250px-Louis-Apollo1Das nebenstehende Bild zeigt den tanzenden König. Kaum berührt er den Boden. Sein goldenes Kostüm hebt ihn in übersinnlichen Höhen. Ein Feuerwerk ensprießt seinem gerade gehaltenen Haupt mit Betonung der Richtung nach oben über der Fontanelle. Die Hände scheinen um Distanz zu bitten: Noli me tangere. So tanzt und personifiziert der König den Klang „eu“!

Der häufigste Vokal der französischen Sprache ist ö, in diesem Artikel aus praktischen Gründen in der deutschen Schreibweise ausgeführt. Ein französischer Satz wird durchgehend von diesem meist kleinen, explosiv-kurzen Laut in verschiedenen Variationen gespickt. Es kommen vier ö-Klänge vor, denen in ganzheitlich-goetheanistischem Sinn auch eine bestimmte Bewegung des Innenlebens jeweils entspricht. In der Eurythmie können diese inneren Gesten äußerlich sichtbar gemacht werden, da Rudolf Steiner einige sehr präzise Angaben zur Ausführung französischer Laute gab. Das Französische kennt also:

– das am Häufigsten vorkommende, kurze und unbetonte ö in kleinen Zwischenwörtern (le, ce, que, de…) oder mitten in einem längeren Wort (pardessus, vaguement, perce-neige...).

– das schwerere, ebenfalls kurz-explosive ö wie bei Dieu.

– das offenere, hellere und etwas länger gehaltene ö von heure, pleure, sœur

– die in seltenen Wörtern vorkommende Kombination von den zwei eben beschriebenen Fällen, also das dickere aber zugleich länger tönende ö bei: veule, Peul (eine afrikanische Ethnie, auf Deutsch: Fulbe),  meule und bei Eigennamen wie beim im Département Doubs ab und zu vorkommenden Dorfnamen Feule. Und auch in der an sich sinnleeren aber umso unverzichtbareren Silbe „euh…

Der klangliche Reichtum um diesen Laut läßt ahnen, daß ein wesentliches Element des Franzosentums darin seinen Ausdruck findet. Die Schreibweise als eu deutet allerdings, wie auch allgemein bei der historisierend-festhaltenden französischen Orthografie, die der heutigen Aussprache nicht mehr entspricht, auf einen früher anders hörbaren Klang, etwa: ö-ü oder o-i wie im Deutschen. Der jetzige, wie zusammengeballte ö-Klang entspricht der Entwicklung des modernen Franzosentums in Richtung Knappheit, Konzentration und Auf-den-Punkt-Gebrachtes. Es folgen jetzt Betrachtungen über verschiedene Aspekte dieses Lautes.

a. Der Klang

Vergleichen wir das lang klingende ö, wie es bei meule vorkommt, mit anderen Vokalen: Es besitzt nicht die Öffnung nach unten von a, nicht die seitliche Weite von e, nicht die Helligkeit des i. Es scheint sich von allem weiten und tiefen nach vorne abzuschließen. Ö wird zwischen o und i gesprochen, wie die Sprachgestaltungsübung zu Bewußtsein bringen mag:
„Lalle im Ostturm
Lalle im gä nö bü uff“
Eine Spannung in der Oberlippe wird erlebbar, ein strengeres Strecken, wodurch ein Anspruch auf Genauigkeit, Kontrolle, ja fast Pingeligkeit in der Art der anderen Übung:
„Mäuse messen mein Essen“
zutage tritt.

Im Vergleich zu o und u wird eine Art Rückzug erlebbar, eine Reduzierung der Wärme und der Hingabefähigkeit, dabei eine erhöhte Muskeltätigkeit im ober-inneren Mundbereich in der Nähe der Nase. Beim ö strömt tatsächlich wie bei den Nasalen Luft in die Nase ein, was ansonsten beim Aussprechen der offenen Vokalen normalerweise unterdrückt wird. Ein Teil der Sprechluft steigt also beim ö über die Nase zum Gehirn hin und stößt somit an den Ich-bin-Punkt zwischen den Augen, der zweiblättrigen Lotosblume, dessen Funktion ist, z.B. den klaren und wachen Verstand anzuregen. Dies geschieht bei jedem Aussprechen eines ö. Weil es mehr gepresst nach innen als frei erklingend nach außen sich entfaltet, ist ö sozusagen der am Wenigsten musikalische Laut: französische chansons oder klassische mélodies eines Fauré oder eines Debussy bekommen durch diesen an sich eher unschönen Klang ihre besondere Färbung. Kenner mögen dieses Phänomen in Bezug auf die an ö ebenfalls reiche hungarische Sprache urteilen. Das ö läßt von der fließend-träumerischen Musikebene etwas abdriften und führt in ein Intellektuelleres, ein Sich-aus-dem-Umkreis-heraushebendes hinein.

Verglichen mit dem spitzigen ü klingt ö wiederum kompakter, sorgt für starke Vibrationen von der Brust zum Gehirn hin: Der ganze Sprechapparat „tönt“ wie ein Musikinstrument, das sich selbst wahrnimmt.

Beim kurz gesprochenem ö wird der Verschluß des Kehlkopfes erlebbar: Die zuerst gegen die zusammengepreßten Stimmlippen zurückgedrängte Luft wird erst dann im hörbaren ö-Klang wieder frei. Ein Pressen und Befreien, ein Drücken und Lösen finden also jedes Mal statt.

Die abschliessende Tendenz bei der Lautbildung wirkt wie ein Stoß nach außen: Im ö liegt ein aggressives, zurückstoßendes Potenzial martialischer Art. Musikalisch entspricht dieser Lautklang der Quart, die in Jagdliedern und Nationalhymnen zum mutigen Aufmarsch auffordert. Die „Marseillaise“ fängt z.B. mit zwei aufeinanderfolgenden Quarten an. Das Intervall, das wiederum dem deutschen E entsprechen würde, dem Hauptvokal im Deutschen, ist die Quint, deren innere Gebärde mehr eine Suche nach Harmonie zwischen außen und innen darstellt¹. Was für ein Unterschied in der Grundstimmung beider Sprachen, ja beider Kulturen!

b. Der Wortschatz

In welchen Wörtern erscheint vorzugsweise der ö-Klang? Vier Erscheinungsqualitäten wollen wir betrachten:

1. „euh…“

Bei der langen Silbe „euh“ verweilt gerne der Franzose, wenn er nicht weiß, was er gerade sagen will und nach dem nächsten Wort bzw. Inhalt sucht. Während der Deutsche in dieser Situation sich das nach innen suchende, Wärme entwickelnde „hmm...“ oder der Englischsprechende ein für Inspirationskraft offene „aaa…“ oder auch ein umgeschriebenes „erm…“ (mit einem „e“ als offeneren ö als im Französischen gemeint, dann einem Überlegungs-r und schließlich dem innerlich abtastenden m des Deutschen) zu Hilfe holt, nutzt der Franzose das kräftig tönende ö, offenbar um sich bei der inneren Suche nach weiteren Wörtern zu zentrieren und sich dabei von der Außenwelt abzuschliessen, ohne eine Lücke im Gespräch oder bei der Rede entstehen zu lassen, die ja sonst vom Gesprächspartner bzw. -„gegner“ (Die Sprache gehört ja an sich in die Sphäre der martialischen Aggressionskräfte) sofort ausgenutzt werden könnte! Der zum Ende des Satzes eilende Sprachstrom des Französischen (entraînement), bei dem sich die Willenskraft Wort für Wort allmählich steigert, darf nicht unterbrochen werden.

Einen interessanten Standpunkt bringt die Art, wie in nordischen Sprachen der ö-Klang auftritt. Zuerst zeigt die Schreibweise „ö“ z.B. im Schwedischen wie im Deutschen oder „ø“ im Dänischen den Bezug zum o, dessen Wärme und Rundung modifiziert werden, ja im durchgestrichenen ø scheinbar „negiert“ werden. Ö, wie im französischen „euh“ ausgesprochen, heißt im Schwedischen aber: die Insel, womit eine deutliche Grenze zur Außenwelt errichtet wird, die im ö-Klang an sich schon vorliegt: Malmö, Öland. Der Name der deutschen Ostseeinsel Hiddensee hat nichts mit einem See zu tun, sondern heißt eigentlich Odins-ö, die Insel Odins, also ein Ort besonderer Wahrnehmungen göttlich-schaffender Kräfte, der sich als Einweihungsort eignen mochte wie etwas östlich das sagenumwobenen Kap Arkona auf Rügen.

Beim Aussprechen des ö führt der Franzose dieselbe abgrenzende Gebärde aus wie im Schwedischen, bildet also eine Art seelische Insel um sich, differenziert sich somit von seiner Umgebung, die er wie aus einer einsamen, hohen Palme beobachten kann… Im lückenfüllenden „euh“ kommt diese innere Bewegung besonders exemplarisch zum Vorschein.

Auch die Geschichte Frankreichs als der allmähliche Aufstieg der sonderbaren Île-de-France, die keine Insel ist, als königlich-zentralistischer Machtmittelpunkt gegenüber einem als politisch bedrohlich empfundenen Umfeld, ist nichts anderes als ein lang ausgesprochenes „euh“…

2. von je zu dieu

Im Schwedischen wird aus dem Wort für Insel ö noch das Wort für See gebildet: sjö (dänisch sjø), das wie ein langes und konsonantisch kräftiges „schö“ ausgesprochen wird. Somit wird der unmittelbare Umkreis jeder Insel umschrieben, wie er in den unzähligen kleineren und größeren Seen Skandinaviens vorkommt: Filesjö, Mjöasjö, Kattesjö…². Das Sch drückt da eine mächtige Naturkraft aus, dergegenüber nur ein lang ausgeatmeter, aus den Tiefen des Seins herausgeholter ö standhalten kann. Im Kontinent der Alliterationen muß der Barde ja versuchen, sich Schritt für Schritt gegen die um ihn stürmenden Elemente („Schhh…“) durch seinen Gesang („Ööö…“) zu behaupten: Im ö drückt sich ein erster Impuls der gegen die feindliche Umgebung kämpfenden Individualität aus. Die Insel ist das Bild für das Ich: ö.

So scheint der französische Sprachgeist aus einem ähnlichen Empfinden heraus den Klang gewählt zu haben, durch den er das individuelle Prinzip zum Ausdruck bringt: je, wobei die elementare Dichte des Sch zur ruhigen Wärme des stimmhaften j und die Tiefe des langen –ö zur Leichtigkeit des kurzen –e geworden sind. Die französische Natur ist nicht mehr so bedrohlich wie im Norden Europas: In Versailles ist sie nur noch zahme Dekoration, der durch den geometrischen, naturfremden Baumschnitt abstrakte Formen aufgezwungen wurden und durch die Kanalisation in Brunnen und Becken ihre ursprüngliche Wucht weggenommen wurde. So darf das französische Ich elegant „vor dem Wort tänzeln“ nach den Worten Steiners und dabei helle, virtuose Sprünge ausführen, die in der französischen Eurythmie deutlich sichtbar werden.

Früher wurde das Ich-Wort je in Dialekten bzw. patois „i-eu“ (deutsch ) ausgesprochen, was erhaltene, alte Volkslieder z.B. aus der Bretagne belegen. Der moderne, mehr vom Kopf gesteuerte Franzose (eine literarische Zäsur zwischen dem 16. und dem 17. Jahrhundert läßt sich deutlich feststellen: Sie ist die Nachwirkung des verstärkten Einwirkens des französischen Volksgeistes um das Jahr 1500, wie Rudolf Steiner ausführt. Siehe dazu den Artikel zum Wesen der Sprachen) verband sich allmählich stärker mit der toten Materie: Das noch lichtvolle aber verträumte „i-eu“, dessen Phlegma noch in den mondhaft-dumpfen sons mouillés erklingt (-aille, -eille, -ille, -ouille, -euille), erblaßte durch das Sch der Schwere, des Schattens, der dunklen Asche (erlebbar auch bei chute, caché, péché) und wurde zum Grab des heutigen je. In gewisser Weise stellt das je somit die Umkehrung des Ich dar, wie es im Deutschen urbildhaft noch erscheint: Das zu sich selbst erwachte aber noch fragende I bekommt die Antwort aus der geistigen Umgebung im ch. Im französischen je sucht das j das Dunkle und schießt sich im ö dann vollkommen ab. Nicht zufällig, könnte man meinen, ging daher der heutige Franzose eine so starke und einseitige Schicksalsverbindung mit den ahrimanischen, unterirdischen Anti-Ich-Atomkräften ein…³

Die Bildung eines starken Empfindens für das Ego als das individuell inkarnierte Ichanteil bildet den Schwerpunkt der französischen Kulturstufe. In ihr kulminiert der allmähliche Individuationsprozeß der ganzen Menschheit aus den geistigen Höhen des „Paradieses“ in die feste Materie hinein. Sprachen älteren Ursprunges zeigen noch den Bezug zu Zeiten vorpersönlichen Bewußtseins, als sich der noch nicht individualisierte Mensch nur durch den Blick aus seiner Umgebung definieren konnte: russisch mjena sawut oder griechisch me lene: „sie“ (die „anderen) nennen mich. Der Franzose hat den Punkt der vollkommen in sich geschlossenen Individualität im reflexiven je m´appelle erreicht: „Ich nenne mich selbst“, ich brauche keine „anderen“, die von meiner Existenz zeugen. So trägt der Franzose eine Art Spiegel mit sich, der ihm die Wahrhaftigkeit seines Seins durch „Reflexion“ (also auch: Nachdenken) bestätigt. Auch in anderen romanischen Sprachen wird zwar die Ich-Selbstbennenung ähnlich gebildet (me chamo, mi chiamo), aber der Doppelbezug „je me“ gilt dort als ausnahmweise Hervorhebung, während er für den Franzosen die Regel ist. Es läßt sich nicht anders ausdrücken: cela ne se dit pas (autrement).⁴

Beim Aussprechen des je bildet also der Franzose eine kleine Insel um sich, um in aller Ruhe sein Individuelles zur vollen Geltung kommen zu lassen. Warum tut er das? Aus welchen Bedürfnissen entsteht solch eine der Umwelt gegenüber abweisende Gebärde? Einen Schlüssel zum Verständnis der inneren Notwendigkeit dieser Entwicklung mag die Betrachtung der Kulturepochen Europas liefern.

Die italienische Renaissance bildete eine erste Stufe des Ergreifens der Seelentätigkeiten durch ein individuelles Ich und zwar auf der Empfindungsebene. Ein allgemeines Gefühl für Harmonie und Schönheit, eine Begeisterung für die Entdeckungen der materiell orientierten Wissenschaft sowie ein starkes Bedürfnis, individuell begründete Ansprüche durch endlose Kämpfe zwischen rivalen Clans oder Persönlichkeiten gelten zu lassen⁵, kennzeichnen diese Zeit. Insofern wiederholten die Italiener auf verinnerlicher Weise die alt-ägyptische Zeit, in der die exemplarische Form der in ihrem Innern vollkommen dunklen Pyramide die Bildung eines allerersten individuellen Empfindungslebens (ausschließlich als Einweihungsprozeß des Pharao durch eine Priesterkaste) ansatzweise anstoß. Der Italiener löste sich dadurch schon etwas aus dem selbstverständlichen Schoß der Götter, in dem die Menschheit im Mittelalter lebensvoll aber dumpf-träumend noch ruhte. So wurde aus dem ätherisch-lebendigen Goldgrund der Gemälde allmählich ein der Natur treuer Himmelblau und die zumeist improvisierte Musik in der Art des heute noch erhaltenen Keltentums bekam festere Konturen und wurde überhaupt notiert. Dieser Befreiungsprozeß kann am Wort für „Gott“ abgelesen werden: dio. Die innere Gebärde des D-Lautes ist das Zeigen auf etwas äußeres, wie vor mir stehend. Dieses Hindeuten auf ein göttliches Wesen „da draußen“ ist überhaupt erst möglich, da der Renaissancemensch eben nicht mehr eine Einheit mit ihm bildet. Im I behauptet er dann seine freistehende Imdividualität ihm gegenüber. Aber im offeneren O findet dann eine Art Versöhnung statt: Obwohl zur Unabhängigkeit neigend bleibt der Italiener durch seine glühende Begeisterung und natürliche Empfindungsintensität für die Welt dem Schöpfer dankbar treu. So sagt er auch Io zu sich als Teil des dio, wo Selbstbehauptung und Wiedervereinigung dicht hintereinander erlebbar sind.

Mit der darauffolgenden klassischen französischen Kultur kommt ein prinzipielles Zweifeln an allem zum Vorschein: „Ich zweifle, also denke ich. Ich denke, also bin ich“ lautet der oft nur zur Hälfte zitierte Spruch des René Descartes (1596-1650), in dem beobachtet werden kann, auf welche Lösung zum Problem des Individuationsprozesses der Franzose kommt: Das eigene Sein muß sich möglicherweise auf klare, deutliche Gedanken stützen. Zwar bleibt das Empfindungsleben wie beim Italiener der Renaissance stark: Italienische Künstler wirkten an französischen Höfen auch reichlich mit. Aber das Bedürnis nach klarer Verstandesbetätigung bringt eine gewisse Ernüchterung in das Innenleben hinein. Vernunft und Emotion stehen sich nun polar gegenüber, wie die Formel des Blaise Pascal (1623-1662): „le cœur a ses raisons que la raison ne connaît point“ klar zum Ausdruck bringt. Am Geist der Renaissance zuerst genährt, gingen die Franzosen also allmählich eigene Wege. Wir können z.B. beobachten, wie der genial inspirierte, aus dem Schoß der italienischen Tradition hervorgegangene Komponist Giovanni Batista Lulli (1632–1687) sich dermaßen in der französischen Art hineinfühlte, daß er das Prinzip des strengen Taktes für sie und aus ihr erfand. Er nannte sich dann selbst Jean-Baptiste Lully um. Sein Tod durch den Schlag des von ihm erfundenen, riesigen Taktstocks auf den eigenen Fuß spricht an sich eine deutliche Sprache: Der Franzose will die Erdkräfte beherrschen, geht eine immer stärkere Verbindung mit ihnen ein und geht somit in den materiellen Tod, da er die göttlichen Inspirationen auf diesem Weg peu à peu verlieren muß. Ein anderes Beispiel: Der Sonnenkönig selbst verlegte sein Schlafzimmer von der „linken“ Herzseite des Schlosses Versailles (Dem Ort des Empfindungslebens mit der Oper und der Kirche – siehe den Artikel über Versailles) in das Bewußtseinszentrum des Spiegelsaals an der exakten Mitte des Baus, sozusagen das Gehirn der Anlage. Der Schritt von der italienisch-inspirierten Empfindungsseelenkultur in die spezifisch französische Verstandeskultur wurde somit sinnbildlich vollzogen. Die italienische Kunst badete noch in selbstloser Hingabe zur Schönheit. An Versailles sieht man aber, wie trotz der vielen Schöpfungen der italienischen Künstler hinter allem eine Absicht steht: Man will über den Representationszwang hinaus, der sich schon z.B. in spanischen Palästen ausbreitete (Ludwig der XIV ist ja spanischer Abstammung), etwas Bestimmtes zeigen, das das Verstehen der Welt fördern soll und so auf das Innenleben des Besuchers subtil, sozusagen „pädagogisch“ einwirken. Paris selbst ist heute eine wunderschöne, repräsentative und dadurch etwas kühle Stadt, die zur Bewunderung aus einer gewissen Distanz anregt und hauptsächlich die Kunst der Formbeherrschung auch in allen Lebensgebieten demonstriert.
Den Schritt hin zum kalten Verstand zeigt die Sprache: Aus (d)io wird (d)ieu. Je wurde damals wie schon erwähnt ieu ausgesprochen. Aufbauend auf dieselbe Distanzierung zum Göttlichen im D und Selbstbehauptung des Individuellen im I wie des Italienischen, kommt der Franzose aber schließlich nicht zum harmonieschaffenden O, wo Mensch und Götter wieder eins werden, sondern besiegelt die endgültige Trennung im martialischen ö. So findet die französische Kultur ihre Aufgabe in der starken Ablehnung alles spirituell-religiösen (Louis XIV wie Napoléon nutzten die kirchlichen Strukturen bloß im Sinne ihrer persönlichen Macht) und ersetzt das Gott-Prinzip durch das Zentralstaatsprinzip, den christlichen Sonnengott durch den anbetungswürdigen „Sonnenkönig“ oder selbstgekrönten Empereur, der sich in der Madeleine-Kirche in Paris als gleichbehandelte Figur wie Christus darstellen läßt. Im je (ieu) kommt also die Doppelgebärde der Selbstbehauptung und der antipathischen Abgrenzung gegenüber der Außenwelt zum Vorschein.
Das Ausleben der Verstandes- und Gemütsseelenimpulse, die in sich schon eine doppelte Gebärde darstellen und ihren Niederschlag im französischen Gegensatz von le cœur et la raison finden, ist wiederum die verinnerlichte Wiederholung der alt-griechischen Kultur. Die damalige charakteristische Architekturgrundform war der von Säulen getragene Dreieck, wie er am griechischen Tempel erscheint. Der Dreieck als Prinzip der göttlich durchdrungenen Empfindungsinnenwelt bei der ägyptischen Pyramide wird durch die Säulen der sich nun selbst tragenden freien Individualitäten, wie das beim Athener Erechteion gut zu sehen ist, emporgetragen. Und so mußte der im Dienste des europäischen Marterialismus stehende Franzose sein „Griechentum“ ausleben, indem das Parthenon mitten in Paris im doppelten Maßstab in der dadurch vollkommen aus den Proportionen geratenen Gestalt der eben erwähnten Madeleine-Kirche nachgeahmt wurde. Geglückter sind wohl die Schätze des klassischen Theaters (Corneille, Racine, Molière), wo eine Auseinandersetzung mit dem Prinzip der griechischen Tragödie (Aischylos, Sophokles, Euripides) stattfindet.
Die Pflege des geradlinigen, logischen Verstandes seit Sokrates findet auch seine Wiederholung in der Disposition der französischen Sprache zur Ausübung der Rhetorik, da sich laut Rudolf Steiner die Impulse der alt-griechischen Sprache ihren Niederschlag im modernen Französischen finden. Durch die vielen kleinen ö-Laute erwacht stetig der Franzose zum klaren Verstand, da der Kopf und somit das Gehirn dabei jeweils eine leichte anregende Vibration erfahren. Die vielen kleinen ö-Silben ce, que, de, me, ne usw. als unbetonte, einzelstehende Zwischenwörter oder innerhalb eines Wortes sind wie leichte Verbindungen zum nächsten Begriff oder Wortteil, die dem französischen Satz durch ihre hüpfende Frische eine Art prickelnde Helligkeit verleihen. Im Schoße dieser Sprachwelt konnte die Gesinnung der Lumières und der Enzyclopaedie als einer Quelle des für alle zugänglichen Wissens gedeihen.

Wir folgen dem Entwicklungsgang der Kulturen weiter: Eine weitere Stufe nach dem französischen Höhepunkt von le cœur et la raison zur Zeit Versailles´ bildet die in England wurzelnde Kultur der Bewusstseinsseele, die nach der Gründung einer großen Weltkultur, allerdings im Zeitalter von wachsendem Materialismus und zugleich Individualismus, strebt. In kosmopolitischem Geist konnte durch England ein großes Weltreich über alle Meere als „Commonwealth“, also im Prinzip zum Wohl aller, obwohl durch den einseitigen Drang der martialischen Eisenkräfte, mit denen das britische Wesen eng verbunden ist, begründet. Das Bild der damit einhergehenden Verdrängung spiritueller Impulse, des Aufsteigens von an Wirtschaftsinteressen gebundenen Geheimbrüderschaften, des Strebens aller Individuen als homo oeconomicus nach persönlichen Reichtum und Realisierung finden wir in der architektonischen Form der vielen einzelstehenden, gerade nach oben strebenden Türme unserer modernen Städte wieder⁶. Auch Kirchen aus dem 19. Jahrhundert weisen nach oben zugedeckelte Decken auf und Grabsteine stehen wie strenge quadratische Absperrungen vor einem unerreichbaren, abstrakten Jenseits.
Impulse der Bewusstseinsseele fanden aber immer wieder wie vorbereitend in der früheren Menschheitsgeschichte statt: So z.B. die Tat der michaelisch inspirierten Jeanne d´Arc, die England durch die Vertreibung aus dem Kontinent letztendlich auf Weltmission schickte. Auch der in einem Mal ohne viele Fehlversuche entstandene Baustil der Gothik gehört dazu, der die Lichtfluten der Erkenntnis und des Interesses für die Welt in den Menschen-Ich-Sakralraum einströmen ließ.

Eine nächste Stufe der Geistesentwicklung stellt wiederum parallel zum englischen Zeitalter die mitteleuropäische Ich-Stufe des Idealismus dar. Das deutsche Sprachmaterial liefert durch die kräftig angeschlagenen Konsonanten und die tief ausgeatmeten Vokale eine plastisch tönende Substanz, die im Vergleich zum musikalischen Englischen und zum tänzelnden Französischen die Möglichkeit für das individuelle Ich bietet, sich im atemreich durchpulsten Gemüt selbst zu ergreifen⁷. Mit diesen Abstufungen in der Entwicklung der Kulturen sind natürlich keine Wertungen gemeint, sondern Teile eines Entwicklungsgangs der Menschheit, wo jede Etappe an sich und für die nächsten Reifegrade notwendig ist. Auffällig ist, wie die Denker der Goethezeit nach allgemeinmenschlichen Idealen und nicht nach national geprägten, politisch motivierten Zielen wie in anderen Nationen strebten. Man denke zum Vergleich an die großen französischen Dichter: Chateaubriand, Lamartine, Hugo, die alle politisch tätig waren. Mit dem Tod von Goethe, Schiller, Humboldt usw. verschwand allerdings der mitteleuropäische Gemütsimpuls wieder, eine typische Gebärde des Sich-zurückziehens des deutschen Volksgeistes (siehe den Artikel zum Wesen der Sprachen) und wurde durch die mechanistisch geprägte Vorstellungsart aus dem Westen (dem Reich der untergehenden Sonne, da also wo die Todeskräfte walten) mit Darwin und Newton überflutet.
Die typische architektonische Form der Ich-Kulturstufe, die zukunftsweisend eine Vereinigung durch das Denken mit dem Göttlichen ermöglicht, können wir im nach oben geöffneten Winkel finden, wie er hier und da immer wieder auf der ganzen Welt zu finden ist (Berliner Philharmonie, Kunstmuseum in Milwaukee, eine unscheinbare, moderne Kirche im bretonischen Concarneau) und die Grundform neuerer Grabsteine bildet: Da wird die Öffnung nach oben in der Regel durch eine Welle abgeschlossen, die das heute wieder wahrnehmbare Ätherische erstaunlich klar andeutet. Diese nach oben geöffnete A-Gebärde ist die Wiederholung der antiken Gebetshaltung (wie sie im Islam heute noch besteht), da der noch nicht ganz individualisierte Mensch den Atem des Göttlichen in sich hinein- und hinausströmen lassen konnte. Die christliche Gebetshaltung mit den zusammengefalteten Händen entspricht der Bildung eines individuellen Impulses, wo das Göttliche nicht mehr von außen spontan sondern im eigenen Innern durch die moralischen Kräfte erlebt wird. Heute nun, wo der Zugang zu ätherischen Wahrnehmungen wieder möglich wird (im dogmatischen Christentum als die Wiederkehr Christi bezeichnet, die z.B. in Chartres auf Wolken – des Ätherischen – dargestellt wird), kann ein neuer, objektiver Zugang zum Göttlichen ohne Dogma sondern über die eigene, persönliche Erfahrung in einem neuen  A-Erlebnis wieder gewonnen werden. Allerdings mischen die auf der selben Ebene agierenden Verhärtungstendenzen des Materialismus (Ahriman) kräftig und verwirrend mit. Daher die Notwendigkeit von Geisteserkenntnis und -unterscheidungsvermögen aus der Sphäre des „Drachenbezwingers“ Michael.

Wir mögen aus dieser Darstellung verstehen, wie der französische Kulturimpuls im Entwicklungsgang der europäischen Kulturen eingebettet ist und wo seine Stärken als Höhepunkt der Verstandesseele aber auch die möglichen Hindernisse zu der heute notwendigen klaren Geisterkenntnis liegen.
Entsprechend dem Bedürfnis nach mechanistisch geprägter Logik schuf der „Architekt“ der französischen Sprache eine nach mathematischen Prinzipien organisierte Klangwelt, in der das natürliche Feuer des Gefühls im Gegenteil zum Wärme fördernden Deutschen durch Luftaussparen aufs Minimum reduziert wurde. Der Franzose atmet nicht und zählt vielmehr genau in seiner Poesie die mehr oder weniger gleich langen Verssilben als Hauptgestaltungsmittel: Die an sich schon bestehenden Längen im Französischen sind nicht entscheidend für die Struktur eines Gedichts, das sich an dem Reim umso mehr festhalten muß (siehe den Artikel über Versailles), während der deutsche Hoch- und Tiefton die Kraft besitzt, die plastische Gestalt eines klassischen Gedichtes durch alle seine reimlosen Strophen zu bestimmen (z.B. bei Hölderlins durchgehend im alkäischen Rythmus gehaltenen Oden). Eine feine Musikalität lebt zwar durch die mehr in die Fläche als in die Tiefe gezogenen französischen Längen aber strukturgebend ist nach wie vor nicht der Rythmus, wie er die stark behauchten Sprachen wie Englisch oder Deutsch durchpulst, sondern allein der Takt. So holt die klassische französische Poesie ihre Aussagekraft aus der verschiedenartigen Behandlung der Zeilenlänge. Diese kann durchaus innerhalb eines Gedichts wechseln, wie die Fabeln des Jean de La Fontaine (1621–1695) beweisen:

„La cigale et la fourmi“ ist durchgehend im 7-silbigen Versmaß gehalten, der nicht wie ein Alexandriner leicht dahinfließt, sondern wie mit einem abrupten Stopp, einem Stau jede Zeile beendet. Diese Gebärde entspricht ohnehin der natürlichen Tendenz der Sprache zum entraînement: Man will schnell zu dem Punkt kommen und nicht wie auf Deutsch dauernd hin und her zwischen Kürzen und Längen abwägen. Diese Fabel beinhaltet auch eine ganz konkrete Aussage, die mit dem klaren Verstand zu tun hat: Franzose, du mußt aufwachen! Nicht wie die Zikade (auf der Stufe der italienischen Renaissance-Kultur) die sommerlichen Wohltaten des Schöpfers genießen, sondern die Erde rein mit dem mechanistischen Verstand der Ameise (durch die unterirdischen Kanäle der Gehirnwindungen) bearbeiten und beherrschen. Der siebener Versmaß wirft die Seele immer wieder auf sich selbst zurück, indem der Atem frühzeitig abgebrochen wird: ein Ego-Erlebnis! Die Sehnsucht nach den vergangenen, sorglosen Zeiten des Sommers wird meisterhaft durch einen Wechsel des Versmaßes in der zweiten Zeile des Gedichts hervorgerufen. Diese wird dann langsamer gesprochen als die anderen, damit die Luft entlang der Zeile besser verteilt wird und doch zu keinem allzu großen Atemstau führt, was die Sorglosigkeit des Sommers zum Erlebnis bringt:

„La cigale ayant chanté
Tout l’été,
Se trouva fort dépourvue
Quand la bise fut venue :
Pas un seul petit morceau
De mouche ou de vermisseau…“.

Qualitativ eignet sich ein solches Gedicht sehr gut als Atemübung für das Französische, vergleichbar dem „Erfüllung geht….“ aus der deutschen Sprachgestaltung.

In der Fabel „la grenouille qui voulait se faire aussi grosse que le bœuf“ wechselt die Zeilenlänge ständig (huitain, dizain, alexandrin) und bringt somit die Erregung des sich aufplusternden Frosches zum Erlebnis:

„Une Grenouille vit un Boeuf
Qui lui sembla de belle taille.
Elle, qui n’était pas grosse en tout comme un oeuf,
Envieuse, s’étend, et s’enfle, et se travaille,
Pour égaler l’animal en grosseur,
Disant : „Regardez bien, ma soeur ;
Est-ce assez ? dites-moi ; n’y suis-je point encore ?
– Nenni. – M’y voici donc ? – Point du tout. – M’y voilà ?
– Vous n’en approchez point. „La chétive pécore
S’enfla si bien qu’elle creva.
Le monde est plein de gens qui ne sont pas plus sages :
Tout bourgeois veut bâtir comme les grands seigneurs,
Tout petit prince a des ambassadeurs,
Tout marquis veut avoir des pages.“

Die drei letzten Zeilen, in alexandrin, dann dizain, dann huitain gehalten, sind ein schönes Beispiel für die Art der auf reinem Zählen basierenden französischen Sprachmusikalität. Die vollkommene Übereinstimmung von Inhalt und Form, die bei Goethe durch die Kraft der Laute selbst erreicht ist, findet hier am Höhepunkt der französischen Verstandesseelenkultur durch die Zeilenlänge statt.

Weil die „Referenz“ der klassischen französischen Dichtung der Alexandriner als Umformung des alt-griechischen Hexameters nach und nach wurde (Bei Ronsard ist der Formenreichtum noch vielfältiger),  weil darin einen perfekten Ausgleich von Atemverteilung und Leichte erreicht ist, wirkt jede Abweichung aus dieser „Norm“ unnatürlich und daher ausdrucksstark.
So kann der 10-silbige Versmaß einen Eindruck von besonderer Leichte aber auch von Geheimnis, sogar Unbehagen vermitteln, wie die Ballade des Leconte de Lisle (1818-1894) „les Elfes“ zeigt, die natürlich schlecht enden wird:

„Couronnés de thym et de marjolaine,
Les Elfes joyeux dansent sur la plaine.

Du sentier des bois aux daims familier,
Sur un noir cheval, sort un chevalier…“

Beim Gedicht „Tristesse“ des alten, von aller Welt verlassenen, wie alle Romantiker verhältnismäßig früh verstorbenen Alfred de Musset (1810–1857) eignet sich der recht unrythmische, atemarme achter-Vers zum Ausdruck von Pein und Hoffnungslosigkeit:

„J’ai perdu ma force et ma vie,
Et mes amis et ma gaîté ;
J’ai perdu jusqu’à la fierté
Qui faisait croire à mon génie.

Quand j’ai connu la Vérité,
J’ai cru que c’était une amie ;
Quand je l’ai comprise et sentie,
J’en étais déjà dégoûté.

Et pourtant elle est éternelle,
Et ceux qui se sont passés d’elle
Ici-bas ont tout ignoré.

Dieu parle, il faut qu’on lui réponde.
– Le seul bien qui me reste au monde
Est d’avoir quelquefois pleuré.“

Vincent Muselli (1879-1956) experimentiert mit dem sehr ungewöhnlichen, überdehnten 13-er Versmaß, wodurch die Annäherung an das Geistige durch die Zeilenüberdehnung mit dem damit verbundenen längeren Ausatmungsvorgang zum Erlebnis gebracht wird:

„Beaux anges, nous irons, de par le glaive et la glace,
Beaux anges, avec vous, nous irons dans cette nuit…“

Das Phänomen der Überdehnung findet sich übrigens allgemein in der Weltliteratur wieder (Proust, Thomas Mann, James Joyce) und zeugt von dem Schwellenübergang der Menschheit im 20. Jahrhundert, der mit einem ansatzweise Todesprozeß verbunden ist (der in der verhältnismäßig zu langen Ausatmung bei jeder Zeile erscheint) aber die Wahrnehmung des Geistigen in seiner ätherischen Stufe ermöglicht.

Paul Verlaine (1844–1896) seinerseits liebt die an sich zu kurzen Verse, die ein morbides Gefühl von Kraftlosigkeit oder Alpdruck vermitteln. So mit dem vierfüßigen Vers beim Gedicht „Charleroi“:

„Dans l’herbe noire
Les Kobolds vont.
Le vent profond
Pleure, on veut croire…“

In „Chanson d´automne“ wechseln sich 4-er und 3-er Zeilen angenehm musikalisch ab, aber die enjambements zeugen von innerer Verstörung:

„… Et je m’en vais
Au vent mauvais
Qui m’emporte

Deçà, delà
Pareil à la
Feuille morte.“

Das Gefühl der Beklemmung wird im folgenden, titellosen Gedicht aus den „Romances sans paroles“ (1874) durch den 5-silbigen Vers vermittelt. Auch bei Verlaine decken sich Form und Inhalt vollkommen zusammen. Allerdings arbeitet er nicht nur wie La Fontaine mit dem Element der Zeilenlänge, sondern auch mit musikalischen Elementen der Reimverteilung und -wiederholung. Wie in einem Chanson wird die erste Strophe am Ende wiederholt. Hier zur Beobachtung dieser Formelemente das ganze Gedicht:

„Dans l’interminable
Ennui de la plaine,
La neige incertaine
Luit comme du sable.

Le ciel est de cuivre
Sans lueur aucune,
On croirait voir vivre
Et mourir la lune.

Comme des nuées
Flottent gris les chênes
Des forêts prochaines
Parmi les buées.

Le ciel est de cuivre
Sans lueur aucune.
On croirait voir vivre
Et mourir la lune.

Corneille poussive
Et vous, les loups maigres,
Par ces bises aigres
Quoi donc vous arrive ?

Dans l’interminable
Ennui de la plaine
La neige incertaine
Luit comme du sable.“

3.  Negative Inhalte: peur, seul, erreur

Im Gegenteil zum dicht gehaltenen ö-Klang von dieu oder je veux, bietet das offenere ö bei heure, fleur, sœur einen Klangraum an, in dem der Astralleib seine subjektiven Gefühlsinhalte nach außen frei ergießen kann. So können Sympathie und Antipathie zum freien Ausdruck kommen: bonheur, malheur, langueur, stupeur, rancœur. Das Zentrum der Empfindungen heißt daher richtig auch: le cœur. In rumeur kommt sogar dieses übermäßige Ausfließen des Astralleibes im sozialen Zusammenhang zum Ausdruck. Dieser offene ö-Laut beschreibt die Erlebnisse der Seele nach innen: senteur, saveur, chaleur, moiteur, couleur oder nach außen: vigueur, ardeur, während das geschlossene ö von einer Ich-Kontrolle auf das Empfindungsleben zeugt wie eben bei dieu oder je veux.

Wir sahen gerade, daß das Zählen die Weise ist, wie der Franzose auf sicherer, rationaler Basis die Welt erfassen will. Ein kalter Abstand zu ihr gehört notwendigerweise in dieser Gebärde, der, wie wir sahen, im geschlossenen wie im offenen, seelendurchlässigen ö zu Tage tritt:
bei gueux, affreux, peureux, odieux, creux oder beim schier abweisenden, verachtenden „peuh!“
und bei malheur, pleurs, rancœur, voleur, horreur

So nutzt der Dichter Sully Prudhomme (1839-1907) in „Les berceaux“ den negativ geprägten ö-Klang effektvoll: Die zweite Strophe reimt nur auf -eux und –eurent. Gabriel Fauré nutzte in seiner berühmten Vertonung diesen Effekt. Ein interessantes Formelement in diesem Gedicht ist außerdem in der letzten Strophe der unerwartete umschließende und ausschließlich weibliche Reim, der die melancholische Stimmung hervorhebt:

„Le long du Quai, les grands vaisseaux,
Que la houle incline en silence,
Ne prennent pas garde aux berceaux,
Que la main des femmes balance.

Mais viendra le jour des adieux,
Car il faut que les femmes pleurent,
Et que les hommes curieux
Tentent les horizons qui leurrent!

Et ce jour-là les grands vaisseaux,
Fuyant le port qui diminue,
Sentent leur masse retenue
Par l’âme des lointains berceaux.“

Man kann übrigens an diesem Beispiel erleben, wie die sich am Ende des 19. Jahrhundert auflösenden Formprinzipien (eine einzige Reimform durch ein ganzes Gedicht hindurch, die obligate Abwechslung von weiblichem und männlichem Reim usw.) mehr Platz für die Entfaltung des Lautklangs an sich lassen, wie das bei Verlaine der Fall ist.

Zusammenfassend kann also ein feiner Unterschied empfunden werden zwischen den im Prinzip gleichbedeutenden Ausdrücken: „Je suis heureux“ und „quel bonheur!“ . Im ersten läßt der wiederholte, dunkle ö-Klang Kraft und innere Sicherheit erklingen, während das hellere ö im zweiten eine weichere, sagen wir „weiblichere“ und weniger triumphierende Gefühlsebene andeutet.

4. kleine Zwischenwörter oder -silben

170px-Christian_Bernhard_Rode_003

Eine romantische Darstellung einer Bacchantin (Ch. B. Rode)

nouvelle-campagne-lacoste-printempsete-2009-L-1

Leichte und Selbstbezogenheit im ö-Sprung…wie oft bei den Werbungen dieses frz. Modeherstellers

120px-Mengs_Parnasus

Apoll majestätisch thronend im Chor der Musen

Kurz angesprochen in den in der Einleitung schon zitierten, meist unbetonten Zwischenwörtern oder als Zwischensilbe in einem längeren Wort bringen die kleinen ö-Silben Leichtigkeit und Helle im ansonsten ungehindert vorwärtsfließenden französischen Satz. Wie kleine Wassertropfen um eine rollende Welle, durch die das Licht kurz hindurchschimmert, begleiten sie den um Logik bemühten Sprachstrom. Die Angaben Rudolf Steiners zu den verschiedenen Volksgeistern Europas ergeben, daß der französische Volksgeist über das flüssige Element die Einwohner des französischen Gebiets erst zu Franzosen macht (siehe den Artikel über das Wesen der Sprachen), indem er auf ihre ätherische Konstitution einwirkt. Die Wirksamkeit eines Volksgeistes erstreckt sich allgemein vorzugsweise auf dem ätherischen Gebiet (zu dem das Elementare des Wassers gehört), da also wo die Sprachimpulse auch zu Hause sind und daher wie alles Ätherische für das eigene Volk unbewußt bleiben müssen (also für das bewußtsseinsanregende Astralische unzugänglich bleiben müssen). Die Sprache ist somit wie ein Wahrnehmungsorgan des Lebens, dessen Organisation für den Wahrnehmenden beim Gebrauch dieses Organs im Alltag nicht bewußt sein darf, sondern nur selbstlos vermitteln soll. Fängt man an, z.B. das eigene Ohr im Tinnitus wahrzunehmen, ist es eine krankhafte Lage.
Dagegen können das konkrete Land (auf der physischen Ebene), die Kulturerscheinungen (auf der mehr astralischen Empfindungssebene) sowie das selbstbewußte Auftreten im Chor der Nationen als gestalteter Staat (Die Verwaltungsform gehört in einem mehr Ich-Element einer Nation) eher im Bewußtsein eines Volks stehen. Unbewußt wird aber der Franzose allgemein ungern Fremdsprachen hören oder selbst sprechen oder wird sich, wie oft von Touristen in Paris gemeldet, bei einer ihm auf der Strasse gestellten Frage auf Englisch einfach umdrehen und gehen… Zu eng vereinigt mit einem tief sitzenden Grundgeschmack liegt einfach die Sprachgewohnheit im französischen Ätherleib. Das Franzosentum prägt sich verhältnismäßig am Tiefsten in den ätherischen Schichten des Daseins ein, während z.B. das deutsche Wesen den individuellen Ätherleib weniger spezifisch durchformt. Diese Tatsache bringt eine kuriose Folge für den Franzosen im nachtodlichen Leben mit sich, wie Rudolf Steiner eindrücklich schildert: Der durch die zu einer feinsten Stufe ihrer Entwicklung gekommene französische Kultur durchgestaltete, durchziselierte Ätherleib kann schwerlich nach dem Übergang der Schwelle seine spezifische Einseitigkeit ablegen und bleibt, wie er ist im Geistigen. Da aber der französische Kulturmpuls in der Folge des Altgriechentums um die Bildung des individuellst auf sich selbst gestellten Ego bemüht ist, wie der reflexive Ausdrück „je m´appelle“ im Vergleich zu den selbstloseren „my name is“, „ich heiße“ oder „mi chiamo“ klar belegt, was eine Bekämpfung der spirituellen Impulse auf Erde mit sich bringt, sind also von diesem Impuls ergriffene Seelen nicht müde, auch im Nachtodlichen gegen geistige Impulse anzutreten, das heißt konkret gegen die Seelen wiederum zu kämpfen, die im Dienste des Michaels die Zukunft der Erde vorbereiten.
Die Bildung des Ego geschah in der alt-griechischen Kultur durch die Kultur des Weins und ihre Anwendung in rauschhaften Zügen, die andere Völker des Mittelmeeres in Schrecken versetzten. Im Gegenteil zu den für Gruppenharmonie sorgenden Apollinischen Formelementen bewirkten dionysische Impulse durch Ausschaltung der natürlichen übersinnlichen Wahrnehmungen durch die Alkoholzunahme eine gesteigerte Selbstwahrnehmung, die z.B. im Kraftakt des Sprungs überm Feuer kulminierte. In der üblichen bacchantischen Körperhaltung verliert der Mensch seine ruhige, apollinische Gerade: Kopf und Beine werden im Sprung nach hinten geworfen.
So „springen“ auch die kleinen ö-Silben im französischen Satz, eine Weiterführung der dionysischen extatischen Technik zur Bildung des egoistisch orientierten Ich-Anteils, insofern der ö-Laut eine Abgrenzung von der Außenwelt, von der Weisheit aus den kosmischen Weiten ermöglicht. Die französische Kultur wäre ohne den Wein nicht zu denken, durch den laut Rudolf Steiner der Franzose überhaupt seinen Volksgeist in sich aufnimmt. Der Weinanbau wurde auch programmatisch zur Bildung des Franzosentums in Zisterzienserkreisen im 12. Jahrhundert im Burgund bei Dijon angelegt, gewiß nicht aus Zufall unweit von der Stelle, wo wiederum Cäsar die gallischen Heiligtümer zur schnelleren Besiegung und Verschmelzung in das Imperium zerstört hatte. Neue Geister mußten wohl am selben Ort beschworen werden…

Eine schöne Stelle, wo die fließende Eigenschaft des Französischen gut zum Erleben kommt, findet sich im langen „Hymne à la mort“, das Pierre de Ronsard 1556 verfaßte. Es geht dabei eben um das Fließende der Zeit:

„…Que ta puissance, ô mort, est grande et admirable :
Rien au monde par toi ne se dit perdurable ;
Mais tout ainsi que l’onde, à val des ruisseaux, fuit
Le pressant coulement de l’autre qui la suit,
Ainsi le temps se coule, et le présent fait place
Au futur importun qui les talons lui trace.
Ce qui fut se refait ; tout coule comme une eau,
Et rien dessous le ciel ne se voit de nouveau ;
Mais la forme se change en une autre nouvelle,
Et ce changement-là vivre au monde s’appelle,
Et mourir quand la forme en une autre s’en va.
Ainsi avec Vénus la Nature trouva
Moyen de ranimer par longs et divers changes
La matière restant, tout cela que tu manges ;
Mais notre âme immortelle est toujours en un lieu,
Au change non sujette, assise auprès de Dieu,
Citoyenne à jamais de la ville éthérée,
Qu’elle avait si longtemps en ce corps désirée…“

So wie die fließende Tendenz des Französischen sprachlich in den liaisons, förmlich im poetischen alexandrin und inhaltlich in der Begabung für Rhetorik als Beherrschung des fließenden Denkenelements wiederum mögliche Abbilder findet, kann eine mehr der Luft zugeornete Ebene die leichtmachenden, lichtdurchlässigen Laute ö sowie ui mitten im Sprachfluß darstellen. Auch ist der Tanz ein wichtiges Element der französischen Kulturgeste, bei dem die leichten Sprünge z.B. bei Barocktänzen bei aller geraden Körperhaltung das luftig-lichte Element durchscheinen lassen.
Die Bedeutung des Territorialen wiederum für die Definierung des Franzosentums (z.B. bei der als perfektes Hexagon empfundenen Landesform) findet als irdisch gebundene Tendenz ihren Niederschlag im Sprachelement des entraînement, wodurch ein am Ende des Satzes entstehender Willensstau eine geballte Schwere entstehen läßt.
Und schließlich scheint der sonnig explodierende Laut oi dem Element der zentralistischst empfundenen Staatsform Frankreichs zu entsprechen: „L´État, c´est moi!“ oder: „L´État, c´est le moi“ könnte umformuliert werden.

c. Die Innengebärde

1. Verstand und Wille

Nach dem lexikalischen Aspekt des ö-Klanges im Französischen wollen wir nun die Innengebärde des Lautes in Bezug auf die Menschenkunde betrachten. Wir sahen, daß ö eine Art Gegengebärde zum warmen, umfassenden o darstellt. Eine gewisse Kälte scheint durch ö zu erklingen, gepaart mit einem Willensstoß, einem Bedürfnis, sich von etwas zu befreien. Während man beim Tönen eines langen o eine wohltuende, umhüllende Wärme im hinteren Kehlkopf bis in der Brustgegend empfinden kann, fördert das ö Resonanzen im vorderen Kehlkopf und über die Nase bis hinauf in den Kopf. O wirkt beruhigend, weil es das feine Gleichgewicht zwischen Puls und Atem, dem Zentrum der Gesundheit, günstig beeinflußt, während ö mehr zur Nervosität, zur Tat drängt. Darin erscheint noch einmal die Grundgebärde des Französischen, bei welcher eine Aktivierung des mittleren rhythmischen Herz-Lungen-Menschen vermieden wird, indem so wenig Luft wie möglich im Sprachstrom zum Einsatz kommt. Im Gegenteil zum luftreichen Italienischen mit seinen klaren, langen Vokalen und zum plastischen Deutschen, wo Luft und Wärme durch die tiefen Vokale und die kräftigen Konsonanten reichlich benützt werden, schickt die französische Sprache ihre gestaltenden Kräfte einerseits „nach oben“ in den Kopfpol des klaren Verstandes (besonders bei den Nasalen), andererseits „nach unten“ in den Willenspol der Gliedmaßen. Im Kopf regieren aber die Mondkräfte des Intellekts, des Festhaltens am Traditionnellen. Allerdings kann das Intellekt die Grundlage für eine Erhöhung der Erkenntniskräfte geben, wenn die Marien-Sphäre sie ergreifen kann (Maria wird oft auf einer Mondschale stehend dargestellt mit dem Kind des immer neu zu gebärenden Ichs im Arm. Der apokalyptische Kampf Mariens gegen den Drachen gehört in dieser Überwindung des trockenen Intellektuellen). Am Willenspol wiederum herrschen die aggressiven Marskräfte, die die Selbstbehauptung und das damit einhergehende Sich-Abschliessen von der Außenwelt fördern⁸.

Diese eigenartige Mischung von Verstand und militärischem Geschick, von geheimnisvoll-mondhaftem Charme und eisenartig sicherem Eroberungswillen kennzeichnen das französische Wesen. In Louis XIV kamen beide Tendenzen klar zum Vorschein: die Unterhaltung offizieller Maîtressen (im Sinne unterschwelliger, weiblich-mondhafter Einflüsse) sowie eine aggressive militärische Politik (durch die erstmalige Unterhaltung einer Dauerarmee, die ganz Europa zur allgemeinen Aufrüstung zwang). Auf Umwege über die durch den „Sonnenkönig“ zermarterten Hugenotten gelangen ausgerechnet diese hohen militärischen Organisationstalente in Deutschland. Die religiöse Intoleranz des Königs spanischer Abstammung (ein gewisser Geist der Inquisition inspirierte ihn offenbar) ließ die fleißigen, meist gut gebildeten Calvinisten ihre Begabungen z.B. in das wirtschaftlich unterentwickelte Brandenburg bringen. So wurde Preußen zur Weltmacht verholfen und noch unter Friedrich dem II. galten Soldaten hugenottischer Abstammung als die Besten. Noch im Berliner Jargon rumoren viele französische Ausdrücke.

Zu der spanischen Erbschaft im Blut des „Sonnenkönigs“ läßt sich noch folgendes sagen: In Spanien finden wir den ersten vollkommen gestalteten Zentralstaat als eine Vorform des französischen Absolutismus. Dieses gegen die natürliche Vielfalt organisierte Machtprinzip mußte auch im „Westen“, dem Reich der untergehenden Sonne, wo vorzüglich Todeskräfte gestaltend wirken, entstehen. Versailles als eine kleine, in sich abgeschlossene Insel ohne realen Kontakt mit der Außenwelt der Wirklichkeit und des Volkslebens ahmt somit das Patio-Prinzip spanischer Paläste nach. Den schatten- und frischespendenden Patio brachten wiederum die Araber aus ihrer Heimat (Auch die ägyptische Pyramide stellt einen von der Außenwelt vollkommen isolierten Innenraum dar). Der dort notwendige Schutz vor Sand und Sonne förderte auch die Tendenz zum Intellektuellen, zu der Behandlung abstrakter Begriffe innerhalb eines von der Wirklichkeit getrennten Innenraums mit dem Brunnen des Lebens in seiner Mitte wie im Urbild des Paradieses. Die religiöse Praxis förderte diese Neigung zur Abstraktion und Mathematik durch den Verbot jeglicher sinnlichen Darstellung Gottes wie im Hebräertum weiter. Im Patio, um dessen Mittelpunkt sich das ganze Sozialleben organisiert, auch im Sinne einer kompletten gegenseitigen Kontrolle, findet sich das individuelle Ego wieder, insofern es den geistigen Umkreis seines Ursprungs nach und nach vergißt und negiert, sich auf sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse konzentrierend. Aus dem Ego-Empfinden stammt dann der Zentralstaatsgedanke, der in Versailles mit seiner Selbstbespiegelungskultur kulminierte. Der französische Patio als Bild für das alles bezweifelnde, auf sich selbst gerichtete Gehirn heißt dann: ö

Die französische Doppeltendenz zu Verstand und Wille (mit ihrer möglichen Auslegung als Charme und Egoismus oder Egoität) lebt also stark im Bild des ö-Lautes sowie auch bei den explosiven Klängen: oi und ui, die wir jetzt von diesem Standpunkt betrachten wollen.

2. Die Klänge oi und ui

Beim Aussprechen beider Laute wird eine lichtvolle Kraft abrupt freigegeben, wodurch zugleich eine Anregung des Verstandes und eine Impulsierung des Willens erlebbar wird. Eine ruhig atmende Mitte wird gar nicht angesprochen. Es scheint, als hätte das h, dessen Aussprache die heutigen Franzosen unterdrücken (was zur Bildung der Nasalen führte), seine leuchtende Stoßkraft diesen Lauten übertragen. Das h aspiré wird auch wie das ö durch einen stoßartigen, in sich also abwehrenden Kehlkopfverschluß gebildet.

Im oi behauptet sich der Franzose selbst: moi. In der explosiven, formauflösenden oi-Gebärde kommt der individualistische Charakter des Volks zum Vorschein (Dionysos), das die gruppenformenden Kräfte (Apoll) gerne abschütteln möchte: Aus einem zu engen U (deutsch ausgesprochen) führt ein ungeduldiges A nach außen. Oder der Schreibweise nach: Aus dem gemeinschaftsbildenden O wird ein individuell betontes I. Das nach Geltung verlangende, auf sich selbst gerichtete Ich schottet sich von seiner Umwelt ab: Je m´appelle, d.h. ich nenne mich selbst und brauche niemanden anderen dazu (denn schließlich: „L´enfer, c´est les autres“…)⁹. Im Gegenzug verlangt die um ihren Erhalt besorgte Gesellschaft Gruppenzugehörigkeit, Disziplin und stellt strenge Hierarchien auf  im Sinne der mondhaft inspirierten vierten nachatlantischen Kulturstufe, die im Franzosentum eine an sich etwas anachronistische Wiederholung erfährt und die Gruppenseele besonders gelten läßt. Im von Napoleon breit angelegten Beamtentum liegt die Bemühung, die chaotisch-individuellen Triebe durch den Wettbewerb um gesicherte Stellen im Dienste des Staates (Armee, Erziehung usw.) zu kanalisieren. Entsprechend ließ seine Propaganda verlauten: Der schönste Tod finde auf dem Schlachtfeld zur Verteidigung der Heimat und des Staates statt.
Im Spannungsfeld von Gruppenzwang und individueller Rebellion vollzieht sich also die spezifisch französische Art. Ein Sonnenhaftes strahlt aus dem oi-Laut, der in einsilbigen Wörtern seine explosionsartige Charakteristik besonders entfaltet: quoi, foi, loi, roi. Das vom Element des Lichts angezogene Ego findet in diesem Laut einen wirksamen Ausdruck, wie der Hahn als erstes Tier im Hof die Morgensonne mit seinem recht schrillen Krähen grüßt: Das Ego braucht Aufmerksamkeit und entfaltet rücksichtslos seine Stoßkraft nach außen. Auch in den Szenen der Gefangennahme Jesu im Evangelium erscheint das dreimalige Hahnkrähen, die individuellen Erkenntniskräfte des noch im dumpfen Gruppenseelendenken befangenen Menschen weckend, und arbeitet sich durch die Seelenschichten von Denken, dann Fühlen dann Wollen des Petrus hindurch. Der dann aufgewachte, „zu sich gekommene“ Jünger muß „weinen“: Die klaren Verstandeskräfte haben ihm seine paradiesische Unschuld weggenommen. Das nun zentrierte Ego muß Verantwortung für seine Taten übernehmen.

Das feinere ui entbehrt jeglicher Schwere und führt als Zuspitzung des ü-Lautes in lichtvolle Weiten: la truite luisante s´enfuit sans bruit dans le ruisseau. Die im Dienst des klaren Erfassens logischer Zusammenhänge stehende französische Sprache ist eigentlich in der Stimmung des ui-Lautes ganz getaucht, um als Instrument für das helle Licht des (Ego-gestützen) Verstandes möglichst vollkommen zu fungieren: lumières, intuition, concision, précision. So zeigt die Abbildung am Anfang dieses Artikels den jungen Louis XIV, wie er als Apoll im „Ballet royal de la nuit“ 1653 in goldener ui-Stimmung leicht und hell mit besonderer Betonung des Kopfbereichs posiert.
Der Lichtstrahl des ui-Lautes nimmt den französischen Sprachstrom mit jedem Satz beschleunigend mit, den Willensstau des entraînement immer wieder bildend, der aber sofort nach jedem Punkt fallen gelassen wird, um beim nächsten Satz neu ergriffen zu werden.
So stellt der Reim der französischen Poesie auch die Endstation eines jeden Satzes, wo der gestaute Wille sich entladen muß. So klingt der französische Reim willenshafter als z.B. im Deutschen, wo er mehr musikalische Funktionen erfüllt. So konnte André Gide über den unermüdlichen, willensgeballten Victor Hugo in seiner Anthologie der französischen Lyrik urteilen: „La rime lui tient lieu de pensée“. Der Reim stellt somit einen kräftigen Anziehungspunkt für die Sprachdynamik dar: “ Die französische Sprache … läuft beim Vers schnurstracks in den Reim hinein, man muß innehalten, wieder anfangen und wieder in den Reim hinein“ urteilt streng Marie Steiner.

Besondere Beachtung wollen wir dem Wörtchen huit schenken, bei dem das Lichtaspekt des ui-Lautes schön hervortritt. Die Zahl acht ist das Bild der dynamischen Prozesse, wodurch Kräfte aus der Höhe mit den aus der Tiefe in einem immer neuen Dialog eine harmonische Mitte suchen. Zeichnet man eine 8, hört die Zeichnung nie auf im Gegenteil zu allen anderen Zahlsymbolen außer der null: Der Kreuzungspunkt wird immer neu geschaffen und die zwei Schlaufen immer neu erlebt und gestaltet. So steht das 8-Prinzip auch dem dreigliedrigen Menschenwesen zugrunde, bei dem das Nervensinnessystem aus dem Kopfbereich mit dem Stoffwechsel-Gliedmaßensystem unterhalb der Bewußtseinsgrenze des Zwerchfells über die ausgleichende rythmische Mitte des atmenden Brustkorbs korrespondiert. Im Merkurstab des Götterboten Hermes (siehe unten) bilden die zwei Schlangen auch eine 8-Figur: Die Absichten der Götter erkennend (d.h. mit dem eigenen Schicksal wieder vereinigt) kann der kranke Mensch wieder gesund werden. Als liegende Lemniskate steht auch die acht als das Symbol des Unendlichen, also des göttlichen Willens.
Die heilbringenden Kräfte der 8 bringt die französische Sprache im Wort huit so zum Ausdruck, daß ein lösend-therapeutisches H zur wiedergewonnen Wahrnehmung des göttlichen Lichts führt: ui. Das abschließende T als Berührung am Kopf der Sternenstrahlen aus dem All schildert dann das Erkenntnismoment, bei dem der Genesende wieder eins mit seinem Schicksal wird. Was nicht im Sinne des 8-Prozesses Gesundheit ist, wird dann durch den N-Laut der Verneinung la nuit, also die nicht-8 der Finsternis, der Bewußtsseinsverdunkelung. So auch in anderen Sprachen: acht/die Nacht, eight/the night, otto/la notte, oito/a noite usw. Und so heilig-heilend repräsentiert die Zahl 8 das Einwirken der göttlichen, verborgenen Kräfte, daß der Russe es nicht einmal wagt, sie zu benennen (ähnlich wie der Hebräer, das Wort für Gott nicht aussprechen darf): Die heilige Zahl 8 wird durch den umständlichen Ausdruck „nach-sieben“ zum Ausdruck gebracht.

3. Wirkungsart der Mondkräfte

Ein anderer menschenkundlicher Aspekt tritt durch die ö-Gebärdenstimmung im französischen Wesen zu Tage: die Unterdrückung der Atemkräfte im rythmischen, mittleren Menschen bringt eine Verlagerung und Abspaltung des Sprachstroms mit sich, einerseits nach den Richtungen des Kopfes und des Gliedmaßen-Willenspoles, wie wir sahen, und andererseits entlang der Kopf- und Sinnlichkeitskräftenachse. Der kalte Verstandespol des Gehirns wie sein heißer Gegenpol der sexuellen Triebsphäre sind aber Ausdruck für die zweifache Organbildende Wirksamkeit der Mondkräfte. Der an sich leblose, erstarrte Mond kann am Himmel nur das lebensschaffende Sonnenlicht reflektieren, wie auch das so wenig wie möglich durchblutete, also kaum noch am Leben erhaltene Gehirn die unendlich reiche Welt der lebendigen Ideen „reflektiert“, also in das Reich des Totes durch die Umsetzung in individuell bewußt erfaßte Gedanken hinunterzieht¹⁰. Die durch das Gehirn herausfiltrierten Gedanken eignen sich zwar nur für die physische Realität und sind kaum imstande, das Göttliche noch zu er-fassen aber begründen durch diese notwendige Abtrennung von oben die Freiheit des auf der Erde inkarnierten Menschen. Andererseits wirken die Mondkräfte durch das wässerige Element: Sie bestimmen die Abwechslung von Ebbe und Flut und bei den aus den Wasserströmen schaffenden Zeugungsorganen den Menstruationszyklus und die in zehn Mondphasen unterteilte Schwangerschaft¹¹.

105px-Arabic_Calligraphy_at_Wazir_Khan_Mosque2

Kunstvolle Kalligraphie im Bogen der Moschee

Kopf- und Zeugungskräfte bestimmen also in starkem Maße das französische Wesen. Die sich daraus ergebende, merkwürdige Kombination von Suche nach klarem, logischem Verstand und zugleich von scheinbar irrationalem Hang zur Sinnlichkeit, Ästhetisierung und raffiniertem Lebensgenuß erfüllen z.B. das bodenständigere deutsche Wesen mit Ver- und Bewunderung. Auch die arabische Kultur steht im Dienste derselben Mondkräfte und brachte hohe Wissenschaftsleistungen in ihrer Geschichte (z.B. in Akademien, die das ganze Wissen der Alt-Griechen nach dem Einsturz Europas durch den Barbareneinfall in Rom in sich aufnahm), von aller antiken Welt bewundertes technisches Können gepaart mit einem scharfen Sinn für Erotik (bei den Erzählungen der Tausend- und -einer Nächte). Der im Schoße dieses Kulturkreises entstandene Islam läßt auch irdisch-orientierte Gestaltungskräfte für den Alltag gelten, weg von den kosmischen Sonnenweiten hin zum praktisch begehbaren Mekkazentrum. Auch der von den Architekten der gotischen Kathedralen während ihrer Reisen nach Kompostella bewunderte Bogen der Moscheen strebt nicht nach einem ungewissen Jenseits, sondern lastet mit einer gewissen Schwere auf der Erde. Der Verbot einer sinnlichen Darstellung Gottes förderte wiederum die bis ins Überschwengliche getriebene Kunst der Kalligraphie sowie wie im Alt-Hebräertum die Neigung zum Abstrakten.

Auch die alt-griechische Verstandeskultur wurde von den Mondkräften inspiriert, bei welchen die Empfindung für die Gruppenzugehörigkeit mehr als das Bedürfnis des freien, individuellen Handeln gefördert wird. Als Jahve wirkte dann auch Michael aus der Mondensphäre und begründete die alt-hebräische Kultur, die durch den in der Antike erstmaligen Monotheismus den logischen Wissenschaftsverstand ermöglichte. Auch die Zugehörigkeit zum Judentum wird durch die Blutsbanden gegeben, durch welche die Mondkräfte wirken.

Eine gewisse Tendenz zur Erstarrung ist immer wieder mit der Wirkungsart der Mondenkräfte verbunden, sowie der äußere Weltkörper des Erdentrabenten leblos seine silberne Fläche zur Zurückspiegelung des Sonnenlichts auf die Erde anbietet. So erschwert z.B. die Betonung des durch feste  Traditionen zusammenhängenden Gruppenwesens an sich schon Neuerungen, besonders wenn sie aus individuellen Impulsen kommen. Wichtige Impulse der heutigen Zeit werden aber vor allem durch Einzelstehende Menschen gegeben. Als Mondkultur schottet sich auch die französische Sprache vehement gegen fremde Einflüße ab und hält an einer ererbten, abstrakten und schwierigen Orthografie fest.

220px-Mathis_Gothart_Grünewald_031

die strenge, sogar frontale Verkündigung durch Gabriel

Francia,_annunciazione,_1590-1610_ca.

Eine ältere Menschheit nahm noch das Geistige im hinteren Hörraum wahr (Frankreich um 1600)

In der westlich-semitischen Tradition werden die Mondkräfte nicht als solche bezeichnet sondern tragen den Namen einer Wesenheit, die für das Gemüt unmittelbarer erlebt werden kann: der des Erzengels Gabriel. Diese geistige Entität ist vor allem durch ihre eindrucksvollen Verkündigungen des Willens Gottes in der Weihnachtsgeschichte bekannt: Gabriel interveniert mit Entschiedenheit und Strenge in die äußere Geschichte der Menschen, indem Früchte an scheinbar steril gewordenen Zweigen neu gedeihen (bei Elisabeth), Ungläubige erbarmungslos bestraft werden (Zacharias) und selbst gut gemeinte Gläubige durch seine Erscheinung erschreckt werden müssen (Maria). Mathias Grunewald schildert eindrücklich im Isenheimer Altar, wie kräftig und alles andere als lieblich die Erscheinung des Gabriel sein muß, um durch den inzwischen dicht und lichtundurchlässig gewordenen Mantel der materiell orientierten Menschheit, den selbst die immerhin für ihre spirituelle Aufgabe vorbereitete Maria trägt, durchzudringen. Eine große Bewegung von oben nach unten von den Göttern in Richtung der Menschen geschieht durch Gabriel: Die Menschen sollen Interesse für die physische Erde entwickeln, durch geschickte Techniken sich ihrer Schätze frei bedienen und dabei notwendigerweise ihren göttlichen Ursprung etwas vergessen. Das Einsehen in die ätherischen Bilder des Buches der Natur trübt sich, alles wird bloß symbolhaft und die Intellektualität fängt an, durch ihren kalten aber wachen Verstand, die Welt von innen zu zersetzen. Nach Gabriel muß daher Michael als Regent der Zeit diese (selbst)zerstörenden Tendenzen durch den neu geschaffenen Zugang zur geistigen Erkenntnis korrigieren: Seit Antreten seiner Funktion als Zeitgeist der Welt ab dem Jahre 1879, womit das „finstere Zeitalter“ des sog. Kali-Yuga mit der gabrielischen Zeit zu seinem Schluß endete, findet eine große Bewegung der Menschheit in Richtung der Götter wieder statt, aber so, daß die individuelle Freiheit der Menschen respektiert wird. Aus eigenem Entschluß und nicht wie früher gruppenhaft oder aus äußerem Zwang wie manche ungeduldige Strebenden es gerne verrichten möchten, soll das freie Ich seine leidvolle Erdenerfahrung den Göttern selbstlos und aus reifer Einsicht wieder hinbringen, ohne die sie sich wiederum selbst nicht weiterentwickeln können. Auf dieser Weise kann sich der Mensch als „zehnte Hierarchie“ in die Engelordnungen wieder einfügen. Das Gleichnis des verlorenen Sohnes im Evangelium schildert diesen Prozeß der Selbstfindung der Menschheit, das das Dilemma unserer individualistischen und zugleich maschinellen Epoche der Bewußtseinsseele ist.
Gabriel impulsierte die materiell orientierte Denkweise der Franzosen, die sich am Beispiel Descartes´ (1596-1650) die ganze Welt nur mechanistisch vorstellt und so keinen Begriff für die lebendigen Kräfte der Natur entwickeln kann. Die von sich wegstoßende ö-Gebärde der Sprache entspricht auch einer konsequenten Loslösung aus den ursprünglichen spirituellen und nicht mehr zeitgemäßen Zusammenhängen. Im „Je m´appelle“ kulminiert das Gefühl für das sich auf sich selbst stützende Ego.
Eine Form der Hinwendung zur Erde kleidet sich auch in der raffinierten Kochkunst der Franzosen, bei der die Liebe zur genußbereitenden, gezähmten Materie mit ihrer Kehrseite der egoistischen Tierquälerei durchleuchtet: Das französische Menü mit den mehreren Gängen stellt ohne Zweifel eine Art unantastbares Heiligtum dar, in dem aber der ganzheitliche Einweihungsweg der Begehung des salomonischen Tempels mit seinen vier aufeinander folgenden Stufen nachgeahmt wird (wie auch in der katholischen Messe und überall, wo tiefsinnige Zusammenhänge am Wirken sind, wie z.B. an der Grenze zum Tode, wie aus den Interviews mit Sterbenden von Kübler-Ross hervorgeht). Am Tisch vollzieht also der grundsätzlich durch die oben beschriebene Konstitution antireligiöse Franzose doch eine Art Gottesdienst, sich auf ganz materieller und sinnlicher Weise doch am Ende mit den Göttern vereinigend… Durch den an sich bewußtseinstrübenden Weingenuß, dank dessen der Franzose seinen Volksgeist zu sich nimmt, wird die wache Erfahrung des Göttlichen für ihn erschwert, dafür die Möglichkeit des freien Handelns auf der physischen Erde (samt Irrungen) erhöht¹². Der Franzose pflegt eine culture du goût, bei der eine stete Suche nach dem ausgewogensten Geschmack nicht nur beim Essen, sondern auch in allen Gebieten des Lebens und der Kunst waltet. Der nach vorne zugespitzte Mund des Feinschmeckers ist die Gebärde des Lautes M, bei dem die ganze Seele fein und forschend in ein fremdes Wesen eindringt und eins mit ihm werden will, wie es im sehr intimen Geschmachsvorgang geschieht: manger, les mets, l´amour… Auch P, ein sehr typischer Laut der französischen Haltung zur Welt aus der Sphäre der Jungfrau (siehe später) gehört in diesem Bereich am Ende des Sprechapparats, diesmal die Gebärde des Sich-Zurückziehens bildend.

450px-Centum_Prata_-_Exponat_Stadtmuseum_Rapperswil_-_Merkurstab_(Caduceus)_2012-11-03_15-17-03_(P7700)

Ein alt-römischer Merkurstab

HG-alchemical

Das Symbol für den Planeten Merkur

Als mondinspirierte Kultur steht die französische Art in einem besonderen Verhältnis zu den anderen europäischen Impulsen. Ein nochmaliger, kurzer Überblick über den Gang der Weltkulturepochen kann dies verdeutlichen.
Die alt-ägyptische Kultur stand im Zeichen des Hermes-Merkur, also des Götterboten, der um die Verständigung zwischen Göttern und Menschen bemüht ist. Initiierte wie der Pharao bekamen direkte Anweisungen aus der Götterwelt, wodurch der Pyramidenbau inspiriert wurde: Es entstand ohne große Vorpläne und architektonische Fehlversuche in einem Male die größte aller Pyramiden, in der Folge wurden nur kleinere Nachahmungen gebaut. So stand diese Kulturstufe noch in einer unfreilassenden Harmonie mit den göttlichen Gesetzen. Der Merkurstab ist das Zeichen dieses Gespräches zwischen Menschen und Göttern: Die zwei sich an einem geraden Stab windenden Schlangen bilden eine 8, das Bild für die Gesundheit (d.h. das Leben ohne „Sünde“, ohne Trennung vom geistigen Ursprung des Lebens). Der Alt-Ägypter atmete die göttlich inspirierte Luft ein und aus und begründete auf dieser Weise eine Kultur der Empfindung (mit der Luft als Trägerelement), die ihre verinnerlichte Wiederholung in der gefühlsblühende Zeit der italienischen Renaissance erfuhr (Die „Göttliche Komödie“ Dantes z.B. stellt eine Kosmologie des Innenlebens dar, die an die äußeren kosmischen Forschungen des alten Ägyptens anschließt). Das Zeichen für den Planeten Merkur ahmt die Form des Merkurstabes nach. Merkur-Hermes wird auch als der Erzengel Raphael, der heilende, bezeichnet.
Die darauffolgenden Kultur der Alt-Griechen brachte zur Empfindung aus Ägypten das Prinzip des klaren, logischen Verstandes dazu. Die Menschheit trennte sich allmählich von den Göttern, deren Botschaften nun indirekt durch Priester vermittelt wurden. Das delphische Orakel entließ die Menschen nach und nach in ein immer freieres Handeln. Durch die Mondkräfte des Erzengels Gabriel diesmal wuchs das Interesse der Menschen für die irdischen Angelegenheiten. Frankreich wiederholte diese Stufe der Verstandes- und Gemütskultur, indem es sich in ihrer klassischen Blüte hauptsächlich mit den alt-griechischen ästhetischen Formeln auseinandersetzte.
Es folgte dann ein neuer Impuls aus England als Bewußtseinsseelenkultur, die keine Wiederholung einer vorigen Kulturstufe darstellt, sondern das Besondere unserer Zeit ist. Jeder Mensch erhebt nun als homo oeconomicus den Anspruch darauf, sein individuelles Schicksal zu realisieren. Der Zugang zum Geistigen selbst findet nun über persönliche Erfahrungen statt. Die Herz-Sonnenkräfte des Erzengels Michael stehen hinter dieser Entwicklung. Anders als der tatkräftige Gabriel ist Michael ein Abwartender oder Er-Wartender, der die Freiheit des modernen Mensch unbedingt währen läßt. Er ermutigt die Menschen dazu, das Böse erkenntnismäßig zu durchdringen, was schon seine innere Überwindung bedeutet.
Dieser Gang durch die drei Kulturstufen des Raphaels (wörtlich „Gott heilt“), Gabriels („Kraft ist Gott“) und Michaels („Wer ist wie Gott?“) findet sich im Prolog im Himmel in Goethes Faust I wieder. Eine interessante Angabe zur eurythmischen Darstellung durch Rudolf Steiner heißt dazu: Raphael vokalisch, Gabriel konsonantisch und Michael beides ausführen:

„Raphael.
Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke,
Wenn keiner sie ergründen mag;
Die unbegreiflich hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag.

Gabriel.
Und schnell und unbegreiflich schnelle
Dreht sich umher der Erde Pracht;
Es wechselt Paradieseshelle
Mit tiefer, schauervoller Nacht;
Es schäumt das Meer in breiten Flüssen
Am tiefen Grund der Felsen auf,
Und Fels und Meer wird fortgerissen
Im ewig schnellem Sphärenlauf.

Michael.
Und Stürme brausen um die Wette,
Vom Meer aufs Land, vom Land aufs Meer,
und bilden wütend eine Kette
Der tiefsten Wirkung rings umher.
Da flammt ein blitzendes Verheeren
Dem Pfade vor des Donnerschlags;
Doch deine Boten, Herr, verehren
Das sanfte Wandeln deines Tags.

Zu drei.
Der Anblick gibt den Engeln Stärke,
Da keiner dich ergründen mag,
Und alle deine hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag.

Mephistopheles.
Da du, o Herr, dich einmal wieder nahst
Und fragst, wie alles sich bei uns befinde,
Und du mich sonst gewöhnlich gerne sahst,
So siehst du mich auch unter dem Gesinde…“

Im michaelisch geprägten, heutigen Zeitalter, das mit der Renaissance in Europa ansetzte, stehen also Italien und Frankreich auf den notwendigen Vor-Kulturstufen der merkurialen Empfindungsseele und der mondgeprägten Verstandesseele. Frankreich wiederholt also im michaelischen Zeitalter die gabrielische, gruppenhaft betonte Entwicklungsstufe und steht daher in einem gewissen Widerspruch mit den sozialen Forderungen der Zeit und der Notwendigkeit der Erkenntnis des Bösen: Der Hang zur Tradition, die Betonung des Ästhetisch-Diplomatischen, die mechanistisch geprägte Weltanschauung bilden zwar den spezifischen Charme aber fördern auch das Festhalten an überkommenen Strukturen bei der ö-geprägten Kultur.
In der französischen Sprache finden wir dementsprechend zugleich sonnen- und mondgeprägte Klänge: In oi und ui kommen die kraftvollen Sonnenstrahlen zum Ausdruck und stehen in starkem Kontrast zu den dumpferen Nasalen und den sons mouillés, wodurch die besondere französische Klangfarbigkeit entstehen kann. Die doppelte Mondwirksamkeit findet sich auch hier wieder: einerseits mit an, in, on, un, oin am Kopfpol in der unmittelbaren Nähe des Verstandesorgans des Gehirns, andererseits in der Triebsphäre der Sinnlichkeit mit den dumpf-wässerigen ail, eil, ill, euil, ouil.

 

 

(Fortsetzung folgt.)

Alain Brun-Cosme

Letzter Antrag am 11.10.2014

Anmerkungen:

1. Rudolf Steiner gab Entsprechungen von Vokalen zu Intervallen den Eurythmisten als sog. „Konkordanzen“ im Toneurythmiekurs an. Besonders musikalisch-vokalische Gedichte wie z.B. Goethes „Über allen Gipfeln ist Ruh“ lassen sich so mit musikalisch-verträumten Gebärden sehr schön darstellen.

2. Man sieht, welche verschiedene Nuancen verwandte germanische Sprachen beim Ausdruck eines selben Begriffs aufweisen:

Schwedisch: sjö (gespr. „schö“)
Englisch: sea
Deutsch: See

Wie eine Art Aufwachprozeß scheint vom schweren, dumpfen sjö über das feinere, leuchtende aber immer noch „draußen“ stehende sea bis hin zum verinnerlichten, zahm gewordenen See mit seinem seelisch gefärbten, stimmhaften s und dem e des Ausgleiches zwischen innen und außen sich vollzuziehen.

3. Die französische Verstandeskultur wiederholt die altgriechische Epoche, in dessen Zentrum z.B. das Mysterium von Eleusis bei Athen stand. Dort wurde die furchterregende Begegnung mit den Unterweltkräften in der heute noch gut sichtbare Höhle des Plutonion, im Reich des Hades bei Einzuweihenden herbeigeführt. Heute ist die ehemalige Einweihungsstätte bezeichnenderweise von unzähligen Raffinerien umgeben: Ob der Mensch bei der heute notwendigen Auseinandersetzung mit den energetischen Todesmächten aus der Unterwelt mit genügenden Erkenntniskräften gerüstet ist?

4. Man könnte sich vorstellen, daß eine Sprache der Zukunft entsprechend dem Auflösungsprozeß der leiblichen Grundlage der Individualität, der heute schon im Gange ist, sich so niederschlagen würde, daß der Mensch sich selbst benennend nicht mehr auf ein unpersönliches „sie nennen mich“ oder ein Ego-zentriertes „ich nenne mich“, sondern auf ein aus der Liebe zum anderen stammenden Ausdruck – etwa: „du nennst mich“ – zurückgreifen würde.

5. Das italienische Dorf San Giminiano steht dafür als glänzendes Beispiel: Auf einem engen Hügel drängen sich hohe Wehrtürme einer neben dem anderen. Aus den seltenen, länglichen Fenstern schossen verfeindete Familien regelmäßig aufeinander….

6. Die runde Form bei immer mehr Hochhäusern ist heute allgemein das Zeichen einer durchlässigeren Grenze zur geistigen Welt: Die Menschheit ist über die Schwelle getreten. Aber die Art der jeweiligen Rundung wiederum zeigt welche Kräfte in die Architektur wirksam werden, ob luziferischer (Torre Akbar in Barcelona) oder mehr michaelischer Art (Kunstmuseum in Milwaukee).

7. Die Suche des Ich nach „sich selbst“ bildet das Hauptmotiv des Seelenkalenders Rudolf Steiners.

8. Die Mondkräfte spiegeln sich im geheimnisvollen Silbermetall wieder, während die Marskräfte durch die Kampf- und Kriegskultur des Eisens wirken. Wo kein Eisen im Boden ist, wie z.B. bei den Kanaren-Inseln oder in Irland, kommen Prozesse des Sich-Abschliessens in Kultur und Natur kaum in Gange: Nie führte z.B. das irische Volk gegen einen Nachbarn Krieg (was auf Heinrich Böll einen großen Eindruck machte), nahm vielmehr die verschiedenen Invasorenwellen der Wikinger nach und nach in sich auf. Die Kupfergesättigte Landschaft (Kupfer ist das Metall der liebesspendenden Venus, dessen Geburtsort den Namen des Metalls gab: Zypern) fördert dort im Gegenteil Auflösungsprozesse: Träumerei, endloses Improvisieren an der Fiedel, übersinnliche Wahrnehmungen, allgemeine Freundlichkeit, Auswandern von Predigern nach dem Kontinent nach dem Untergang des römischen Reiches. Auch Schlangen können dort wegen des Eisenmangels nicht häuten, sich also nicht richtig vom Umkreis durch die Haut abschliessen und können nicht überleben: Daher wurde die Insel, laut Rudolf Steiner ein Rest aus dem untergegangenen Atlantis, als ein Rest „Paradies“ empfunden.

9. Im Gegensatz dazu das Wort des Arthur Rimbaud (1854–1891), das von der Wahrnehmung des mehr aus dem Umkreis wirkenden Ich-Prinzips zeugt: Je est un autre.

10. Im Wort „Gedanke“ liegt auch „Dank“: Die lebendigen Ideen sind ein Geschenk der geistigen Welt für die physische Welt, die durch die Verstrickung mit der toten Materie immer droht, in der Finsternis unterzugehen.

11. Daß man bei der Schwangerschaft die sonnenbestimmte, neunmonatige Zeit mehr als die mondenhafte, zehnteilige empfindet, zeugt vom Unterbewußten dieser Mondkräfte selbst, die als solche kaum in Erscheinung treten. Ein geheimnisumhüllender, silbriger Glanz begleitet sie wie meistens den äußerlichen Mond am Nachthimmel. Auch das Gehirn reflektiert selbstlos, sozusagen ohne eigene Tätigkeit das Sonnenlicht der Ideen und der Erkenntnis (ohne sie zu produzieren: Es ist ein Wahrnehmungsorgan) und die Zeugungsorgane ermöglichen auch selbstlos vermittelnd die Einglierung einer Seele in den Erbschaftsstrom der Generationen.

12. Im Rahmen des katholischen Rituals wirkte die ganz kleine Menge getrunkenen Weins wie Weihrauch im Prinzip leicht lösend, so daß der sich im Laufe der Zeit immer tiefer mit der dunklen Materie verstrickten Seele ein feines Hellsehertum zuteil wurde, wodurch die Wahrnehmung einer real-geistigen Präsenz am Altar noch möglich war. Im heutigen Zeitalter der allgemeinen Loslösung des Ätherleibes aus den menschlichen physischen Körpern, wodurch persönliche übersinnliche Fähigkeiten wieder allgemein möglich sind, verlieren der Wein (und im Grunde der Priester selbst als Vermittler…) u.U. ihre Notwendigkeit, was die Begründung eines erneuten Kultus durch Rudolf Steiner auf Anfrage protestantischer Berliner Pfarrer motovierte.