um seine Erscheinung als den Erzengel Michael, etymologisch „Wer ist wie Gott?“ oder „das Angesicht Gottes“. Er tritt  also vor. Wessen Weg bereitet er aber vor? Des ätherischen Christus, wie er in der heutigen Zeit zu finden ist mit seinem Leib als Wolkenmantel um die Erde, der sich im großen Kanal spiegelt.

Hinter Michael warten nun zwei (heute verschollenen) weiße Pferde ohne Reiter, offenbar um uns Besucher zu ihm auf den Wasserflächen des Kanals zu bringen. Der Leib des Logos ist der Reflex auf dem kreuzförmigen Wasserbecken, ein immaterieller Leib aus Licht, Luft und Wolken seit der Himmelfahrt Christi. Das Kreuz kann uns als das Bild des zu erreichenden Ziels einer idealen Mitte erscheinen, das irgendwo am Kreuzungspunkt der Arme der riesigen Waage stehen mag, deren Form der Kanal nachahmt. Der exakte Mittelpunkt des Kanals kann aber nicht gefunden, sondern nur ahnungsweise z.B. in einem Ruderboot gesucht werden: Damals wie heute laden kleine Boote zum Flanieren auf dem Wasser ein, regen uns also noch einmal und ungezwungen zur eigenen, scheinbar unterhaltsamen Tat an. Die Suche nach dem Ätherischen Christus ist auch letztendlich ein „Spiel“ mit den Weltkräften, so leicht und ernst wie ein Kinderspiel. Der Franzose weiß es auch, der fast dasselbe Wort für je und jeu kennt…

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Das Reich der triebe: la ménagerie

Stehen jetzt keine weitere Prüfungen vor uns zum Erreichen einer harmonievollen Mitte? Auf der „Willensseite“ des Parks, der Seite der Instinkte, wo schon die laszive Orangerie sowie das verführerische Spiegelbecken standen, stand früher am südlichen Ende des Querarmes des Kanals la ménagerie, das Zoo. Dort wurde dem Besucher gezeigt, was aus dem Menschen werden mag, wenn er blind seinen natürlichen Trieben und Instinkten freien Lauf lässt – eine Bestie, die insofern sogar noch tiefer als das Tier steht, weil das Tier durch seine Wesenheit eigentlich keine Wahl hat. Der Mensch aber könnte, wenn er will, Selbstbeherrschung üben. Hier wird also das Reich Ahrimans dargestellt, durch ein S auf unserem Schema oben gekennzeichnet.

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Kühle Perfektion: Trianon

Auf der anderen, nördlichen Seite des Querarmes des Kanals ließ Marie-Antoinette ein eigenes, vom Wasser umgebenes Schlösschen zum Zentrum der schönen Künste und philosophischen Gespräche erblühen: Trianon. Dort lebte sie in unmittelbarer Nähe des hungernden Volks ihre Schäferfantasien aus. Wir sind hier im illusionären Reich des Luzifers. Das Wasser im künstlichen Graben ist das Bild des Gehirnwassers, das das für sich allein stehende Zentrum der kalten Intelligenz schwerelos und vor allem schön weit von den harten Realitäten des Lebens schweben lässt. Eine egoistische Blase kapselt sich hier ab¹⁸: H!

Wir sind nun am Ende unserer Reise angekommen: Zu einer Suche nach einer „goldenen Mitte“ wurde der Besucher Versailles´ mitgenommen, nach dem damaligen Ideal des hônnete homme, der sein Leben vernünftig zu meistern sucht, strebend. Die ganze französische Kultur strebt ja nach diesem Ideal: Die Fabeln von La Fontaine (1621–1695) z.B. zeugen in der meisterhaft beherrschten und aufs Knappste reduzierten Form der Erzählkunst von diesem Impuls der Verstandesseele, der die ganze Kultur der Franzosen ergreift. In der „Moral der Geschichte“ werden Inhalte vermittelt, auf die sich alle mit Vernunft begabten Menschen einigen können.

So evident ist die Botschaft von la cigale et la fourmi , daß sie auch nicht wie sonst üblich am Schluss der Fabel extra ausformuliert wird: Die luziferisch inspirierte Zikade sang den ganzen Sommer lang, gab sich der Schönheit der Natur grenzenlos hin, verlor aber den Boden des konkreten Lebens, d.h. das Interesse für den anderen. Sie erwacht erst in dem Moment, als ihr die Natur ihre Manna nicht mehr bietet. Aus egoistischem Interesse nun wendet sie sich an die Ameise, die wiederum im Dunkeln der ahrimanisch geprägten Erdentiefen wie ein gefühlloser Automat ohne Sinn vor sich hin schuftet. Es berühren sich also hier die extremen Positionen der H– und der S-Sphären oder der unversöhnlichen Abel-Hirten- und  Kain-Bauernströmungen. Der letzte Satz der Fabel („Eh bien, dansez maintenant!“) mag einen wegweisenden Schlüssel zur Lösung dieses ewigen Konfliktes anbieten: Im Tanz, also in der Bewegung kann jeder Zeit ein dynamischer Ausgleich zwischen Polaritäten neu erstellt werden. Wir finden                   l´indifférent wieder: Der französische Weg liegt in den eleganten, klar geformten Tanzfiguren, die durch das innewohnende Element des Kreisenden den Bezug zu den kosmischen Gesetzmäßigkeiten pflegen und zugleich Virtuosität in der Erdgewandheit erfordern. Im le roi danse vereinigen sich klarer Verstand (mit dem Spiegel in der Hand zur Selbstkontrolle) und Selbstgefühl, was dem Franzosen allgemein diese besondere Kopf- und Brusthaltung verleiht. Wir geben hier den perfekt ziselierten Text der Fabel wieder. Die Zeilenlänge ist von großer Bedeutung: Das verkürzte dreisilbige „tout l´été“ wird in die Länge gedehnt, während die restlichen siebensilbigen Zeilen im Gegenteil zum fließend-ätherischen Alexandriner hier immer wieder Verstand und Wille gegen Ende der Zeile bündeln. Durch die Fabel soll der Leser auch etwas bestimmtes verstehen.

„La Cigale, ayant chanté
Tout l’été,
Se trouva fort dépourvue
Quand la bise fut venue.
Pas un seul petit morceau
De mouche ou de vermisseau.
Elle alla crier famine
Chez la Fourmi sa voisine,
La priant de lui prêter
Quelque grain pour subsister
Jusqu’à la saison nouvelle.
Je vous paierai, lui dit-elle,
Avant l’août, foi d’animal,
Intérêt et principal.
La Fourmi n’est pas prêteuse ;
C’est là son moindre défaut.
Que faisiez-vous au temps chaud ?
Dit-elle à cette emprunteuse.
Nuit et jour à tout venant
Je chantais, ne vous déplaise.
Vous chantiez ? j’en suis fort aise :
Et bien ! dansez maintenant.“

Auch Louise Labé (1524-1566) beschreibt authentisch in dem schon zitierten Sonnett den inneren Kampf der Seele zwischen Luzifer und Ahriman, Leidenschaft und Verzweiflung:

„Je vis, je meurs : je me brûle et me noie.
J’ai chaud extrême en endurant froidure ;
La vie m’est et trop molle et trop dure,
J’ai grands ennuis entremêlés de joie.

Tout en un coup je ris et je larmoie,
Et en plaisir maint grief tourment j’endure,
Mon bien s’en va, et à jamais il dure,
Tout en un coup je sèche et je verdoie…“

Schlüssig ist das Ende des Gedichts, wo sich der illusorische H-Gefühlswahn in einen abgemilderten M-Zustand der Mitte wandelt, mit den entsprechenden Lauten exakt an der richtigen Stelle:

„… Ainsi Amour inconstamment me mène
Et, quand je pense avoir plus de douleur,
Sans y penser je me trouve hors de peine.

Puis, quand je crois ma joie être certaine,
Et être en haut de mon désiré heur,
Il me remet en mon premier malheur.“

Das ganze französische klassische Theater als verinnerlichte Wiederholung der altgriechischen Tragödie spricht von diesem Herumirren der Seele zwischen Vernunft und Leidenschaft. Ein schönes lautliches Beispiel finden wir bei Pierre Corneille (1606-1684) in einer Szene aus le Cid (III,4), in der Rodrigue die luziferischen (les faux bruits, l’envie) und ahrimanischen (le blâme, l’imposture) Angriffe auf seine sozial unverträgliche Liebe zu Chimène schildert. Auch im M (renommée, mourir) findet sich eine, wenn nicht gewünschte, zumindest erträgliche Lösung der Mitte:

Don Rodrigue

„… Punis-moi par vengeance, ou du moins par pitié.
Ton malheureux amant aura bien moins de peine
À mourir par ta main qu’à vivre avec ta haine.

Chimène

Va, je ne te hais point.

Don Rodrigue

Tu le dois.

Chimène

Je ne puis.

Don Rodrigue

Crains-tu si peu le blâme, et si peu les faux bruits ?
Quand on saura mon crime, et que ta flamme dure,
Que ne publieront point l’envie et l’imposture !
Force-les au silence, et, sans plus discourir,
Sauve ta renommée en me faisant mourir.

Chimène

Elle éclate bien mieux en te laissant la vie ;
Et je veux que la voix de la plus noire envie
Élève au ciel ma gloire et plaigne mes ennuis,
Sachant que je t’adore et que je te poursuis…“

Bei Molière finden wir immer wieder (z.B. in „L´école des Femmes“, „L´école des Maris“ oder „Le misanthrope“) das Ideal des Mittelwegs durch die Stimme des Vertrauten der Hauptfigur vertreten, die daher wie die Stimme des Schicksals- oder des Schutzengels wie von außen an das Ich herankommt. Die beiden Säulen des apollinischen Weisheitsweges „Erkenne dich selbst“ und „Alles mit Maß“ geben die richtige Richtung bei den inneren Kämpfen der Seele zwischen cœur und raison. Überhaupt steht Molière laut Rudolf Steiner als die typische französische Gestalt, in der das Gemüt vom rationalen Verstand durchdrungen wird; und bei Voltaire umgekehrt. Beim „Misanthrope“, der der luziferischen Versuchung nach Abgeschiedenheit von der vermeintlich dekadenten Welt zu erliegen droht, erinnert sein Vertrauter, daß die Tugenden keinen Sinn auf einer paradiesischen, moralisch reinen Welt hätten. Das Leben ist eben das Übungsfeld, wo das freie Ich lernen muß, das Böse zu erkennen.

In „L´école des Femmes“ zeigt die Hauptfigur als eine Art Anti-Held, wie der Franzose mit den widersprüchlichen Elementen der Vernunft und der Leidenschaft so zwanghaft verfahren mag, daß das erste das zweite bezwingt: Eine junge Frau lässt Arnulfe für sich als naiv erziehen, denn seine höchste Angst darin besteht, gehörnt zu werden! In einer hervorragenden Tirade erinnert ihn sein Freund Chrysalde an die Grundprinzipien des Ideals des honnête homme aus dem Lumières-Zeitalter auf der Suche nach dem goldenen Mittelweg. Aus dem scheinbar frivolen Anlaß des cocuage entwickelt Molière  eine rhetorisch streng und brilliant aufgebaute Wissenschaft des Lebens. Man kann dabei wahrhaft beobachten, wie ein warmer Herz-Inhalt die perfektionistisch-rhetorische Verstandesebene des discours durchdringt. Wir geben zum Abschluss diesen meisterhaften Text wieder mit einer interessanten, weil  sinngemäßen statt wortwörtlichen, deutschen Übersetzung. Die fette Schrift im französischen Text markiert die Verbindungswörter oder -ausdrücke, die die Gelenke dieser aus purer Verstandesseele inspirierten Rede bilden. Die Grundbegriffe der französischen Verfassung: lumières, honnête homme und gloire kommen hier alle geballt vor. Nur diese Begriffe werden im deutschen Text hervorgehoben.

Chrysalde

C’est un étrange fait, qu‚avec tant de lumières,
Vous vous effarouchiez toujours sur ces matières,
Qu’en cela vous mettiez le souverain bonheur,
Et ne conceviez point au monde d’autre honneur.
Être avarbrutal, fourbe, méchant et lâche,
N’est rien, à votre avis, auprès de cette tache ;
Et, de quelque façon qu’on puisse avoir vécu,
On est homme d’honneur quand on n’est point cocu.
À le bien prendre au fond, pourquoi voulez-vous croire
Que de ce cas fortuit dépende notre gloire,
Et qu’une âme bien née ait à se reprocher
L’injustice d’un mal qu’on ne peut empêcher ?
… Mettez-vous dans l’esprit qu‚on peut du cocuage
Se faire en galand homme une plus douce image,
Que des coups du hasard aucun n’étant garant,
Cet accident de soi doit être indifférent,
Et qu’enfin tout le mal, quoi que le monde glose,
N’est que dans la façon de recevoir la chose ;
Car, pour se bien conduire en ces difficultés,
Il y faut, comme en tout, fuir les extrémités,
N’imiter pas ces gens un peu trop débonnaires
Qui tirent vanité de ces sortes d’affaires,
De leurs femmes toujours vont citant les galans,
En font partout l’éloge, et prônent leurs talens,
Témoignent avec eux d’étroites sympathies,
Sont de tous leurs cadeaux, de toutes leurs parties,
Et font qu’avec raison les gens sont étonnés
De voir leur hardiesse à montrer là leur nez.
Ce procédé, sans doute, est tout à fait blâmable ;
Mais l’autre extrémité n’est pas moins condamnable.
Si je n’approuve pas ces amis des galans,
Je ne suis pas aussi pour ces gens turbulens
Dont l’imprudent chagrin, qui tempête et qui gronde,
Attire au bruit qu’il fait les yeux de tout le monde,
Et qui, par cet éclat, semblent ne pas vouloir
Qu’aucun puisse ignorer ce qu’ils peuvent avoir.
Entre ces deux partis il en est un honnête,
dans l’occasion l’homme prudent s’arrête ;
Et quand on le sait prendre, on n’a point à rougir
Du pis dont une femme avec nous puisse agir.
Quoi qu‘on en puisse dire enfin, le cocuage
Sous des traits moins affreux aisément s’envisage ;
Et, comme je vous dis, toute l’habileté
Ne va qu’à le savoir tourner du bon côté.

Si le sort l’a réglé, vos soins sont superflus,
Et l’on ne prendra pas votre avis là-dessus.

Arnulphe

Moi, je serois cocu ?

Chrysalde

Vous voilà bien malade !
Mille gens le sont bien, sans vous faire bravade…

————–

Chrysald

Seltsam, daß Sie mit solchen Geistesgaben
Bei dieser Frage sich so wild gebärden,
Als wäre dies das einz’ge Glück auf Erden
Und keine andre Ehre sonst zu haben.
Für geizig, boshaft, feig und niedrig gelten
Scheint Ihnen nichts; der eine Makel schlägt
Die andern all; wie jemand sonst zu schelten,
Er bleibt ein Ehrenmann, wenn er nicht Hörner trägt.
Kommt’s wirklich nur auf solchen Zufall an,

Um unsern guten Namen zu entscheiden?
Soll Tugend sich ein unverdientes Leiden
Vorwerfen, das sie nicht verhindern kann?
… Nein, glauben Sie: man bleibt genau so redlich,
Faßt man ein solches Schicksal milder auf:
Da niemand lenken kann des Zufalls Lauf,
Ist dieser Schlag an sich nicht schädlich.
Bei jedem Übel, was die Welt auch sage,
Kommt’s nur drauf an, wie schwer wir selbst es nehmen;
Drum soll in dieser, wie in jeder Lage
Man streng sich hüten vor Extremen.
Die Männer, die mit zu geduld’ger Seele
Noch mit dergleichen prahlen, weithin schnattern,
Wie viele Schwärmer ihre Frau umflattern,
Anpreisen ihr Verdienst mit lauter Kehle,
Ihr Einverständnis zeigen und zusammen
Mit ihnen sind bei Landpartien und Schmaus,
Sie fordern alle Welt heraus,
Mit Recht ihr schamlos Treiben zu verdammen.
Doch seien sie auch noch so tadelnswert,
Ihr Gegensatz ist ebenso verkehrt,
Und minder nicht als dieses Vorschubleisten
Muß ich den ungestümen Poltrer hassen,
Der sich mit sinnlos lärmendem Erdreisten
Zudringlich breit macht auf den Gassen,
Als könnt‘ er nicht beruhigt schlafen gehn,
Bevor ein jeder weiß, was ihm geschehn.
Dem redlichen und klugen Mann genügt
Der goldne Mittelweg in solchen Nöten;
Wer den gewählt, der braucht nicht zu erröten,
Wenn ihm sein Weib was Böses zugefügt.
Mit einem Wort, die Hahnreischaft
Verdient es nicht, daß wir uns ernstlich grämen,
Und wie gesagt, mit etwas Geisteskraft
Läßt sie sich auf die leichte Achsel nehmen.


Soll’s einmal sein, dann gibt’s kein Federlesen,
Und wenig hilft dann Ihr Geschrei.

Arnolph.

Zum Hahnrei werden – ich!

Chrysald.                               Was ist dabei?
Ja, nichts für ungut, viele sind’s gewesen…

.
Alain Brun-Cosme
Stand: 2.10.2014

Anmerkungen:

1: Die hier durch Rudolf Steiner in vielen Vorträgen und Schriften dargestellten Begriffe von Luzifer und Ahriman decken verschiedene, komplexe Realitäten, die ein längeres Studium erfordern. Es sind nicht einfach nur die bösen „Versucher“ im Sinne des Evangeliums gemeint. Rudolf Steiners Anliegen ist es, die Erkenntnis für diese erstmal geheim wirkenden Kräfte zu ermöglichen. Werden sie vom Menschen „am rechten Ort, zur rechten Zeit“ ergriffen, ermöglichen sie ihm seine Freiheit, anstatt sie zu behindern. Ahriman und Luzifer wirken schöpferisch am Leben: Dankbar könnte man z.B. die wunderbare Form der Knochen des eigenen Leibes anschauen, durch deren vom ahrimanischen Weltprinzip ermöglichten Verhärtung der Mensch auf der Erde überhaupt gerade stehen und gehen kann, um die Weltmaterie umzuwandeln und wieder zu vergeistigen (man denke an die härteste Knochensubstanz der Zähne im Ernährungsprozeß: zerbrechend und auflösend). Wiederum durch die warme Luft seiner Lunge kann der Mensch sich für hohe Ideale begeistern, die ihn von jeglichem irdischen Zwang befreien können: Ohne Luzifer keine Kunst, keine Schönheit und keine vorchristliche Weisheit!

2: Die Ausnahme bilden die konsequent in Trochäen gehaltenen Sprüche für Verstorbene.

3: Rudolf Steiner schildert die Gesetzmäßigkeit, daß in der durch Luzifer geprägten vorchristlichen Zeit die Menschen nur Ahriman (in der Gestalt des Drachens z.B. in der Isis-Sage) wahrnehmen konnten, während der heutige Geheimleiter der Entwicklung Ahriman weitgehend unerkannt bleibt (Die knallrote Gestalt Luzifers dagegen darf ungeniert – weil auch unerkannt – immer wieder mitten in kulturellen Zusammenhängen thronen).

4: Die Merkur-Säule im ersten Goetheanum stand für die weltausgleichende, heilbringende Kultur Mitteleuropas, auf deren Boden die Geisterkenntnis im Sinne der Faust-Figur gedeihen kann. Die Mars-Säule entspricht wiederum der englischen, die Mond-Säule der französischen Kulturstufe.

5. Damit ist natürlich nichts gegen die französische Sprache und Art an sich gesagt, die einen Höhepunkt der Kulturentwicklung Europas im Vertandeszeitalter bilden. In Zeiten der Bewusstseinsseele muß sich aber das Verstandesprinzip für allgemein-menschheitliche Weltprinzipien öffnen können, damit es sich nicht in destruktiven Egoismus verwandelt.

6. Die angeführten Beispiele in diesen Sprachbetrachtungen heben manche charakteristischen Klangfacetten der Sprache hervor. Sie mögen als solche als „typisch“ erfasst werden, wie z.B. manche Lieder für einen bestimmten Kulturkreis als typisch erscheinen mögen. Es ist natürlich immer möglich, Gegenbeispiele anzuführen: humble z.B. zeigt keine luziferische sondern eher eine mittige Tendenz auf. Der Maler kann auch die Farbe rot so oder so anwenden: An sich besteht sie in einer kräftigen Bewegung von hinten nach vorne, aber der Künstler kann ein Gefühl der Bedrohung durch die Raumeseinengung oder eher eine positive Anregung zur Tat beim Betrachter je nach der Art der Anwendung entstehen lassen. Der Sprachgeist ist auch ein Maler der Klänge und Rhythmen, der bestimmte Effekte durch Lautzusammenhänge entstehen lässt. Die Dichter wissen das, die hauptsächlich durch diese Elemente ihre Kunst ausüben.
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7. in der Art eines wohl nicht sehr „heilig öffentlich Geheimnisses“… Luzifers Hinterlassenschaft in der von den Franzosen festgehaltenen leeren Hülle ist da von einer etwas anderer Art.
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8. Diese zuerst aus der reinen Wahrnehmung gewonnenen Bilder werden durch das weitere Studium der dargestellten Figuren aus der Commedia bestätigt und vertieft: Der schwarze Dottore ist als Jurist Spezialist der hohlen Phrasen. Als Arzt ist er ein Charlatan. Er steht richtig auf der ahrimanischen Versuchungsseite des kalten, von keiner wirklichen Erfahrung durchdrungenen abstrakten Denkens. Der rote Capitano auf der anderer Seite ist ein Angeber, der Angst vor dem eigenen Schwert hat: Er steht richtig auf der luziferischen Seite der Illusion. Das Liebespaar von Isabella und Leandro, das zentral im Bühnengeschehen der Commedia steht, steht auch hier mittig im Gemälde: Die Liebe, d.h. das innige Interesse der Menschen füreinander, ist die sozialwirksame Kraft, die ausgleichend zwischen Luzifer (Selbstsucht) und Ahriman (Materialismus) strukturgestaltend tätig sein kann. Durch sie konnte auch der Seele (des Gilles) die Möglichkeit einer Inkarnation gegeben werden.
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9. Das Grüne als das „tote Bild des Lebens“ in Rudolf Steiners Farbenlehre lässt an den Pflanzen die vitalen Kräfte des Ätherleibes erscheinen. Wenn ein Mensch aber ein grünliches Teint annimmt, ist es Zeichen des Krankseins: Ein anfänglicher Todesprozeß setzt an und lässt den sich trennenden Ätherleib an der Haut erscheinen, der das schöne Inkarnat des Astralleibes verdrängt. In den Beleuchtungsangaben Rudolf Steiners für die Eurythmie unterstreicht ein grünes Licht von unten die Verstrickung mit den finsteren Mächten aus der Tiefe. In den Medien wird oft die Erscheinung „böser“ Wesen durch ein grünes Licht begleitet.
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10. Der Franzose sagt auch je zu sichwas auch ein jeu ist mit den Kräften der Welt.
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11. So können Ahriman und Luzifer auf der Eurythmiebühne von der menschlichen Seele klar getrennt erscheinen, wie z.B. in den Mysteriendramen oder beim Gedicht „Es schlingen deine Tat ins Labyrinth…“ von Albert Steffen. Im Tanz wirken beide Kräfte gesetzmäßig unsichtbar in der in sich geschlossenen Gestalt und brauchen also nicht getrennt zu erscheinen. Der Eurythmist geht mit seiner Gestalt in einen Außenraum hinein, der durch die Gegenbewegung seines Schleiers erscheint, während beim Tänzer die Hin- und Zurückbewegung gleich an seiner Gestalt selbst entsteht: Innen- und Außenraum sind da nicht wie bei der Eurythmie getrennt.

12. Die eurythmische I-Figur ist die einzige unter den dargestellten Vokalen, die im Schritt steht: Die Mitte muß immer neu geschaffen werden. Dabei hilft das Vorstellungsleben wenig: Die Kraft der Herzenswärme ist das gefragte Orientierungsorgan für das Gefühl (Mitleid), das Denken (Erkenntnis) und das Handeln (Geschehen lassen im Sinne des Karma).

13. Die bewusst in der Gestaltung der Anlage berücksichtigte Ost-West-Orientierung Versailles´ zeugt vom makrokosmischen Willen des Sonnenkönigs.

14. Deshalb hat Ahriman besonders Interesse daran, diese frischen, in der heutigen Zeit sogar frei werdenden ätherischen Kräfte der Kinder durch Computer-Technik oder brutale Videogames so früh wie möglich zu vereinnahmen. Die somit entzogenen keuschen, nicht z.B. durch religiöse Andacht erhöhten Äther-(Wachstums)Kräfte fehlen dann im späteren Alter als persönliches Willensfundament bei der individuellen Lebensgestaltung (siehe A. Neider: „Der Mensch zwischen Über- und Unternatur“).

15. Die Keuschheit der Kinderkräfte schließt sowohl an das Jungfernbild der Athena an, die das eigenständige Denken der alten Griechen z.B. in der Gestalt des Odysseus unterstützte, als auch an die Marien-Darstellungen, wo die gebärende Jungfrau auf einem Halbmond als das Bild der „reflektierenden“ Denkkräfte des Gehirns steht.

16. während die italienische Volksseele über die Luft, die englische über das Feste und die deutsche über die Wärme arbeitet.

17. Die Überflut an monströsen Gestalten in den Medien repräsentiert auch richtig den Übertritt der Geistesschwelle, den die Menschheit eigentlich jetzt schon vollzogen hat. Da ihr aber die wache Erkenntnis und die passenden Begriffe über diese Situation fehlen, gaukelt ihr ihr „Doppelgänger“ unaufhörlich ihre eigene Angst – die Angst des Materialisten gegenüber der geistigen Welt – als äußere Realität vor.

18. Obwohl erst unter dem regierungsunwilligen Louis XVI ausgebaut, paßt Trianon verblüffend gut in das ganzheitliche Gesamtkonzept der Anlage hinein, als hätten die mächtigen Formkräfte des Louis XIV über seine Zeit hinaus weiter gewirkt.